Geschichte des Kantons Bern seit 1798: Band IV
Christian Pfister
5.1 Die Anlaufperiode bis 1850
5.2 Die Periode der "fossilen Energieträger" ab 1850
5.3 Zusammenfassung und Fazit
Unter Protoindustrialisierung oder «Industrialisierung vor der Industrialisierung» wird die Herausbildung einer (im Unterschied zum Handwerk) auf überregionale oder internationale Märkte ausgerichteten gewerblichen Produktion verstanden. Üblicherweise beschränkt sich das Konzept auf Organisation und Trägerschaft der ländlichen Heimindustrien, welche den Löwenanteil der protoindustriellen Waren herstellten, während die Produktion in städtischen Manufakturen vernachlässigt wird. Auf dieses Gewerbe als ganzes, in seiner städtischen und ländlichen Organisationsform, wurde vom späten 17. Jahrhundert an mit dem Begriff der «Fabriques» oder «Fabricken» Bezug genommen. Etwa seit 1780 wurde der Begriff im heutigen Sinne auf einen in einem Gebäudekomplex untergebrachten Produktionsbetrieb eingeengt. Ulrich Pfister, der den Stand der Protoindustrialisierungs-Forschung in seinem Standardwerk zusammengefasst hat, betrachtet das Fehlen von produktivitätssteigernden Innovationen als kennzeichnendes Kriterium der «Fabriques»(1). Kennzeichnend für industrielle Betriebe ist dagegen der Einsatz produktivitätssteigernder Maschinen in Arbeitsstätten mit einer bestimmten Mindestzahl von Beschäftigten(2). Weitere Kriterien, die oft als Kennzeichen der Industrialisierung genannt werden, sind - für sich allein betrachtet - schon in vorindustriellen Betrieben nachzuweisen: Nichtorganische Energiequellen wie die Wasserkraft wurden seit dem Mittelalter für gewerbliche Zwecke genutzt, und Arbeiterinnen und Arbeiter wurden schon früh räumlich in Manufakturen konzentriert.
Es fällt schwer, einen Überblick über die Geschichte der Berner «Fabriques» zu gewinnen(3). Einige Zweige wie das Leinengewerbe, die Baumwollindustrie und die Indiennedruckerei sind durch ältere gewerbegeschichtliche Dissertationen aufgearbeitet(4). Hinweise auf das Wollgewerbe, die Strumpfweberei am Wirkstuhl und das Seidengewerbe haben teilweise im Werk Walter Bodmers Eingang gefunden(5). Für die frühe Uhrenindustrie ist das Werk von Marcel Fallet weiterhin unverzichtbar(6), den besten Abriss bis zur Gegenwart liefert Karrer-Rüedi(7).
Bern verfügte einerseits über ausgezeichnete politisch-strukturelle Voraussetzungen für die Entfaltung protoindustrieller Tätigkeit: Die Obrigkeit begünstigte die Einführung neuer Gewerbe im gesamten Territorium der Republik, einmal zur Bekämpfung der saisonalen Arbeitslosigkeit, vom späten 17. Jahrhundert an in zunehmendem Masse mit Blick auf eine Verbesserung der Handelsbilanz(8). Die grosse Manufakturordnung von 1719 stellte es den Unternehmern völlig frei, ihre Arbeit zu Stadt oder Land zu vergeben(9). Andererseits hatte eine Elite von patrizischen Gutsbesitzern das Sagen, die sich an der französischen Adelsgesellschaft orientierte und neben ihren Einnahmen aus dem Soldunternehmertum in zunehmendem Masse von den Erträgen ihrer Landgüter lebte(10). Im Unterschied zu Zürich, wo die Kaufleute-Unternehmer ihre im protoindustriellen Textilgewerbe angehäuften Vermögen früh in politische Macht umsetzten(11), vermochte sich in Bern ein autochthones städtisches Unternehmertum gesellschaftlich und politisch gegen diese Kaste nicht durchzusetzen. Wohl gehörte der Aufbau von Woll- und Seidenmanufakturen zu den wichtigsten Zielsetzungen des 1687 gebildeten Kommerzienrates; galt es doch, die kostspieligen Importe zu reduzieren. Doch verliefen die wirtschaftspolitischen Bemühungen des Rates teilweise im Sande.
Unter den kurzfristig aufgenommenen hugenottischen Flüchtlingen liessen sich keine Unternehmer längerfristig zum Aufbau von Seiden- und Wollmanufakturen verpflichten. Die Gründe für das teilweise Scheitern der merkantilistischen Wirtschaftspolitik wurden in der bisherigen Literatur mehrfach abgehandelt: Immer wieder verweist diese auf die restriktive Niederlassungspraxis, auf fehlende Rohmaterialien, konjunkturelle Schwierigkeiten, auf die Folgen eines falsch verstandenen Protektionismus, der den Import von Zwischenprodukten unterband, auf strukturelle Probleme wie das Fehlen geeigneter Produktionsstätten oder einen Mangel an innovativer Kraft seitens der bernischen Bevölkerung, aber auch auf deren Furcht vor ausländischer Konkurrenz(12). Ein weiteres Argument hat Hans Conrad Peyer in die Debatte eingebracht: Die grobe Qualität der Wolle und des bäuerlichen Grautuches, die vom Spätmittelalter bis ins 19. Jahrhundert hinein immer wieder beanstandet wird, scheint nicht allein mit mangelhafter Pflege und Zucht der Schafe, sondern auch mit den besonderen pedologischen(13) und klimatischen Gegebenheiten der Schweiz zusammenzuhängen. Moderne Versuche mit der Einführung bester englischer Rassen in schweizerischen Voralpen- und Alpengegenden haben ergeben, dass dort rasch eine Verdickung der Haare, eine allgemeine Vergröberung der Wolle und ein Rückgang der Kräuselung eintritt. In der Schweiz konnten nur jene Wollgewerbe eine über die allerengste Umgebung hinausreichende Bedeutung erlangen, die für ihre Produkte ausländische Wolle verwendeten und ausländische Tuchmuster zum Vorbild nahmen(14). Die zur Zeit der Helvetik im heutigen Kanton, vorwiegend in den Ämtern Aarwangen, Trachselwald und Signau, nachgewiesenen 1430 Weber stellten vorwiegend Grautuche für den regionalen Bedarf her(15). Grobes Landtuch aus der Wolle einheimischer Schafe wurde von 1779 an auch in Frutigen verfertigt(16).
Mit der Strumpfweberei auf Wirkstühlen führte der Hugenotte Jean Roux, ein erfolgreicher, rücksichtsloser Geschäftsmann aus Montpellier, eine neue Technologie in der Stadt Bern ein. Da Roux das ersehnte Recht der dauernden Niederlassung als ewiger Habitant verweigert wurde, kehrte er Bern den Rücken und verlegte seinen Betrieb nach Murten(17). Dennoch konnte sich die neue Industrie in der Hauptstadt halten: Für 1705 ist eine beachtliche Jahresproduktion von 51 600 Paar gewobenen Strümpfen nachgewiesen. 1768 waren in Bern und Umgebung mehr als 500 Wirkstühle in Betrieb(18), vorwiegend in städtischen Manufakturbetrieben, und in der Helvetik trugen sich 358 Männer, die meisten von ihnen in der Stadt, als «Strumpfweber» in die Bürgerregister ein(19). Eine gewisse Bedeutung erlangte die Handstrickerei von Handschuhen, Kappen und Strümpfen. Im Emmental und im Oberaargau war die Zahl der Handstricker und Wirker bedeutend. Die fabrizierten Waren wurden von Kaufleuten und Verlegern nach Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Ost- und Westindien und Lateinamerika exportiert(20).
Die Seidenweberei in der Stadt Bern wurde als Manufaktur betrieben und bot 1785 90 Arbeitsplätze(21); sie blieb trotz aller Förderung durch die Obrigkeit bescheiden(22). Unternehmer der Strumpfwirkerei, vor allem das Haus J. H. Nägeli & Co., trugen in der zweiten Jahrhunderthälfte die Seidenkämmlerei und die Schappespinnerei(23) ins Amt Thun (Oberdiessbach, Kurzenberg), nach Frutigen und ins Amt Schwarzenburg(24).
Bei den zu Beginn des 18. Jahrhunderts von alteingesessenen Berner Familien in der Stadt und ihrer näheren Umgebung gegründeten Indiennefabriken, die Baumwolltücher mit modischen Mustern bedruckten(25), handelte es sich durchwegs um Manufakturen. Zu Beginn wurden die Rohtücher mehrheitlich aus dem benachbarten Ausland sowie von Luzern und St. Gallen bezogen. Um 1735 konnten die von der aufstrebenden aargauischen Baumwollindustrie produzierten Tücher kaum noch aufgenommen werden, in den 1770er und 1780er Jahren wurden nur noch die Hälfte der dort hergestellten Tücher im Kanton Bern bedruckt. Das älteste und bedeutendste städtische Unternehmen, das sich später am Sulgenbach etablierte, wurde 1706 vom Färber Küpfer, einem Burger von Bern, gegründet. Sein Sohn Friedrich, der 1749 an der Henzi-Verschwörung teilnahm, wurde des Landes verwiesen und gründete 1753 in Lörrach eine Indiennedruckerei, die zu einer der berühmtesten in Mitteleuropa werden sollte. Das Berner Unternehmen wurde im folgenden schlecht und recht von Direktoren weitergeführt und endete 1776 im Konkurs. Gegen Ende des Jahrhunderts gingen die übrigen städtischen Indienne-«Fabriquen» ein: Die Leiter verschliefen den Technologiewandel, ein 1785 von Frankreich erlassenes Einfuhrverbot für Baumwollartikel beschnitt die Exportchancen, einheimische Fabrikanten wanderten ins Ausland ab, und die Facharbeiter wurden dorthin abgeworben(26).
Welch ausschlaggebende Bedeutung einem talentierten Unternehmertum zukam, zeigt sich am Beispiel der 1747 gegründeten Indiennedruckerei in Biel. Sie wurde 1784 vom Neuenburger Henri François Verdan übernommen; 1795 trat sein Schwiegersohn Jean-Rodolphe Neuhaus ins Geschäft ein. Während der Kontinentalsperre vergrösserten sich die Absatzmöglichkeiten für das Bieler Tuch. Verdan eröffnete in Biel und Delsberg eigene Spinnerei- und Weberei-Manufakturen und vergab Heimarbeit. Biel war damit zu einer Industriestadt geworden, in der ein einziger Betrieb eine dominierende Stellung innehatte. Um 1808 standen an die tausend Arbeitskräfte auf den Lohnlisten der Firma, darunter viele Frauen, die meist als «Pinslerinnen» tätig waren. 1809 entschloss sich die Firmenleitung, die Bieler Indiennedruckerei teilweise von Handdruck auf Maschinendruck umzustellen, was einen beträchtlichen Einsatz an Eigenkapital erforderte. Diese Innovationsbereitschaft trug wesentlich dazu bei, dass Biel früh Anschluss an die Dynamik des industriellen Zeitalters fand(27). In ähnlicher Weise wurde eine 1780 in den Räumlichkeiten einer alten Bleiche und Walke gegründete Indiennedruckerei in Kirchberg zum Kristallisationskern einer industriellen Entwicklung, die sich bis zur Gegenwart verfolgen lässt(28).
Im unteren Worblental wurde das Wasser der Worble schon früh zum Betrieb einer Hammerschmiede und der obrigkeitlichen Pulvermühle genutzt; zu Beginn des 18. Jahrhunderts entstand mit obrigkeitlicher Hilfe eine kurzlebige Gewehrfabrik; 1740 wurde im Gebäude eine Indiennedruckerei eingerichtet. Diese wich 1823 einer Seidenspinnerei und 1843 der Feuerspritzenfabrik Ferdinand Schenk. 1850 errichtete die Familie Gruner ausserdem eine Papierfabrik(29).
Langenthal löste gegen die Mitte des 18. Jahrhunderts die Nordostschweiz, die allmählich zur Baumwollindustrie überging(31), als Zentrum der Leinwandherstellung ab. Das Einzugsgebiet des bernischen Leinengewerbes umfasste den Oberaargau und das Emmental und reichte nach Westen bis ins Worblental (Stettlen, Vechigen, Bolligen)(32). Aufgrund ihrer hohen Qualität errang die bernische Leinwand einen bedeutenden Anteil an ausländischen Märkten. Die Gespinstpflanzen Hanf und Flachs, die als Rohstoffe dienten, wurden zwar von den Garnproduzenten selbst gezogen; doch reichte dies nur für den Hausgebrauch(33). Um 1760 wurden jährlich Tausende von Zentnern rohen Flachses aus dem Elsass und Brabant eingeführt, von Hächlern gerüstet und an Garnhändler verkauft(34). Die Produktion scheint nicht durchgängig nach einem bestimmten System organisiert gewesen zu sein. Pfarrer David Ris schildert in seiner topografischen Beschreibung des Emmentals, das Gesponnene werde an Tuchfabrikanten-Händler verkauft, die es durch Weber zu Tüchern weiterverarbeiten liessen(35). Dies deutet darauf hin, dass die Spinnerinnen den gerüsteten Flachs von Garnhändlern erwarben und diesen das Garn verkauften. Die Garnhändler liessen dieses in Lohnarbeit durch Weber weiter verarbeiten. Diese trugen die fertigen Tücher dann auf den Markt zu Langenthal, wo Kaufleute die rohe Ware bleichen und appretieren, teilweise auch färben liessen und den Export besorgten. Die Leinwandherstellung behielt den Charakter einer häuslichen Zusatzbeschäftigung und damit einen hohen Grad an Flexibilität. Spinnräder und Webstühle verlangten kaum Investitionen. Die weiblichen Mitglieder der Haushalte verspannen die Fasern während der Arbeitsflauten «am Abend bei Licht» zu Garn, oder es wurden dafür Spinnerinnen, meist ältere Frauen aus der Unterschicht mit reduzierter Arbeitskraft, auf die Stör gedungen. «Es gab die Leinenherstellung aus dem selbst angebauten Flachs für den Hausgebrauch, die sich ohne grosse Mühe erweitern liess, [ ] ferner den Kleinbauernhaushalt, der sein karges Einkommen mit Weben und Spinnen ergänzen musste, dann den Weber, der nebenbei etwas Land bebaute und zwei Ziegen hielt, und schliesslich den vollberuflichen Weber, der als Inwohner in einem anderen Haushalt oder in einem Webkeller seiner Beschäftigung nachging»(36). Eine Mischform von Manufaktur und Verlagssystem zeigt das Beispiel der kurzlebigen Baumwoll- und Leinenmanufaktur des Weibels Niklaus Jost in Langnau: «In Josts Betrieb arbeiteten 1796 31 Personen unter einem Meister und seiner Frau, nämlich vier Spulerinnen und ein Spuler, zwölf Weber und vier Weberinnen sowie zwei männliche und acht weibliche Lehrlinge, letztere Lehrlin-ginnen genannt». Ausserhalb der Manufaktur standen weitere 74 Personen auf Josts Lohnliste, die in Heimarbeit tätig waren(37).
Benedikt Bietenhard hat ausgerechnet, dass das Leinwandgewerbe um die Jahrhundertmitte etwa 13% der Langnauer Bevölkerung ganz oder teilweise beschäftigte(38). 1791 zählte man landesweit 14 000 Spinnerinnen(39) und 1500 Weber, und das Leinwandgewerbe stellte bei einem Reingewinn von 120 000 Kronen einen der wichtigsten Aktivposten in der bernischen Handelsbilanz dar(40). Bezeichnenderweise lag die Bevölkerungsdichte in den protoindustriell durchsetzten Amtsbezirken Aarwangen und Trachselwald um einen Drittel höher als in anderen ländlichen Gegenden, die Weinbaugebiete ausgenommen.
In manchen Ämtern hatten die Leinenwebermeister im späten 17. Jahrhundert ländliche Zünfte gegründet, die die üblichen Zielsetzungen - Qualitätskontrolle, Ausbildungsvorschriften, Konkurrenzbeschränkung - verfochten. Als aber die bäuerliche Hausweberei und die städtischen und ländlichen Verlage an Zahl zunahmen, liess die Obrigkeit die Zünfte fallen. Aus Anlass häufiger Zwistigkeiten zwischen Leinwandhändlern und Webern schrieb der Kommerzienrat 1758 Mess- und Qualitätsstandards vor: Die Breite der Leinwand wurde normiert, die Länge war mit einem geeichten Messstab («Musterell») zu messen. Eigens bestellte Tuchschauer und -messer hatten die Tuche auf Kosten der Hersteller abzumessen. Dazu wurden Weber rekrutiert, denen die weitere Ausübung ihres Berufes untersagt wurde. Sie hatten über ihre Tätigkeit Buch zu führen und jährlich dem Kommerzienrat Rechnung abzulegen. Dadurch sind wir über die Zahl der gemessenen Tücher unterrichtet. In Huttwil, Rohrbach, Langnau und Eriswil wurde 1758 je ein Tuchmesser eingesetzt, in Langenthal deren zwei. Zu Beginn der 1790er Jahre wurden auch in Dürrenroth, Sumiswald, Gondiswil, Melchnau, Rüderswil, Madiswil und Burgdorf welche eingesetzt, was auf die Ausbreitung des Gewerbes schliessen lässt(41). Neben Tüchern wurden in den Ämtern Aarwangen und Wangen leinene Strümpfe und Mützen gestrickt(42) sowie Leinenbänder gewoben, und es ist nicht ausgeschlossen, dass die Weber später teilweise für Basler Seidenband-Unternehmer tätig waren(43).
Das Berner Kornland diente als transportgünstiger agrarischer Ergänzungsraum für die Protoindustriegebiete im Oberaargau und im Südjura, die von den Kornkammern Schwabens auf dem Wasserwege nur stromaufwärts mit grossem Aufwand erreichbar waren. Für das Emmental hat Walter Frey am Beispiel der Herrschaft Diessbach festgestellt, dass der Getreidehandel auf einen vertikalen Ausgleich hinwirkte, indem die ärmeren Bewohner der Feldgraszone die unzureichende agrarische Ernährungsbasis durch protoindustriellen Verdienst ergänzten und damit Getreide aus den angrenzenden Gebieten des Kornlandes zukauften(44). Im Unterschied zu Basel, Zürich und der Ostschweiz verfügte Bern somit über einen agrarischen Ergänzungsraum innerhalb des eigenen Territoriums, der zur Versorgung der heimischen Protoindustriegebiete ausreichte.
Nach den 1780er Jahren begann der Niedergang des Emmentaler Leinwandgewerbes (vgl. Fig. 5.1.). Das 1781 von Frankreich verfügte Embargo für Leinen darf dabei nicht überbewertet werden. Schwerer wog die Tatsache, dass das Umsteigen auf die zukunftsträchtigere Baumwollverarbeitung in Anbetracht des starken Konkurrenzdrucks von etablierten Produktionszentren scheiterte(45) und dass auch in der Herstellung des Leinengarns der entscheidende Übergang zur Maschinenspinnerei nur punktuell vorgenommen wurde. Während in der Nordostschweiz Kleinbetriebe schon während der Mediationszeit (1803-1814) mit einfachen Spinnmaschinen experimentierten und sich nach 1816 rasch grössere Spinnereiunternehmungen an den meisten mittelgrossen Wasserläufen etablierten, entstanden im Kanton Bern nur gerade eine einzige mechanische Baumwollspinnerei in Biel und eine mechanische Flachsspinnerei in Burgdorf(46). Der Gründer des Bieler Unternehmens, Jean-Rodolphe Neuhaus, Associé und Geschäftsführer der Indiennefabrik Verdan & Cie., plante mit Unterstützung reicher Patrizier und der Regierung von Anfang an einen modernen Grossbetrieb und schaffte neue Maschinen an, um der scharfen englischen Konkurrenz begegnen zu können. 1830 wurde der Spinnerei eine mechanische Weberei angegliedert. Es war der erste solche Betrieb in der Schweiz. Die Baumwolltücher wurden etwa zur Hälfte der Indiennedruckerei Verdan verkauft, die übrigen nach Italien und Süddeutschland exportiert. 1842 wurde der Betrieb eingestellt, weil sich die Inhaber nicht zu den nötigen Neuinvestitionen entschliessen konnten(47). Die Arbeitslosigkeit im Leinengewerbe traf zunächst die Heimspinnerinnen. Trotz einer durch Anbauprämien geförderten bescheidenen Blüte der einheimischen Flachskultur wurde neben Flachs(48) mehr und mehr englisches Maschinengarn importiert(49). 1837 schreibt der Regierungsstatthalter des Amtsbezirks Signau: «Die Fortschritte der Mechanik im Spinnen der Leinenstoffe drohen vielen armen Leuten, die bis dahin vom Verdienst der Handspinnerey noch kümmerlich leben konnten, auch noch diesen geringen Verdienst vollends zu entreißen»(50). Während die Handspinnerei ganz aufgegeben werden musste, vermochte sich die Handweberei dank Anstrengungen des Staates und gemeinnütziger Vereine neben der mechanischen Leinenweberei zu behaupten. Dies gilt auch für die von Basel aus organisierte Seidenbandweberei im Laufental(51).
Zum industriellen Leitsektor des Kantons entwickelte sich die
Uhrenindustrie. Im Verlaufe des 18. Jahrhunderts wurde die Uhr
als Folge eines veränderten, rechenhaften Zeitbewusstseins
von einem Luxusartikel zu einem Gebrauchsgegenstand. Die ursprünglich
in Genf konzentrierte, zünftisch organisierte Produktion
konnte die Nachfrage nach günstigen Uhren nicht befriedigen,
weil man in der Rhonestadt an den geltenden hohen Qualitätsstandards
festhielt. Dies gelang erst in der zweiten Jahrhunderthälfte
durch die Einführung der heimindustriellen Uhrenproduktion
nach dem Verlagssystem im Neuenburger Jura (Le Locle, La Chaux-de-Fonds).
Von dort aus liessen sich Uhrmacher - Männer und Frauen -
in den Dörfern um St-Imier nieder(52). Sie spezialisierten
sich auf die Herstellung von einzelnen Bestandteilen
wie Schalen, Zifferblättern, Zahnrädern, Federn, Zeigern
etc., die anschliessend in speziellen Werkstätten, den sogenannten
«Ateliers d'établissage», zusammengesetzt wurden(53).
Die meisten von diesen befanden sich im Kanton Neuenburg. Die
Koordination wurde von neuenburgischen Verlegern übernommen,
welche die Teile zu einem Stückpreis bezahlten und die fertigen
Uhren vermarkteten. Die Heimarbeiter übten ihren Beruf in
enger Verbindung mit landwirtschaftlicher Tätigkeit aus und
konnten sich dadurch besser gegen existenzbedrohende Preis- und
Konjunkturschwankungen abpuffern. In der Volkszählung von
1770 registrierte man im Amtsbezirk Courtelary nicht weniger als
414 Uhren-Heimarbeiterinnen, 22% der aktiven Bevölkerung(54).
1820 waren bereits um die 1200 Personen beschäftigt(55).
Mit der Regeneration trat die Uhren-Heimindustrie in ihr goldenes Zeitalter ein. Nach der fehlgeschlagenen Neuenburger Revolution von 1831 flüchteten liberale Unternehmer vor der anschliessenden harten Repression(56) ins Vallon de St-Imier und legten dort den Grundstein zu einem bernischen «Silicon Valley». Sie gründeten neue, grosse «Ateliers d'établissage» zur Massenproduktion von preisgünstigen Uhren auf heimindustrieller Basis. Die meisten dieser «Fabriques» entstanden in St-Imier, was dem Flecken einen demographischen Boom bescherte. 1837 wurde eine Viertelmillion Uhren im Werte von 5,5 Millionen Franken hergestellt. Zwischen 1848 und 1866 wurden im ganzen Tal neue Betriebe gegründet(57). Biel nutzte die Gunst der Stunde: An Stelle der 1842 eingegangenen Indiennedruckerei versuchte der Rat mit der Uhrmacherei eine zukunftsträchtige Exportindustrie anzusiedeln. Kristallisationskern war das Atelier des aus Deutschland stammenden Wanduhr-Fabrikanten Ernst Schüler. Die Einwohnergemeindeversammlung stellte sich hinter den Rat. Sie beschloss, allen bis zum 1. Januar 1849 zuziehenden Uhrmachern die Niederlassungsgebühr, das Einsassengeld, während der ersten drei Jahre zu erlassen. Das Experiment war erfolgreich: Über 1700 meist französischsprachige Uhrmacher liessen sich zwischen 1844 und 1859 in Biel nieder; das Städtchen verdoppelte seine Einwohnerzahl auf 6000 Einwohner und wurde zur zweisprachigen Stadt(58). Das Uhrmachergewerbe beschäftigte in den 1840er Jahren 6000 Personen und war damit zum weitaus bedeutendsten Industriezweig des Kantons geworden(59).
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Protoindustrien wie die Strumpfwirkerei und das Leinwandgewerbe trotz des geringen unternehmerischen Engagements der patrizischen Führungsschicht im Verlaufe des 18. Jahrhunderts zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor wurden und in erheblichem Masse zur Ausfuhr beisteuerten. Beim Übergang zur Industrialisierung fehlte es jedoch an einer innovativen Schicht von Kaufleuten und Unternehmern, um den Wirtschaftsstil rechtzeitig an das veränderte wirtschaftliche Umfeld anzupassen. Dies gelang einzig im Falle der Uhrenindustrie, wo die Kader bezeichnenderweise aus Neuenburg einwanderten.
Während Protoindustrien und Industrien regionale Schwerpunkte
aufwiesen, waren Handwerk und Gewerbe, wenn auch in unterschiedlicher
Dichte, in allen Landesteilen angesiedelt. In der Stadt hatte
sich keine starke Handwerkerschaft und Kaufmannsschicht entwickelt,
und das städtische Gewerbe war dementsprechend eher rückständig.
Obwohl die offizielle Doktrin von einer Arbeitsteilung zwischen
Stadt und Land ausging, wurden kaum Anstrengungen unternommen,
diese durchzusetzen. Im folgenden ist näher auf das Handwerk
einzugehen: Handwerksgeschichte wird seit rund zwei Jahrzehnten
mit Berührungsfeldern zu einer breiten Palette von Nachbardisziplinen
betrieben(60). Das Handwerk und der Handwerker sind Ausgangspunkt
für Untersuchungen zur wirtschaftlichen und sozialen Lage
der Meister und ihrer Familien, der ökonomischen, rechtlichen
und sozialen Verhältnisse von Gesellen und Lehrlingen. Dies
gilt gleichermassen für das Handwerk in der Stadt und auf
dem Land(61). Diese stärker regionalgeschichtlich ausgerichtete
Handwerksgeschichte hat eine ältere Forschungstradition teilweise
abgelöst, die sich den Handwerkern vor allem mit Blick auf
ihre Bedeutung für die Zunftgeschichte zugewandt hatte(62).
Für den Kanton Bern hat Hans von Rütte in seiner Lizentiatsarbeit
am Beispiel der Kirchgemeinde Thurnen den bedeutenden Stellenwert
des ländlichen Gewerbes im Modernisierungsprozess nachgewiesen(63):
Gewerbliche Tätigkeiten wurden in fliessendem Übergang
zu agrarischen Formen der Subsistenzsicherung betrieben. Sie wurden
von jenen Gruppen im Dorf ausgeübt, deren Landbesitz nicht
zur Bedarfsdeckung ausreichte und die folg-
lich auf Zusatzverdienst angewiesen waren. Im Unterschied zur
städtisch-zünftischen Handwerkswirtschaft, die sich
bei einem grossen Kundenkreis auf bestimmte Erzeugnisse spezialisieren
konnte, hatten die ländlichen Professionisten(64) für
einen eingeschränkten Kreis von Kunden eine Vielzahl von
Bedürfnissen abzudecken. Deshalb wurden nach dem Prinzip
des Mischerwerbs in manchen Haushalten mehrere Gewerbe gleichzeitig
betrieben, oder die Tätigkeiten wechselten je nach Saison
und Konjunktur. Der gewerbliche Mischerwerb in Verbindung mit
einem Kartoffelacker und einem Garten war darauf ausgerichtet,
sowohl agrarische wie gewerbliche Krisen überstehen zu können.
Die Untersuchung von Rüttes zeigt, ebenso wie jene des Zürcher
Unterlandes durch Thomas Meier(65), dass die Bedeutung des gewerblichen
Elements in der vorindustriellen Wirtschaft bislang unterschätzt
worden ist.
In der Regel wird der Anteil des Handwerks an der Erwerbstätigkeit als Indikator für die Abschätzung seiner Bedeutung herangezogen(66). Das gesamtwirtschaftliche Gewicht des Handwerks kann erstmals für 1798 anhand der Helvetischen Bürgerregister abgeschätzt werden(67) (vgl. 2.3.3). Die aus diesen Quellen erhobenen Angaben sind erst behelfsmässig ausgewertet worden.
Vergleichbare Daten für beide Jahre liegen nur für
ein Teilgebiet des Kantons vor, welches zwölf mittelländische
und seeländische Amtsbezirke umfasst(68). Die Uhrenregion
Südjura-Biel ist im Untersuchungsgebiet nicht enthalten.
Im weiteren ist zu berücksichtigen, dass fragliche Gruppen
wie die Dienstboten dem Primärsektor zugeschlagen wurden,
wodurch dieser tendenziell zu stark gewichtet ist
(vgl. 2.4.3.3). In diesen zwölf Bezirken übte um die
Jahrhundertwende gut jeder Dritte eine handwerkliche Tätigkeit
aus (vgl. Tab. 5.1.). Bei einer mit anderen Untersuchungen durchaus
vergleichbaren Erwerbsquote von 45% erreichte die «Territorialisierung
des Gewerbes» (Schremmer) im Kanton Bern mit 103 Handwerkern
pro 1000 Einwohner(69) damals einen umfangmässigen Entwicklungsstand,
der über den bisher bekannten deutschen und schweizerischen
Werten liegt(70). Das heisst: Ein Grossteil der nichtbäuerlichen
Bevölkerung ging einem Nebenerwerb nach. Mehr als 40% der
Erwerbstätigen gehörten der Gruppe der Professionisten
an. Viele von ihnen stellten aus dem Grundwerkstoff Holz eine
Vielfalt von regional nachgefragten Erzeugnissen her. Diese Spezialisten
kennzeichneten sich durch ihr Produkt und das Beiwort «Macher».
Nicht weniger als 66 verschiedene Arten von «Machern»
fanden sich in den Bürgerregistern, so etwa «Geiselsteckenmacher»(71),
Wannenmacher und Kammacher. Ausgesprochen hoch lag die Gewerbedichte
- abgesehen vom Bezirk Bern - mit 12% im Bezirk Büren: Dort
sind 111 unterschiedliche Tätigkeiten aktenkundig, gut die
Hälfte davon kommt nur ein bis zweimal vor.
Die hohe Gewerbedichte ergab sich im wesentlichen aus den drei Branchen Nahrungsmittel, Handel und Dienstleistung, in welchen Büren deutlich höhere Anteile aufweist als die übrigen Gemeinden. Namentlich die Berufe Bäcker, Metzger, Wirt und Handelsmann konzentrierten sich im Hauptort Büren an der Aare, was darauf hinweist, dass diese Gemeinde innerhalb des Bezirks eine Zentrumsfunktion im Handel innehielt(72). Wahrscheinlich steht diese im Zusammenhang mit der Bedeutung Bürens als Markt- und Etappenort an der Ost-West-Hauptverkehrsachse durch das Mittelland(73). Über die Verbreitung von Gewerben im Oberland ist nichts bekannt, weil in den Schwurregistern dieses Landesteils die Berufsbezeichnungen fehlen.
Das relative Gewicht der Erwerbssektoren in der Gesamtwirtschaft blieb - trotz einer Zunahme der Bevölkerung um zwei Drittel(74) - in den folgenden sechs Jahrzehnten unverändert. Die Zahl der Arbeitsplätze im Gewerbe nahm weitgehend proportional zu jenen in der Landwirtschaft zu(75). Dies spricht dafür, dass der gewerbliche Aufschwung weitgehend von der Agrarmodernisierung getragen wurde. Peter Mathias bezeichnet einen solchen Prozess des extensiven Wirtschaftswachstums, der im wesentlichen auf einem erhöhten Input an Arbeitskraft, Land, Kapital und Ressourcen beruht, aber das relative Gewicht der Erwerbssektoren nicht berührt, als ökonomische Expansion. Er verwendet dafür die Metapher vom Ballon, der aufgeblasen wird und sich dabei ausdehnt, seine Form aber im wesentlichen beibehält(76).
Eine genauere Betrachtung der Veränderungen innerhalb des gewerblichen Sektors ergibt ein dynamischeres Bild. Der Figur (Fig. 5.2.) liegt eine Gliederung der Erwerbstätigen in neun Berufsgruppen zugrunde, von denen sechs dem Sekundärsektor zuzuordnen sind: Verarbeitung von Rohstoffen der Land- und Forstwirtschaft(77), agrarischer Bedarf(78), Baugewerbe, Nahrungsmittel(79) und privater Bedarf(80). Dazu kommt die Gruppe der Textilberufe, bei denen eine Differenzierung nach handwerklicher und protoindustrieller Fertigung nicht möglich war(81). Dargestellt sind die Veränderungen innerhalb der Branchen gegenüber 1798 in Prozent: Am stärksten nahm der Anteil des Nahrungsmittelhandwerks zu. Vor allem betrifft dies Bäcker und Metzger, dazu kommen als Angehörige eines neuen Berufszweiges die Käser. Die starke Zunahme der Bäcker deutet darauf hin, dass das Brotbacken im Zuge der Arbeitsteilung vermehrt aus dem «ganzen Hause» ausgegliedert und an Spezialisten delegiert wurde. Jene der Metzger dürfte dem Wachstum des Viehbestandes zuzuschreiben sein(82). Fast annähernd so stark wie die Zahl der Lebensmittelhandwerker vergrösserte sich die Zahl der Handelsberufe. Dies darf nicht ungeprüft mit einer Intensivierung der Handelsströme gleichgesetzt werden. Bekanntlich waren im Ancien Régime neben Krämern und Kaufleuten auch andere Professionisten, vor allem Müller, Wirte und Metzger, im Handel aktiv, so dass die Zunahme der Handelsberufe ebensogut eine verstärkte Funktionsentmischung und berufliche Spezialisierung zum Ausdruck bringen kann. Überproportional expandierte ferner die Bauwirtschaft. Nicht nur wurden als Folge des Bevölkerungswachstums und des Wegfalls rechtlicher Schranken im Bauwesen zahlreiche neue Häuser erstellt(83), die Agrarmodernisierung führte nach 1835 über die Aufstockung der Viehbestände und die Vergrösserung der Agrarproduktion auch zur Erweiterung von Ställen und Scheunen bei bestehenden Bauten (Fig. 5.3.).
Etwas stärker als die Bevölkerung entwickelte sich die Gruppe des persönlichen Bedarfs. Hier ist - einer Überlegung Kaufholds folgend - ein Blick auf Schneider und Schuhmacher, die Massenhandwerker des Alltagsbedarfs, zu werfen. Sollte das Handwerk in stärkerem Masse Bevölkerungsteile aufgenommen haben, die anderswo keinen Erwerb fanden, müsste sich dies vor allem in diesen beiden Berufen bemerkbar gemacht haben, die leicht zu erlernen waren und wenig Startkapital erforderten(84). Bei den Schneidern, die 1798 die grösste Gruppe stellten, nahm die Zahl der potentiellen Kunden in den folgenden sechs Jahrzehnten leicht zu, während sie bei den Schuhmachern rückläufig war(85). Die Dichte der selbständigen Schneider und Schuhmacher im gesamten Untersuchungsraum war um 1856 nur unwesentlich höher als in den mittleren und westlichen Provinzen Preussens um 1800(86). Aus der räumlichen Aufschlüsselung der Daten wird deutlich, dass in den wohlhabenden Bezirken des Kornlandes pro Kopf der Bevölkerung in beiden Zeitpunkten erheblich mehr Schneider und Schuhmacher tätig waren als im Emmental. Zumindest im höheren Mittelland, wo die Unterbeschäftigung am grössten und die Löhne am kleinsten waren, kann von einer Überbelegung dieser Berufe keine Rede sein. Vielmehr drängt sich der Schluss auf, dass es an zahlungsfähigen Kunden mangelte, weil die Kaufkraft der Unterschichten - entsprechend dem tieferen Lohnniveau und den ausgeprägteren sozialen Gegensätzen - erheblich geringer war. Offensichtlich konnte sich ein reiches, stärker verkleinbäuerlichtes Gebiet wie das Kornland mehr Professionisten leisten.
Bei manchen von ihnen handelte es sich um Handwerker aus Baden und Württemberg, die über eine zünftische Berufslehre verfügten. Sie liefen den einheimischen Professionisten den Rang ab, weil die Ausübung eines Handwerks nach der Freigabe von Handel und Gewerbe im Kanton Bern nicht mehr an ein Fähigkeitszeugnis gebunden war. Die Ausbildung durch die Zünfte war dadurch weggefallen, ehe neue zeitgemässe Formen der Berufsbildung durch Verbände in Zusammenarbeit mit dem Staat entwickelt worden waren(87).
Im Oberland hatte der Prozess der Professionalisierung und der gewerblichen Verdichtung noch kaum begonnen. Alle wichtigsten Lebensbedürfnisse, auch die Kleidung, wurden dort durch eigene Produktion gedeckt, die Barausgaben waren niedrig, die Nahrung einfach, die Kleidung von grösster Dauerhaftigkeit(88), handwerkliche Tätigkeit wurde verachtet, jeder Hausvater war sein eigener Schreiner, Drechsler und Wagner, eine sorgfältige Ausbildung war nicht möglich und wurde nicht angestrebt(89). Daran änderte sich in den Tälern bis zum Gründerzeitalter des Tourismus in der Belle Epoque wenig. Im Frutigtal stellte die Bevölkerung zu Hungerlöhnen Zündhölzer und Spanschachteln her(90). Mit der einsetzenden touristischen Nachfrage entwickelten sich in Brienz die Holzschnitzerei(91) und die Seidenweberei, im Lauterbrunnental die Spitzenklöpplerei zu Erwerbszweigen von einiger Bedeutung(92), und in Heimberg blühte die Töpferei auf, die dort um 1730 Fuss gefasst hatte. Zunächst wurde Gebrauchsgeschirr hergestellt. In den 1870er Jahren gingen die Heimarbeiter zur arbeitsintensiveren Fertigung von Kunstgeschirr mit eigenwilligen Formen und reichen Verzierungen über, das an der Pariser Weltausstellung von 1878 Aufsehen erregte und als Majolika von Fremden in zunehmendem Masse nachgefragt wurde(93). Im übrigen beschränkten sich die Austauschbeziehungen mit dem Mittelland, wie das Beispiel des Niedersimmentals nahelegt, auf Agrarerzeugnisse(94). Soweit die Nachfrage eines lokalen Kundenkreises nicht ausreichte, vertrieben die Professionisten ihre Produkte auf den zahlreichen Wochen- und Jahrmärkten, wobei sie ihren Beruf mit jenem des Kleinhändlers verbanden (vgl. 5.1.5).
Die Berufsstatistik von 1856 versuchte, sofern dies möglich war, auch die erwerbstätigen Frauen zu erfassen. So werden etwa Spinnerinnen und Spinner als getrennte Berufe aufgeführt. Ein erheblicher Teil der erwerbstätigen Frauen (38%) versteckte sich in der Gruppe der «Familienglieder», die für die Bedürfnisse des betreffenden Haushalts mitarbeiteten oder, sofern es sich um Alte und Kleinkinder handelte, von ihm mitgetragen wurden. Bei den «Selbständigen» (8%) stellten die traditionellen weiblichen Textilberufe - Näherin, Schneiderin - die weitaus grösste Gruppe; dann folgten mit den Lehrerinnen und den Hebammen zwei gehobene Berufszweige, die im Kanton Bern den Frauen schon früh offenstanden(95). Schliesslich sind in den Listen sechs selbständige «Schröpferinnen» und vier Leichenbitterinnen aufgeführt. Bei den weiblichen «Gehülfen» (52%) machten die Dienstbotinnen und die Tagelöhnerinnen den Hauptharst aus. Freilich wird diese Berufszählung den vielseitigen wirtschaftlichen Tätigkeiten der Frauen nicht gerecht. In Übereinstimmung mit dem bis heute geläufigen Konzept setzt sie Arbeit mit Lohnarbeit gleich und subsumiert die «nur» Hausarbeit verrichtenden Frauen in die Kategorie der wirtschaftlich «Passiven»(96).
Zusammenfassend ist herauszuheben, dass die vorliegenden Ergebnisse die gängige Meinung in der Literatur in Frage stellen, wonach die Agrarmodernisierung eine ländliche Überschussbevölkerung freisetzte, die in handwerklicher Tätigkeit einen überlebensnotwendigen Zuerwerb fand(97). Die Auffassung, wonach sich das Gewerbe in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum sozialen Auffangbecken und zur «Ökonomie des Notbehelfs» von Angehörigen der wachsenden sozialen Unterschicht entwickelte(98), lässt sich nur unvollkommen mit den statistischen Daten vereinbaren. Plausibler ist in unserem Zusammenhang die Argumentation, wonach sich die Agrarmodernisierung auf Grund des grossen gesamtwirtschaftlichen Gewichts des Agrarsektors auf regionaler und überregionaler Ebene in eine bedeutende Binnennachfrage nach handwerklichen und industriellen Erzeugnissen sowie Dienstleistungen umsetzte, was die Verdichtung und Professionalisierung des Gewerbes weiter vorantrieb. Freilich darf nicht übersehen werden, dass das Handwerk von dieser Entwicklung je nach Branche und Region in sehr unterschiedlicher Weise betroffen wurde und dass der wirtschaftliche Expansionsprozess von einer starken sozialen Polarisierung begleitet war (vgl. 6.1). Um zu einer tragfähigeren Verallgemeinerung zu kommen, müssten deshalb die Veränderungen innerhalb der einzelnen Branchen in ihrer räumlichen Verteilung besser ausgeleuchtet werden(99).
«Tourismus ist die Gesamtheit der Beziehungen, die sich aus der Reise und dem Aufenthalt von Personen ergeben, für die der Aufenthaltsort weder hauptsächlicher und dauernder Wohn- noch Arbeitsort ist»(100). Diese auf heutige Verhältnisse zugeschnittene Definition lässt sich in den Grundzügen auch auf die Anfänge des Fremdenverkehrs im Oberland übertragen(101).
Die ersten Reisenden entstammten den adeligen und aristokratischen Oberschichten. Sie waren jung, gebildet, begütert und verfügten über eine gewisse Zeitautonomie. Damit entsprachen sie dem Idealprofil des heutigen Touristen(102). In der Zeit zwischen dem Abschluss ihrer Ausbildung und dem Antritt der beruflichen Karriere pflegten sie eine zwei- bis dreijährige Bildungsreise, die «Grand Tour», anzutreten, die sie mit fremden Kulturen bekanntmachte. Die englischen Adeligen reisten üblicherweise von London nach Paris und von dort aus nach Italien mit Aufenthalten in Genua, Mailand, Florenz, Venedig und Rom. Die Rückreise verlief über die Schweiz, Deutschland und die Niederlande. Vor 1700 wurde meist die Route von Genf über den Grossen St. Bernhard nach Turin gewählt(103), die Alpen galten als Ort des Schreckens und Quelle von Naturgefahren. Dies änderte sich im 18. Jahrhundert, als der Erlebniswert der wilden und unberührten Natur entdeckt wurde. Faszinierende Gedichte, Bilder und Reisebeschreibungen lenkten die Gebildeten auf die Naturschönheiten des Berner Oberlandes und der Innerschweiz. Albrecht von Haller stellte in seinem beschreibend-philosophischen Lehrgedicht «Die Alpen» (1732) die kraftvoll-reine Natur- und Menschenwelt des Hochgebirges der verweichlichenden Unnatur der Zivilisation gegenüber. Jean-Jacques Rousseau begeisterte in seiner «Nouvelle Héloise» (1764) zivilisationsmüde Europäer für das Erlebnis der Einsamkeit in der Alpenwelt. Haller, Goethe und Lord Byron besangen den majestätischen Staubbachfall im Lauterbrunnental(104). Byrons «Manfred» spielte in der Burg Unspunnen bei Interlaken, was die Engländer in hellen Scharen zu der Ruine lockte(105). Nicht zuletzt wurden die ersten Individualtouristen im Berner Oberland von den Grindelwaldgletschern angezogen, die damals noch bis ins Tal hinunterreichten und ihrer bequemem Erreichbarkeit wegen «Gletscher der Damen und Stutzer» genannt wurden. Die beiden imposanten Eisströme wurden in der zweiten Jahrhunderthälfte durch Beschreibungen aus der Feder von Naturwissenschaftern(106) und werbewirksame Bilddarstellungen, angefangen von den Ölgemälden bedeutender Künstler wie Caspar Wolf, Gabriel Lory (Vater und Sohn) und Samuel Birmann bis hinunter zum bescheidenen Souvenirbildchen, als Naturerlebnis in ganz Europa bekannt(107). Die Gletscher gehörten zusammen mit dem Staubbach zu den meistbesuchten Stationen der Schweizer Reisen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verlief die Hauptroute der adeligen Bildungsreisen über Dijon-Lausanne-Bern ins Oberland und von dort aus über den Brünig in die Innerschweiz und über den Gotthard nach Italien(108). Übernachtungsmöglichkeiten wurden den Gästen zunächst nur in den Pfarrhäusern geboten, Bergler boten sich als Wirte, Bergführer oder Träger an, um ihr Einkommen aufzubessern. Reisehandbücher und -beschreibungen berichteten über Land und Leute und machten die Anlaufstellen bekannt(109).
Der übliche Weg ins östliche Oberland führte von Thun aus in kursmässigen Post- oder Marktschiffen oder in kleinen, von Männern und von Frauen geruderten Booten über den See. Diese Bootsfahrten waren von den 1770er Jahren an immer stärker gefragt, so dass die Obrigkeit 1790 ein entsprechendes Reglement erliess, um die Reisenden vor überrissenen Forderungen zu schützen und zugleich den Schiffsleuten einen angemessenen Verdienst zu sichern(110). Karl Spazier schreibt dazu: «[ ] wegen der gewohnheit und zum Theil auch wegen der Nothwendigkeit von Thun aus über den See nach den Gletschern zu reisen, sind die Preise der Überfarth besonders seit einigen Jahren so sehr übersetzt, dass die Klagen der Fremden über die unangemessenen Forderungen der Schiffer, so wie wegen der Transportkosten zu Wagen nach Interlach und Lauterbrunn, von Tage zu Tage zunehmen»(111).
Die Gebrüder Knechtenhofer, die ausserhalb von Thun in Hofstetten ein stattliches Hotel gebaut hatten, führten 1835 mit dem Dampfschiff «Bellevue» das erste Massenverkehrsmittel ein(112): Es verkürzte die Reisezeit von Thun nach Neuhaus am oberen See-Ende auf 11/4 Stunden. Vier Jahre später setzte der Brienzer Hotelier Gottlieb Matti ein Dampfschiff auf dem Brienzersee ein. Der Protest der Schiffsleute verhallte in der aufkommenden Ära des Liberalismus ungehört. 1842 entstand die Vereinigte Schiffahrtsgesellschaft für den Thuner- und Brienzersee, welche ihrerseits 70 Jahre später mit der Thunerseebahn zusammenspannte(113). Als Aktionäre der Gesellschaft zeichneten vor allem Angehörige der Bildungsschicht und Unternehmer in den Städten Bern und Thun, auf die übrige Schweiz entfielen 6%, neun Aktien hielt ein Schweizer Bankier in Paris(114). Die Finanzierung der Verkehrsinfrastruktur war somit in erster Linie Sache des bernischen Bürger- und Unternehmertums(115).
Die beiden Seen blieben für die Dauer von mehr als 50 Jahren die Hauptverkehrsadern im engeren Oberland und gehör(t)en zu den touristischen Attraktionen der Gegend (vgl. Fig. 5.4.). Die Verbindungen waren zunächst in besonderem Masse auf den Zubringerdienst nach Interlaken ausgerichtet, wo der Tourismus schon kurz nach der Jahrhundertwende Fuss gefasst hatte. Den ersten Schub vermittelten die von Schultheiss Niklaus Friedrich von Mülinen 1805 und 1808 veranstalteten Hirten- und Älplerfeste am Fusse der Ruine Unspunnen. Sie lockten so viele Engländer an, dass Interlaken zeitweise einer englischen Kolonie glich. Die meisten Hausbesitzer übernachteten auf den Heuböden, um unbekannten Gästen ihre Nachtlager gegen gutes Geld zu überlassen(116). Viele dieser Gäste mögen bei diesem Anlass die vom Arzt Dr. Christian Aebersold eingeführten Heilkuren mit Ziegenmolken kennengelernt haben, die Interlakens Ruf als Kurort begründeten. Als Propagandist und Magnet wirkte der in Interlaken ansässige Kleinmeister, Radierer, Lithograph und Maler Franz Niklaus König, dessen werbewirksame Darstellungen der imposanten Oberländer Landschaft weite Verbreitung fanden(117). 1806 richtete Grossrat Johann Seiler, ein Kaufmann und Uhrmacher aus Bönigen, den ersten Gasthof ein(118). In Höpfners «Gemeinnützigen Nachrichten» von 1810 lesen wir: «Sei es Mode oder Überzeugung, so ist es interessant, wie die Geniessung von Geiss-Schotten und der Aufenthalt in dem schönen Thal von Interlaken und Unterseen jährlich so sehr zunimmt, dass selten mehr Logis ohne Vorbestellung zu haben sind, obgleich zu diesem Endzweck mehrere neue Häuser gebaut und viele andere dazu eingerichtet sind»(119). 1860 wurden bereits 13 Pensionen gezählt(120). «Man erstaunt üb. [sic!] die Reihe grosser Pensionshäuser, welche, geschmackvoll meubliert, zur Aufnahme der vielen reichen u. vornehmen Fremden aus England, Frankreich etc. eingerichtet sind, die hier die schönen Sommermonate zubringen»(121). Ausserhalb von Interlaken bestanden in dieser Zeit erst wenige Gasthöfe, von denen die meisten in Höhen unter 600 Metern gelegen waren(122). Für 1835 wird die Logierkraft des Berner Oberlandes mit Einschluss von Thun auf nur 300 Betten geschätzt(123). Erst in der Belle Epoque sollte der Tourismus unter günstigen konjunkturellen Voraussetzungen vom Kristallisationskern Interlaken aus expandieren und zu einer der tragenden Säulen der bernischen Volkswirtschaft werden.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Periode des individuellen Luxustourismus im Oberland durch die Darstellung von Naturschönheiten (Staubbach, Grindelwaldgletscher) und Landschaften (Interlaken) in Kunst und Literatur eingeleitet wurde, die bei den jungen Adeligen im Zeitalter der Naturbegeisterung ein breites Echo fand. Der Besuch dieser Naturdenkmäler wurde im Verlaufe des 18. Jahrhunderts ins Programm der Bildungsreisen aufgenommen, die üblicherweise über Paris nach Italien führten. Beschäftigungswirksam wurde der Luxustourismus bis um 1890 einzig in Interlaken, das von 1835 an etappenweise für den Massenverkehr erschlossen wurde.
Die Geschichte des bernischen Strassenwesens hat sich bisher sozusagen ausschliesslich mit dem Bau und Ausbau des Strassennetzes befasst(124). Weit weniger wissen wir dagegen über den auf den Strassen abgewickelten Verkehr und seine Bedeutung für die Entwicklung der Wirtschaft(125). Roger Price hat in seiner mustergültigen Studie aufgezeigt, dass der Strassenbau des frühen 19. Jahrhunderts in Frankreich die Marktintegration der Landwirtschaft vorantrieb und dass das Strassennetz später als Zubringer zum Eisenbahnnetz entscheidende Bedeutung erlangte(126). Diesem Aspekt haben erstmals Thomas Rüfenacht und Curdin Salis Gross in ihrer Lizentiatsarbeit Beachtung geschenkt(127).
Das Gerüst des bernischen Strassennetzes, wie es sich 1844 im Strassenverzeichnis des Ohmgeldverwalters Karl Jakob Durheim präsentiert(128) (Fig. 5.5.), war im 18. Jahrhundert entstanden. Mit einiger Verspätung auf andere europäische Staaten(129) hatte Bern auf die Initiative Friedrich Gabriel Zehenders (1742) hin nach französischem Vorbild ein weitmaschiges Netz von sogenannten Kunststrassen gebaut, bei denen die Oberfläche im Unterschied zu den bisherigen Fahrwegen durch die Einbettung von Steinen verstärkt war und durch ihre konvexe Konstruktion Regenwasser seitlich abfliessen liess. Die neuen Verkehrswege wurden mit Hilfe von Aufschüttungen, Geländeeinschnitten und Brücken möglichst eben und gerade geführt, in unmittelbarer Nähe wachsende Bäume und Sträucher wurden beseitigt, wodurch die Strasse erstmals als künstliches Element in der Landschaft in Erscheinung trat(130). Mit Hilfe gesetzlicher Bestimmungen über Bespannung, Höchstgewicht und Bremsmethoden sollten die kapitalintensiven Strassenverbindungen vor der Sorglosigkeit der Verkehrsteilnehmer geschützt werden, die Kosten für den Unterhalt wurden den Anstössergemeinden überbürdet(131). Das dichtere Netz der Fernverkehrsstrassen(132) trieb die Schaffung eines einheitlichen Wirtschaftsraums im tieferen Mittelland entscheidend voran.
Durch die Linienführung der Kunststrassen versuchte die Obrigkeit den Transitverkehr zu steigern und auf sein Territorium zu lenken. Die wichtigste Ost-West-Transitachse führte in dieser Zeit, die Stadt Bern selbst umgehend, vom Aargau über Solothurn, Büren und Aarberg nach Murten (Nr. 1, Karte 5.1.). Um die bestehenden Handelsströme möglichst vollständig auf bernisches Territorium umzulenken, wurde von der Mitte des 18. Jahrhunderts an in Absprache mit der Stadt Freiburg die Strasse von Bern über Kirchberg in den Aargau als Konkurrenzverbindung neu erstellt (Nr. 2, Karte 5.1.), ebenso die Verbindung nach Solothurn-Basel durch den Amtsbezirk Fraubrunnen. Im Fürstbistum Basel wurde im Anschluss an die «Landestroublen»(133) nach 1740 die Nord-Süd-Strasse von der Ajoie durch die Klusen nach Biel ausgebaut, wo sie bei Nidau ans bernische Strassennetz anschloss. Nach der politischen Vereinigung des Juras mit Bern wurde die wirtschaftliche Integration des neuen Landesteils durch Ausbau der Nord-Süd-Route von Biel über Aarberg nach Bern vorangetrieben; nach der Krise von 1816/17 wurden unter anderem Strassen im Oberland (Susten, Simmental, Lütschinentäler) im Rahmen von Notstandsarbeiten ausgebaut(134).
Staatliche und städtische Organe hatten bis zur Aufhebung des Zollrechts durch die Bundesverfassung (1853) ein handfestes finanzielles Interesse an Zolleinnahmen und Weggeldern. Im Bestreben, die Staatskasse zu äufnen und die Wirtschaft zu fördern, engagierten sich die Liberalen nach ihrem Machtantritt mit «republikanischer Begeisterung»(135) und «in einem heiligen Fieber»(136) für den Strassenbau. Um die Konkurrenz zu schlagen, mussten den Fuhrleuten entweder kürzere Wegverbindungen oder Strassen mit geringeren Steigungen angeboten werden, die ohne Vorspann befahren werden konnten. Um den Ost-West-Verkehr länger auf Berner Boden halten zu können, wurde beispielsweise 1841 die Verbindung Lyss-Hindelbank gebaut(137). Mit dem Bau des Eisenbahnnetzes rückte die Transitfunktion der Strassen in den Hintergrund. Ihr weiterer Ausbau wurde mit ihrer neuen Aufgabe als Zubringer zu den Bahnstationen und als Verbindungsachsen zwischen bahnfernen Gegenden begründet, wobei Dringlichkeit und Rangordnung der Vorhaben von den Leistungen der Gemeinden abhängig gemacht wurden(138). 1890-1895 wurde mit der Grimselstrasse erstmals ein moderner Alpenübergang gebaut(139).
Im ganzen gesehen kommt das bernische Strassennetz um 1844 einer homogenen, wenig differenzierenden Transportoberfläche sehr nahe. Die radiale, dichte Durchdringung der landwirtschaftlich produktivsten und wohlhabendsten Teile des Mittellandes erlaubte die zunehmende Marktintegration der landwirtschaftlichen Produktion; demgegenüber blieben die Gebiete in der Feldgraszone nur marginal erschlossen(140). Ähnliche naturräumlich bedingte und durch die Verkehrsinfrastruktur verschärfte Unterschiede der Marktintegration hat Price für Frankreich festgestellt(141).
Menge und Art der strassentransportierten Güter lassen sich für diese Zeit nur selten mit aussagekräftigen und zuverlässigen Daten belegen. Das eidgenössische Postdepartement ordnete für den Monat Mai 1850 eine Personen- und Güterzählung auf wichtigen Durchgangsstrassen des Mittellandes an, um anhand dieser Daten die Rentabilität der projektierten Bahnlinien abschätzen zu können(142). Im bernischen Strassennetz wurden Zählstellen in Hindelbank (Bern-Zürich), Münsingen (Bern-Thun), Büren (Solothurn-Murten), Fraubrunnen (Bern-Solothurn-Basel) und Belp (Gürbetalstrasse) eingerichtet. Diese Frequenzzählung hat gegenüber späteren, detaillierteren und zuverlässigeren Zählungen den Vorteil, dass sie den Strassentransport vor dem Zeitalter der Eisenbahn beschreibt: Damals bestand - abgesehen von der Endstation der von Strasbourg-Mulhouse nach Basel führenden Elsässer Bahn - erst die «Spanisch-Brötli-Bahn» von Baden nach Zürich.
An allen Zählstellen machte der Transitgüterverkehr nur einen kleinen Teil der gesamten Transportmenge aus (vgl. Fig. 5.6.). Der Binnenproduktionssektor dominierte die Palette der transportierten Güter, wie dies die frühen Transportstatistiken der Eisenbahn belegen(143). Der Personenverkehr zeigte die gleiche Frequenzstruktur wie der Güterverkehr, nur dass die Achsen ins Oberland stärker belebt waren. Darin äusserte sich die einsetzende Bedeutung des Tourismus im Raume Interlaken.
Die Veränderungen in der Wirtschaftsstruktur des Kantons zwischen 1700 und 1850 spiegeln sich in der Zusammensetzung der Handelsströme. Dass statistische Grundlagen zu dieser Thematik überhaupt bestehen, hat die Geschichtswissenschaft erst in jüngster Zeit zur Kenntnis genommen. Eine Interpretation und Kritik dieses in Auswertung begriffenen Datenmaterials kann hier nicht geleistet werden(144), aber es soll zumindest versucht werden, einige elementare Schlüsse daraus zu ziehen.
Eine erste einschlägige Quelle ist im späten 17. Jahrhundert entstanden: 1687 liess der neugegründete Kommerzienrat ein Verzeichnis der eingeführten Artikel zusammenstellen, um einen Überblick über die Importbedürfnisse zu gewinnen.
Aus der Zusammenstellung (Fig. 5.7.) sind drei Sachverhalte herauszuheben: Erstens wird deutlich, dass der Luxusbedarf der patrizischen Oberschicht die Handelsbilanz erheblich belastete. Zweitens lässt der Umfang der eingeführten Rohwolle und -seide auf eine bemerkenswerte Bedeutung der protoindustriellen Textilverar-beitung schliessen. Drittens wird deutlich, dass der Kanton bezüglich der Getreidever-sorgung autark war; die Importe sind von der Grössenordnung her vernachlässigbar, ganz abgesehen davon, dass daneben mit grosser Wahrscheinlichkeit auch Getreide ausgeführt wurde.
Zur Ausfuhr um 1750 äussert sich Johann Conrad Fäsi wie folgt: «Die Ausfuhr des Cantons [mit Einschluss der Waadt und des Aargaus] besteht in Leinwand, welche meistens nach Lion geht, in gedrucktem Cattun(145), in einigen Wollenarbeiten, Pferden, Hornvieh und Käse. Die Seidenmanufakturen wollen in Aufnahm kommen, vornehmlich in einfarbigen Seidenstoffen und Strümpfen. [ ] Ein Theil des westlichen Berglandes [Waadtländer Jura] verfertigt Uhren und schneidet falsche Edelsteine in der Menge»(146). Aus diesen Angaben lässt sich der Schluss ziehen, dass die Erzeugnisse der textilen Protoindustrien neben Vieh und Käse in der Ausfuhr einen bedeutenden Platz einnahmen. Anhand einer Zusammenstellung des Kommerzienrates von 1787 kommt Anne Radeff zum Schluss, dass der alte Kanton in den Grenzen von 1797 wertmässig mehr protoindustrielle Güter als agrarische Rohstoffe ausführte(147).
Ein Grossteil des Handels wurde über ein weitgespanntes Netz von Märkten und Messen abgewickelt. Dabei gilt es im Rückblick zu unterscheiden zwischen der Versorgung einer Stadt über den täglichen bzw. wöchentlichen Markt einerseits und der Vermarktung bestimmter, für den überregionalen Handel geeigneter Produkte über ein System von Jahrmärkten und Messen anderseits(148). Eine 1786 im Auftrag des Kommerzienrates erstellte Enquête zählt für den gesamten alten Kanton nicht weniger als 247 Jahr- und Viehmärkte sowie 45 Wochenmärkte in 77 Städten, Flecken und Dörfern mitsamt ihren Terminen auf(149). Marktberechtigt waren im Kornland Kleinzentren wie Aarberg, Büren und Wiedlisbach, die so weit von der Hauptstadt entfernt lagen, dass sie deren Märkte nicht zu konkurrenzieren vermochten(150). Die Viehmärkte fanden in den höher gelegenen Landesteilen statt. Sie wurden nicht nur Flecken wie Saanen, Zweisimmen, Frutigen und Meiringen zugesprochen, sondern selbst kleinen Dörfern wie Abländschen, Reichenbach und Aeschi. Daneben listet die Statistik 699 Patente auf, die Kaufleute und ambulante Marktkrämer zum Verkauf von Waren an Jahrmärkten berechtigten: 30% davon wurden an die im Kanton niedergelassenen «Landeskinder», 38% an die im übrigen Gebiet der Eidgenossenschaft domizilierten Personen ausgegeben. Gut die Hälfte von ihnen stammte aus Solothurn und den ans alte Bern angrenzenden Territorien des heutigen Kantons Aargau, nur knapp 8% aus den westlich angrenzenden Kantonen Freiburg und Neuenburg, kein einziger aus Genf(151). In diesem Ungleichgewicht äussert sich der von Ost nach West gerichtete Wanderungsstrom im Mittelland, der bis ins späte 19. Jahrhundert nachgewiesen werden kann (vgl. 3.3.4.1). Die bunte Vielfalt des Warenangebots auf den Jahrmärkten spiegelt sich in der Aufzählung all der Berufsleute, Handwerker und Marktfahrer, die dort ihre Kunden suchten. Am Langnauer Markt nahmen Krämer, Küfer, Lismer, Hafner, Gerber, Kessler, Weisskessler, Schärer (Wund- und Zahnärzte), Schuhmacher, Sattler, Drechsler, Seiler, Nagelschmiede, Scherenschleifer, Glas-, Brot-, Reis-, Kastanien- und Lebkuchenträger teil, ferner Träger von Dörrobst, Äpfeln, Birnen und Steinöl(152).
Aus der Zusammenstellung der Zollkommission aus der Restaurationszeit (Fig. 5.8.) lässt sich eine Tendenz zur Re-Agrarisierung und Peripherisierung herauslesen, indem der Kanton Bern vorwiegend agrarische Rohstoffe ausführte und im Gegenzug gewerblich-industrielle Fertigwaren importierte. Allerdings wird die Vergleichbarkeit mit den früheren Statistiken durch den Übergang zum Gewichtszoll in Frage gestellt: Nicht erfasst ist neben den Uhren der Tourismus, der zu den unsichtbaren Exportgütern, den sogenannten «Invisibles», zählt(153).
1836 wurden die Verkehrszölle im Innern des Kantons aufgehoben,
am 1. Januar 1844 trat eine einheitliche Grenzzollordnung für
Einfuhr, Durchfuhr und Handel in Kraft(154). Auf dieser Basis
wurde eine neue Aussenhandelsstatistik erstellt: Nach dem Gewicht
gemessen, tauschte der Kanton in den 1840er Jahren vorwiegend
rohe und verarbeitete Erzeugnisse der Landwirtschaft und des Bergbaus(155)
gegen textile Fertigwaren und Genussmittel ein. Dazu kamen bedeutende
Mengen an Holz (vgl. Fig. 5.9.), da das liberale Régime
die Wälder faktisch zur individuellen (Über-)Nutzung
freigegeben hatte (vgl. 7.2.3). Nicht in der Statistik erscheinen
wiederum die Uhren als wertmässig bedeutendstes Exportgut
(vgl. 5.1.2) sowie die verborgenen Einkünfte aus dem Tourismus.
Zusammenfassend kann ausgesagt werden, dass die Wirtschaft des
Kantons Bern um 1850 einen dualen Charakter trug: Der dominierende
Binnensektor bestand aus einer regional unterschiedlich entwickelten,
in Teilbereichen markt- und exportorientierten Land- und Forstwirtschaft
und einem davon abhängigen, je nach der agrarischen Nachfrage
stärker oder schwächer ausdifferenzierten Gewerbe. Dem
Binnensektor überlagerte sich mit der Uhren-Heimarbeit im
Südjura und in Biel ein kleiner, moderner Exportsektor in
Form einer beschäftigungsintensiven Leichtindustrie mit hoher
Wertschöpfung(156), im Dienstleistungsbereich am regionalen
Schwerpunkt Interlaken ein entstehender Luxustourismus. Die textilen
Protoindustrien waren der industriellen Konkurrenz zu einem guten
Teil erlegen. Im Unterschied zur Ostschweiz konnten sie nur punktuell
in Leichtindustrien übergeführt werden.
5.2 Die Periode der «fossilen Energieträger»
ab 1850
Mit zunehmender Integration in die Weltwirtschaft kam die Schweiz immer stärker unter den Einfluss der internationalen Konjunkturwellen. Es macht Sinn, der Darstellung der zweiten Hälfte des «langen 19. Jahrhunderts» einen Überblick über das Auf und Ab der Konjunktur voranzustellen und die Diskussion wie bei der Agrarmodernisierung auf der Grundlage des Modells von Volker Bornschier zu führen.
Die Kurve der Hochbauinvestitionen (Fig. 5.10.) lehnt sich an die aus der allgemeinen Wirtschaftsgeschichte bekannten Konjunkturzyklen an. Im gesamtschweizerischen Rahmen sind den Investitionsschüben Innovations- und Diffusionsprozesse zuzuordnen, in denen zunächst die Technik des Eisenbahnwesens, dann - nach der Stagnationsperiode 1878-1885 - die der Elektroindustrie und der chemischen Industrie zu ökonomischer und ausserökonomischer Wirkung gelangten(157). Im Rahmen des «klassenpolarisierten Gesellschaftsmodells der Nachgründerära» (Volker Bornschier) integrierte sich die Schweiz zwischen 1885 und dem Ersten Weltkrieg in umfassender Weise in die Weltwirtschaft: Mit der zunehmenden internationalen Arbeitsteilung fand in der Exportindustrie, zusätzlich zu den traditionellen Bereichen Uhren und Textilien, eine Diversifikation in neue Branchen wie Nahrungsmittel, Maschinenbau, Tourismus oder Banken statt. Damit ging die für die schweizerische Wirtschaft des 20. Jahrhunderts typische Spezialisierung einher, der eine Zunahme und Diversifizierung der Importe entsprach. In der Binnenwirtschaft bildete sich - als Folge des verdichteten Verkehrsnetzes - eine überregionale Güterversorgung heraus, bei der die Landwirtschaft die rasch wachsenden städtischen Märkte mit Milch, Fleisch und Frischprodukten zu versorgen hatte. Die Wirtschaft organisierte sich unter dem neuen politökonomischen Régime in systematischer Weise in Verbänden, und durch die Kartellbildung veränderten sich die Marktformen. Die Staatseingriffe verstärkten sich auf allen Ebenen und prägten den Wachstumsprozess(158). Mit dem Fabrikgesetz und der Förderung der Berufsschulen wurde die Ausbildung den neuen Erfordernissen angepasst, Referendum (1874) und Volksinitiative (1891) erweiterten die politische Partizipation, durch den Einbezug der Konservativen in den Bundesrat stützte sich das System parteipolitisch breiter ab(159).
Im Unterschied zur gesamtschweizerischen Entwicklung sind im Kanton Bern die beiden Investitionsschübe des «liberalen Gesellschaftsmodells der Gründerära» (Volker Bornschier) nach 1850 nur schwach ausgeprägt. Sie sind weitgehend dem Bahnbau und seinem unmittelbaren Umfeld zuzuordnen (vgl. 5.2.2). Die Wachstumsphase des Schweizer Bruttosozialprodukts von 1850 bis 1880, mit jährlich real 2,3% die bedeutendste innerhalb des 19. Jahrhunderts(160), dürfte am Kanton Bern - gemessen am bescheidenen Zuwachs der Arbeitsplätze im zweiten und im dritten Sektor - fast spurlos vorbeigegangen sein. Der konjunkturelle Rückschlag 1877/78 wurde durch einen Eisenbahnskandal, der den Staat ökonomisch und politisch für längere Zeit lähmte, möglicherweise entscheidend verschärft und verlängert. Aus der Zahl der Konkurse zu schliessen, traf die Krise vor allem die traditionalen Verkehrsgewerbe, Bau- und Lebensmittelhandwerker sowie den Handel(161). In keinem Kanton brach die Baukonjunktur so stark ein, in keinem Kanton dauerte die Krise so lange, und kein Kanton ausser Schaffhausen verlor im Zeitraum 1880-1888 einen so bedeutenden Teil seiner jugendlichen Arbeitskräfte durch Ab- und Auswanderung wie Bern. In dieser Auswanderungswelle, so ist anzunehmen, kehrten dem Kanton mehr als in den frühen 1850er Jahren innovative, initiative junge Leute den Rücken, denen sich ausserhalb der Heimat bessere Aufstiegschancen eröffneten (vgl. 3.3.4.1), eine Art Brain-Drain also, wie er heute in vielen Ländern der Dritten Welt zu beobachten ist. Auf Grund der bescheidenen Zahl von Arbeitsplätzen im zweiten und dritten Sektor und der verhältnismässig geringen Länge seines Eisenbahnnetzes trug die bernische Volkswirtschaft um 1889 mit einer leistungsfähigen, teils exportorientierten, aber überbesetzten Landwirtschaft und einigen industriellen Modernisierungsinseln immer noch dualistische Züge(162) (vgl. Tab. 9.8.).
Eine Unterscheidung zwischen Arbeitsplätzen im Handwerk und in der Industrie ist für die zweite Jahrhunderthälfte nicht möglich. Der im Fabrikgesetz von 1877 statistisch definierte Begriff der «Industrie» ist nicht konsistent verwendet worden, weil dem Gesetz mehrmals neue Kategorien von Betrieben unterstellt wurden(163). Aus der Zusammenstellung (Fig. 5.11.) lässt sich lediglich herauslesen, dass die Krise nach 1880 in den Branchen Bau, Bekleidung und Nahrungsmittel am meisten Arbeitsplätze kostete, was mit der Konkursstatistik übereinstimmt. Offen bleibt, in welchem Umfange davon traditionale Handwerksbetriebe betroffen waren, die der Konkurrenz der Industrie erlagen. Beim Aufschwung nach 1890 legten der Bausektor und die Maschinen- und Metallbranche am meisten zu, im ersteren wurde ein guter Teil der Arbeitsplätze durch italienische Gastarbeiter ausgefüllt.
Der Dienstleistungsbereich erwies sich in der Krise als weit resistenter als das Gewerbe. Abgesehen von den Dienstboten, der öffentlichen Verwaltung und den «Künsten», legten alle übrigen Berufsgruppen zu, am meisten Bahn und Post, die Gesundheitspflege und die freien Berufe(164). Während der Konjunkturphase 1888 bis 1910 verdoppelten sich die Arbeitsplätze in Handel, Verkehr und in der Verwaltung, unterdurchschnittlich war der Zuwachs vor allem in der Restkategorie der «persönlichen Dienste und näher bestimmbaren (traditionalen) Berufe», was auf eine zunehmende Professionalisierung hindeutet.
Mit fünfjähriger Verspätung griff der gesamtschweizerische Modernisierungsschub 1890 auf den Kanton über und leitete eine lange Periode der Prosperität ein, die als die eigentliche Gründerzeit der bernischen Industrie bezeichnet werden kann. In den zwei Jahrzehnten bis zum Ersten Weltkrieg holte Bern die industrielle Revolution nach und mauserte sich zu einer modernen Volkswirtschaft. Zahlreiche Unternehmungen wurden gegründet, die Zahl der Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor verdoppelte sich (vgl. Fig. 5.12.); die Hochbauinvestitionen versiebenfachten sich (vgl. Fig. 5.9.). Der Bauboom wurde von der Industrie, vom Eisenbahnbau und vom Tourismus getragen - später wohl auch von der Landwirtschaft, als sich diese im Verlauf der 1890er Jahre aus der Krise hochrappelte. Die öffentlichen Kassen füllten sich mit Steuergeldern - von 1893 bis 1903 hob sich die Steuerkraft der Gemeinden um 25%(165) - , erstmals seit Jahrzehnten reichten die öffentlichen Mittel wieder für eine wirksame Subventionierung des Strassen- und Eisenbahnnetzes.
In der Stadt Bern entstanden in anderthalb Jahrzehnten eine Reihe von öffentlichen Grossbauten, die Universität auf der Grossen Schanze, das Stadttheater, der neue Bahnhof und die beiden Hochbrücken, welche das innerstädtische Verkehrssystem umkrempelten, ferner am Stadtrand grössere Fabriken (Tobler, Hasler, von Roll, Wander, Winkler & Fallert). Mehr und mehr Menschen liessen sich in den Aussenquartieren nieder. Gesellschaftliche Orientierungen, Lebensgefühl und Kultur wurden durch diesen Modernisierungsschock nachhaltig geprägt. In keiner Periode seiner Geschichte, abgesehen von der in mancher Hinsicht vergleichbaren langen Hochkonjunkturperiode zwischen der Mitte der 1950er Jahre und 1975, haben sich Stadt und Kanton in ökonomischer, ökologischer und sozialer Hinsicht so rasch und so tiefgreifend gewandelt.
Die Geschichte der Eisenbahnen ist in der Literatur breit abgedeckt.
Dabei treten zwei Schwerpunkte hervor: Der politische Diskurs,
der mit dem Bau und Betrieb des neuen Verkehrsträgers verbunden
war, ist entsprechend dem hohen Stellenwert des Themas in der
damaligen Öffentlichkeit gut aufgearbeitet(167). Im weiteren
haben Ingenieure und Eisenbahn-Nostalgiker - meist im Rahmen von
Jubiläumsschriften - die technische Entwicklung der Anlagen
und des Rollmaterials in Wort und Bild dokumentiert. Bis vor kurzem
fehlten dagegen - abgesehen von integrierenden Ansätzen in
regionalen Untersuchungen(168) - Studien zur ökonomischen
und gesamtgesellschaftlichen Bedeutung des neuen Verkehrsträgers(169).
Während die Rolle
der Eisenbahn als ökonomischer «Führungssektor»
ausgiebig diskutiert worden ist, sind die mit dem Eisenbahnbau
verbundenen räumlichen Disparitäten zwischen «Führungsregionen»
und wirtschaftsschwachen Randgebieten von der Literatur bisher
nur oberflächlich erfasst worden. Dies, obschon die räumliche
Polarisation wirtschaftlicher Aktivitäten im 20. Jahrhundert
als unangenehme Begleiterscheinung des Modernisierungsprozesses
häufig aufgetreten ist. Viele Wirtschaftshistoriker betrachten
die Entstehung räumlicher Ungleichgewichte nicht als Teil
ihrer Fragestellung, während die an Gegenwartsproblemen orientierte
Regionalforschung höchstens einige Jahrzehnte zurückgreift(170).
Eine historische Regionalforschung, die beide Aspekte umfasst,
ist bisher zwischen Stuhl und Bank gefallen.
Die Kleinräumigkeit der Versorgungs- und Lebensräume im Vor-Eisenbahnzeitalter kann nicht genug hervorgehoben werden! Die meisten Haushalte deckten ihre Grundbedürfnisse weitgehend aus lokalen Ressourcen, die Menschen bewegten sich vorwiegend zu Fuss und waren daher in ihrem Aktionsradius nach heutigen Begriffen stark eingeschränkt. Die Eisenbahn ist das erste in einer ganzen Reihe von grossräumigen Netzwerken («Large Technical Systems»)(171), von denen wir in den letzten 150 Jahren zur Aufrechterhaltung der Grundfunktionen unseres Daseins - Wasser, Nahrung, Energie, Mobilität, Kommunikation - und zur Produktion von Gütern und Dienstleistungen vollständig abhängig geworden sind. Bei der Erforschung der Entstehungsbedingungen und Folgewirkungen dieser Netze sind die natürlichen Rahmenbedingungen, der Technologietransfer, die institutionellen Régimes, das kulturelle Umfeld, die Finanzierung sowie die Rückwirkungen auf die Umwelt zu berücksichtigen. Nicht einmal für die älteren dieser Netze - Leucht- und Heizgas, Eisenbahnen, Elektrizität, Telegraf, Telefon - reichen die Vorarbeiten für eine gültige Synthese hin(172), ganz zu schweigen von Television, Flugverkehr und weltweiter Computervernetzung.
Mit dem Eisenbahnnetz wurde auf der Grundlage von Kohle und Eisen ein neuartiges Verkehrssystem aufgebaut, das die Qualität der Transportleistung(173) entscheidend erhöhte, die Transportkosten radikal senkte und dadurch die Voraussetzungen zur Entstehung grosser arbeitsteiliger Wirtschaftsräume schuf. Es handelte sich um einen Prozess von eminenter regional- und staatspolitischer Bedeutung. Die Schweiz wurde dadurch unvermeidlich mit verkehrspolitischen Integrationsbestrebungen der europäischen Nachbarstaaten konfrontiert, die nicht einfach übergangen werden konnten(174). Die Spannweite der dadurch entstandenen heftigen Diskussionen über Öffnung oder freiwillige Isolation soll stellvertretend durch zwei Zitate verdeutlicht werden. Zunächst die Worte des Berner Altschultheissen Friedrich Emanuel Fischer anlässlich der Debatte des Grossen Rates über das Konzessionsgesuch der Schweizerischen Centralbahn am 24. November 1852: «[ ] ich habe nun einmal die Überzeugung, dass die Eisenbahnen die Einrichtung sein werden, durch welche mit der Zeit die Unabhängigkeit der kleinen Staaten mittels der Lokomotive zum Land hinausgeführt wird. Es liegt in den grossartigen Bestrebungen, die sich überall kundtun, ein Zug ungeheurer Kraft nach gewissen Zentren; lasst sie losbrechen, diese Kraft, und seht dann, wie ihr den hereinbrechenden Gefahren begegnen wollt»(175). Dann der Winterthurer Geograph, Kartograph und Eisenbahnpionier Jakob Melchior Ziegler: «Die Schienen sind gewaltige Hebel für die, welche sie gebrauchen können. Wie das fliessende Element. Wer an der Meeresküste wohnt, keine Schiffe baut, die Segel nicht spannt; wer am Fluss ist und keine Fähre hat, ist ein isolierter Mensch»(176).
Das Bundesgesetz von 1852 «über den Bau und Betrieb von Eisenbahnen im Gebiete der Eidgenossenschaft» überliess den Bau und Betrieb der Bahnen zunächst der Privatinitiative oder den Kantonen und räumte den letzteren die Kompetenz zur Konzessionserteilung ein, ohne auch nur die Koordination in der Linienwahl, der technischen Ausführung und der Tarifpolitik vorzuschreiben, wie dies etwa in Frankreich der Fall war(177). In den deutschen Territorien wurden die Bahnen fast durchwegs unter staatlicher Regie gebaut und betrieben(178). Im Kanton Bern hatte die konservative Regierung nicht einmal ein Konzept zur Planung des Netzes nach übergeordneten, volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten ausgearbeitet. Zumindest konnten Regierung und Parlament ihre Anliegen über den Hebel der Konzessionserteilung einbringen. Die Eisenbahngesellschaften waren darauf angewiesen, möglichst rasch Gewinne einzufahren, um ihre Kapitalgeber befriedigen zu können, und verfolgten deshalb rein betriebswirtschaftliche Ziele: Sie richteten sich an den Hauptverkehrsströmen aus, welche das grösste Passagier- und Güteraufkommen versprachen. Die zunächst führende Centralbahngesellschaft konzipierte entsprechend den Verkehrsprognosen von Geigy und Zeller (1850) einen Bahnstrang von Basel nach Olten und eine Längsverbindung durch das ganze Schweizer Mittelland als Stammlinie zwischen den grösseren Orten hindurch und wollte diese durch Stichbahnen erschliessen. In den Jahren 1855-59 wurden an neuen Bahnlinien durchschnittlich 180 km pro Jahr dem Verkehr übergeben. Im Jahre 1860, bloss sieben Jahre nach Baubeginn, bestand bereits ein durchgehendes Netz Genf-Neuenburg-Olten-Zürich und von dort an den Bodensee einerseits, nach Sargans und Chur andererseits, mit Anschlüssen von Basel nach Bern und der Verbindung zu den Alpen (Thunersee, Vierwaldstättersee) mit einer Länge von 1053 km(179).
Spätestens von dem Zeitpunkt an, wo die ersten Pläne auf dem Tisch lagen, wurde der Bahnbau unvermeidlich in den Strudel regionalpolitischer Auseinandersetzungen hineingezogen. Manchen weitsichtigen Beteiligten war es klar, dass das neue, linear wirkende grosstechnische Massenverkehrssystem die Entwicklungschancen der verschiedenen Landesteile in grundlegender Weise umverteilen würde. Anderen wurde es in dem Masse bewusst, wie die Folgen unterschiedlicher Zugangschancen zum grossräumigen Markt spürbar in Erscheinung traten. Nach der anfänglichen Skepsis hatte die Einstellung der Bevölkerung gegenüber der Eisenbahn völlig umgeschlagen, und Ortschaften begannen sich schon ernstlich darum zu streiten, «ob das Stationsgebäude links oder rechts der Bahnlinie zu stehen kommen soll»(180). Wie kein anderes Thema warf der Eisenbahnbau hohe Wellen und führte über die emotionale Aufladung der Diskussion zu einer Fundamentalpolitisierung breiter Bevölkerungsschichten.
Benachteiligte oder sich benachteiligt fühlende Landesteile und Gemeinden verfügten im Prinzip über zwei Hebel, um ihre Interessen in den politischen Prozess einzubringen und durchzusetzen: einmal über parlamentarische Vorstösse im Grossen Rat und ausserparlamentarische Volksbewegungen unter Berufung auf das alte Prinzip einer gerechten, gleichartigen Behandlung aller Landesteile; dann durch die Bereitstellung eines Teils der für den Bau erforderlichen Mittel. Alle Eisenbahnprojekte wurden nach einem Drei-Säulen-Prinzip durch privates Kapital, durch die begünstigten Gemeinden und durch Staatsbeiträge finanziert. Das private Kapital engagierte sich nur dann, wenn sich die Gemeinden und der Staat beteiligten. Der private Investitionsbedarf blieb in einem beträchtlichen Umfang dem einheimischen Kapitalmarkt überlassen(181).
Die Bedeutung regionaler Akteure zeigte sich erstmals in der Auseinandersetzung um die Stammlinie der Centralbahn im Mittelland. Der bernischen Regierung und den an einem Bahnanschluss interessierten Gemeinden gelang es, die Linienführung im Konzessionsvertrag den regionalen Bedürfnissen besser anzupassen(182). Allerdings musste dies mit erheblichen Opfern erkauft werden: Zur Sanierung der angeschlagenen Bahngesellschaft hatte der Kanton 1854, auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise, die hohe Summe von vier Millionen Franken einzuwerfen, woran die anschlusswilligen Gemeinden die Hälfte beizutragen hatten(183). Im Unterschied zum Kunststrassenbau bot der Privatbahnbau den bernischen Kleinzentren wie Burgdorf, Herzogenbuchsee und Langenthal die Möglichkeit, auf die Wahl der Linienführung Einfluss zu nehmen. Um der Bahngesellschaft die teurere Linienführung durch das Wynigental schmackhaft zu machen, finanzierte die Gemeinde Burgdorf die nötigen Wasserbauarbeiten und die Untertunnelung des Gyrisbergs mit einer städtischen Sondersteuer; die Burgergemeinde trat der Centralbahn alle für den Bau des Trassees und des Bahnhofs benötigten Grundstücke ohne Gegenleistung ab(184). Weil man ohne Eisenbahn den Niedergang der Gewerbebetriebe und einen Wertverlust des Grundeigentums befürchtete, war der Souverän in allen Gemeinden trotz der herrschenden Krise zu erheblichen Opfern bereit(185), und auf Grund der guten Vermögenslage der marktfähigen Landwirtschaft im Kornland konnten die nötigen Summen beschafft werden.
Der Aufbau des Netzes lässt sich in die folgenden vier Perioden gliedern: 1857-1864, 1871-1882, 1883-1901, 1902-1924(186). Zunächst wurde in einem nach heutigen Begriffen atemberaubenden Tempo gebaut: Binnen sechs Jahren nach Baubeginn waren die wichtigsten Städte des Mittellandes durch Schienen vernetzt(187). Gegen Süden endete der bernische Schienenstrang in Thun, von wo aus die Verbindung per Dampfschiff auf den Seen eine relativ gute Erreichbarkeit des Bödelis mit dem Touristenzentrum Interlaken und des Brienzerseegebiets sicherstellte. Der ersten Bauperiode sind ausserdem die 1864 eröffnete Linie Biel-Bern-Langnau sowie die auf Drängen Solothurns an den Jurafuss verlegte und bis nach La Neuveville verlängerte Linie Solothurn-Biel zuzuordnen. Da sich der neue Verkehrsträger in dieser Bauperiode nach den bestehenden Hauptverkehrsströmen ausgerichtet hatte, verschärften sich die bestehenden Disparitäten der Verkehrsgunst. Zu den Gewinnern gehörten die entstehenden Mittellandzentren Langenthal und Burgdorf sowie die Städte Bern, Biel und Thun (vgl. Karte 5.2.). Zu den Verlierern zählten einmal alle Landesteile, die schon bis anhin schlecht in das bestehende Verkehrsnetz integriert waren und agrarräumlich ein geringeres Wachstumspotential aufwiesen: das Oberland mit Ausnahme des Bödelis, der Jura, die bahnfernen Teile des Emmentals und das Schwarzenburgerland. Ausserdem wurden einzelne bisher privilegierte Regionen - das westliche und nordwestliche Hinterland der Stadt Bern, der Bezirk Büren und Teile des Amtes Fraubrunnen, das Städtchen Aarberg - aus ihrer Gunstlage herausgebrochen. Auch im Vergleich zu den meisten übrigen Kantonen war Bern punkto Netzlänge weit ins Hintertreffen geraten(188). In allen benachteiligten Landesgegenden - vielleicht mit Ausnahme des Oberlandes - war sich die Bevölkerung ihrer nachteiligen Situation durchaus bewusst.
Der Kampf um die Erreichbarkeit verlagerte sich deshalb in der zweiten Bauperiode von den Städten und Kleinzentren auf die Ebene der Regionen und Landgemeinden. Hier entstanden in der Folge eigene Eisenbahninitiativen, welche den Bau von regionalen und lokalen Anschlusslinien an das bestehende Netz anstrebten. Die bernischen Radikal-Freisinnigen, welche den Grossen Rat seit 1858 wieder beherrschten, traten seit jeher für einen starken Staat ein, der in bestimmten Bereichen aktiv fördernd in den Wirtschaftsprozess eingreifen sollte, vor allem in der Bankpolitik und im Eisenbahnbau.
Der Jura war in der ersten Bauperiode leer ausgegangen, weil sich der Kanton nach der Übernahme der Linie Bern-Biel-Langnau eisenbahnpolitisch bis zur Grenze der Budgetbelastbarkeit engagiert hatte. Nachdem der Grosse Rat 1863 die Vereinheitlichung des Steuersystems im alten und im neuen Kantonsteil beschlossen hatte - im Jura sollte nun ebenfalls die Einkommenssteuer eingeführt werden -, nutzten die jurassischen Bahninteressenten die zusätzliche Steuerbelastung ihres Landesteils, um die Missstimmung dort bis zum Siedepunkt zu schüren. 1867 sprach der Grosse Rat nach fünftägiger Redeschlacht eine Subvention von sieben Millionen Franken, wobei die Realisierung des Netzes privater Initiative überlassen werden sollte. Daneben erbrachten, ähnlich wie in der ersten Bauperiode die Mittellandzentren, die jurassischen Gemeinden und Private die grössten finanziellen Opfer für den unabdingbar gewordenen Anschluss ans Eisenbahnnetz(189). Trotz der bereitgestellten Summen kam der Bau der Schienenstränge nur schleppend voran. Erst der Ausbruch des deutsch-französischen Krieges und die darauffolgende Annexion Elsass-Lothringens durch Deutschland ermöglichten die rasche Vollendung des Netzes, weil Frankreich einen neuen Zugang nach Basel durch den Jura suchte und der Jurabahngesellschaft weitere Mittel zur Verfügung stellte(190). Im gleichen Zeitraum trugen die Gemeinden der Ämter Büren und Wangen mit grossen Opfern zur Finanzierung des Gäubahn-Projekts bei, das mit einer Streckenführung von Olten über Solothurn und Büren nach Lyss gezielt Randlagengebiete - das solothurnische Gäu und das bernische Bipperamt - in das schweizerische Eisenbahnnetz integrieren sollte(191). Unter ähnlichen Bedingungen wurde die von der Hauptachse Bern-Biel nicht berührte Gemeinde Aarberg durch die 1876 vollendete Linie Lyss-Murten ins Netz eingebunden(192). Es ist bezeichnend, dass die reichen Kornlandgemeinden in dieser Zeit die finanzielle Kraft und den politischen Willen besassen, sich ihre Eisenbahnverbindung zu sichern, während die weit schlechter erschlossenen Regionen der Feldgraszone mit ihrer geringen Steuerkraft und ihren hohen Armenlasten in dieser Beziehung zurückstehen mussten.
Bis 1874 wendete der Staat fast 30 Millionen Franken für Eisenbahnen auf und trug damit etwa 40% der gesamten Anlagekosten(193). Das 1875 in der Volksabstimmung angenommene kantonale Dekret zur Subventionierung der Eisenbahnen sah vor, dass entsprechend dem alten Prinzip der Gleichbehandlung aller Landesteile die bisher nicht erschlossenen Gegenden des Kantons gleichberechtigt an kantonalen Subventionen teilhaben sollten(194). Der Staat sollte 25% der Anlagekosten in Form von Aktien übernehmen, 25% sollten von den Gemeinden der begünstigten Landesgegend übernommen werden, und der Rest sollte auf dem Kapitalmarkt durch Anleihen beschafft werden(195). Realisiert wurde unter diesen Bedingungen die durch das Kornland und die wohlhabenderen Gegenden des Emmentals führende Achse Solothurn-Burgdorf-Langnau (1875-1881), die diese Gegenden an wichtige Verkehrsknotenpunkte (Burgdorf, Solothurn, Langnau, Luzern) anschloss. Ferner die Bödelibahn von Därligen nach Bönigen (1872-1874) mit ihren aufsehenerregenden doppelstöckigen Wagen, die die Dampfschiffahrtsrouten auf den beiden Seen verband und damit die Erschliessung des Touristenzentrums Interlaken verbesserte(196). Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass zu den Gewinnern dieser zweiten Bauperiode die industrialisierten Talgemeinden des Juras gehörten, welche den in den 1860er Jahren vorübergehend verlorenen Anschluss an das bernische Mittelland zurückgewannen, ferner prosperierende, aber in der ersten Bauperiode umfahrene Gebiete wie die Bezirke Büren und Wangen, Aarberg und das untere Emmental. Die Kompetenzüberschreitung des Regierungsrates bei der finanziellen Unterstützung der Bern-Luzern-Bahn, die 1877 vom Kanton übernommen werden musste («Vorschussmillion»), wuchs sich 1877/78 zu einer eigentlichen Staatskrise aus(197), welche zusammen mit der Rezession die Ausführung weiterer Pläne vorerst verunmöglichte.
Charakteristisch für die dritte Bauperiode 1883-1901 ist die verstärkte Ausrichtung neuer Bahnen auf das wirtschaftliche Umfeld der durchfahrenen Regionen. Neben einem Netz von Touristenbahnen im Berner Oberland, die sich mit ihren saisonal aktivierbaren Personenverkehrsspitzen in erster Linie nach der touristischen Nachfrage ausrichteten, leitete die erste Vorortsbahn (1898 Bern-Muri-Worb) das Zeitalter der täglichen Pendlerströme ein. Als dritter Typ sind regionalpolitisch motivierte Linien zur besseren Integration von Peripherien wie die Gürbetalbahn oder die Schwarzenburgbahn, die sogenannten Dekretsbahnen, zu erwähnen.
Das eigentliche Oberland blieb lange eine Eisenbahnwüste. Einmal hielt das Privatkapital die in Diskussion stehenden oberländischen Linien für unrentabel, dann war mit dem Widerstand breiter Bevölkerungskreise zu rechnen(198). Es brauchte eine bessere Einbettung Interlakens ins internationale Verkehrsnetz sowie die Aufbruchstimmung zu Beginn der «Belle Epoque» mit ihrem Schwung und ihrer Technikbegeisterung, um die Täler des Berner Oberlandes zu öffnen. Zunächst wurde der in der Euphorie der frühen 1870er Jahre geborene und in der Rezession aufs Eis gelegte Plan einer Untertunnelung des Brünigpasses mit einer normalspurigen Transitbahn 1880 in redimensionierter Form weiter verfolgt. Wie der bernische Finanzdirektor Alfred Scheurer aus eigenem Erleben vor dem Grossen Rat schilderte, vermochte der gemächliche Kutschereibetrieb den Ansprüchen nach speditiver, angenehmer und kalkulierbarer Fortbewegung immer weniger zu entsprechen: «Ist man [vom Brünig her] in Brienz angekommen und glaubt man mit dem Kutscher einen festen Akkord gemacht zu haben, so fängt derselbe an zu jammern, er komme zu kurz usw. Hernach muss man von neuem aufs Dampfschiff umladen, und bis man wieder in Bern angekommen ist, hat man nicht eine Tour, sondern eine wahre Tortur durchgemacht. So werden auch die Fremden sich belästigt fühlen, namentlich durch die ewige Trinkgelderjagd, und sich nach einer Eisenbahn sehnen, die sie möglichst rasch nach Interlaken bringt»(199). Gebaut wurde schliesslich eine Schmalspurbahn mit gemischtem Adhäsions- und Zahnstangenbetrieb, die zunächst nur den Alpnachersee mit dem Brienzersee verband. Von da an führte die Reise nach Luzern respektive nach Interlaken über die Seen. 1888 wurde der Betrieb aufgenommen(200). Damit waren die beiden bedeutendsten Touristengebiete der Schweiz, das östliche Berner Oberland und die Innerschweiz, mit öffentlichen Verkehrsmitteln verbunden. Von Westen her wurde Interlaken 1893 mit der Eröffnung des Teilstücks Scherzligen-Därligen direkt ans normalspurige Schienennetz angekoppelt. Die Verkehrserschliessung des Bödelis, die seit der Eröffnung der Dampfschiffahrt 1835 auf dem Thunersee in kleinen stetigen Schritten vorangetrieben worden war, fand damit ihren Abschluss.
Der Ausbau des Strassennetzes in die Lütschinentäler, eine Notstandsmassnahme des frühen 19. Jahrhunderts, zahlte sich in der Belle Epoque aus. Trotz Reisezeiten von 2 bis 3 Stunden und horrenden Preisen(201) liessen sich schon in den 1870er Jahren immer mehr Feriengäste per Kutsche von Interlaken aus nach Lauterbrunnen oder Grindelwald fahren, um die atemberaubende Schönheit der Bergwelt zu bestaunen. In den frühen 1870er Jahren brach an schönen Sommertagen jeweils eine Kolonne von bis zu 500 (!) Kutschen von Interlaken aus in die Täler auf(202). Eine vom Gletscherpfarrer Gottfried Strasser im Sommer 1887 angeordnete Verkehrszählung erfasste 55 000 Reisende ins Lauterbrunnental und fast 40 000 nach Grindelwald(203). Damit erschien der Bau einer Bahn lohnend. Ein eigentliches Spekulationsfieber brach aus. Neben der Talbahn nach Lauterbrunnen stand gleichzeitig ein Konzessionsgesuch für die Heimwehfluh und die Schynige Platte an. Aktien wurden selbst von kleinen Geschäftsleuten, Angestellten und Dienstboten gezeichnet(204). Doch stand die Bevölkerung des Amtsbezirks Interlaken keineswegs geschlossen hinter den Bahnprojekten. Stimmen aus Kreisen des Natur- und Heimatschutzes befürchteten eine Verschandelung der Bergwelt, und das Kutschergewerbe bangte um seine Existenz(205). Schliesslich setzten sich die Befürworter durch. Am 1. Juli 1890 nahmen die Berner-Oberland-Bahnen (BOB) den Betrieb auf(206). Dann überstürzte sich die Entwicklung. Innert drei Jahren wurde die neue Linie im Hinblick auf die bevorstehende Integration Interlakens ins europäische Schienennetz zum Ausgangspunkt weiterer Bahnen. Sie führten von Lauterbrunnen aus zum Terrassendörfchen Mürren (1891), nach dem Vorbild der ersten Zahnradbahn Riggenbachs von Wilderswil aus auf die Schynige Platte (1893), von Brienz auf das Brienzer Rothorn (1892)(207), von Lauterbrunnen aus nach Wengen und von dort sowie von Grindelwald aus auf die Kleine Scheidegg (1893)(208). Die Frequenzen der Wengernalpbahn verdoppelten sich bis zur Jahrhundertwende, was die kühnsten Erwartungen übertraf(209). Von Mürren aus skizzierte der Zürcher Industrielle Adolf Guyer-Zeller 1893 in seinem Tagebuch den möglichen Verlauf einer Gebirgsbahn auf die Jungfrau(210). Sein kühner Plan sollte zwei Jahrzehnte später in modifizierter Form verwirklicht werden(211). 1906 wurde die Drahtseilbahn auf die Heimwehfluh, 1908 jene auf den Harder, 1912 jene von Mürren auf den Allmendhubel eröffnet(212).
Beatenberg wurde in ähnlicher Weise wie die Lütschinentäler von Interlaken aus erschlossen. Die ersten Fremden, welche den Berg erklommen, hatten wie in Grindelwald und in Lauterbrunnen zunächst beim Pfarrer zu übernachten. 1861-1865 liess die Gemeinde mit einem regierungsrätlichen Darlehen eine Strassenverbindung nach Interlaken erstellen, auf welcher dann der Zubringerverkehr mit Kutschen aufgenommen wurde. 1889 wurde auf Initiative des Oberhofner Baumeisters Johann Frutiger zudem eine mit Wassertanks betriebene Standseilbahn nach Merligen eröffnet, welche die Zufahrt von Westen her verkürzte(213), nachdem eine ähnliche Bahn bereits 1879 von der Anlegestelle der Dampfschiffe in Giessbach hinauf zum gleichnamigen Hotel mit seinen bengalisch beleuchteten Wasserfällen sowie 1887 von Biel nach Magglingen gebaut worden war(214).
Bahnprojekte, die keine touristischen Anziehungspunkte erschlossen, blieben länger schubladisiert. Zwar hatte ein neues, durch Volksabstimmung sanktioniertes Dekret 1891 die Staatssubventionen für den Bau von Bahnlinien auf einen Drittel der Erstellungskosten angehoben; doch reichten die Unterstützungsbeiträge zur Realisierung der meisten noch anstehenden Bauvorhaben immer noch nicht hin. Einzig zwei der im Beschluss vorgesehenen 16 Linien konnten unter diesen Bedingungen gebaut werden: Die Verbindung Huttwil-Wolhusen rückte den Oberaargau näher an die Innerschweiz heran(215); und mit der Stichbahn von Spiez nach Erlenbach, die zunächst vorwiegend der Ausfuhr von Zuchtvieh diente(216), drang der neue Verkehrsträger ins westliche Oberland vor.
Die konjunkturelle Wende nach 1890 veränderte die Situation grundlegend. Innerhalb weniger Jahre erhöhten sich die Steuereinnahmen so rasch, dass eine ausreichende Subventionierung von Eisenbahnprojekten zur Einlösung regionalpolitischer Versprechungen aus disponiblen Mitteln ins Auge gefasst werden konnte. Während früher der kritische Zustand der Staatsfinanzen und die Angst vor einer hohen Verschuldung den Gesetzgeber zur Zurückhaltung gezwungen hatten, ging es nun nur noch um die Frage: Wieviel Geld ist nötig, um die projektierten Linien ins Leben zu rufen? Das 1897 erlassene und vom Souverän mit überwältigender Mehrheit gebilligte Eisenbahndekret sah eine grosszügige Ausschüttung von Staatsbeiträgen im Ausmasse von 40% bis 60% für den Bau von 17 neuen Linien vor(217). Dadurch konnte das Netz gegen die Jahrhundertwende hin rasch erweitert und verfeinert werden.
Schwerpunkt der vierten Bauperiode war der Bau der Alpentransversale am Lötschberg mitsamt der Zufahrtslinie im Jura (Moutier-Lengnau) durch den Grenchenberg(218). Die Verbindung nach Neuenburg (1901) schloss zunächst nur eine weitere Lücke im Netz. Nach dem Durchstich des Lötschbergs übernahm sie die wichtige Rolle des Zubringers von Paris her. Mit der Lötschbergbahn konnte die seit dem frühen 19. Jahrhundert immer wieder geforderte transalpine Verbindung geschaffen werden. Sie entsprach der seit 1815 auf Nord-Süd gedrehten Längsachse des Kantons(219), nach der Niederlage von 1871 auch dem Bedürfnis Frankreichs nach einem direkten Zugang nach Italien(220). Der Flecken Spiez rückte damit zum Bahnknotenpunkt auf(221). Die Bahn kam vor allem dem Frutigland zugute, das im Verlaufe des 19. Jahrhunderts zu einer der ärmsten Peripherien des Kantons abgesunken war. Der Raum Adelboden war vor der Fertigstellung einer Verbindungsstrasse 1884 erst mit Saumtieren erreichbar(222). Der einzige Laden im Dorf verkaufte «Kaffee, Brot und andere Luxusartikel»(223). Mit der Eröffnung der Stichbahn nach Frutigen 1901 wurde das Dorf für den internationalen Tourismus geöffnet: Schon im Dezember dieses Jahres führten Pferdegespanne mit farbigem Aufputz und klingendem Geschelle die ersten Engländer zum erneuerten Hotel Wildstrubel(224). Mit der Aufnahme des durchgehenden Bahnbetriebs kam Kandersteg als weiteres Touristenzentrum hinzu. 1910 wurde die Bahn von Mülenen auf den Niesen eröffnet. In ähnlicher Weise leiteten die Verlängerung der Simmentalbahn bis Zweisimmen und der anschliessende Bau von schmalspurigen, von Anfang an elektrisch betriebenen Touristenbahnen nach dem alten Badeort Lenk und nach Gstaad-Saanen-Montreux (MOB) mit zehnjähriger Verspätung auf den östlichen Landesteil den sprunghaften Aufstieg des Fremdenverkehrs im Raum des westlichen Oberlandes ein(225). Mit der Gürbetalbahn, der Stichbahn nach Schwarzenburg, der Sensetalbahn und den Verbindungen Huttwil-Ramsei und Burgdorf-Thun, der ersten elektrischen Normalspurbahn Europas(226), wurde das bestehende Netz weiter verdichtet. Diese Linien dienten vorwiegend der Zufuhr von Futtermitteln und Dünger und dem Rücktransport von Milch, Käse und Vieh(227) und förderten damit den Fortgang der Agrarmodernisierung (vgl. 4.3.3).
Weitere Schmalspurlinien - Biel-Täuffelen-Ins, Solothurn-Zollikofen-Bern(228), Bern-Bolligen-Worb sowie Langenthal-Jura (1907)(229) - trugen teilweise den Charakter von Vorortsbahnen. Die Jungfraubahn (1912) führte den Massentourismus ins Hochgebirge(230), während die erste Seilbahn der Schweiz, der Wetterhornaufzug (1908), den Prototyp einer neuen Generation von Hochgebirgsbahnen darstellte(231). Das gesamte Anlagekapital der Normal- und Schmalspurbahnen betrug 1 916 277 Millionen Franken, davon hielt der Staat rund 18% in Form von Aktien(232). Dass die Netzdichte am Vorabend des Ersten Weltkrieges das wirtschaftlich tragbare Mass teilweise überschritten hatte, zeigt das Schicksal der 1914 eröffneten rechtsufrigen Strassenbahn Thun-Interlaken, wo der unrentable Betrieb 1939 im Zusammenhang mit dem Aufkommen des Privatverkehrs eingestellt wurde(233).
Gesamthaft gesehen, vermochte Biel unter allen Schweizer Städten seine Erreichbarkeit durch den Eisenbahnbau am stärksten zu steigern, weil es - an der alten Jurafuss-Transversale gelegen - durch die Schaffung einer zweiten Alpentransversale in ähnlicher Weise aufgewertet wurde wie Olten durch die Gotthardbahn. Biel war jene Stadt, die ihre Einwohnerzahl von 1850 bis 1910 am stärksten steigerte (vgl. 3.2.2). Dagegen vermochte Bern - gemessen am Wachstum der Einwohnerzahlen - unter allen grösseren Städten am wenigsten von der Verbesserung seiner Erreichbarkeit zu profitieren(234).
Die Strassen standen weit weniger als die Eisenbahnen im Rampenlicht der Politik und der Publizistik, und als Folge davon hat ihnen die Geschichtsschreibung bisher wenig Beachtung geschenkt. Von der Grössenordnung der für den Strassenbau aufgewendeten Mittel und von der ökonomischen Bedeutung der Strassen her lässt sich dies nicht rechtfertigen: Insgesamt wendete allein der Staat für den Bau von Strassen im 19. Jahrhundert mehr Mittel auf als für die Eisenbahnen(235), und es wurden insgesamt mehr Kantonsstrassen- als Eisenbahnkilometer erstellt: Die Länge des Staatsstrassennetzes verdoppelte sich von 910 km in den 1820er Jahren auf 2158 km (1903)(236). Dazu kam der Ausbau der Gemeindestrassen. Die ökonomische Bedeutung der Strassen für die Feinerschliessung des Raumes und als Eisenbahnzubringer ist für die Schweiz des 19. Jahrhunderts noch nicht untersucht worden. Für Frankreich ist Roger Price zum Schluss gelangt, dass für die weiträumige Bewegung von agrarischen Massengütern die Transportkosten und die Transportgeschwindigkeit auf der Strasse auch über relativ geringe Distanzen eine erhebliche Rolle spielten und dass der Ausbau somit ökonomisch gerechtfertigt war(237). Darf aus der «geräuschlosen» Finanzierung des bernischen Strassenbaus der Schluss gezogen werden, dass dieser schon vor dem Zeitalter des Automobils weniger umstritten war als der Bau von Eisenbahnen, obschon der Staat aus den Strassen keinen unmittelbaren finanziellen Gewinn zog?
Die «Verkehrsrevolution», welche der Bau des Eisenbahnnetzes in Europa zwischen 1830 und dem Ende des 19. Jahrhunderts mit sich brachte, gilt als «Herzstück» der Industrialisierung (Wehler) und hat in der Forschung entsprechende Beachtung gefunden. Als Vorteile des neuen Verkehrsträgers gegenüber dem Strassen- und Kanaltransport werden übereinstimmend seine grössere Geschwindigkeit, Sicherheit und Zuverlässigkeit sowie die geringeren Transportkosten genannt(238). Unbestritten ist ferner, dass der Bahnbau bei der Einführung von Aktien und Obligationen als neue Instrumente zur Finanzierung von Grossinvestitionen als Vorbild wirkte(239). Unterschiedlich bewertet wird dagegen - je nach der Natur der untersuchten Region - das Gewicht der Eisenbahn als «Führungssektor» der Industrialisierung. Ein Führungssektor sollte ein hohes technisches Niveau, ein grosses Gewicht im Rahmen der Gesamtwirtschaft und vor allem starke Ausbreitungseffekte aufweisen, sei es, dass er zu seiner Schaffung und seinem Unterhalt eine bedeutende Nachfrage nach bestimmten Gütern (im Falle der Eisenbahn vor allem Schienen und Rollmaterial) auslöste(240), sei es, dass die Reduktion der Transportkosten den Einzugsbereich der Märkte erweiterte und eine Senkung der Stückkosten erlaubte, die über den Angebotspreis an den Kunden weitergegeben werden musste(241), und damit die Arbeitsteilung vorantrieb. Die steigende Nachfrage nach Schienen und Rollmaterial äusserte sich primär in jenen Ländern, die - wie England, Frankreich und Preussen - über eine eigene Schwerindustrie verfügten(242). Dagegen musste ein Land wie die Schweiz die Schienen, eine Zeitlang auch das Rollmaterial, importieren. In jedem Falle schuf der Bau einer Eisenbahn in Handarbeit eine grosse Zahl von temporären Arbeitsplätzen: So standen beim Bau des Hauensteintunnels im Frühjahr 1856 3000 Arbeiter im Einsatz(243). Markterweiternd wirkte die Eisenbahn vor allem in Binnenregionen, die wie die Schweiz nur unzureichend durch Wasserstrassen erschlossen waren, indem sie die Transportkosten für Massengüter wie Getreide senkte und die Voraussetzungen zum Import von Kohle schuf(244). Daniel Marek hat nachgewiesen, dass ein nennenswerter Import von Kohle in die Schweiz überhaupt erst mit der Eisenbahn möglich wurde. Unter physikalischen Gesichtspunkten lohnt sich der Einsatz eines Energieträgers nämlich nur dann, wenn die bei seiner Verbrennung anfallende Endenergie den zu seiner Gewinnung, Aufbereitung und Verteilung benötigten Energieaufwand übersteigt. Aus diesem Grunde konnte Kohle mit Pferd und Wagen auf der Strasse oder im Treidelverkehr stromaufwärts auf Wasserläufen bei erheblicher Strömung nur über kurze Strecken transportiert werden. Erst die Eisenbahn, die den Energierohstoff für ihren Betrieb selber mitführte, erfüllte diese Voraussetzung und ermöglichte dadurch die grossräumige Verteilung von Kohle(245). Aus dieser Sicht interpretiert Marek die Eröffnung des Hauensteintunnels am 1. Mai 1858 als entscheidenden Durchbruch der fossilen Energie in der Schweiz. Von diesem Zeitpunkt an war das Mittelland über das oberrheinische Eisenbahnnetz mit den Kohlegruben des Saarreviers verbunden(246), und die Kohle rollte in steigenden Mengen ins Land (vgl. Fig. 5.14.). Der Verbrauch blieb in den ersten dreissig Jahren auf die Industrie, die Gaswerke und die Bahnen beschränkt; im Hausbrand war die Kohle wegen der Staub- und Geruchsbelästigung nicht beliebt.
Von der Ressourcenbasis her ist zwischen einer «solaren» und einer «fossilen» Phase der Industrialisierung zu unterscheiden. In der ersteren standen ausschliess-lich erneuerbare, rezyklierbare Energieträger und Werkstoffe (Holz, menschliche und tierische Arbeitskraft, Wasser und Windenergie) zur Verfügung. Mechanische Drehbewegungen wurden mit Wasserrädern, Windmühlen oder mit einem (durch tierische Kraft angetriebenen) Göpel erzeugt, was nur in einem begrenzten Umfange möglich war und ausserdem mit Unstetigkeit der Energiezufuhr erkauft werden musste. So manches Unternehmen, das sich an einem Flüsschen mit relativ geringer Wasserführung angesiedelt hatte, konnte später seine Produktion wegen der beschränkten Verfügbarkeit der Antriebsenergie nicht erweitern. In dieser ersten «solaren» Phase der Industrialisierung hatte sich die Schweiz auf die Herstellung von Uhren und Textilien spezialisiert, die nur hydraulische Antriebsenergie und wenig Transportkosten erforderten. Die unbeschränkte Verfügbarkeit des fossilen Energieträgers Kohle über das Eisenbahnnetz verschaffte der Textilindustrie dann ein zweites energetisches Standbein, indem in Perioden mit geringer Wasserführung die Dampfkraft als Substitutionsenergie eingesetzt werden konnte. Vor allem aber erlaubte die Kohle die Anwendung von Verfahren, die grosse Mengen an Prozesswärme benötigen, und legte dadurch mit der Metall- und Maschinenindustrie, der chemischen Industrie, der Zementindustrie und der Nahrungsmittelindustrie als Trägerbranchen den Grundstein zu einer zweiten Industrialisierungsperiode. Bei der Prozesswärme handelt es sich um «graue» Energie zur Umwandlung von Stoffen, deren Bedeutung - im Unterschied zur hydraulischen Antriebsenergie mit ihren Wasserrädern und Turbinen - im äusseren Erscheinungsbild der Fabrik kaum in Erscheinung tritt.
Obschon das Berner Mittelland um 1860 ins Eisenbahnnetz integriert war, gingen vom neuen Verkehrsträger in den ersten drei Jahrzehnten vergleichsweise geringe ökonomische Impulse aus. Im Unterschied zur Ostschweiz, wo zwischen 1850 und 1880 die Maschinen- und Metallindustrie Fuss fasste, oder zu Basel, wo in dieser Zeit die Grundlagen der chemischen Industrie gelegt wurden, waren die bestehenden Leichtindustrien (Uhren, Textilien) nicht in nennenswertem Masse auf die Kohle angewiesen, und neue, prozessorientierte Industriezweige siedelten sich nicht an.
In der Folge werden teilweise in Anlehnung an Georges Grosjean(247) die einzelnen Industriezweige näher dargestellt, wobei - wo dies die Literatur erlaubt - näher auf bedeutende Unternehmen eingegangen wird(248), ohne dass dabei Vollständigkeit angestrebt wird.
Das Fabrikationsprinzip der Etablissage erlaubte der Uhrenindustrie von der Jahrhundertmitte bis zum Einbruch der Grossen Depression einen rapiden Aufschwung mit jährlichen Wachstumsraten von 6 bis 7%(249). Die schmucklosen, robusten und preiswerten Zeitmesser aus dem Südjura entsprachen dem Geschmack der Kundschaft in den Vereinigten Staaten und fanden dort reissenden Absatz. Zudem hatte Washington der Schweiz 1855 die Meistbegünstigungsklausel gewährt(250). Im Südjura schossen die Uhren-Etablissements aus dem Boden: 1851 Moutier Watches, 1853 Reconvilier Watch, 1859 Favre in Cormoret, 1866 Du Parc in St-Imier und Juillard in Cortébert(251). Von 1848 bis 1888 verdoppelte sich die Zahl der in der Uhrenindustrie Beschäftigten im Berner Jura und am Jurafuss von 6000 auf 13 735(252), wodurch Bern zum bedeutendsten Uhrenkanton aufstieg. Um 1890 führte die Schweiz für 100 Millionen Franken Uhren aus, woran der Kanton Bern etwa zur Hälfte beteiligt war(253). Nicht selten floss das Startkapital zur Gründung von Fabriken aus der Landwirtschaft, die in der gleichen Periode mit der Agrarmodernisierung an Produktionskraft gewann(254). Doch geriet die Schweiz trotz (oder wegen?) des enormen Breitenwachstums gegenüber den Amerikanern technologisch und qualitativ in Rückstand, als diese zur integralen Fabrikproduktion übergingen(255). An der Weltausstellung in Philadelphia 1876 fanden die maschinell hergestellten Uhren dank ihrer Präzision und relativ tiefen Preisen weltweit einen grossen Durchbruch, vorwiegend auf Kosten des Absatzmarktes für Schweizer Uhren. In den folgenden zwei Jahrzehnten zogen die Schweizer teilweise nach: Industriell produziert wurden vorwiegend Uhrwerke, Uhrengläser, Spiralen- und Uhrzeiger, während Uhrsteine, Federn und Zifferblätter weiterhin in Heimarbeit angefertigt wurden. Verbesserungen in der Ausbildung, Synergieeffekte zu einer dynamischen Maschinenindustrie sowie der frühe Übergang zur Elektrifizierung verliehen der Branche eine kontinuierliche Innovationskraft, was im Erfolg der folgenden Jahrzehnte ersichtlich wurde(256).
Bei der Textilindustrie ist zunächst auf das Leinengewerbe einzugehen. Nach dem Zusammenbruch der Heimspinnerei im Emmental wurde Garn importiert, und der einheimische Flachs wurde durch Fabriken verarbeitet: Eine erste mechanische Flachsspinnerei nahm 1839 in Burgdorf(257), ein zweites Unternehmen 1872 in Rüderswil den Betrieb auf(258). Nachdem um die Mitte des 19. Jahrhunderts im Absatz von Leinwandprodukten eine Stockung eingetreten war, begann für diese Industrie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts eine neue Entwicklung. Der Ausbruch des amerikanischen Bürgerkrieges bewirkte eine Verteuerung der Baumwolle, was die Nachfrage nach Leinengeweben wiederbelebte. Mechanische Leinenwebereien wurden unter anderem in Burgdorf(259) und in Bärau (Langnau) installiert, in beiden Fällen stammte die Antriebsenergie von Turbinen(260). 1882 zählte die Leinenweberei sieben Unternehmungen mit 267 Stühlen, 279 Arbeitern und 13 Angestellten. Die Leinenindustrie setzte ihre Erzeugnisse gegen die Konkurrenz französischer, deutscher und belgischer Ware vorwiegend auf dem inländischen Markt ab. Daneben hielt sich die hausindustrielle Heimweberei in Symbiose mit kleinbäuerlicher Landwirtschaft bis in die Zwischenkriegszeit(261).
In den 1830er Jahren hatten sich neuenburgische Uhrenfabrikanten auf der Suche nach deregulierten Produktionsbedingungen von Westen her kommend im Südjura niedergelassen. Nach 1860 richteten Ostschweizer Baumwollfabrikanten auf der Suche nach neuen hydraulischen Energiequellen zur Erweiterung der Produktionsanlagen ihre Blicke von Osten her in den Kanton Bern. Die Jahre von 1865 bis 1876 ragen im ganzen 19. Jahrhundert als die erfolgreichste Periode in der Geschichte der Baumwollspinnerei heraus(262).
1863 kaufte Johann Friedrich Gugelmann, Teilhaber des seit dem Ende des 18. Jahrhunderts bestehenden Textilunternehmens Künzli in Ryken bei Murgenthal, bei der Station Roggwil drei Parzellen und liess dort eine mechanische Weberei und einen Gewerbekanal erstellen. Als Antriebsenergie diente das Wasser der Langeten(263), als «Notaggregat» wurde bei geringer Wasserführung eine Dampfmaschine eingesetzt. 1866 wurde der Geschäftssitz nach Langenthal verlegt. 1873 erweiterte man die Turbinenanlage zur Produktion von Wolltüchern, 1883 wurde der Wolltuchweberei eine eigene Wollspinnerei, 1885 eine Ausrüsterei und 1888 eine Garnfärberei angegliedert(264). Die Zahl der Arbeitsplätze für diesen Zeitpunkt ist nicht bekannt, doch dürfte es sich bei Gugelmann um den grössten industriellen Arbeitgeber im Oberaargau gehandelt haben.
In Burgdorf entstand 1865 eine mechanische (Baum-)Wollspinnerei(265), in Kirchberg rief die Initiative des Ostschweizer Unternehmers Ferdinand Oberholzer 1869 eine Weissweberei ins Leben(266). In Bern nutzte die Spinnerei Felsenau (1864) das Gefälle der Aare durch den Bau eines Stollens. Insgesamt beschäftigte die Textilindustrie nach der Gewerbestatistik von 1889, wenn die einzelnen Spezialitäten zusammengefasst werden, fast 7000 Personen, mehrheitlich Frauen(267), doch war sie im Vergleich mit den industrialisierten Kantonen der Nord- und Ostschweiz von mässiger Bedeutung.
Hinter der Textilindustrie folgten nach der Zahl der Arbeitsplätze die verschiedenen Baugewerbe, die sich vorwiegend in der Stadt Bern konzentrierten, im vierten Rang stand mit der Holzschnitzerei im Raum Brienz ein Kunsthandwerk für den Fremdenverkehr(268), das mit einer gewissen Wertschöpfung auch für den Export arbeitete(269).
In Thun wurde die 1819 auf Initiative der Tagsatzung gegründete eidgenössische Militärschule für Stabs-, Genie- und Artillerieoffiziere zum Kristallisationskern der industriellen Entwicklung. Als Annexbetriebe entstanden 1862 die spätere eidgenössische Konstruktionswerkstätte, 1866 die Munitionsfabrik(270). Diese bot bis in die späten 1880er Jahre 200-300, am Vorabend des Ersten Weltkrieges über 800 Arbeitsplätze, bei Kriegsende beschäftigte sie gar mehr als 1800 Personen(271). Die Konstruktionswerkstätte stellte nach der Übertragung des Militärwesens an den Bund (1874) Teile der militärischen Ausrüstung wie Fahrräder, Sättel und Munitionskisten sowie Transportwagen aller Art her und nahm Anpassungen an importierten Waffen, vor allem Geschützen, vor. 1893 beschäftigte sie 150 Personen(272).
Das seeländische Lyss, das neben Biel zum wichtigsten Bahnknoten des Seelandes geworden war, hatte sich um 1890 mit Gewerben zur Verarbeitung agrarischer Produkte, einer Uhrenfabrik, einer Wollspinnerei, einer mechanischen Ziegelei und einer mechanischen Zement- und Bausteinfabrik (Bangerter & Cie AG) ebenfalls eine gute Ausgangsposition für die zweite Industrialisierungswelle geschaffen(273).
Zusammenfassend ist festzustellen, dass sich die Industrialisierung in der liberalen Gründerära auf eine Anzahl von städtischen Modernisierungsinseln - Bern, Biel, Burgdorf, Langenthal, Thun sowie auf den Südjura - beschränkte, die aus dem Meer der traditionalen ländlichen Gewerbe herausragten(274). Betrachten wir den Energieverbrauch pro Kopf um 1889 als Indikator für den Modernisierungsgrad des zweiten Sektors, stellen wir fest, dass der Südjura mit Abstand an der Spitze liegt. Dann folgen Mittelland, Seeland und Oberaargau, die Schlussränge nehmen das Oberland und das Emmental ein. Die Dampfkraft tritt vor allem in den Städten Bern, Biel und Burgdorf hervor, bestritt aber selbst dort nur 40% der installierten Leistungen, der Rest entfiel auf die Wasserkraft(275). In diesen Zentren, so darf man annehmen, waren die Wasserkraftreserven ausgeschöpft, weshalb neu zuziehende Betriebe auf Dampfkraft ausweichen mussten. Diese Betriebe konzentrierten sich vor allem in Bern (23) und Biel (15), in wesentlich geringerem Masse in Langnau (7), Burgdorf (5) und Thun (5) sowie in St-Imier, Moutier, Herzogenbuchsee und Steffisburg (je 4), schliesslich in Langenthal, Oberburg, Hasle und Laufen (je 3 Betriebe)(276), fielen als Arbeitgeber aber nicht ins Gewicht. Unbedeutend waren auch die neuen Produktionszweige der Nahrungsmittelindustrie, der Metallverarbeitung, der chemischen Industrie sowie der Bausteinfabrikation, die auf fossile Prozessenergie angewiesen waren. Am meisten Kohle verbrauchten Industrie und Gewerbe im Mittelland und im Seeland, wogegen die fossile Energie im Oberland und im Emmental entsprechend den schwierigen Transportbedingungen erst punktuell Einzug gehalten hatte(277).
Von 1900 an erlauben die Statistiken eine feinere Aufschlüsselung des Sekundärsektors nach Branchen sowie die Unterscheidung nach handwerksmässigen, fabrikmässigen und «gemischten» Erwerbsformen(278). Fig. 5.15. gibt die Zahl der Berufstätigen um 1900 und 1910 wieder: Zunächst fällt auf, dass sich hand-werksmässige Betriebsformen neben dem Bausektor in den Branchen Bekleidung, Nahrungsmittel (Lebensmittelhandwerker) behaupteten. Vorwiegend industriell waren Metallverarbeitung und Maschinenbau sowie Textilherstellung organisiert. Von Bedeutung waren industrielle Betriebsformen ausserdem in den Branchen Nahrungsmittel sowie Steine und Erden (Porzellan, Zement). Die Uhrenindustrie wurde als «gemischte» Betriebsform klassiert. In getrennten Zählungen erfasst wurde die Hausindustrie(279). Trotz der raschen Industrialisierung vermochte sich das Handwerk - gemessen an der Zahl der Arbeitsplätze - bis 1910 gut zu halten(280).
Im folgenden wird zuerst die weitere Entwicklung der traditionellen Leichtindustrien dargestellt, dann wird näher auf neue Industriezweige eingegangen.
Uhrenindustrie: Neben den auf Zulieferung spezialisierten Werken im Vallée de Tavannes entstand eine Reihe von neuen Uhrenfabriken: 1891 Cyma in Tavannes, 1903 Record Watch in Tavannes, ferner in Biel: 1880 Omega(281), 1883 Straub, 1887 Rolex(282), 1896 Central Watch, 1897 Recta, 1907 Bulowa, 1918 Mido. Die heute florierende Firma Heuer-Leonidas geht ins Jahr 1860 zurück(283).
Textilindustrie: Neue Textilfabriken von Bedeutung wurden nicht gegründet, dagegen baute Gugelmann im Oberaargau seine Kapazitäten weiter aus. In den frühen 1890er Jahren waren die Wasserkräfte an den bestehenden Standorten ausgeschöpft. Angesichts der hohen Transportkosten für Kohle schreckte Gugelmann - wie zahlreiche andere Verarbeitungsbetriebe - vor einer weitreichenden Substitution der Wasserkraft durch Dampfmaschinen zurück(284). Den Weg aus dem Energieengpass wies der neue Energieträger Elektrizität, der mit dem Bau des Elektrizitätswerks Wynau (1895/96) in ausreichender Menge zur Verfügung stand(285). 1895/96 erstellte Gugelmann elektrische Anlagen mit einer gesamten Leistungsfähigkeit von 205 PS. 1902 übernahm das Unternehmen die 1864 gegründete Spinnerei Felsenau bei Bern mit ihren 50 000 Spindeln und 300 Beschäftigten, wodurch es zu einem der bedeutendsten Textilimperien der Schweiz aufstieg(286). 1910 wurde das Werk Felsenau elektrifiziert.
Maschinenindustrie: Die Uhrenindustrie rief durch ihre Bedürfnisse die Herstellung von Präzisions-Werkzeugmaschinen im Bezirk Moutier und in Biel ins Leben. 1882 konstruierte ein Herr Schweizer in Biel die erste automatische Drehbank(287). Es folgten in Biel 1885 Eggli-Weibel, 1898 Hauser, 1901 Safag, 1908 Mikron. In Moutier gründete der Thurgauer Mechaniker Nicolas Junker 1880 die heutige Tornos, gefolgt von Petermann (1904) und Bechler (1914). In Malleray-Bévilard entstanden Schäublin und Wahli Frères(288).
Die wachsende Nachfrage nach Papier und Karton rief in Grellingen (1861)(289), Utzenstorf (1865), Deisswil (1876) und Zwingen (1913) Papierfabriken ins Leben, die zum Teil auf älteren Anlagen aufbauten(290). So stand am Anfang der Karton- und Papierfabrik Deisswil die Heirat des in Kleindietwil geborenen Mechanikers Ulrich Joerg mit der jungen Papiermacher-Tochter Rosina Légéret. Zunächst nahm Joerg den Betrieb mit einer selbstgebauten Handpappenmaschine auf; Bogen für Bogen musste von Hand abgenommen, gepresst und an der Sonne zum Trocknen ausgebreitet werden. Im bitterkalten Winter 1879/80 stand das Wasserrad still. Daraufhin liess der Jungunternehmer einen Teil der Worble in einen Stollen fassen und leitete das Wasser auf eine Turbine. Als die Kraft dieses Flüsschens nach einigen Jahren für ein grösseres Produktionsvolumen nicht mehr ausreichte, liess er Dampfmaschinen installieren(291).
Die noch in der liberalen Gründerzeit eingeleitete Konstruktion von feinmechanisch-elektrischen Apparaten stieg nach 1890 zu fabrikmässiger Bedeutung auf. Das Bundesgesetz von 1851 übertrug dem Bund das ausschliessliche Recht zur Errichtung elektrischer Telegrafen. Um die benötigten Apparate anzufertigen, wurde 1854 in Bern eine «Eidgenössische Telegraphenwerkstätte» gegründet, zu deren Leiter 1860 der in Aarau geborene Feinmechaniker Gustav Adolf Hasler(292) gewählt wurde. Wer hätte geahnt, dass aus der bescheidenen Werkstätte an der Brunngasse eines der bedeutendsten Berner Unternehmen hervorgehen würde! Nachdem die Werkstätte 1865 privatisiert worden war, nicht zuletzt weil die in Bern hergestellten Apparate nach kurzer Zeit auf das Interesse anderer Länder stiessen, tüftelte der Praktiker Hasler als Unternehmer mit seinen Mitarbeitern in den nächsten Jahrzehnten immer weitere neue Apparate aus: In Zusammenarbeit mit dem Physikprofessor Heinrich Wild entwickelte er meteorologische Registrierinstrumente, später Wasserstandsmelder und Postschliessfächer. 1877 nahm Hasler die zukunftsträchtige Produktion von Telefonen auf, später kamen Sicherungsanlagen für Eisenbahnen und Fahrtenschreiber für Lokomotiven und Autos hinzu. 1896 zog Hasler in eine neugebaute Fabrikanlage um, um 1900 beschäftigte Gustav Hasler (Sohn) als Nachfolger seines Vaters bereits 100 Mitarbeiter(293).
Ein ehemaliger Mitarbeiter Haslers, Christian Gfeller, richtete 1896 in Bümpliz eine eigene mechanische Werkstätte zur Reparatur und zur Herstellung von Telefonapparaten ein, später gliederte er seinem Betrieb eine Abteilung für Stark- und Schwachstromanlagen an(294).
Weitere Impulse zur Gründung von Maschinenfabriken gingen in Bern vom graphischen Gewerbe, in Thun von den eidgenössischen Militärbetrieben aus. 1901 gründete der erfinderische Buchdruckereitechniker und Velohändler Carl Winkler aus Leipzig zusammen mit dem kaufmännisch gewieften Fritz Fallert, einem ehemaligen Prokuristen der Schnellpressenfabrik Hamm in Heidelberg, ein Unternehmen, das anfänglich Maschinen für das Druckgewerbe vertrieb. 1904 ging die WIFAG zur Herstellung eigener, bahnbrechender Konstruktionen über und verlegte 1912 ihren Standort an die Bahnlinie am damaligen Stadtrand im Nordquartier(295). In Thun nahm der Zürcher E. J. Hoffmann 1890 die Produktion eines von ihm entwickelten neuen Patronenladers zum neuen Armeegewehr auf. Von 1897 an stellte die Munitionsfabrik die Lader selber her, worauf Hoffmann auf Verpackungen umstellte(296). Die Maschinenfabrik Ulrich Ammann begann 1886 als mechanische Werkstätte für Mühlen- und Sägebau in Madiswil, 1896 siedelte Ammann nach Langenthal um, wo er die Produktion von Turbinen zum Antrieb der von ihm hergestellten Mühlen und Sägewerke aufnahm. Nach der Jahrhundertwende rückte der Bau von Zerkleinerungsmaschinen für den Strassenbau und für die Nahrungsmittelindustrie in den Vordergrund(297).
Aus der Nachfrage nach landwirtschaftlichen Maschinen und Geräten in der zweiten Etappe der Agrarmodernisierung entstand im Emmental eine Industrie für Landmaschinen. Der 1846 in Wynigen geborene Mechaniker Johann Ulrich Aebi, der sich schon als Jugendlicher mit den Gesetzen der Hydraulik auseinandergesetzt hatte, stellte zunächst Feuerspritzen und Jauchepumpen her. Um der Flut von Bestellungen Herr zu werden, baute er 1883 nahe dem Bahnhof Burgdorf eine eigene Fabrik. Als Verkaufsrenner erwiesen sich in den 1890er Jahren die zunächst in Kopie eines amerikanischen Modells («Aebis McCormick»), später als Eigenentwicklung («Helvetia») hergestellten Mähmaschinen(298). Der Oberburger Bauernsohn und gelernte Mühlenbauer Albert Stalder begann 1874 in Oberburg ebenfalls mit der Konstruktion von Jauchepumpen, später stellte die kleine Fabrik auch Dreschmaschinen, verbesserte Versionen der Fellenbergschen Sämaschinen und Heuwender her(299).
Die über das Eisenbahnnetz verteilte Kohle schuf die energetische Basis für die Entstehung von neuen Industriezweigen wie der Zementindustrie, der Porzellanindustrie, der Metallindustrie, der Keramikindustrie und der Nahrungsmittelindustrie, die Prozesswärme benötigten und mit Ausnahme der Metallindustrie und der Porzellanindustrie einheimische Rohstoffe verarbeiteten.
Beim Porzellan blieb der schweizerische Markt das ganze 19. Jahrhundert hindurch auf Importe angewiesen. 1906 kam auf Initiative des Langenthaler Industriellen A. Spychiger das Aktienkapital zur Gründung einer Porzellanfabrik in Langenthal zusammen. Ende 1908 beschäftigte das Unternehmen 150 Arbeiter, teilweise ausländische Spezialisten zur Schulung von Einheimischen, und deckte einen Fünftel des Inlandbedarfs, wobei einen bedeutenden Teil der Produktion die florierende Hotellerie übernahm. Der forcierte Bau von Kraftwerken am Ende des Ersten Weltkriegs begünstigte die Herstellung von Elektroporzellan(300).
Mit einiger Verzögerung auf das Ausland fasste in der Schweiz zu Beginn der 1880er Jahre mit der Zementindustrie eine sehr energieintensive Branche Fuss. Angesichts der grossen Einfuhrmengen von Portlandzement aus Deutschland und Frankreich zum Bau von Brücken, Trassees und Gebäuden für Eisenbahnen, Wasserbauten und Flusskorrektionen(301) sah man in der Gründung von Zementfabriken einen Markt zur kostengünstigeren Substitution dieser Importe. Nach 1890 kamen Staumauern für Kraftwerke als Wachstumsmarkt hinzu (Reuchenette, Laufen(302), Därligen(303)).
Metallindustrie: Der Aufschwung der Metallindustrie erklärt sich vor allem von den Bedürfnissen des Marktes her. Die 1894 gegründete Eisengiesserei von Roll in Bern stellte Elemente für eiserne Brücken, Zahnstangen und Drahtseile, Schachtdeckel für Kanalisationen, Krane und ähnliches her(304), Produkte, die nicht zuletzt beim Bau von Bergbahnen im In- und Ausland(305) sowie beim Ausbau städtischer Strassenbahn- und Kanalisationsnetze Verwendung fanden. In Thun gründete Gustav Selve aus Altena in Westfalen ein Jahr später eine Fabrik für Munitionsnäpfchen für die eidgenössischen Laboratorien, später wurden im Werk zudem Telegrafendraht, Aluminium und Buntmetallhalbzeug hergestellt(306).
Nahrungsmittelindustrie: Die Nahrungsmittelindustrie verarbeitete Produkte der heimischen Landwirtschaft, namentlich Milch, oder verwendete diese als Zutat. 1867 wurde in Cham die erste Kondensmilchfabrik Europas eröffnet. Die den Alpen vorgelagerte Hügelzone wurde in den folgenden Jahrzehnten zum Standort zahlreicher Fabriken der Dauermilchindustrie, welche den häufig übersättigten Käsemarkt etwas entlasteten. Brugger erwähnt im Kanton Bern, Thun, Steffisburg, Konolfingen und Neuenegg(307). Im Falle der 1892 auf Initiative des Walliser Hoteliers Cäsar Ritz gegründeten «Berner Alpen-Milchgesellschaft»(308) kennen wir die Gründe, die zur Niederlassung in Konolfingen führten: niedrige Steuern, die Aussicht auf die Zeichnung von Aktien durch Ansässige, ein günstiger Bauplatz in Nähe der Bahnstation, das Angebot günstiger elektrischer Energie aus einem Kleinkraftwerk und die Aussicht, über das Bahnnetz Milch aus einem grossen Einzugsgebiet beziehen zu können(309). Das kleine, um 1865 an der Kirchgasse in Bern entstandene «chemischtechnische und analytische Laboratorium» des ursprünglich aus Deutschland stammenden Georg Wander stellte Malzpräparate her und wechselte infolge der ständigen Erweiterung mehrmals den Standort, ehe 1900 die Fabrik am heutigen Platz im Weissenbühlquartier gebaut wurde. Seinem Sohn, dem jungen Apotheker Albert Wander, gelang 1904 mit der «Ovomaltine» nach ausdauernden Forschungsbemühungen ein Volltreffer. Das Stärkungsmittel gehörte zum neuen Typ der industriell hergestellten «Gesundheitskost» und wurde bis zum Ersten Weltkrieg bereits in England, Deutschland, Frankreich und den Vereinigten Staaten hergestellt(310). In Belp wurde 1901 mit der Produktion von Kindermehl («Galactina») begonnen(311). In Thun ging die 1836 gegründete Käsehandelsfirma Gerber von 1911 an zur fabrikmässigen Herstellung von Schmelzkäse in Weissblechdosen über(312), der hohen Temperaturen gewachsen war. Diese Erfindung verhalf ihr im Ersten Weltkrieg zu Reichtum, weil europaweit die Armeen nach Dosenkäse verlangten(313).
Der gelernte Konditor Jean Tobler aus Lutzenberg AR stellte von 1875 an als Kleinstunternehmer und Nebenerwerbslandwirt mit sechs Kühen (!) auf einem kleinen Grundstück in der Berner Länggasse zunächst Süssigkeiten her. In mehreren Etappen wurde die Konditorei bis 1899 zur Schokoladefabrik ausgebaut(314). Ein weiteres florierendes Unternehmen der Süsswarenbranche entstand 1910 in Trubschachen mit der Biskuitfabrik Kambly(315). In Aarberg wurde die 1899 niedergebrannte Zuckerfabrik im Ersten Weltkrieg wieder in Betrieb genommen(316).
Durch mehrere Zeitgenossen ist bezeugt, dass die «classe politique» und die Bevölkerung im Kanton Bern in ihrer Mehrheit bis um 1860 der Industrie abgeneigt waren. «Ein Land, das ein wohlhabendes Bauerntum hervorgebracht hatte, brauchte nicht um jeden Preis nach Industrie Ausschau zu halten»(317). Georges Grosjean ist zum bemerkenswerten Ergebnis gelangt, dass nur ein kleiner Teil von später gross gewordenen Industrieunternehmern Kantonsberner waren. Die wenigen erfolgreichen Berner Firmengründer stammten bezeichnenderweise aus dem Oberaargau (u.a. Gugelmann, Ammann, Spychiger) und aus dem Emmental (Aebi, Stalder, Kambly), wo eine Industrietradition vom 18. Jahrhundert her überlebt hatte. Im Jura und in Biel kamen die Impulse vorwiegend aus dem Kanton Neuenburg (u.a. Verdan), aus der Ostschweiz (Junker) oder aus dem Ausland (Schüler, Bulova). Die Eisen-, Papier- und Keramikindustrie empfing entscheidende Impulse von Solothurn (von Roll, Ziegler) her. Die Pioniere der beiden grösseren privaten Industriebetriebe in Thun stammten aus Deutschland (Selve) und aus Zürich (Hoffmann). Die Gründer grosser Stadtberner Unternehmen stammten mit Ausnahme von Christian Gfeller aus Deutschland (Wander, Winkler, Fallert), aus Appenzell (Tobler) und aus dem Aargau (Hasler). Einzig Pioniere im graphischen Gewerbe (Haller & Wagner = Hallwag, Büchler, Stämpfli) waren gebürtige Berner(318). Zu untersuchen bleibt, inwieweit ausgewanderte Berner in anderen Kantonen oder im Ausland erfolgreiche Unternehmungen gründeten.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass von den frühen 1890er Jahren an Tausende von neuen Arbeitsplätzen in der Industrie geschaffen wurden. Dabei kam der Veredelung einheimischer Rohstoffe (Nahrungsmittel, Steine und Erden, Wasserkraft) auf hohem Niveau eine grosse Bedeutung zu(319). Dieser Befund steht im Widerspruch zur Historiographie des «Sonderfalls», die die Rohstoffarmut der Schweiz als Hypothek einer industriellen Entwicklung herausstreicht. Im Kanton Bern expandierten einmal die traditionellen Leichtindustrien, dann entstanden im Zuge der zweiten Industriellen Revolution neue Branchen wie die Metall-, Porzellan-, Zement- und Nahrungsmittelindustrie, die auf Prozesswärme angewiesen waren, ferner die Maschinenindustrie und Branchen wie der Bau von Apparaten und Stromverteilungsanlagen, die Bestandteile der neuen Energieverteilungs- und Kommunikationsnetze herstellten. Dabei wuchsen teils bestehende Klein- und Mittelbetriebe zu industriellen Unternehmungen heran (z.B. Tobler, Wander, Hasler), teils liessen sich neue Unternehmen im Kanton nieder (Porzellan Langenthal, Zementindustrie, verschiedene Maschinenindustrien). Am Erfolg waren Erfindungen wie die automatische Drehbank und die «Ovomaltine» ebenso beteiligt wie Verbesserungen der Telefon- (Hasler) oder Agrartechnologie (Aebi) und neue Produkte wie die «Toblerone». Nachfrageimpulse gingen teils vom Aufschwung des Tourismus (z.B. von Roll), von der Bauwirtschaft (z.B. Ammann), von der Mechanisierung der Landwirtschaft (z.B. Aebi) und von den Bedürfnissen der Uhrenindustrie (z.B. Tornos) aus. Vor allem aber wirkten bernische Unternehmen im Unterschied zum primären Eisenbahnnetz bei der Schaffung des Elektrizitätsnetzes, des elektrischen Kommunikationsnetzes führend mit. Bei der Elektrifizierung der Bahnen (Burgdorf-Thun-Bahn, BLS) gehörte Bern zu den Pionieren. Als Besonderheit ist im internationalen Vergleich die geringe Bedeutung der Dampfkraft (nicht aber der Kohle!) hervorzuheben. Manche Betriebe gingen bei der Erweiterung nach 1890 unmittelbar von der hydraulischen zur elektrischen Energie über.
Um das reibungslose Funktionieren des Eisenbahnverkehrs sicherzustellen und zu überwachen, bedurfte es eines ergänzenden Telekommunikationsnetzes, das schneller war als die Bahn selber. Es war dies der elektrische Telegraf(320). Zur Sicherung wurden die Strecken in sogenannte Blöcke unterteilt. Wenn ein Block frei war, wurde dies in den nächsten telegrafisch weitergemeldet, worauf ein optisches Signal dem Lokomotivführer die Weiterfahrt freigab. Ohne Telegraf war das grosse technische System der Eisenbahn nach den Worten des philosophischen Eisenbahnfachmannes und Komponistensohnes Max Maria von Weber wie ein Organismus ohne Nervensystem(321). In der Schweiz wurde der Bau des Telegrafennetzes fast gleichzeitig mit dem Bahnnetz an die Hand genommen, wobei sich in Unterschied zu diesem der Staatsbetrieb von Anfang an durchsetzte(322). Ende 1852 war das Land bereits mit 1920 km eindrähtigen Eisenleitungen überzogen, die von 34 Telegrafenbüros aus betrieben wurden(323). Von 1880 an wurde in Zürich der Aufbau eines Telefonnetzes an die Hand genommen, ein Jahr später folgten Lokalnetze in Basel und Bern(324).
Mit dem Gasnetz wurde 1843 ein erstes System zur flächenhaften Verteilung von Energie geschaffen. Bern führte als erste Schweizer Stadt - auf der Basis von einheimischer Beatenberger Kohle, die auf der Aare verschifft wurde - die öffentliche Gasbeleuchtung ein. Das Gaswerk im Marzili wurde zunächst von einer privaten Gesellschaft betrieben und später von der Gemeinde übernommen(325).
Von 1880 an begannen Bastler und Tüftler, die Elektrizität als neue Energiequelle nutzbringend einzusetzen. Für das ländliche Württemberg hat Kleider nachgewiesen, dass in dieser Pionierphase einige der im späten 19. Jahrhundert unrentabel gewordenen Kleinmühlen durch Einsatz einer Turbine zu Kleinkraftwerken umgerüstet wurden(326). In ähnlicher Weise entstanden Kleinkraftwerke zur dezentralen Energieversorgung von Dörfern und Betrieben im Kanton Bern(327). Die Vorreiterrolle für die industrielle Verwendung in der Schweiz übernahm der Drahtzug in Bözingen, der das Gefälle der Schüss als Kraftquelle nutzte. Im Winter 1882 wurden «dynamo-elektrische Maschinen» eingesetzt, welche die Fabrik mit 30 Doppellampen taghell beleuchteten. 1884 wurde eine elektrische Kraftübertragung installiert. Über eine 1200 Meter lange Freileitung, bestehend aus zwei 7 Millimeter dicken Kupferdrähten, lieferte ein Generator von rund 30 PS die Antriebsenergie für die Uhrenfabrik «Bourgeois & Roulet». Die Kraftübertragung in Biel war bahnbrechend für die Schweiz, und wahrscheinlich gehörte sie weltweit zu den ersten dieser Grössenordnung(328). 1891 übertrugen die Schweizer Maschinenfabrik Oerlikon und die deutsche AEG an der Frankfurter Elektrotechnischen Ausstellung erstmals Kraft bei 15 000 Volt Spannung über 175 km von Lauffen am Neckar nach Frankfurt und erzielten damit einen technologischen Durchbruch mit weitreichenden Konsequenzen(329). Nun begann die Schweiz, ihre Wasserkräfte durch eine neue Brille zu betrachten: «Wenn es wahr wird, dass die nie versiegende gewaltige Kraft unserer Alpenströme durch Turbinen gefesselt, mittels Dynamo-Maschinen in Elektrizität umgewandelt und fortgeleitet und an einem entfernten Ort zum Betrieb von Fabriken, ja selbst von Lokomotiven verwendet werden kann, [ ] dann gehört ja unser Land plötzlich zu den reichsten der Erde»(330).
In der Folge entstanden lokale «Lichtwerke» auf Initiative einzelner Gemeinden, so in Meiringen (1888), Frutigen und Interlaken (1893), wo die Werbewirkung der elektrischen Beleuchtung für den Tourismus eine Rolle gespielt haben dürfte(331). 1891 setzte Bern als erste Schweizer Stadt auf die neue Technologie, 1894 folgte Biel(332). 1896 wurde in Wynau das erste grosse Laufkraftwerk der Schweiz in Betrieb genommen.
Das Projekt dieses Kraftwerkes wurde 1891 durch den unermüdlichen Industriepionier Robert Müller-Landsmann mit Hilfe engagierter Politiker in Angriff genommen; es wurde nach einem ersten, gescheiterten Anlauf 1895/96 durch den deutschen Elektrokonzern Siemens & Halske erstellt, der über die grössere Risikobereitschaft und Finanzkraft verfügte als die schweizerische Konkurrenz. Die Mittel stellten die Basler Handelsbank und die deutsche Disconto-Gesellschaft zur Verfügung, weil sich die Berner Banken - trotz reichlich verfügbarem Kapital(333) - nicht engagieren wollten(334). Die Initiative zum Bau des Kraftwerks Hagneck ging von Gemeinden und Privaten aus; doch auch hier konnten die nötigen Mittel nur durch Kooperation mit auswärtigem Kapital zusammengebracht werden: Die 1896 gegründete Aktiengesellschaft lag zu 90 Prozent in den Händen der Motor AG, Gemeinden und Private steuerten nur je 5% bei(335). Das 1899 gebaute Kraftwerk Spiez wurde durch die schweizerische Brown Boveri & Cie. (BBC) gebaut und durch die Finanzgesellschaft Motor AG, eine gemeinsame Gründung von BBC sowie einer schweizerischen und einer deutschen Universalbank, finanziert. Auf Grund der starken Beteiligung deutschen Kapitals und deutscher Technologie an der bernischen Elektrifizierung spricht Ueli Müller von einer «technologischen Binnenkolonisierung» des Kantons (336). Diesen Begriff hält Martin Matter für unangemessen: Es wäre gar nicht möglich gewesen, dass eine im internationalen Massstab so kleine Region wie der Kanton Bern alle Komponenten einer Spitzentechnologie selbst hätte entwickeln können. Ein Technologieimport war unabdingbar. Zudem verfügten schweizerische Unternehmungen wie die BBC über ein ebenbürtiges Know-how wie die deutsche Konkurrenz. Diese war lediglich etwas risikofreudiger. Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass Bund und Kantone in den frühen 1890er Jahren die technische Berufsausbildung und insbesondere die Elektrotechnik so rasch ausbauten, dass schweizerische Techniker schon wenige Jahre nach der Betriebsaufnahme Wynaus die «Berliner Mannschaft» auf ihrem Posten ablösen konnten(337).
Die grosse Mehrheit der Bevölkerung(338) wünschte die Elektrifizierung als Fortschritt herbei, manche erwarteten Wunder von ihr. Im Einsatz von Elektromotoren witterten kleine Gewerbetreibende die Chance, mit grossen Fabriken konkurrieren zu können(339). Lokale Promotoren verschafften den Kraftwerkprojekten in der Bevölkerung und bei den Behörden den nötigen Goodwill. So stimmten 1903 die Gemeindeversammlungen von 17 Oberaargauer Gemeinden einer geschickt als «Rückkauf» etikettierten Übernahme des Elektrizitätswerks Wynau zu(340). In Münchenbuchsee wies der Sägereibesitzer Jakob Kästli, ein Angehöriger der lokalen Elite, der für seinen Betrieb auf Dampfkraft angewiesen war, 1897 den Gemeinderat auf die Möglichkeit eines Bezuges von Elektrizität aus dem neuerstellten Hagneckwerk hin. Daraufhin zog die Behörde bei anderen Gemeinden, die die elektrische Beleuchtung schon eingeführt hatten, Erkundigungen ein und liess von der Firma Brown Boveri einen Kostenvoranschlag für einen Anschluss ans Hagneckwerk erstellen. 1902 bewilligte die Gemeindeversammlung den für den Anschluss ans Netz erforderlichen Kredit(341). Im seeländischen Bellmund ging die Initiative 1910 von der Betriebsleitung des Hagneckwerkes aus(342). 1903 waren 80 bernische Ortschaften ans Elektrizitätsnetz angeschlossen, 1910 waren es 253, 1915 bereits 391(343).
Anstoss zu einer bernischen Elektrizitätspolitik gab die Motor AG 1903 durch den von ihr ausgelösten Zusammenschluss der beiden Kraftwerke Hagneck und Spiez. Die Parallelschaltung der beiden Werke verknüpfte das gesamte Gebiet zwischen dem bernischen Jurafuss und dem Berner Oberland zu einem zusammenhängenden Versorgungsnetz. Die Motor AG bezweckte, ihren Mehrheitsanteil an den entstehenden «Vereinigten Kander- und Hagneckwerken» (VKHW) mit Gewinn zu verkaufen. Durch den Zusammenschluss entstand ein ökonomisches Machtpotential, das eine «staatskapitalistische Lösung» nahelegte. Die bernische Elite und die Regierung unterstützten dieses Vorgehen tatkräftig. Rund um Oberst Eduard Will, den Verwaltungsratspräsidenten der Hagneckwerke, bildete sich ein Initiativkomitee, dem einflussreiche Politiker und Regierungsräte angehörten. Der aus einfachsten Verhältnissen stammende Will hatte zwischen 1886 und 1900 in Militär und Politik eine steile Karriere durchlaufen. Um die Jahrhundertwende war er Grossrat, Mitglied der einflussreichen Staatswirtschaftskommission des Grossen Rates, Bankrat der bernischen Kantonalbank und Kommandant der bernischen Armeedivision 3. Er sollte in den folgenden Jahrzehnten zur dominierenden Figur der bernischen Elektrizitätswirtschaft aufsteigen(344). Die Gruppe um Will beschloss in aller Heimlichkeit, die Kantonalbank solle zwei Drittel des VKHW-Aktienkapitals zu einem Preise von 3,7 Millionen Franken übernehmen. Vor dem Grossen Rat begründete der Regierungsrat 1905 die Übernahme mit der gesamtwirtschaftlichen Bedeutung des Unternehmens: «Es kann dem Staate nicht gleichgültig sein, wie ein Unternehmen, dessen Zustandekommen er durch die Konzessionserteilung ermöglicht hat, und das einen grossen Teil des Kantons mit Licht und Kraft versorgt, geleitet wird, ob dabei das konsumierende Publikum geschädigt wird und ob die Interessen der Gesamtheit gewahrt bleiben»(345). In diesen Worten schimmert - sozusagen als später Reflex auf die ersten Erfahrungen mit dem Eisenbahnbau - die Furcht vor einem Monopol privater, mit dem Ausland verbundener Gesellschaften durch(346). Es galt zu verhindern, dass den «Eisenbahnbaronen» der 1850er Jahre die «Elektrobarone» folgten und diese ihre Hand auf die wirtschaftlichen Nervenstränge des Kantons legten. Nicht öffentlich zur Sprache kam der ungewöhnliche Weg der Staatsübernahme durch die Kantonalbank. Er bedeutete, dass weder der Souverän noch der Grosse Rat diesen Schritt sanktionieren konnten. Zur Tarnung der staatlichen Beteiligung eignete sich die Rechtsform der Aktiengesellschaft vorzüglich, der Elektrizitätsbereich konnte so der politischen Kontrolle entzogen werden. Juristisch haftete der Aktion allerdings ein Mangel an. Die Aktienübernahme verstiess eindeutig gegen die Gesetzgebung, welche aufgrund der Erfahrungen mit dem Eisenbahnbau der Kantonalbank «industrielle» Beteiligungen untersagte(347). Aufgrund der günstigen Rahmenbedingungen konnten die VKHW (ab 1909: BKW) als «gemischtwirtschaftliches Unternehmen» unter der Führung von Eduard Will rasch expandieren. Nebst der Erweiterung des Kraftwerks Spiez bauten die BKW in dieser Zeit die Kraftwerke Kandergrund und Kallnach, welche das ländliche Netz versorgen sollten.
Von der Jahrhundertwende an wurde die Elektrifizierung des Bahnnetzes an die Hand genommen: Elektrische Bahnen verbrauchten vor allem tagsüber Strom. Sie waren daher geradezu prädestiniert, um das «Stromtal» zwischen den Lichtspitzen auszufüllen. Die erste elektrische Vollbahn Europas verkehrte von 1899 an zwischen Burgdorf und Thun. 1910 wurden die Beatenbergbahn(348) und die Wengernalpbahn(349), 1911 die Berner-Oberland-Bahnen elektrifiziert, auf dem Netz der MOB, der LJB und der BLS-Bergstrecke war von allem Anfang der elektrische Betrieb vorgesehen. Auf der anderen Seite expandierte die Verwendung von Elektromotoren in Industrie und Gewerbe. So waren 1910 in Biel bereits 290 Motoren am Netz angeschlossen, wovon die meisten von der Uhrenindustrie betrieben wurden(350). Dieser für Biel feststellbare Trend war nicht ungewöhnlich. In der Zeit von 1900 bis 1914 erlebte die Schweizer Industrie eine Phase sehr starker Mechanisierung dank dem Durchbruch der Elektrizität. Während die Facharbeiterschaft um 20% wuchs, verdoppelte sich die verwendete mechanische Kraft(351).
Unter dem Druck des Kohlenmangels im Ersten Weltkrieg stiegen die Preise für das Leuchtgas so stark an, dass dieses seinen Preisvorteil gegenüber dem elektrischen Licht einbüsste (vgl. Fig. 5.16.). Auch die Elektrifizierung von Industrie und Gewerbe, der Landwirtschaft und der Bahnen wurde rascher vorangetrieben. Die «saubere» Elektrizität profilierte sich gegenüber der Kohle als nationale Energiequelle und setzte sich auf allen Gebieten mit Ausnahme des Wärmemarktes durch(352). Die Nachfrage nach elektrischer Energie nahm stark zu, was positive Rückkoppe-lungseffekte (Bau weiterer Kraftwerke, Ausschöpfung von Skaleneffekten, Ent-stehung von Verbundnetzen) auslöste und in einen sich selbst tragenden Wachs-tumsprozess ausmündete. Eine «rationelle und vollständige Ausnutzung unserer Wasserwerke durch Bildung von interkantonalen Versorgungssystemen», welche die «NZZ» 1914 gefordert hatte(353), kam dadurch entscheidend voran. Bis 1928 war die Elektrizität sozusagen im hintersten Winkel des Kantons präsent(354). Welche Bedeutung der raschen Erschliessung dieses Potentials nach 1890 für den industriellen Aufschwung nach 1890 zuzuschreiben ist, bleibt zu klären.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass das Potential der Elektrizität
als Licht- und Kraftquelle unmittelbar nach den bahnbrechenden
Erfindungen wahrgenommen und rasch in Wert gesetzt wurde. In zahlreichen
Ortschaften wurden in den 1880er Jahren Kleinkraftwerke an Bächen
eingerichtet. In den 1890er Jahren
entstanden die ersten Laufkraftwerke an grösseren Flüssen
(Hagneck, Wynau, Spiez). Von der Jahrhundertwende an wurde die
Elektrifizierung der Bahnen vor-angetrieben, einen gewaltigen
Schub erhielt der Kraftwerkbau durch die Ver-knappung der Kohle
am Ende des Weltkrieges. Das 1903 entstandene Verbundnetz der
späteren BKW wurde als gemischtwirtschaftliches, staatlich
kontrolliertes
Unternehmen betrieben.
Interlaken blieb bis um 1890 einziger Wachstumskern der touristischen Entwicklung im Oberland. Die dortigen Pensionen wurden nach der Eröffnung der Bahnlinie nach Thun (1859) allmählich in Hotels umgewandelt. Diese wurden hauptsächlich von Engländern der Oberklasse frequentiert, entsprechend war «englische Art und Sitte massgebend»(355). Neben dem Bildungs- gewann das Vergnügungselement an Boden. Wer sich einen längeren Aufenthalt in einer fremden Gegend leisten konnte, bevorzugte Interlaken, wo er vor einer grossartigen Bergkulisse ländliche Matten mit Weidgang und Heuet unmittelbar vor den Hotels mit städtischem Wohnkomfort fand, ein landschaftliches Kapital, das weitsichtige Interlakner rechtzeitig vor Überbauung geschützt hatten (vgl. 7.4).
Laut Berufsstatistik waren um 1880 im Oberland erst 2,9% aller Erwerbstätigen im «Gasthofwesen» beschäftigt(356). Auch wenn offen bleibt, inwieweit in dieser Zahl die Arbeitsplätze mit Nebenerwerbscharakter eingeschlossen sind, verdeutlicht sie doch den verhältnismässig geringen Beschäftigungseffekt dieses Erwerbszweiges.
Der Übergang vom Individualtourismus zum gewinnträchtigeren Massentourismus in den höher gelegenen Tälern und Ortschaften des östlichen Oberlandes ist um das Jahr 1890 anzusetzen. Den Anstoss dazu gab der Bau eines Netzes von Touristenbahnen, ausgehend vom Brückenkopf Interlaken, die die Reisezeiten verkürzten, die Transportkosten reduzierten und damit das Angebot erheblich verbesserten (vgl. 5.2.2). Im weiteren liess der konjunkturelle Boom den Anteil der gehobenen Mittelschicht ansteigen; die rasch fortschreitende Urbanisierung und die damit einhergehenden Umweltbelastungen förderten den Wunsch nach Abwechslung und Erholung in einer naturnahen Umwelt mit gesunder Luft. Wo immer in der Belle Epoque ein werdender Kurort ans Bahnnetz angeschlossen wurde, wurden auf der grünen Wiese nach dem Muster Interlakens in wenigen Jahren eine Anzahl klotziger Hotelpaläste hochgezogen, die das Bild des betreffenden Dorfes verfremdeten, aber im Gastgewerbe, im Handwerk, im Verkauf von Andenken, im Bergführerberuf eine ganze Kaskade von neuen Beschäftigungsmöglichkeiten(357) schufen und den Bauern einen lokalen Absatzmarkt für ihre Erzeugnisse öffneten(358). Innerhalb von 25 Jahren verdreieinhalbfachte die bernische Hotellerie ihr Bettenangebot(359). Durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze konnte die Abwanderung in den Fremdenverkehrszentren gebremst werden, sofern sich der Trend nicht gar umdrehte.
Freilich veränderte der Strom der fremden Gäste, unter denen die Deutschen bald einmal dominierten(360), den Charakter der sozialen Beziehungen und der einheimischen Kultur. Grund und Boden wurden kommerzialisiert, die Heimarbeit trat hinter die touristischen Dienstleistungen zurück, die Eigenproduktion wurde eingeschränkt, der Lebensstil der Fremden weckte neue Bedürfnisse.
Der stürmische Frequenzanstieg in den 1890er Jahren verlockte zu riskanten Investitionen, so dass zumal in verregneten Sommern und schneelosen Wintern viele Betten leerstanden. Obschon sich solche meteorologische Ungunstperioden nach 1906 häuften(361), wurde der Bettenberg bis zum Ersten Weltkrieg weiter aufgestockt. Um 1912 waren viele Hotels überschuldet; die Kreditanstalt riet von der Finanzierung weiterer Anlagen ab. Mit dem Ausbruch des Weltkrieges blieben die Fremden aus, das Hotelgewerbe stürzte in eine tiefe Krise(362), von der es sich, an der Bettenzahl gemessen, erst in der langen Hochkonjunkturphase der 1950er und 1960er Jahre erholte.
Durch das Überangebot an Betten wandelte sich der Tourismus im Oberland zu einem Angebotsmarkt, für den das Marketing eine immer wichtigere Rolle spielte. Spazierwege und Sportanlagen (Golf, Tennis) wurden geschaffen, Unterhaltungsmöglichkeiten für die Gäste (Tell-Freilichtspiele, Feuerwerke, venezianische Nächte, Alpaufzüge) organisiert(363). Um die Jahrhundertwende wurde der Skisport propagiert, was eine Breitenentwicklung des Wintertourismus einleitete. Mit professioneller Werbung (Weltausstellungen, SBB-Reisebüros) und publizitätsträchtigen Aktionen wie Ballonaufstiegen (Kapitän Spelterini) suchten die zu diesem Zwecke geschaffenen Verkehrsvereine die Aufmerksamkeit ihres Kundenkreises auf das Berner Oberland zu lenken(364).
Zusammenfassend ist festzustellen: Ausgehend von Interlaken als Drehscheibe wurden von den späten 1880er Jahren an binnen zweier Jahrzehnte die Täler, teilweise schon die ersten Terrassen und Gipfel, des Oberlandes von Ost (Brünig) nach West (Saanen) fortschreitend erschlossen. Im Kielwasser des Bahnbaus blühte der Massentourismus auf, wobei der überbordende Ausbau der Hotellerie bis zum Vorabend des Weltkrieges bedeutende Überkapazitäten schuf.
Wer die Entwicklung des Bankwesens erforschen will, muss über einen soliden Fundus an einschlägigen Sachkenntnissen verfügen, den zumeist nur Ökonomen mitbringen. Die folgenden Ausführungen stützen sich auf die einschlägige Dissertation von Albert Schaufelberger(365) und vor allem auf die 1973 erschienene Synthese von Franz Ritzmann, die den Kanton Bern verschiedentlich berührt und im Anhang eine chronologische Liste aller zwischen 1702 und 1966 gegründeten und aufgelösten Institute enthält(366), sowie auf die komparativen Untersuchungen von Martin Körner zum Kanton Luzern(367). Ergänzend werden Jubiläumsschriften von regionalen und lokalen Sparkassen herangezogen(368); eine erste gesamtbernische Statistik ist 1885 zusammengestellt worden(369). Noch kaum untersucht sind - nicht nur im Kanton Bern - die Wechselwirkungen zwischen dem Bankensektor und einzelnen Teilen der Volkswirtschaft, namentlich den Eisenbahnen und der Industrie(370). Erst anhand einer entsprechenden Monographie, wie sie Martin Körner für den Kanton Luzern verfasst hat, kann die wichtige Frage der Finanzierung der Agrarmodernisierung, des Eisen bahnbaus und der Industrialisierung einer Beantwortung zugeführt werden(371).
Die Entstehung des europäischen Bankwesens ist aufs engste
mit dem staatlichen Kreditbedarf verbunden. Während Fürsten
und Monarchen ihre Staaten mit kriegerischen Unternehmungen und
verschwenderischer Hofhaltung verschuldeten, zogen die eidgenössischen
Republiken daraus reichen Gewinn, indem sie ihre Territorien für
die Werbung von Reisläufern öffneten und Nahrungsmittel
(Getreide, Käse)
zur Versorgung kriegführender Heere beisteuerten. Ein bedeutender
Teil der einfliessenden Kapitalien und Pensionsgelder gelangte
in die Hände der Behörden, die damit ihren Staatsschatz
äufneten, da die heimische Kreditnachfrage im allgemeinen
gering war. Während im Ausland Bankunternehmungen zur Kreditschöpfung
für die Bedürfnisse von Fürstenhäusern geschaffen
wurden, hatten sie in der Eidgenossenschaft die Aufgabe, überflüssige
Kapitalien gewinnbringend im Ausland zu investieren. In Bern waren
bis 1720 die Privatbank Malacrida, nach 1750 die Häuser Marcuard
und Zeerleder in diesem Sinne tätig. Die Gnädigen Herren
von Bern erhöhten den «ausländischen Zinsrodel»
bis zum Untergang ihres Staatswesens auf rund 12 Millionen Pfund.
Die aus dem legendären Staatsschatz fliessenden Zinsen -
rund 30% der gesamten Staatseinnahmen - wurden in Unternehmungen
zur Förderung der Wirtschaft wie Kornhäuser und Kunststrassen
investiert(372), und dies bei unterdurchschnittlicher Steuerbelastung
der Untertanen (vgl. 4.1.1).
Unmittelbar nach den napoleonischen Kriegen ging eine Welle von Gründungen eigenartiger Finanzinstitute - der Sparkassen - durch das westliche Europa(373). Die ideologischen Wurzeln dieser zu Beginn des 18. Jahrhunderts in England (Jonathan Swift, Daniel Defoe) entstandenen Bewegung sind in einer bevormundenden Konzeption der Sozialpolitik zu suchen, die sich von einem mehr oder weniger freiwilligen Banksparen kleiner Leute eine Entlastung der öffentlichen Fürsorge versprach. Die Armen sollten ihr Geld sicher an Zins legen und sich so für die Tage des Alters und der Not eine bescheidene Reserve schaffen können, anstatt es auf unnütze oder schädliche Weise zu vertun(374). Die Idee zur Schaffung von gemeinnützigen Sparkassen wurde gegen Ende des Jahrhunderts und in der Restaurationszeit von der ökonomisch-patriotischen Reformbewegung aufgegriffen und propagiert. Die «Banken des kleinen Mannes» popularisierten das Zinsdenken und förderten die Spartätigkeit, was längerfristig der Kreditversorgung der Wirtschaft zugute kam. Die beste zeitgenössische Charakteristik einer Sparkasse findet sich in Jeremias Gotthelfs Roman «Uli der Knecht», wo der Bodenbauer seinen Zögling mit folgenden Worten ins Bild setzt: «He das ist eine Kasse, wo man das Geld, welches man nicht braucht, hineinlegen kann, bis man es braucht, und unter dieser Zeit bekömmt man einen billigen Zins, und es ist gut versichert, dass man gar nichts zu fürchten hat»(375).
Als erste Sparkasse der Schweiz wurde 1787 in Bern auf Anregung Niklaus Emanuel Tscharners die «Hochobrigkeitlich genehmigte Diensten-Zins-Cassa» durch ein Dekret des Grossen Rates ins Leben gerufen. Einlageberechtigt waren bis zu einem festgelegten Maximum ausschliesslich die in der Stadt ansässigen und die ausserhalb bei Stadtbürgern beschäftigten «Dienstboten, Taglöhner und geringen Handwerker», die sich als solche auszuweisen hatten. Die ehrenamtlich verwaltete Kasse öffnete ihre Schalter nur gerade an Jacobi (25. Juli) und an Lichtmess (2. Februar), dem Termin des jährlichen Stellenwechsels(376).
Nach 1815 entstanden gemeinnützige, nicht gewinnorientierte, ehrenamtlich verwaltete Sparkassen als private Unternehmungen auch in ländlichen Gegenden. So sollte die 1840 auf genossenschaftlicher Basis aufgebaute Ersparniskasse des Amtes Signau in Langnau gemeinnützigen Zwecken dienen: Alle Einwohner des Amtsbezirks, namentlich Dienstboten, Tagelöhner, arme Eltern und Kinder, sollten ihre Ersparnisse auf dieser Bank sicher und zinstragend anlegen können, und der unverschuldet in Not geratene Hausvater sollte bei dieser Kasse Beistand finden, ohne Gefahr zu laufen, Opfer des Wuchers zu werden.
Bern stand mit 25 Neugründungen zwischen 1815 und 1840 in der frühen Sparkassenbewegung unter den Kantonen hinter dem Aargau an zweiter Stelle. Die Ansicht Ritzmanns, wonach die Sparkassen vor allem in Heimindustriegebieten und entstehenden Industriezonen entstanden, passt nicht auf den Kanton Bern. Dort wurden die Kassen zumeist an Marktorten ins Leben gerufen, neben den Städten Bern, Biel, Burgdorf und Thun auch in Kleinzentren wie Langenthal, Langnau, Nidau, Wangen, Erlach, Laupen und Büren, ja selbst in Flecken wie Aeschi, Zweisimmen, Frutigen, Schwarzenburg und Wimmis, in denen Viehmärkte abgehalten wurden(377). Dies führt zur Vermutung, dass die bernischen Sparkassen nicht zuletzt der Abwicklung von Transaktionen an Märkten dienten. Die akkumulierten Mittel flossen in der Regel in Form von Gülten in den Bodenmarkt(378). In Perioden grösserer Geldflüssigkeit stellten die Sparkassen auch Handelshäusern oder Bankiers Kredite gegen genügende Sicherheit zur Verfügung(379). In der zweiten Jahrhunderthälfte trugen die Berner erheblich mehr Spargelder zur Bank als die Angehörigen der meisten anderen Kantone (vgl. Fig. 5.20.). Anzunehmen ist auf Grund dieses Befundes, dass steigende landwirtschaftliche Einkommen eine Spartätigkeit möglich machten, die wegen der numerischen Bedeutung des Agrarsektors ins Gewicht fiel. Das gebildete Kapital hätte, wie dies Gerschenkron postuliert hat, für Infrastrukturleistungen in die Volkswirtschaft, vor allem für die Eisenbahnen, oder in den industriell-gewerblichen Sektor investiert werden können(380). Aber anscheinend waren die Berner Banken zu konservativ und zu risikoscheu, um ihre Kapitalien für die Modernisierung der Wirtschaft zur Verfügung zu stellen. Jedenfalls klagte die Leihkasse Langenthal 1892 über «unwillkommene Geldabundanz» und versuchte den Zufluss von Spargeldern zu stoppen(381).
Die 1834 von den Liberalen als staatliche Notenbank gegründete Kantonalbank kam erst nach der Jahrhundertmitte richtig zur Entfaltung. Nach dem neu ausgegebenen Papiergeld bestand zunächst kein Bedürfnis(382). Man machte, um mit Gotthelf zu reden, «grosse, seltsame Augen, denn man hatte nicht was Goldenes, nicht was Silbernes, man hatte ein bloss Papier in Händen»(383). Die neue Bank entsprach den damaligen wirtschaftlichen Bedürfnissen Berns auch deshalb wenig, weil sie weder Spargelder entgegennahm noch Geld gegen Grundpfand auslieh(384) noch sich an industriellen Unternehmungen beteiligen durfte(385). Erst im Jahre 1886 fielen diese Beschränkungen dahin.
Der Eisenbahnbau erhöhte die Kreditnachfrage in starkem Masse. Das geeignete Finanzierungsinstrument war das unpersönliche marktgängige Wertpapier: die Inhaberaktie und die Obligation. Für die technische Abwicklung der Emissionen, die Überbrückungskredite der Gründungsphase, den Wertpapierhandel und die spätere Kurspflege benötigte man Bankdienste, die durch den neuen Typ der Kredit- oder Universalbank geleistet wurden. Mit dieser Zielsetzung entstanden die Vorläufer der heutigen drei Grossbanken, deren Entwicklung aber - verglichen mit den Lokalbanken, Sparkassen und Kantonalbanken - bis in die Mitte der 1890er Jahre bescheiden blieb. Die Verknappung des Kapitals auf dem schweizerischen Hypothekarmarkt machte sich gegen die Jahrhundertmitte hin in zunehmenden Klagen über Wucherzinsen und hohe Vermittlungsgebühren bemerkbar. In Bern sollte die 1846 gegründete Hypothekarkasse des Kantons Bern - eine Schöpfung der Radikalen - der Oberländer Wirtschaft durch festverzinsliche Kredite bei tiefen, gesetzlich verankerten Zinssätzen unter die Arme greifen. Der Marktzins hielt sich jedoch nicht an die gesetzliche Limite, sondern lag chronisch darüber, infolgedessen hielt der Zufluss an Depositen mit der Kreditnachfrage nicht Schritt, und schon zwei Jahre nach der Gründung konnten wegen «akuten Geldmangels» nur noch in beschränktem Masse Kredite gewährt werden. Das Ziel einer Kreditbeschaffung für den werdenden Mittelstand setzten sich ausserdem die Spar- und Leihkassen, die sich vom Ende der 1850er Jahre an von den Kantonen Bern und Aargau aus in die Nachbarkantone ausbreiteten(386). 1857 entstand auf Initiative des Handwerker- und Gewerbevereins sowie der Gemeinnützigen Gesellschaft des Amtsbezirks die «Spar- und Leihkasse Bern» in Form der Aktiengesellschaft. Es war dies die erste Aktienbank zur Pflege des kleingewerblichen Kredits(387). In den folgenden Jahren wurde eine Reihe weiterer Institute dieses Typs eröffnet(388), von denen viele dem nach der Jahrhundertwende einsetzenden Konzentrationsprozess erlagen(389).
Zusammenfassend kann der Schluss gezogen werden, dass - gemessen
am frühen Aufschwung des Sparkassenwesens - die erste Sequenz
der Agrarmodernisierung mit einer erheblichen Kapitalbildung im
ländlichen Raum verbunden war. Dieser Befund bestätigt
die These von der Landwirtschaft als «Führungssektor»
und gilt in Anbetracht der überdurchschnittlichen Spartätigkeit
der Berner auch für die zweite Jahrhunderthälfte. Offen
bleibt, inwieweit die Gelder in den Aufbau der heimischen Wirtschaft
flossen und inwieweit Bern neben qualifizierten Arbeitskräften
lange Zeit auch Sparkapital zum Aufbau der Industrie in anderen
Kantonen beisteuerte.
5.3 Zusammenfassung und Fazit
Die Geschichte des Gewerbes und der Industrie lässt sich wie jene der Landwirtschaft nach dem Modell Volker Bornschiers in drei Abschnitte gliedern:
1. Der erste Abschnitt, der im späten 17. Jahrhundert begann
und im frühen 19. Jahrhundert endete, steht im Zeichen des
Aufstiegs und Niedergangs der Protoindustrien, deren gesamtwirtschaftliche
Bedeutung für Bern in der Literatur bisher unterschätzt
worden ist. Einerseits verfügte Bern über günstige
rechtlich-strukturelle Voraussetzungen für die Entfaltung
protoindustrieller Tätigkeit: In der Stadt hatte sich keine
starke Handwerkerschaft und Kaufmannsschicht entwickelt, und das
städtische Gewerbe war eher rückständig. Die offizielle
Doktrin ging zwar von einer Arbeitsteilung zwischen Stadt und
Land aus; aber es wurden kaum Anstrengungen unternommen, diese
durchzusetzen. Die Obrigkeit förderte vielmehr die Einführung
neuer Gewerbe in ländlichen Gegenden zur Bekämpfung
der saisonalen Arbeitslosigkeit und mit Blick auf eine Verbesserung
der Handelsbilanz. Anderseits wurde der Aufstieg eines Unternehmertums
zur politischen und sozialen Gleichrangigkeit von der patrizischen
Elite nicht geduldet, was innovative und
dynamische Persönlichkeiten vor den Kopf stiess.
Zu den bedeutenden Protoindustrien gehörte die von den Hugenotten eingeführte Strumpfwirkerei: 1768 waren in Manufakturen der Hauptstadt mehr als 500 Wirkstühle in Betrieb. In der Umgebung der Stadt, im Emmental und im Oberaargau blühte die Hosenstrickerei. Indiennemanufakturen in der Hauptstadt bedruckten die von der aufstrebenden aargauischen Baumwollindustrie produzierten Tücher. Im Südjura lebte ein Teil der Bevölkerung von der heimindustriellen Herstellung von Gebrauchsuhren. Das Leinwandgewerbe im Emmental und im Oberaargau verarbeitete importierten Hanf und Flachs, die in Heimarbeit versponnen und zu Tüchern gewoben wurden. Langenthal war Drehscheibe für die Ausrüstung und den Export. 1791 zählte man landesweit 14 000 Spinnerinnen und 1500 Weber. Mit einem Reingewinn von 120 000 Kronen stellte das Leinwandgewerbe einen der wichtigsten Aktivposten in der Handelsbilanz dar. Die Bevölkerungsdichte in den protoindustriell durchsetzten Amtsbezirken Aarwangen und Trachselwald lag um einen Drittel höher als in anderen ländlichen Gegenden. Im Unterschied zu den Zentren der Heimindustrie in Basel, Zürich und in der Ostschweiz, die Getreide aus den nördlich anschliessenden agrarischen Überschussgebieten in Süddeutschland importierten, verfügte Bern mit dem Mittelland über eine eigene Kornkammer, deren Überschüsse zur Versorgung der bernischen Protoindustriegebiete weitgehend ausreichten.
Beim Übergang zur Industrialisierung fehlte es an einer innovativen Schicht von Kaufleuten und Unternehmern, um die vorhandenen Strukturen durch Einführung neuer Technologien rechtzeitig an das gewandelte wirtschaftliche Umfeld anzupassen. In der Indiennedruckerei verschliefen die Leiter den Technologiewandel, ein 1785 von Frankreich erlassenes Einfuhrverbot für Baumwollartikel beschnitt die Exportchancen, einheimische Fabrikanten wanderten ins Ausland ab, und die Facharbeiter wurden dorthin abgeworben. Das Leinengewerbe litt ebenfalls unter dem französischen Embargo; nach 1815 wurde die Handspinnerei von der Konkurrenz des englischen Maschinengarns erdrückt; die Handweberei konnte sich dank staatlicher Unterstützung bis ins zwanzigste Jahrhundert halten.
Im ländlichen Gewerbe hatten die Professionisten für einen eingeschränkten Kreis von Kunden eine Vielzahl von Bedürfnissen abzudecken. Deshalb wurden nach dem Prinzip des Mischerwerbs in manchen Haushalten mehrere Gewerbe gleichzeitig betrieben, oder die Tätigkeiten wechselten je nach Saison und Konjunktur. Um die Jahrhundertwende erreichte die «Territorialisierung des Gewerbes» (Schremmer) im Kanton Bern mit 103 Handwerkern pro 1000 Einwohner einen umfangmässigen Entwicklungsstand, der über den bisher bekannten deutschen und schweizerischen Werten liegt. Mehr als 40% der Erwerbstätigen gehörten damals der Gruppe der Professionisten an.
2. Im Zeitalter des liberalen Gesellschaftsmodells der Gründerära von der Regenerationszeit bis zur «Grossen Depression» bildete sich eine dualistische Wirtschaftsstruktur aus: Der dominierende Binnensektor bestand aus einer regional unterschiedlich entwickelten, in Teilbereichen markt- und exportorientierten Land- und Forstwirtschaft und einem davon abhängigen, je nach der agrarischen Nachfrage stärker oder schwächer ausdifferenzierten Gewerbe. Dem Binnensektor überlagerte sich mit der Uhrenindustrie im Südjura und in Biel, später mit der Baumwollindustrie im Oberaargau und in der Stadt Bern ein kleiner, moderner Exportsektor in Form von beschäftigungsintensiven Leichtindustrien mit hoher Wertschöpfung. Dazu entfaltete sich in Interlaken der Luxustourismus. Wie Michael Bernegger festgestellt hat, war diese dualistische Struktur ein kennzeichnendes Merkmal der schweizerischen Wirtschaft insgesamt, und sie ist auch in der englischen und deutschen Industrialisierung nachgewiesen.
Das relative Gewicht der Erwerbssektoren in der Gesamtwirtschaft blieb trotz einer bedeutenden Zunahme der Bevölkerung bis um 1860 unverändert. Die Arbeitsplätze im Gewerbe nahmen in den mittelländischen Bezirken weitgehend proportional zu jenen in der Landwirtschaft zu. Dies spricht dafür, dass der gewerbliche Aufschwung weitgehend von der Agrarmodernisierung getragen wurde. Peter Mathias bezeichnet einen solchen Prozess, der im wesentlichen auf einem erhöhten Input an Arbeitskraft, Land, Kapital und Ressourcen beruht, aber das relative Gewicht der Erwerbssektoren nicht berührt, als ökonomische Expansion(390). Die Agrarmodernisierung setzte sich aufgrund des grossen gesamtwirtschaftlichen Gewichts der Landwirtschaft auf regionaler und überregionaler Ebene in eine bedeutende Binnennachfrage nach gewerblich-industriellen Erzeugnissen und Dienstleistungen um, wie dies für zahlreiche andere europäische Regionen nachgewiesen ist (vgl. Kap. 1). Dieses Ergebnis bestätigt die Ansicht Michael Berneggers, wonach der Beitrag des Binnensektors zur wirtschaftlichen Modernisierung der Schweiz in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts «ignoriert oder massiv unterschätzt worden» sei(391). Freilich darf nicht übersehen werden, dass der wirtschaftliche Expansionsprozess, vor allem im Emmental, von einer starken sozialen Polarisierung begleitet war (vgl. Kap. 6). Die Arbeitskräfte, die in der zweiten Jahrhunderthälfte von der Landwirtschaft nicht mehr aufgenommen werden konnten, fanden auch im Gewerbe keine entsprechenden Beschäftigungsmöglichkeiten mehr, weil dieses unter dem Druck der industriellen Konkurrenz an Expansionsfähigkeit eingebüsst hatte. Nicht von ungefähr stellte es in der Krise um 1880 den grössten Anteil der Konkursiten.
Im Falle der Uhren-Heimindustrie gelang es eingewanderten Unternehmern aus dem Kanton Neuenburg, die vorhandenen Strukturen durch Einführung neuer Technologien rechtzeitig an das veränderte wirtschaftliche Umfeld anzupassen. Es handelte sich um Liberale, die nach der fehlgeschlagenen Neuenburger Revolution von 1831 vor der anschliessenden harten Repression ins Vallon de St-Imier flüchteten. Sie verschafften dort dem neuen Fertigungsverfahren der «Etablissage» Eingang, bei der die Einzelteile des Uhrwerks zu Hause arbeitsteilig hergestellt und anschliessend in Werkstätten zusammengesetzt wurden. Damit legten sie den Grundstein zu einem bernischen «Silicon Valley», indem dank dem neuen Verfahren zu einer Massenproduktion mit hoher Wertschöpfung bei jährlichen Wachstumsraten von 6 bis 7% übergegangen werden konnte. Durch die Initiative des Bieler Rates weitete sich die Uhrenfabrikation in den 1840er Jahren an den Jurafuss aus. Um 1850 waren der Südjura und Biel zur industriellen Führungsregion des Kantons geworden, die - ähnlich wie das englische Lancashire von der Baumwollindustrie(392) - monopolartig von der Uhrenbranche beherrscht wurde. Von den späten 1870er Jahren an wurde die Fabrikation nach amerikanischem Vorbild stärker in Fabriken konzentriert.
In Interlaken entfaltete sich vom frühen 19. Jahrhundert an der Luxustourismus. Der Ruf des östlichen Berner Oberlandes als Reiseland war durch die Darstellung von Naturschönheiten (Staubbach, Grindelwaldgletscher) in Kunst und Literatur im 18. und frühen 19. Jahrhundert begründet worden. Von 1835 an wurde er durch die etappenweise Erschliessung Interlakens durch moderne Massenverkehrsmittel (Dampfschiff, Eisenbahn) gefestigt und in Wert gesetzt, blieb aber vorerst nur dort beschäftigungswirksam.
Mit dem Eisenbahnnetz wurde von 1852 an ein neuartiges Verkehrssystem aufgebaut. Bau und Betrieb der Bahnen wurden der Privatinitiative überlassen, die Kantone verfügten über die Kompetenz zur Konzessionserteilung. In Bern wurde die Finanzierung vom Staat, von den Gemeinden und von privatem Kapital getragen. Fest steht, dass der Staat bis 1874 etwa 40% der gesamten Anlagekosten übernahm und dass daneben der Finanzkraft der Gemeinden oft ausschlaggebende Bedeutung zukam, indem sich privates Kapital nur dann engagierte, wenn Staat und Gemeinden vorangingen. Abgesehen von der Linie Bern-Langnau, die bezeichnenderweise vom Staat übernommen werden musste, beschränkte sich der Bahnbau bis um 1880 auf das Kerngebiet der Agrarmodernisierung im Kornland, wo selbst wenig rentable Nebenlinien (Gäubahn!) finanziert werden konnten, und auf das Industriegebiet des Juras. Die Aussage Berneggers, dass für den Eisenbahnbau «in bedeutendem Ausmasse ausländische Kapitalien herangezogen wurden»(393), passt nicht zu den für den Kanton Bern vorliegenden Ergebnissen. Die regionale Verteilung des Bahnbaus spricht vielmehr für die Annahme, dass neben bedeutenden staatlichen Mitteln in erheblichem Masse Kapital von Gemeinden und einheimischen Privaten aus den Gewinnen der Agrarmodernisierung in die Eisenbahnen investiert wurde.
Der Bahnbau trug bis um 1890 zur Verschärfung der regionalen Gegensätze bei, obschon vom neuen Verkehrsträger vergleichsweise geringe ökonomische Impulse ausgingen. Im Unterschied zur Ostschweiz, wo zwischen 1850 und 1880 die Maschinen- und Metallindustrie Fuss fasste, oder zu Basel, wo in dieser Zeit die Grundlagen der chemischen Industrie gelegt wurden, siedelten sich in Bern kaum neue Industriezweige an. Die punktuelle Industrialisierung beschränkte sich auf eine Anzahl von städtischen Modernisierungsinseln - Bern, Biel, Burgdorf, Langenthal, Thun - sowie auf den Südjura, die aus dem Meer der traditionalen Gewerbe herausragten. Betrachten wir den gesamten Energieverbrauch pro Kopf um 1889 als Indikator für den Modernisierungsgrad des zweiten Sektors, liegt der Südjura mit grossem Abstand an der Spitze, dann folgen Mittelland, Seeland und Oberaargau, die Schlussränge nehmen das Oberland und das Emmental ein.
3. In der Ära des «klassenpolarisierten Gesellschaftsmodells der Nachgründerära» holte der Kanton Bern die Industrielle Revolution nach. Neben neuen Industriezweigen traten die Elektrizitätswirtschaft, der Verkehr und der Massentourismus als Führungssektoren hervor.
Grosse Bedeutung wird der Tatsache zugeschrieben, dass das Potential der Elektrizität schon in der Anfangsphase der technischen Entwicklung erkannt und durch den Betrieb von Kleinkraftwerken zunächst für die Beleuchtung, schon wenige Jahre nach dem technologischen Durchbruch in der Fernübertragung (1891) durch die ersten Laufkraftwerke genutzt wurde, die in zunehmendem Masse auch für den Betrieb von Motoren und Bahnen herangezogen wurden. Manche Betriebe gingen bei der Erweiterung unmittelbar von der hydraulischen zur elektrischen Energie über, die Dampfkraft kam nie über eine Hilfsfunktion hinaus.
Bei der Industrialisierung kam der Veredelung einheimischer Rohstoffe (Nahrungsmittel, Steine und Erden, Wasserkraft) eine grosse Bedeutung zu. Dieser Befund steht im Widerspruch zur Historiographie des «Sonderfalls», die die Rohstoffarmut der Schweiz als Hypothek ihrer industriellen Entwicklung herausstreicht. Im Kanton Bern expandierten einmal die traditionellen Leichtindustrien, dann entstanden neue Branchen wie die Metall-, Porzellan-, Zement- und Nahrungsmittelindustrie, die auf Prozesswärme angewiesen waren, ferner die Maschinenindustrie und Branchen wie der Bau von Apparaten und Stromverteilungsanlagen, die Bestandteile der neuen Energieverteilungs- und Kommunikationsnetze herstellten. Dabei wuchsen teils bestehende Klein- und Mittelbetriebe zu industriellen Unternehmungen heran (z.B. Tobler, Wander, Hasler), teils liessen sich neue Unternehmen im Kanton nieder (Porzellan Langenthal, Zementindustrie, verschiedene Maschinenindustrien). Am Erfolg waren Erfindungen wie die automatische Drehbank und die «Ovomaltine» ebenso beteiligt wie Verbesserungen der Telefon- (Hasler) oder Agrartechnologie (Aebi) oder neue Produkte wie die «Toblerone». Nachfrageimpulse gingen teils vom Aufschwung des Tourismus (z.B. von Roll), von der Bauwirtschaft (z.B. Ammann), von der Mechanisierung der Landwirtschaft (z.B. Aebi) und von den Bedürfnissen der Uhrenindustrie (z.B. Tornos) aus. Es entspricht der industrieskeptischen Tradition der «classe politique», dass die meisten Gründerpersönlichkeiten aus benachbarten Kantonen oder aus dem Ausland stammten.
Ausgehend von Interlaken als Drehscheibe, wurden von den späten 1880er Jahren an binnen zweier Jahrzehnte die Täler des Oberlandes von Ost nach West für den Massentourismus erschlossen, der neben der Uhrenindustrie zu einem ökonomischen Führungssektor aufstieg. Die Landwirtschaft entwickelte sich von 1890 an (zweite Etappe der Agrarmodernisierung) in enger Symbiose mit der Industrie und der Urbanisierung.
In der Hochkonjunktur der Belle Epoque wurden die reichlich fliessenden Staatseinnahmen weitsichtig in den Ausbau der Infrastruktur investiert, was der Erschliessung des westlichen Oberlandes zugute kam und das Modernisierungspotential der Landwirtschaft in den mittelländischen Peripherien verbesserte. Die nach 1890 im Mittelland entstandenen Stich- und Verbindungsbahnen (u.a. Gürbetalbahn, Schwarzenburgbahn) vermochten die wirtschaftliche Attraktivität der Peripherien allerdings nicht mehr zu steigern.
Grundlegend wandelte sich die Beschäftigungsstruktur: Von 1870 bis 1910 ging der Anteil der Landwirtschaft von 49% auf 33% zurück, der Zuwachs der Industrie von 38% auf 44% blieb eher bescheiden, mit einem Zuwachs von 13% auf 23% legte der Dienstleistungssektor am meisten zu (vgl. Tab. 9.8.).
Anmerkungen (sh. Quellen- und Fachliteratur):
01/97, © Historischer Verein des Kantons Bern
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