Geschichte des Kantons Bern seit 1798: Band IV

Im Strom der Modernisierung: Bevölkerung, Wirtschaft und Umwelt 1700-1914

Christian Pfister


Geleitwort
Vorwort des Verfassers

Geleitwort

Als vor zwanzig Jahren der Historische Verein des Kantons Bern die erste Gesamtdarstellung der neueren Geschichte Berns veranlasste, standen die verfassungsmässige und die politische Entwicklung des bernischen Staatswesens seit 1798 als inhaltliche Schwerpunkte im Vordergrund. Soweit zu deren Verständnis notwendig, waren Aspekte des wirtschaftlichen und sozialen Lebens miteinzubeziehen.

Seither haben sich die Interessen der historischen Forschung stark auf demographische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Prozesse ausgedehnt. Auch für den Kanton Bern entstanden dazu allgemein-, regional- und lokalgeschichtliche Arbeiten. Namentlich das Historische Institut der Universität Bern führte seit längerer Zeit Untersuchungen durch, die die Kenntnisse über die bernische Geschichte massgeblich erweitert, in einen überregionalen Zusammenhang eingebunden und teilweise auch in ein völlig neues Licht gerückt haben. Daraus ergab sich das Bedürfnis nach einer vorläufigen Synthese.

In dieser Situation beschloss der Vorstand des Historischen Vereins, die Darstellung der Bevölkerungs-, Wirtschafts- und Umweltgeschichte des Kantons Bern durch Prof. Dr. Christian Pfister, den Leiter der Forschungsstelle für Regional- und Umweltgeschichte, der «Geschichte des Kantons Bern seit 1798» von Beat Junker als vierten Band anzugliedern und die neuen Forschungsansätze einem weiteren Publikum zugänglich zu machen. Die ursprünglich auf drei Bände angelegte Kantonsgeschichte erweitert sich so zu einer politisch-ereignisgeschichtlich wie quantitativ-strukturgeschichtlich abgerundeten Standortbestimmung Berns am Ende des 20. Jahrhunderts.

Wohl werden den Leserinnen und Lesern gewisse Überschneidungen nicht entgehen; sie sind Zeichen des fortlaufenden Wandels historischen Sehens und Begreifens und wurden von der Redaktion nicht geglättet. Die Verantwortung für die Texte liegt allein bei den Autoren.

Aus methodischen und inhaltlichen Gründen geht dieser Band hinter die vorwiegend politisch motivierte Epochengrenze von 1798 zurück; andererseits wird die Analyse, dem aktuellen Forschungsstand entsprechend, nur bis zum Ersten Weltkrieg geführt. Der epochale Wandel Berns von der Industriegesellschaft zur Konsumgesellschaft bleibt einer späteren Bearbeitung vorbehalten.

Historischer Verein des Kantons Bern

Arbeitsgruppe Kantonsgeschichte

K.F. Wälchli J. Segesser
H.-R. Egli R. Cornioley
C.M. Merki E. Erne

Vorwort des Verfassers

In diesem Buch fasse ich die seit einem guten Jahrzehnt am Historischen Institut der Universität Bern laufenden Untersuchungen zur Bevölkerungs-, Wirtschafts- und Umweltgeschichte des Kantons Bern zusammen. Facetten dieser Thematik sind bereits in Aufsätzen erschienen. Wesentliche Ergebnisse stammen aus unpublizierten Lizentiatsarbeiten und Dissertationen. Das Angebot des Historischen Vereins
des Kantons Bern, die aus diesem Überblick hervorgehende Synthese als vierten Band der «Geschichte des Kantons Bern seit 1798» zu veröffentlichen, war Herausforderung und Bürde zugleich. Einerseits bot es die Möglichkeit, den Modernisierungsprozess aus verschiedenen Gesichtswinkeln - dem demographischen, dem ökonomischen, dem sozialen und dem ökologischen - zu beleuchten. Andererseits kostete die Bewältigung dieses umfangreichen Materials mehr Zeit und Energie als ursprünglich angenommen. Unter Termindruck mussten schliesslich am Konzept erhebliche Abstriche vorgenommen werden. Wenn Leserinnen und Leser neuere Ansätze wie die Geschlechter- und die Alltagsgeschichte vermissen und Lücken monieren, so ist darauf hinzuweisen, dass das Werk von einem einzelnen verfasst worden ist, während andere laufende oder kürzlich abgeschlossene Kantonsgeschichten in Teamarbeit entstanden und grosszügig unterstützt worden sind.

Inhaltlich umfasst das Buch einen Zeitabschnitt, der teilweise durch die «Geschichte Berns» von Richard Feller, teilweise durch die «Geschichte des Kantons Bern seit 1798» von Beat Junker abgedeckt ist, freilich mit einer anderen Akzentsetzung. Während bei diesen Autoren die Ereignisgeschichte und die Individualgeschichte im Vordergrund stehen, sind es in diesem Buch die «unpersönlichen» Strukturen, die Veränderungen der mittleren und langen Dauer, so dass sich Doppelspurigkeiten kaum ergeben. In der historiografischen Entwicklung der letzten Jahre zeigt sich unverkennbar die Tendenz, die Strukturgeschichte mit dem Biografischen und den Ereignissen zu verknüpfen. In diesem Sinne lässt sich durch die Lektüre aller drei Werke eine Gesamtschau der Geschichte des Kantons Bern gewinnen.

Der Werdegang dieses Buches ist aufs engste mit dem Projekt BERNHIST verknüpft. Die gleichnamige Datenbank ist aus bescheidenen Anfängen heraus gewachsen und ohne ein anfängliches Gesamtkonzept - entsprechend den jeweils verfügbaren Mitteln und neuen Errungenschaften der Softwareentwicklung - Schritt für Schritt auf- und ausgebaut worden. Am Anfang stand 1984 ein Pilotprojekt der Erziehungsdirektion zur Erfassung von Taufen und Sterbefällen in den Kirchenbüchern. 1986 bis 1989 wurde das ökonomische Umfeld der Bevölkerungsentwicklung mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds untersucht, was entsprechend den damals verfügbaren technischen Möglichkeiten zum Aufbau einer Vielzahl von Dateien führte. Je stärker dieser Datenbestand wuchs, desto schwieriger wurde es, die Übersicht zu behalten. Mit der Zeit kannte sich bloss noch ein einziges Mitglied der Forschungsgruppe in dem fast undurchdringlichen Dateiendschungel aus.

Den Anstoss zur Reorganisation der Bestände zu einer relationalen Datenbank vermittelte das Jubiläumsjahr 1991. Eine Teilversion der neuen Datenbank auf PC wurde an der Ausstellung BEA im Rahmen der Sonderschau Ernährung vorgeführt. Lustbetont ging das Messepublikum an die historisch-statistische Information heran, sei es, um Eckdaten der eigenen Wohngemeinde abzurufen, sei es, um eigene Erfahrungen wieder aufleben zu lassen oder die Möglichkeiten der Software spielerisch zu erproben. 1992 wurde vom SEVA-Lotteriefonds und von der Jubiläumsstiftung der Schweizerischen Mobiliar Versicherungsgesellschaft ein Folgeprojekt unterstützt, das den Umbau der gesamten Bestände zu einer relationalen Datenbank auf dem Grosssystem der universitären Informatikdienste vorsah. Seit Ende 1994 kann BERNHIST auf dem Telekommunikationssystem Internet weltweit abgerufen werden. Das vorliegende Werk vermittelt den quellenkritischen Kontext zum Material, Hilfestellung zur Interpretation und Hinweise auf weiterführende Literatur.

Unter dem Kanton Bern wird das Territorium in den Grenzen von 1980 (d.h. ohne den heutigen Kanton Jura, aber mit Einschluss des Laufentals) verstanden. Dies wird nicht überall Zustimmung finden. Aber vor dem Hintergrund des engen und immer nur kurzfristig gesicherten finanziellen Rahmens des BERNHIST-Projekts galt es, den Zaun nicht zu weit zu stecken. Dazu kam das Bestreben, das politische Klima zwischen dem Kanton Bern und dem Kanton Jura nicht durch historiografische Übergriffe auf den alten Kantonsteil zu belasten. Zur Klarstellung wird dieser als «Berner Jura» und der heutige Kantonsteil als «Südjura» bezeichnet; unter dem «Jura» wird der geographische Begriff verstanden.

Die Vielfalt der regionalen Entwicklungsmuster macht den Reiz der Berner Geschichte aus, erschwert aber verallgemeinernde Aussagen. In der Regel werden die Prozesse auf der Ebene des Gesamtkantons oder der Landesteile diskutiert. Die entsprechenden Eckdaten der Amtsbezirke oder der Gemeinden lassen sich aus der Datenbank BERNHIST abfragen.

Das Buch ist dem Geist der Öffnung verpflichtet. Die Geschehnisse im Kanton Bern werden nicht nur um ihrer selbst willen dargestellt, sondern auch in ein nationales und internationales Umfeld eingebettet, sei es durch Eingehen auf entsprechende Forschungsdiskussionen, sei es durch Vergleich der bernischen Verhältnisse mit jenen in anderen Kantonen oder im benachbarten Ausland. Wo keine eindeutigen Aussagen möglich sind, werden wissenschaftliche Streitfragen in der nötigen Kürze erörtert, um auf die Diskussionsbedürftigkeit der Ergebnisse hinzuweisen.

Ein Wort zur Sprache: Wenn in dieser Untersuchung Begriffe wie «Bauern», «Tagelöhner» oder «Emigranten» verwendet werden, dann sind damit in aller Regel Menschen beiderlei Geschlechts gemeint. Aus Gründen der Verständlichkeit und des möglichst flüssigen und rhythmischen Lesens ist der Text vorwiegend in männlicher Form gehalten. Wo es darauf ankommt, die Aussagen geschlechtsspezifisch zu differenzieren, wird von Bauern und Bäuerinnen, Tagelöhnerinnen und Tagelöhnern etc. gesprochen.

Das ohne amtlichen Auftrag entstandene Werk konnte zu einem guten Ende gebracht werden, weil mich ein persönlicher Beitrag des Schweizerischen Nationalfonds für längere Zeit teilweise von der Lehre entlastete. Das Bundesamt für Statistik hat dem Projekt BERNHIST wiederholt in grosszügiger Weise Daten zur Verfügung gestellt; das Geographische Institut der Universität Zürich hat uns Grenzliniendateien und ältere demographische Daten in maschinenlesbarer Form überlassen. Viel Zeit und Kopieraufwand konnte durch die flexible Haltung der Stadt- und Universitätsbibliothek eingespart werden; das Personal hat Hunderte von Büchern vermittelt und von daher einen wesentlichen Beitrag geleistet. Unschätzbar war die Hilfsbereitschaft der Mitarbeiter der Informatikdienste der Universität Bern, die uns immer wieder beistanden, wenn es Hard- und Softwareprobleme zu lösen galt.

Für Kritik, Anregungen und Hinweise auf ergänzende Literatur bin ich meinen Kolleginnen und Kollegen Beatrix Mesmer, Martin Körner, Ulrich Pfister und Anne Radeff zu grossem Dank verpflichtet. Karl F. Wälchli und Peter Martig haben den Band von seiten des Staatsarchivs des Kantons Bern betreut. Meine Schüler Daniel Marek, Martin Stuber, Christophe Koller und Christian Lüthi haben Wesentliches zu einzelnen Kapiteln beigetragen. Peter Bär hat das Register erstellt, Daniel Brändli hat die Graphiken und das Manuskript mit der nötigen Umsicht aufbereitet, Andreas Brodbeck vom Geographischen Institut hat die Karten reingezeichnet. Peter Martig und Peter Hurni vom Staatsarchiv des Kantons Bern sowie Franz Bächtiger vom Bernischen Historischen Museum haben mich auf Quellenbestände und Bilder aufmerksam gemacht.

Emil Erne, der Redaktor des Historischen Vereins, und Daniel Di Falco haben das Manuskript mit der nötigen Gründlichkeit und Sorgfalt durchgelesen.

Jegenstorf/Bern, 9. September 1995 Christian Pfister



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