Geschichte des Kantons Bern seit 1798: Band IV
Christian Pfister
1.1 Von der Territorialgeschichte zur Regionalgeschichte
1.2 Bevölkerungswachstum, soziale Ungleichheit und
nachhaltige Entwicklung
1.3 Agrarmodernisierung und Industrialisierung
1.4 Der Kanton Bern als Untersuchungsraum
1.5 Methoden und Ansätze
1.6 Aufbau der Untersuchung
In der europäischen Geschichte markiert der Zeitabschnitt von der Mitte des 18. zur Mitte des 19. Jahrhunderts den Übergang von den kleinräumigen, relativ statischen Arbeits- und Lebensformen der Agrargesellschaft zur dynamischeren, räumlich und sozial stark polarisierten Industriegesellschaft. Diese ist von den 1950er Jahren an in die Konsumgesellschaft mit ihrer Warenfülle und ihrer fast unbegrenzten Mobilität übergegangen. Damit sind es - in Abwandlung des bekannten Wortes von Peter Laslett - nun eigentlich zwei Welten, die wir verloren haben. Beim Übergang von der agrarischen zur industriellen Welt handelt es sich um einen Prozess(1) von vergleichsweise langer Dauer, der durch die Verstetigung des Wirtschaftswachstums vorangetrieben wurde. Er erfasste aneinandergrenzende Räume zu unterschiedlichen Zeitpunkten und liess dadurch Vorposten der Moderne und Inseln des Traditionalismus entstehen(2).
Im Kanton Bern ist das Spektrum der regionalen Entwicklungspfade besonders breit und vielfältig. Es reicht vom einstigen «silicon valley» der Uhrenindustrie im Südjura über das aufsteigende Dienstleistungszentrum der Region Bern bis zum langjährigen Notstandsgebiet des Schwarzenburger Landes. Bis heute ist das Wirtschaftsgebiet des Kantons so heterogen geblieben, dass es schwerfällt, hinter gesamtbernischen Mittelwerten überregionale Gemeinsamkeiten zu finden(3). Diesen Prozessen des regionalen Wandels, die von den traditionalen(4) Gesellschaften zur Gegenwart führen, will die vorliegende Arbeit bis ins frühe 20. Jahrhundert nachgehen. Modernisierung ist ein vieldeutiger Begriff, zu dem viele sozialwissenschaftliche Disziplinen Stellung genommen haben. Darunter wird meist ein bestimmter Typ sozioökonomischen Wandels verstanden, dem folgende «westliche» Ideale zugeordnet werden: Rationalität, Anstieg der Produktivität und des Lebensstandards, soziale und wirtschaftliche Gleichstellung, effizientere Institutionen und Verhaltensweisen, nationale Konsolidierung und Unabhängigkeit, Demokratie «von unten», Partizipation und soziale Disziplin. In der Regel werden nur Teilaspekte behandelt, die von der fachlichen Ausrichtung des Forschers oder der Forscherin bestimmt werden(5). Im Rahmen dieser Arbeit soll der Begriff im Sinne eines blossen Fortschreitens verstanden werden, dem «eine bestimmte, unabhängig von Wertungen konstatierte Richtung innewohnt»(6).
Zum besseren Verständnis des hier gewählten regionalgeschichtlichen Ansatzes scheint es geboten, zunächst auf die Unterschiede zu den älteren Darstellungsformen einzugehen, die man - um die im deutschen Sprachraum synonym verwendeten Begriffe der Landesgeschichte und der Kantonsgeschichte zu vermeiden - als Territorialgeschichte bezeichnen könnte(7).
Die Territorialgeschichte wurzelt in der Tradition der inventarisierenden Landesbeschreibung, die der Kameralismus nach dem Dreissigjährigen Krieg (1618-1648) in Form der deutschen Universitätsstatistik ins Leben rief (vgl. 2.2.5). Sie definierte sich im 19. Jahrhundert als unterer Baustein einer sinnstiftenden Nationalgeschichte. Bezeichnenderweise kennt der Begriff der Landesgeschichte oder der historischen Landeskunde im Französischen keine Entsprechung(8), was auf die unterschiedliche Wissenschafts- und Verwaltungstradition verweist. Thematisch hält sich Territorialgeschichte an die politischen Grenzen ihres Untersuchungsgebiets; nur selten fällt der Blick darüber hinaus. Üblicherweise wird additiv-deskriptiv vorgegangen, indem einzelne Themenkreise in loser Abfolge dargestellt werden, ohne dass die Prinzipien ihrer Auswahl diskutiert werden oder auf die Verknüpfungen zwischen ihnen näher eingegangen wird. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt auf der politischen Ereignisgeschichte, die Optik ist jene der staatlichen Steuerungsorgane und der Eliten, das Quellenmaterial stammt fast ausschliesslich aus staatlichen Archiven. Bei der Darstellung von demographischen, wirtschaftlichen und sozialen Prozessen wird der Einfluss staatlicher Bemühungen im Verhältnis zur Eigendynamik der Prozesse und zur Bedeutung von Gruppen tendenziell überbewertet.
Die in den 1960er Jahren entstandene Regionalgeschichte oder historische Regionalforschung untersucht Themen von allgemeingeschichtlicher Bedeutung, wie das Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt, das Einsetzen des neuzeitlichen Bevölkerungswachstums oder der Industrialisierung in einem räumlichen Zusammenhang. Doch gibt es erst wenige wirtschaftshistorische Untersuchungen, die bei der Darstellung der sozioökonomischen Entwicklung eines Gebiets die unterschiedlichen Vorgänge in den verschiedenen Teilräumen zueinander in Beziehung setzen(9). Methodisch ergeben sich enge Beziehungen zur Geographie, die als Disziplin die raumbezogene Forschung pflegt, insbesondere zum Ansatz der Zeitgeographie, der von Hägerstrand eingeführt und von Parkes und Thrift weiterentwickelt worden ist. Im Zentrum dieses Ansatzes stehen Untersuchungen über die Veränderungen des Raumes und der darin lebenden Individuen(10). Die Geographie hat jedoch bis heute keine Theorie erarbeitet, die den Begriff der «Region» inhaltlich und methodisch allgemeingültig definiert(11). Unter einer Region wird «ein geographisch bestimmbarer Raum mittlerer Grössenordnung» verstanden, der auf Grund von ähnlichen Merkmalsdimensionen «als zusammengehörig betrachtet wird»(12). Um den Begriff sinnvoll zu verwenden, müssen diese gemeinsamen Merkmale auf Grund einer gewählten Fragestellung umschrieben werden. Es gibt eine Vielzahl von Kategorien, nach denen sich Regionen bilden lassen(13). Als räumliches Gefäss dient in regionalgeschichtlichen Untersuchungen in der Regel eine verwaltungsmässig vorgegebene Raumeinheit, weil dies der Verteilung des Quellenmaterials in den Archiven am ehesten entspricht(14). Dabei ist, um mit dem Anthropologen Clifford Geertz zu sprechen, «der Ort der Untersuchung nicht Gegenstand der Untersuchung»(15).
Im Kanton Bern lassen sich die traditionellen Landschaften Emmental, Seeland, Mittelland und Oberland unterscheiden, die aus den Versuchen der Verwaltung zur Gliederung ihres Territoriums seit dem späten Mittelalter herausgewachsen sind. Die bernischen Landschaften waren nicht durch scharfe Grenzen getrennt, sie gingen vielmehr in Form von Grenzsäumen fliessend ineinander über, innerhalb deren die Zugehörigkeit im Verlaufe der Zeit schwankte. Im späten 18. Jahrhundert scheint sich, wie die Bezeichnung «Regionenbuch» nahelegt, als Synonym zu Landschaft der Begriff der Region eingebürgert zu haben. Das Regionenbuch von 1782/84 definiert den Begriff zwar nicht ausdrücklich. Daraus aber, dass der Verfasser übergeordnete Landschaften anführt und als unterste Einheiten die Kirchgemeinden und Gerichtsbezirke bezeichnet, darf man schliessen, dass er unter einer Region eine dazwischen liegende, mehr oder weniger natürliche Gebietseinheit verstand(16). Vereine, Gesellschaften, Berufsverbände und Parteien schlossen sich vom 19. Jahrhundert an in entsprechenden Landesteilverbänden zusammen, was auf ein regionales Zusammengehörigkeitsgefühl, ein gemeinsames Bewusstsein schliessen lässt.
Durch entsprechende Fragestellungen lassen sich im Forschungsprozess soziale und wirtschaftliche Räume entwerfen, die auf Parametern wie Bevölkerungsdichte, Siedlungstyp oder Erbrecht beruhen. Hinter dem ursprünglich aus der Anthropologie stammenden Begriff des Ökotyps, der in Form der Agrarzonen übernommen worden ist (vgl. 1.4.3), steckt als Konzept die Anpassung der Existenzsicherung an räumliche Gegebenheiten(17). Oder es lassen sich - etwa anhand der Säuglingssterblichkeit und der Wanderungstraditionen - Gebiete ähnlicher demographischer Prägung erkennen, was auf regionale Normen und Wertvorstellungen verweist. Methodisch orientiert sich die Geschichtswissenschaft mit Vorteil an den von der Geographie entwickelten quantifizierenden Regionalisierungsverfahren(18), wobei dreierlei zu beachten ist: Erstens verändert sich der Umfang dieser Regionen im Verlaufe der Zeit; die räumliche Gliederung hat nur gerade für den Zeitpunkt Gültigkeit, in dem die Daten erhoben worden sind. Zweitens können sich verschiedenartige Regionen, je nach der Intensität ihrer Prägung durch naturräumliche Gegebenheiten, mehr oder weniger stark überlappen. Drittens reichen Regionen häufig über den Untersuchungsraum hinaus, da administrative Grenzen längst nicht immer mit regionalen Grenzräumen zusammenfallen.
Die Ergebnisse regionalgeschichtlicher Untersuchungen sind auf den Vergleich mit anderen Räumen in- und ausserhalb der nationalen Grenzen angelegt. Die Regionalgeschichte bezieht nicht nur ihre Leitfragen aus dem übergeordneten allgemeingeschichtlichen Zusammenhang, sondern sie bringt auch ihre Ergebnisse wieder auf dieser Ebene ein. Sie lebt gewissermassen vom Vergleich zwischen den Strukturen und Entwicklungen verschiedener Räume. Unterschied oder Gleichklang geben ein Instrument in die Hand, um die jeweiligen Bedingungen, Ursachen und Anlässe zu bewerten und auf einer höheren Stufe zur Typenbildung oder zur Verallgemeinerung der Ergebnisse zu nutzen. Eine zweite Seite des Vergleichs ist die Anwendung von Fragesätzen, die für eine Region entwickelt wurden, auf eine andere, um gewonnene Hypothesen zu erproben und um das methodische Instrumentarium zu verfeinern.
Inhaltlich lässt sich das Anliegen der Regionalgeschichte
auf die Kurzformel bringen, die Ludwig Petry für die geschichtliche
Landeskunde geprägt hat: «In Grenzen unbegrenzt»(19).
In Anlehnung an Jürgen Kocka kann sie als «integrale
Erfassung eines gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses»
gelten, wobei die politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle
Entwicklung «als sich gegenseitig bedingende Determinanten
im Sinne einer umfassenden Gesellschaftsgeschichte» begriffen
werden(20). Damit ist das Konzept der «Histoire totale»
der französischen «Annales-Schule» angesprochen,
das prinzipiell alle Dimensionen der menschlichen Existenz in
all ihren Verknüpfungen in den Blick zu bekommen sucht. Damit
wird natürlich nicht beansprucht, eine historische Gesellschaft
in ihrer Totalität erfassen zu wollen. Das Konzept verrät
nur «den Ehrgeiz, einen Gegenstand oder ein gegebenes Problem
umfassender zu behandeln, vollständiger zu beschreiben, globaler
zu erklären als die Sozialwissenschaften bei Nutzung ihrer
begrifflichen und methodologischen Mittel»(21). Innerhalb
der Regionalgeschichte wird betont, dass «Totalität»
kein fertiges und formalisiertes Ganzes darstellt, sondern dass
sie durch die Dynamik der Forschungsaktivität selbst entsteht,
indem versucht wird, Prozesse durch unterschiedliche Strukturen
hindurch zu verfolgen(22).
1.2 Bevölkerungswachstum, soziale Ungleichheit und nachhaltige
Entwicklung
Die Bevölkerungsbewegung ist eine der bedeutendsten Kräfte, die auf die Entwicklung einer Volkswirtschaft einwirken: Das Angebot an arbeitsfähigen Händen und Köpfen, die Nutzung des Bodens, die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen, der Verbrauch an Rohstoffen und die Anhäufung von Abfällen, die soziale Verteilung von Ressourcen, die wirtschaftliche und politische Organisation eines Landes stehen in enger Beziehung zur Zahl, zur Dichte und zur Wachstumsdynamik seiner Menschen und verändern sich mit dem lautlosen Prozess des demographischen Wandels.
Aus Mangel an empirischen Daten greift die Geschichtswissenschaft mit Vorliebe auf die Argumentationsfiguren und Indikatoren zurück, die die Bevölkerungstheorien liefern. Hier ist vor allem auf Robert Thomas Malthus zu verweisen. Der englische Pastor hat Bevölkerungswachstum und Wirtschaftsentwicklung als erster in Form eines negativ rückgekoppelten Prozesses dargestellt und ist dadurch zum Vater der Wachstumsmodelle geworden, die sich seit den 1970er Jahren verbreitet haben(23). Der Wesensgehalt seines 1798 in erster Auflage erschienenen Essays kann auf fünf Worte reduziert werden: Bevölkerungswachstum wird durch Nahrungsspielraum kontrolliert. Markus Mattmüller hat den Kerngedanken von Malthus in seiner Bevölkerungsgeschichte der Schweiz ins Bild des Plafond-Modells umgesetzt: Er kommt zum Schluss, dass das Wachstum lokaler und regionaler Bevölkerungen in der Frühen Neuzeit stets an einen oberen Grenzbereich, den Plafond, gebunden blieb. Wurde dieser kurzfristig überschritten, setzten negative biologische und soziale Rückkoppelungsmechanismen - Übersterblichkeit, Abwanderung, Reduktion von Fruchtbarkeit durch höheres Heiratsalter und geringere Heiratshäufigkeit - ein, die die Bevölkerungszahl wieder auf das Ausgangsniveau hinabdrückten(24).
Für die Interpretation dieses Sachverhalts werden zwei Erklärungen angeboten. Eine erste, stark durch das Gedankengut von Malthus geprägte Deutung setzt den Plafond mit einer Situation gleich, in der die Produktion pro Kopf zur Bedarfsdeckung der Bevölkerung nicht ausreichte, sei es kurzfristig als Folge von Missernten, sei es längerfristig durch ein Bevölkerungswachstum, das mit der Erweiterung des Nahrungsspielraums nicht mehr Schritt hielt. Versorgungskrisen und Auswanderungswellen werden aus dieser Perspektive auf ein Ungenügen der wirtschaftlichen Produktion im Verhältnis zum Bedarf zurückgeführt und als Symptome von «Übervölkerung» gedeutet. Neben Markus Mattmüller nimmt unter anderem Jean François Bergier diese Position ein. Er hebt in seiner Wirtschaftsgeschichte hervor, die Schweiz sei bis zur industriellen Revolution in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ständig überbevölkert gewesen, denn «die natürlichen Hilfsquellen haben, mit Ausnahme einzelner bevorzugter Ackerbaugebiete, niemals genügt, die Bedürfnisse einer noch so kleinen Bevölkerung zu befriedigen [ ]. So sah sich ein Teil der Einwohner, Generation um Generation, zur Auswanderung gezwungen»(25).
Eine zweite Erklärung führt das Auftreten von Versorgungskrisen stärker auf die ungleiche Verteilung der Ressourcen als auf unzureichende wirtschaftliche Produktivität zurück(26). Das Problem der Tragfähigkeit sei schichtspezifisch anzugehen und dürfe sich nicht in der Aufstellung durchschnittlicher Produktions- und Konsumverhältnisse erschöpfen(27). Die Vertreter dieses Ansatzes argumentieren mit dem Befund, wonach die Übersterblichkeit in Krisen vor allem die Unterschichten traf. Die «Ungleichheit vor dem Tode» habe dem sozial und ökonomisch mächtigeren Teil der Gesellschaft das Überleben und die nachfolgende Reproduktion ermöglicht, wie dies auch aus Untersuchungen für die Gegenwart bekannt ist(28).
Um abzuschätzen, welcher der beiden Ansätze für ein konkretes historisches Fallbeispiel erklärungsmächtiger ist, müssen einschlägige Schätzwerte berechnet werden. In einem ersten Schritt ist eine Ernährungsbilanz aufzustellen, in der das gesamte Nahrungsangebot der Landwirtschaft (nicht nur die Getreideproduktion) rein rechnerisch der (altersspezifisch unterschiedlichen) Nahrungsnachfrage der Bevölkerung pro Kopf gegenübergestellt wird(29). In einem zweiten Schritt ist die soziale Verteilung der Ressourcen zu berücksichtigen. Die erforderlichen statistischen Grundlagen über die agrarwirtschaftliche Produktion und die Angaben über den Besitz von Kulturland und sonstigen Produktionsmitteln können nur bei einer ausgesprochen günstigen Quellenlage beigebracht werden. Wird Tragfähigkeit im Sinne des heutigen Begriffs der Nachhaltigkeit als eine auf Dauer angelegte Erhaltung der natürlichen Produktionsgrundlagen verstanden(30), ist zusätzlich die Verfügbarkeit von Holz zum Kochen und Heizen einzubeziehen. Dadurch hat die Untersuchung neben der Nutzung des Kulturlandes auch jene des Waldes in den Blick zu nehmen.
Die dänische Agrarökonomin Ester Boserup hat Malthus sozusagen auf den Kopf gestellt, indem sie in ihrem Modell eine positive Rückkoppelung von Bevölkerungswachstum und Wirtschaftsentwicklung postuliert. Der Bevölkerungsdruck führte nicht zu wachsender Verelendung, argumentiert sie, sondern er stellte den eigentlichen Motor dar, der die wirtschaftliche Entwicklung vorantrieb. Ausgangspunkt ihrer Theorie waren Untersuchungen von Subsistenzökonomien(31) in Drittweltländern, in denen sie nachweisen konnte, dass das Kulturland bei geringer Bevölkerungsdichte und traditionalen Anbaumethoden nur extensiv genutzt wurde. Das ökonomische Handeln von Subsistenzökonomien, dies zeigen auch die Ergebnisse der anthropologischen und historisch-anthropologischen Forschung, war nicht auf eine Maximierung der Erträge, sondern auf ein optimales Verhältnis von Arbeit und Ertrag ausgerichtet. Boden war unter diesen Bedingungen in relativem Überschuss vorhanden. Der Musse wurde ein hoher Stellenwert eingeräumt, sie diente der symbolischen Festigung des sozialen Netzes durch Feste, Feiern und Rituale. In einem Lebenszusammenhang, der stets durch Schicksalsschläge wie Epidemien und Missernten bedroht war, liess sich über die Stärkung des Gruppenzusammenhangs das Existenzrisiko verringern(32). Steigt die Bevölkerungsdichte an, so die Logik der Boserup-Theorie, muss die Landnutzung intensiviert werden, was zunehmende Investitionen pro Flächeneinheit und steigende Investitionen erfordert. Der Ertrag pro Arbeitsstunde sinkt in dieser Situation gleich auf doppelte Weise: einmal aufgrund des Gesetzes vom abnehmenden Ertrag auf den kultivierten Böden, dann durch die geringere Ertragsfähigkeit der Grenzböden, die zusätzlich in Kultur genommen werden. Als Folge davon muss ein grösserer Teil der Lebenszeit zur Existenzsicherung aufgewendet werden(33). In dieser Situation wächst die Bereitschaft zur Übernahme von Innovationen in Form eines Technologiesprungs, die längerfristig die Tragfähigkeit des Landes vergrössern(34) oder den «Plafond» anheben, um den Ausdruck Mattmüllers zu verwenden. Diese innovativen Anpassungen ziehen Folgeprobleme nach sich, die neben technischem Wandel in vielen Bereichen wiederum weitere Anpassungen erzwingen und die Modernisierungsspirale in Gang halten. Arbeit ist im Boserup-Modell der Minimumfaktor der Entwicklung, Boden wird - im Unterschied zur Theorie von Malthus - erst als Ergebnis des Modernisierungsprozesses knapp.
Die Ursachen des einsetzenden Bevölkerungswachstums im 18. Jahrhundert werden weder von Malthus noch von Boserup problematisiert. In der Diskussion lassen sich zwei Gruppen, die Verfechter eines sterblichkeitsgesteuerten und jene eines fruchtbarkeitsgesteuerten Wachstums, unterscheiden.
Für das Absinken der Sterblichkeit werden drei Erklärungen vorgebracht: Ein ernährungsspezifischer Ansatz, der in der Schweiz vor allem durch Markus Mattmüller vertreten wird, hält die quantitativen und qualitativen Verbesserungen der Ernährungsweise für ausschlaggebend, die sich durch die Einführung der Kartoffel und den Aufschwung der Milchproduktion im Gefolge der Agrarmodernisierung ergaben(35). Alfred Perrenoud, der bedeutendste Vertreter des «mikrobiologischen Ansatzes», führt die bessere Resistenz der Bevölkerung auf Mutationen gewisser Krankheitserreger zurück, die letztlich unerklärlich bleiben müssen(36). Der «(umwelt)-medizinische» Ansatz rückt administrative Hygienisierungsmassnahmen wie den Kampf gegen stinkende Substanzen und stehendes Wasser und eine damit verbundene umwelthygienische Sensibilisierung der Bevölkerung in den Vordergrund(37).
Die älteren fruchtbarkeitsgesteuerten Erklärungen beruhen auf der zuerst von Adam Smith vertretenen Annahme, wonach die Bereitstellung von Arbeitskraft in einer vor- und frühkapitalistischen Wirtschaft vollständig elastisch erfolgte. Eine zusätzliche Nachfrage nach Arbeit hebe die Löhne an, so Smith, und schaffe dadurch Anreize zur Vergrösserung der Kinderzahlen pro Familie(38). Dieser ökonomischen Logik gehorchte nach Ansicht von Peter Kriedte, Hans Medick und Jürgen Schlumbohm das schnelle Wachstum protoindustrieller Bevölkerungen(39). In der Zwischenzeit haben jedoch verschiedene Untersuchungen aufgezeigt, dass fruchtbarkeitsgesteuerte Wachstumsprozesse auch in agrarischen Gesellschaften wirkten, in denen Familiengründung und Existenzsicherung an die Verfügbarkeit von eigenem Boden gebunden waren(40). Besondere Bedeutung kommt dabei der Studie Robert Nettings zu, der im Walliser Bergdorf Törbel eine Verkürzung der innerehelichen Geburtenabstände nachgewiesen hat, die möglicherweise auf verbesserte Ernährung zurückzuführen ist(41). Ulrich Pfister betrachtet in seiner neuen Synthese die «Zunahme der Heirats- und Fruchtbarkeitsraten» als primäre Ursache der nach 1750 einsetzenden langen Bevölkerungswelle(42).
Aufgrund dieser widersprüchlichen Befunde stellt sich als
erstes Teilziel die Aufgabe, die Gültigkeit der verschiedenen
Bevölkerungstheorien und Tragfähigkeitsmodelle am Beispiel
des Kantons Bern anhand empirischer Daten zu überprüfen.
Dies soll in Anbetracht der erwähnten naturräumlichen,
ökonomischen und sozialen Vielfalt auf der Ebene von Teilräumen
geschehen, die in dieser Hinsicht eine gewisse Einheitlichkeit
aufweisen. Dabei wird die Gültigkeit unterschiedlicher Modelle
für unterschiedliche Untersuchungsräume und Abschnitte
der Untersuchungsperiode nicht ausgeschlossen(43).
1.3 Agrarmodernisierung und Industrialisierung
Sorgfältigere und aufwendigere Schätzungen des britischen Wirtschaftswachstums pro Kopf haben in den letzten Jahren ein neues Bild der Industriellen Revolution in diesem Land gezeichnet, dem für das Verständnis der Wechselwirkungen zwischen Agrarmodernisierung, Industrialisierung und Bevölkerungswachstum eine generelle Bedeutung zuzusprechen ist. Es enthält zahlreiche Argumentationsstränge, die bei der Diskussion dieser Wirkungszusammenhänge im Kanton Bern wieder aufgenommen werden. Deshalb soll im folgenden kurz auf das Beispiel Englands eingegangen werden.
Die englische Wirtschaft wuchs im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert langsamer und kontinuierlicher als bisher angenommen, und das Wachstum war sektoriell wesentlich breiter abgestützt. Erst nach 1830 setzten sich die Baumwoll- und die Eisenindustrie als industrielle Leitsektoren durch und leiteten damit jenen Prozess des langfristigen Strukturwandels ein, den Mathias als wirtschaftliche Entwicklung bezeichnet(44). In der Anlaufphase der Industrialisierung blieb die Kaufkraft trotz starken Bevölkerungswachstums konstant und stieg mit der Zeit dann an. Immer breitere Schichten gelangten im Verlaufe dieses Prozesses auf ein Einkommensniveau, das ihnen über die Deckung der Grundbedürfnisse hinaus einen Spielraum für den Erwerb gewerblicher Produkte oder von Dienstleistungen gewährte(45), der zur Steigerung der Nachfrage beitrug. Die effektiv bedeutsame Raumeinheit für die Bereitstellung der Faktoren, insbesondere Kapital und Arbeit, und für den Fluss von Informationen, geschäftlichen Kontakten und Kreditnetzen blieb im Voreisenbahnzeitalter die Wirtschaftsregion(46).
Die Leistungsfähigkeit der Landwirtschaft spielte im Prozess der Industrialisierung Englands eine bedeutende, wenn nicht sogar die ausschlaggebende Rolle. Es wird oft übersehen, dass Grossbritannien bis weit ins 19. Jahrhundert hinein bei Nahrungsmitteln im wesentlichen Selbstversorger blieb. Trotz des raschen Bevölkerungswachstums war das Land nicht auf den Export industrieller Güter angewiesen, um damit den Import von Nahrungsmitteln zur Ernährung seiner Bevölkerung zu finanzieren. Fortdauernde Selbstversorgung war unter diesen Umständen nur möglich, wenn es gelang, die landwirtschaftliche Produktivität im Vorfeld und im Verlauf der industriellen Revolution so gewaltig zu steigern, dass sie mit dem raschen Bevölkerungswachstum zumindest Schritt halten konnte(47).
Es wird angenommen, dass die historische Expansion der Landwirtschaft in heutigen Industrieländern in vierfacher Weise Entwicklungsbeiträge für das industrielle Wachstum geliefert hat:
Allerdings sind diese Annahmen, vor allem die letztgenannte, noch unzureichend durch empirisch-historische Untersuchungen abgestützt(49).
Die ökonomische Theorie hat bis in die jüngste Zeit hinein bestritten, dass die Landwirtschaft ihre Produktivität im gleichen Umfange steigern konnte wie die Industrie und der moderne Dienstleistungssektor. Dabei beruft sie sich auf das von Turgot 1768 erstmals formulierte Gesetz des abnehmenden Bodenertrags, das gewissermassen als «natürliche Grenze» der Produktivitätsentwicklung gilt(50). Ausserdem wird behauptet, das agrarische Milieu wirke entwicklungshemmend, weil die Agrarmärkte kein normales Anbieterverhalten zeigten und wegen der Inflexibilität des Angebots nicht ausreichend auf Veränderungen der Preise reagieren könnten. Dieses Konzept hat in Form der sogenannten «Dualismustheorie» Eingang in die Entwicklungstheorie gefunden. Mit diesem Begriff wird ein Sachverhalt bezeichnet, der davon ausgeht, dass historische Gesellschaften in einen marktwirtschaftlich gesteuerten «modernen» Sektor (Industrie, urbane Dienstleistungen) und einen traditionalen agrarisch-gewerblichen Sektor aufgespalten waren und dass diese beiden Sektoren nur unzureichend über Güter- und Faktormärkte verbunden waren. Modelle, die sich überhaupt bemühen, den Agrarsektor in die Analyse einzubeziehen, unterstellen in der Regel eine Situation, in der nur der industrielle Sektor akkumuliert und investiert und damit zur Überwindung der strategischen Kapitalknappheit beiträgt, während die Landwirtschaft dessen Entwicklung allenfalls begleitend unterstützt(51). Neuere Untersuchungen legen stärkeres Gewicht auf die Wechselwirkungen zwischen industriellem und landwirtschaftlichem Wachstum(52).
Dieter Senghaas und andere sind in ihrem Konzept einer autozentrierten Entwicklung der Dritten Welt dieser Sicht der Dinge entgegengetreten und postulieren, dass sich die am Beispiel Englands nachgewiesene intensive Wechselwirkung von agrarischem und industriellem Wachstum für viele weitere industrialisierende Staaten vom 18. bis zum 20. Jahrhundert bestätigen lasse(53). «Gesellschaften, die dem englischen Verdrängungswettbewerb erfolgreich entgegenwirken wollten», schreibt er, «mussten wiederholen, was in England zum Entwicklungsdurchbruch geführt hatte: eine Kombination von breitenwirksamer Agrarmodernisierung und industrieller Revolution. Überblickt man die Entwicklungsgeschichte europäischer und aussereuropäischer Gesellschaften während des 19. und 20. Jahrhunderts, so zeigt sich ein deutlicher Bezug zwischen erfolgter Agrarmodernisierung und erfolgreicher Industrialisierung bzw. ausgebliebener Agrarmodernisierung und fehlgeschlagener Industrialisierung»(54).
Als Sonderfall hebt Senghaas nach einem Seitenblick auf Norwegen die Schweiz hervor, die sich auf Grund ihrer relativ ungünstigen Bedingungen frühzeitig in die arbeitsteilige Weltwirtschaft eingegliedert habe: «Importiert wurden Grundnahrungsmittel und industrielle Rohstoffe; vor Ort wurden Rohstoffe zu Fertiggütern weiterverarbeitet, die dann im Ausland abgesetzt wurden, als der Binnenmarkt noch nicht erschlossen war. Die landwirtschaftliche Basis der Schweiz lag also in der Frühphase der Entwicklung in einem Ausland, das Überschüsse zu produzieren imstande war»(55).
Dieses Bild einer innovationsträgen, schmalbrüstigen Landwirtschaft und eines schwachen Binnenmarktes stammt aus den älteren Darstellungen der schweizerischen Wirtschaftsgeschichte(56). Bevölkerungsdruck und Rohstoffmangel erscheinen als die treibenden Kräfte, die die Industrialisierung und die weltwirtschaftliche Integration des armen Gebirgslandes Schweiz erzwangen. Die Betonung dieser widrigen Umstände trägt dazu bei, den Aufstieg der Schweiz in den Kreis der führenden Industrienationen als etwas Besonderes zu betrachten, das sich letztlich nur mit ausserordentlichen Qualitäten seiner Bewohner wie Leistungswillen und Sparsamkeit begründen lässt.
Dieses Cliché des Sonderfalls Schweiz haben Hans-Jörg Siegenthaler und seine Schüler auf Grund ihrer empirischen Untersuchung des Bruttosozialprodukts im 19. Jahrhundert demontiert. Dabei ist deutlich geworden, dass die Historiographie die Industrielle Revolution einseitig auf die technisch-organisatorische Umwälzung in der Textilindustrie eingegrenzt und die Abhängigkeit der Schweiz von ausländischen Rohstoffen und Nahrungsmitteln überbewertet hat(57). Es ist zu wenig beachtet worden, dass die schweizerische Wirtschaft vor der Schaffung des ersten Eisenbahnnetzes in den 1850er Jahren vom Ausland durch hohe Transportkosten abgeschottet, in ihrer Energieversorgung autark(58) und erst partiell in eine internationale Arbeitsteilung integriert war. Michael Bernegger hat die Ansicht vertreten, dass die wesentlichen Modernisierungsimpulse bis über die Jahrhundertmitte hinaus von der Expansion des Binnenmarkts ausgingen. In einem ersten Schritt zeigt er auf, dass der Beitrag der exportorientierten Leichtindustrien (Baumwolle, Seide, Uhren) zum Wirtschaftswachstum im frühen 19. Jahrhundert von der Geschichtsschreibung aus drei Gründen überschätzt worden ist: Einmal erreichte die ökonomische Wertschöpfung dieser Branchen nur gerade 12% des Bruttosozialprodukts, dann blieb ihr Anteil an der Gesamtzahl der Beschäftigten in der ersten Jahrhunderthälfte bei stagnierendem Reallohnniveau unverändert, schliesslich fiel der Erntewechsel in der Landwirtschaft bis um 1870 für die wirtschaftliche Aktivität schwerer ins Gewicht als die Schwankungen der industriellen Exporte. In einem zweiten Schritt bringt Bernegger Belege, die seine These vom grossen gesamtwirtschaftlichen Stellenwert der Agrarmodernisierung untermauern(59): Einmal umfasste der Agrarsektor den Löwenanteil der Beschäftigten, und sein Beitrag zum Sozialprodukt lag in einer ähnlichen Grössenordnung. Im weiteren stiegen die Hochbauinvestitionen in den klassischen Landwirtschaftskantonen des Mittellandes stärker an als in den Industriekantonen(60). Gesamthaft gesehen schlägt Bernegger einen Wechsel von der alleinigen Berücksichtigung des Maschinen- und Fabriksystems zur Betrachtung gesamtwirtschaftlicher Zusammenhänge vor.
Noch fehlt aber dafür ein tragfähiges Fundament von statistischen Daten. Georges Andrey beklagt, dass offizielle Zahlen sozusagen völlig fehlen, und zweifelt die Zuverlässigkeit der diesbezüglichen Angaben aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an, auf die sich die älteren Schätzungen stützen(61). Ein Ausweg aus dieser Situation besteht darin, das für einige Kantone zur Verfügung stehende Material auszuwerten, um wenigstens einen partiellen Einblick zu erhalten. Freilich ist dabei zu berücksichtigen, dass auch kantonale Durchschnittswerte, sofern sie räumlich nicht feiner aufgeschlüsselt sind, zur Untersuchung der Wechselwirkungen zwischen Agrarmodernisierung und Industrialisierung nicht unbedingt geeignet sind. Im Anschluss an einen grundlegenden Aufsatz Sidney Pollards(62) haben die neueren Forschungen zum übereinstimmenden Ergebnis geführt, dass industrielle Entwicklung als regionaler Prozess zu verstehen ist, der sich über staatliche Grenzen hinweg ausbreitete. Dies gilt, wie in der vorliegenden Arbeit gezeigt werden wird, auch für die Agrarmodernisierung. Bei industrialisierten Regionen muss mit einer Mindestgrösse von 5000 km2 gerechnet werden(63), was etwa der Fläche des Textil- und Maschinenindustriegürtels in der Nord- und Ostschweiz entspricht. Ihm würde ein möglicher ergänzender Kernraum der Agrarmodernisierung im Mittelland in derselben Grössenordnung entsprechen, dem unter anderem das bernische Kornland angehört. Andererseits hatte der Kanton mit dem Südjura und dem Oberaargau selber Anteil am Industriegürtel und umfasste daneben im höheren Mittelland und im Alpengebiet eine Anzahl von verkehrsfernen Räumen, die von der Modernisierung kaum berührt wurden und in dieser Hinsicht vielerlei Gemeinsamkeiten mit Nachbarräumen zeigen. Als Beispiel seien das Saanenland und das Pays d'Enhaut genannt. Regionale Gliederungen gleichen einem verwirrenden Flickenteppich von industrialisierten, agrarmodernisiert-gewerblichen und traditional-peripheren Räumen, die sich in keiner Weise mit territorialen Grenzen decken.
Als zweites Teilziel will die vorliegende Arbeit für die
Periode 1830-1914 den Wechselwirkungen zwischen Agrarmodernisierung
und Binnenmarkt einerseits sowie zwischen Agrarmodernisierung
und Industrialisierung andererseits nachgehen, soweit das von
der Evidenz her möglich ist.
1.4 Der Kanton Bern als Untersuchungsraum
Für die Untersuchung von Wechselwirkungen zwischen Bevölkerungsentwicklung, Wirtschaftswachstum und Umweltveränderungen bietet der Kanton Bern drei Vorteile: Einmal hat eine bis in die Zeit der Spätaufklärung zurückreichende Verwaltungstradition die Durchführung von recht sorgfältigen (proto-)statistischen Zählungen und Erhebungen in einer zeitlich bemerkenswert dichten Abfolge begünstigt. Dann hatte Bern unter allen Kantonen im 19. Jahrhundert mit Abstand die grösste Bevölkerung. Schliesslich hat Bern als einziger Kanton namhaften Anteil an den drei topographischen Grossregionen des Landes - Jura, Mittelland und Alpen. Von daher gehört die ökonomische und kulturelle Vielfalt zu seinem Wesenskern. Nachteilig fallen dagegen die tiefgreifenden territorialen Umgestaltungen seit dem 18. Jahrhundert ins Gewicht(64):
Von der alten Republik Bern lösten sich in der Helvetik die Waadt, der Unteraargau und das Oberland. Im letzteren Fall folgte die Grenzziehung weitgehend den geographischen Trennlinien, indem die flacheren und tieferliegenden, zum Kornland gehörenden Teile des Schultheissenamtes Thun dem alten Kanton zugeschlagen wurden(65). Andererseits wurde dem bernischen Rumpfstaat die Herrschaft Schwarzenburg angegliedert, die Bern bisher gemeinsam mit Freiburg verwaltet hatte. Unter der Mediationsverfassung stiess das Oberland 1803 wieder zum Mutterkanton, 1807 ausserdem die Twingherrschaft Münchenwiler-Clavaleyres(66). 1815 erlangte Bern das Gebiet des ehemaligen Fürstbistums Basel, welches 1793/97 als Département du Mont Terrible und von 1800 an als Teil des Département du Haut-Rhin zu Frankreich gehört hatte. Der nördliche Teil des Juras konstituierte sich 1978 als selbständiger Kanton; das Laufental schloss sich 1993 an den Kanton Baselland an (vgl. Karte 1.1.)(67).
Das alte Bern kannte mehrere Gemeindearten mit unterschiedlichen Aufgaben, die sich bis heute zum grössten Teil erhalten haben. Diese deckten das bernische Staatsgebiet nicht immer lückenlos ab, überschnitten sich gegenseitig in ihren Grenzziehungen und trugen eher den Charakter eines Personenverbandes als eines territorialen Gebildes(68).
Die unterste administrative Ebene, für die im Ancien Régime Daten vorliegen, ist jene der Kirchgemeinden, die durch die Reformation als Körperschaft geschaffen wurden(69). Vormundschafts- und Armenwesen, Heimatrecht und Wohnsitzwesen, Schule und Sitten wurden durch die Kirchgemeinde selbständig geregelt, und sie hatte auch ihre eigenen Einkünfte (Armentellen, Zinsen aus dem Armenfonds)(70). Auf der Kirchgemeinde beruhte im wesentlichen die im Regionenbuch von 1782/84 vorliegende Einteilung nach Landgerichten und nach der niederen Gerichtsbarkeit. In der Helvetik bildete sie die territoriale Grundeinheit der Distrikte(71). Ausserdem blieb sie bis zur 1875 erfolgten Aufhebung der kirchlichen Registerführung, in Form von Zivilstandskreisen sogar bis 1930(72), das statistische Gefäss für die Registrierung von vitalstatistischen Ereignissen (vgl. 2.3.1.1).
Die Kirchgemeinden bauten sich im Ancien Régime fast ausnahmslos aus Rechtsame- oder Gütergemeinden(73) und selbständigen Höfen auf(74), die reine Wirtschaftsverbände waren. Die rechtsamefähigen (Voll-)Bauern regelten durch ihre gewählten Organe den Besatz der Allmenden, die Waldnutzung, den Weidgang, die Bebauung der Äcker, die Erntetermine, die Auffahrrechte der Zelgen, die Ablieferung der Heuzehnten sowie die Erstellung und den Unterhalt von lokalen Wegen, Brücken und Stegen(75). Die Daten der Volkszählung von 1764 wurden bereits auch im Rahmen der Gütergemeinden aufgenommen.
Die Regenerationsverfassung von 1831 schuf die Einwohnergemeinden als politische und administrative Basiseinheiten des Staates. Das Gemeindegesetz vom 20. Dezember 1833 brachte innerhalb der Gemeindebezirke die Trennung in eine Einwohnergemeinde und in so viele Burgergemeinden, wie abgesonderte Burgergüter vorhanden waren. Wo die Gütergemeinden klein bis sehr klein und mit vielen Einzelhöfen durchsetzt waren, wurde der heutigen Gemeindeorganisation die Kirchgemeinde zugrundegelegt. Je gebirgiger das Land und je geringer seine Bevölkerungsdichte war, desto grösser wurden die Gemeindeareale(76). Wo die Einwohnergemeinden aus den Gütergemeinden hervorgingen, sind oft Zwerggemeinden entstanden, die sich später oft mit benachbarten Gemeinden zusammenschlossen. Die bernischen Behörden lösten seit 1850 insgesamt 28 Gemeinden auf. Acht davon wurden im städtischen Bereich eingemeindet, 20 im ländlichen Gebiet zusammengeschlossen. Dagegen entstanden mit Rüschegg und Kandersteg nur gerade zwei neue Gemeinden. Über die Verselbständigung von sogenannten Unterabteilungen sind seit 1980 aus zwei Gemeinden - Bolligen und Schlosswil - deren fünf hervorgegangen(77).
Die Amtsbezirke sind in ihrer heutigen Struktur im wesentlichen 1803 geschaffen worden. Mit dem Anschluss des Juras erfuhren die seeländischen Bezirke 1815 eine Vergrösserung. Büren nahm das Kirchspiel Pieterlen auf, von dem 1839/40 die Gemeinde Romont an Courtelary kam; Biel blieb bis 1832/34 Bestandteil von Nidau, und Neuenstadt mit dem Tessenberg musste bis 1846 warten, ehe es von Erlach, wie Laufen von Delsberg, getrennt wurde. Die ursprünglich ins Amt Nidau gehörige Gemeinde Siselen wechselte 1803 ins Amt Erlach(78). 1863 wurden Buchholterberg und Wachseldorn vom Amt Konolfingen ins Amt Thun, 1871 und 1886 Schwarzhäusern und Ursenbach vom Amt Wangen ins Amt Aarwangen verschoben. 1978 trennten sich die Amtsbezirke Delsberg (ohne Rébévélier und Roggenburg), Freiberge, Pruntrut sowie ein Teil des Amtes Moutier vom Kanton. Rébévélier wechselte von Delsberg ins Amt Moutier, Roggenburg von Delsberg ins Amt Laufen(79).
Als Landesteile werden innerhalb des Kantons Bern die sechs traditionellen Landschaften - (Süd-)Jura, Seeland, Mittelland, Emmental, Oberaargau und Oberland - bezeichnet. Ihr territorialer Umfang hat sich im Verlaufe der Zeit immer wieder etwas verändert(80).
Georges Grosjean hat den Naturraum nach Physiotopen gegliedert. Unter einem Physiotop versteht er «einen Ausschnitt der Erdoberfläche, der in seinen wichtigsten natürlichen Gegebenheiten einigermassen einheitliche Verhältnisse aufweist, bzw. eine charakteristische Assoziation verschiedener Elemente darstellt»(81). Als Kriterien dienen Höhenlage, Hangneigung, geologische Beschaffenheit des Untergrundes, Hydrologie, Klimaverhältnisse und Boden(82). In ihrem charakteristischen Zusammenwirken kommen die Physiotope weitgehend in den landwirtschaftlichen Subventionszonen zum Ausdruck(83).
Mit der Standardgrenze des landwirtschaftlichen Produktionskatasters wird das Gebiet der Schweiz in Berggebiet und Talgebiet unterteilt. Die Standardgrenze wird im wesentlichen aufgrund der klimatischen Verhältnisse, der Verkehrslage, der Oberflächengestaltung sowie innerhalb der einzelnen Landesteile unter Berücksichtigung der Höhenlage festgelegt. Die klimatische Lage ergibt sich in erster Linie aus der Dauer der Vegetationszeit. Daneben spielen die durchschnittliche jährliche Niederschlagsmenge und ihre Verteilung auf die einzelnen Monate eine Rolle. Für die Beurteilung der Verkehrslage sind die Zufahrtsverhältnisse und die Entfernung des Betriebes zum Dorf (Käserei, Schule, Nebenerwerbsmöglichkeiten) und von der nächsten Bahnstation massgebend. Bei der Oberflächengestaltung wird der Anteil von steilem und coupiertem Gelände im Betriebsganzen in Betracht gezogen und ob eine Liegenschaft mit Maschinen leicht bearbeitbar, der maschinelle Einsatz erschwert oder überhaupt unmöglich ist. Der naturräumlichen Gliederung liegt die Situation in den 1970er Jahren zugrunde. Damals waren das Talgebiet und das Berggebiet in je drei Subventionszonen eingeteilt. Diese sechs Zonen(84) wurden auf Grund der geringen Zahl von Gemeinden in einzelnen Zonen auf vier reduziert(85): Talgebiet, Hügelgebiet, Untere Bergstufe, Obere Bergstufe. Bei der Zuordnung der einzelnen Gemeinden und Kirchgemeinden zu den Bergstufen dürfen Unschärfen nicht überbewertet werden. Nicht der einzelne Hof mit seinen Subventionsansprüchen, sondern eine Grobgliederung des Raumes hinsichtlich der erwähnten naturräumlichen Eigenschaften steht im Vordergrund. Die Bergstufen werden als Gefässe verwendet, um menschliche Aktivitäten, Sachverhalte und Tatbestände nach naturräumlichen Kriterien zu ordnen, zusammenzufassen und zu beschreiben.
Zur Beschreibung der regional unterschiedlichen, innerhalb der naturräumlich bedingten Grenzen historisch gewachsenen Wirtschafts- und Sozialformen wird auf das Konzept des Ökotypus in seiner ursprünglich durch den Ethnologen Wolf geprägten Form zurückgegriffen: ein System des Energietransfers von der Umwelt zum Menschen(86). Ein Ökotypus kann nicht nur von den naturräumlichen Bedingungen her interpretiert werden; er verkörpert auch die spezifischen Eigenschaften der betreffenden Gesellschaft, ihre Institutionen, ihre Denk- und Verhaltensweisen, ihre Rechtsordnung und ihr Sozialgefüge. Auf diese Weise können regional dominierende Wirtschaftsweisen und Lebenswelten typisiert werden, die durch die Anpassung der Existenzsicherung an naturräumliche Gegebenheiten entstanden sind.
Grundlage zur Bestimmung von Ökotypen sind Bodennutzungssysteme, verstanden als «die nach bestimmten Grundsätzen erfolgende räumliche und zeitliche Verteilung der einzelnen Kulturarten über das gesamte Kulturland»(87).
Bei der Definition der Ökotypen wurde von der relativen Bedeutung von Getreide, Hackfrüchten, Milch und Wein(88) um 1850 ausgegangen, wobei als gemeinsamer Nenner der Nährwert genommen wurde. Zunächst wurde für jede Kirchgemeinde die Summe des gesamten Nährwerts gebildet und auf den Kopf der Bevölkerung umgerechnet. Dann wurde der Anteil der drei Produkte in Prozenten ausgedrückt. Diese Anteile dienten als Kriterium für die Definition von Agrarzonen(89).
Im Alpenraum herrschte die Milch gegenüber dem Getreide vor. Der Übergangsbereich, in dem sich die beiden Produkte nährwertmässig ungefähr die Waage hielten, schmiegt sich eng an jenen Grenzsaum an, der auch von der Geologie, vom Haustyp, von der Mundart und vom Brauchtum her bekannt ist(90). Einzig die flacheren Gegenden am linken Thunerseeufer (Aeschi, Krattigen, Wimmis, Spiez) und die auf dem «Bödeli» bei Interlaken gelegene Gemeinde Unterseen wiesen einen etwas höheren Getreideanteil auf. Das Oberland selbst gliederte sich in zwei recht unterschiedliche Wirtschaftsräume: Der weitaus grösste Teil ist dem Typ der inneralpinen Mehrzweckwirtschaft(91) zuzurechnen. Diese letztere von Jon Mathieu näher beschriebene Wirtschaftsweise war nicht nur im inneralpinen Raum verbreitet(92), sondern umschloss im Bereich des mittleren und östlichen Berner Oberlands auch die niederschlagsreichere Nordabdachung der Alpen. Im südwestlichsten Zipfel des Oberlandes(93), den Karl Victor von Bonstetten (1782) als «Hirtenland» bezeichnet hat(94), traten das Getreide und die Kartoffeln gegenüber der Milch noch stärker zurück. Das bernische «Hirtenland» gehörte einer grösseren Zone an, die sich gegen Westen ins Pays d'Enhaut(95) und ins Greyerzerland hineinzog(96). Die beiden Subzonen - das «Gebiet der alpinen Mehrzweckwirtschaft» und das «Hirtenland» - wurden terminologisch unter der geographischen Bezeichnung «Alpengebiet» zusammengefasst.
Für die Untergliederung von Mittelland und Südjura musste auf das vorherrschende Bodennutzungssystem (Dreizelgen- oder Feldgraswirtschaft) sowie auf den Siedlungstyp (Haufendorf oder Streusiedlung bzw. Einzelhof) zurückgegriffen werden, da die Getreideproduktion um 1850 auch in weiten Teilen des Höheren Mittellandes und des Juras dominierte. Der Grenzsaum zwischen dem Gebiet des Kornlandes und jenem der Feldgraswirtschaft folgt im Südosten der Reliefstufe zwischen dem Tieferen und dem Höheren Mittelland und im Norden jener zum Jura. Im Mittelland wurden die beiden Zonen anhand des Siedlungstyps entflochten: Haufendorf im Kornland, Streusiedlung und Einzelhof neben Dorfsiedlung im Gebiet der Feldgraswirtschaft(97); der Südjura wurde ganz der Zone der Feldgraswirtschaft zugeschlagen. Innerhalb des Feldgrasgebiets liess sich eine Subzone «Feldgras-Kornwirtschaft» mit einem etwas höheren Getreideanteil und eine verbleibende sehr heterogene «Feldgras-Mischzone» abgrenzen. Diese umfasst all jene Kirchgemeinden, die sich aufgrund der obgenannten Kriterien keiner anderen Zone zuordnen liessen, sei es aufgrund eines besonders hohen Anteils der Kartoffeln(98), sei es wegen der Bedeutung der Milchwirtschaft (99).
Wo kapital- und arbeitsintensiver Rebbau weitgehend als Monokultur betrieben wurde(100) - namentlich in den Gunstzonen an Seeufern -, liess sich anhand eines minimalen Anteils des Weins an den erzeugten Kalorien ein Weinland abgrenzen. In den übrigen Gebieten war der Rebbau - bei räumlich und zeitlich fliessenden Übergängen - in gemischtwirtschaftliche Bodennutzungssysteme eingeordnet und von untergeordneter Bedeutung(101).
Richard Feller hat mit seiner Geschichte des alten Bern eine Synthese geschaffen, die auf der Höhe der erzählenden Kunst stand. Vierzig Jahre nach ihrem Erscheinen liest sie sich noch immer mit Gewinn, weil sie neben den politischen Ereignissen auch Themenbereiche wie die Bevölkerungs-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, die erst später vermehrt in den Blickpunkt der Historiographie traten, bereits in erstaunlichem Umfang einbezieht(102). Im Unterschied zu Feller hat sich Beat Junker in seiner «Geschichte des Kantons Bern seit 1798» weitgehend auf die Entwicklung der Verfassung und die politischen Ereignisse beschränkt(103). Wer einen konzisen Überblick über die Berner Geschichte sucht, sei auf die «Geschichte der Stadt und Landschaft Bern» von Hans Strahm(104) oder den von der Qualität der Bilddarstellungen her überzeugenden zweiten Band der «Illustrierten Berner Enzyklopädie» verwiesen(105). Den Beitrag Berns zum schweizerischen Geschichts- und Nationalbewusstsein hat Hans von Greyerz gewürdigt(106). Ein vollständiger Überblick über die neuere Literatur lässt sich anhand der seit 1975 erscheinenden Jahresbibliographie zur Berner Geschichte gewinnen(107).
Als Gründervater der bernischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte kann Karl Geiser gelten. In den 1890er Jahren hat er massgebliche Werke zur Geschichte von Landwirtschaft, Industrie und Gewerbe, zum Eisenbahnbau und namentlich zur Sozialgeschichte geschaffen, auf welche die Geschichtsschreibung seither immer wieder zurückgegriffen hat(108). Christian Mühlemann, der als Vorsteher des kantonalen statistischen Bureaus aus eigener Erfahrung Einblick in die Verhältnisse des neunzehnten Jahrhunderts besass, hat die erste und bisher einzige Synthese der wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Entwicklung von der Stadtgründung bis zur Schwelle des zwanzigsten Jahrhunderts vorgelegt(109). Eine mit Karten- und Bildmaterial abgestützte, wirtschaftsgeschichtliche Darstellung verdanken wir Georges Grosjean, einen handlichen Überblick dem Wirtschaftsjournalisten Urs Scheidegger(110). In den letzten zwei Jahrzehnten hat Beatrix Mesmer als Inhaberin des zweiten schweizergeschichtlichen Lehrstuhls an der Universität Bern die Forschung auf dem Gebiet der Wirtschafts- und Sozialgeschichte vorangetrieben: Neuere Arbeiten haben die Bedeutung des ländlichen Gewerbes herausgehoben(111) und den Beitrag der Elektrizitätswirtschaft zur Wirtschaftsentwicklung(112) sowie die Bedeutung der Schiffahrt auf dem Thuner- und Brienzersee untersucht(113). Während in der Sozialgeschichte zunächst die institutionellen Veränderungen im Armenwesen(114) und die historische Haushaltforschung im Zentrum standen(115), sind im letzten Jahrzehnt vermehrt einzelne soziale Gruppen - Dienstboten, Nichtsesshafte, Verdingkinder und Kriminelle(116) - in den Blick getreten.
Bevölkerungsgeschichtliche Fragestellungen - das Problem der unehelichen Geburten(117), der Baby-Boom im Zweiten Weltkrieg(118), die Rote Ruhr von 1750(119), der Kampf um die Pockenschutzimpfung(120), die rätselhafte Grippe von 1918(121), die Abwanderung von Bernern in den Südjura(122) und in die Westschweiz(123), die Auswanderung nach Amerika(124), die armenrechtlich legitimierte Kontrolle der Zuwanderung in die Stadt Bern(125) - sind im letzten Jahrzehnt vermehrt angegangen worden. Eine erste Synthese verdanken wir Beatrix Mesmer(126). Dagegen ist bis heute keine Kirchgemeinde konsequent nach der von Henry und Fleury entwickelten Methode der Familienrekonstitution untersucht worden.
Eine agrargeschichtliche Gesamtschau nach dem Muster des Werkes von Georg C. L. Schmidt(127) steht für das 19. und 20. Jahrhundert noch aus. Vorarbeiten dazu sind durch eine Untersuchung der viehwirtschaftlichen Produktion und Schätzungen der Energieströme in der Landwirtschaft in Form von Modellen geschaffen worden(128).
Auf der Ebene der Landschaften liegt mit der Monographie Fritz Häuslers einzig für das Emmental im Ancien Régime eine umfassende Synthese vor. Alltag und Wirtschaftsweise der Oberländer Bevölkerung im 18. Jahrhundert hat Ralph Bircher dargestellt(129); die Monographie Udo Robés für das 19. Jahrhundert legt den Akzent auf die politische Geschichte(130). Während die Geschichte des östlichen Oberlandes durch zahlreiche regionale und lokale Monographien aufgearbeitet ist, lassen sich für den westlichen Landesteil, namentlich für das Saanenland, nicht einmal die elementarsten Grundlagen der neueren Wirtschaftsentwicklung erschliessen(131). Für Teile des Mittellandes, das Seeland und den Südjura haben Kulturgeographen Sammelbände herausgegeben, die auch historische Beiträge enthalten(132). Für den Oberaargau steht eine Synthese des umfangreichen, durch das «Jahrbuch des Oberaargaus» gut erschlossenen Materials immer noch aus.
Eigentliche Regionalstudien, die den Prozess der Modernisierung umfassend umschreiben, sind für die Bezirke Niedersimmental(133) und Schwarzenburg(134) sowie für die beiden Bezirke Büren und Konolfingen geschaffen worden(135). Die letztgenannte Dissertation ist vom Ansatz her besonders innovativ, weil die zwei Bezirke von beiden Autoren mit derselben Fragestellung und demselben methodischen Zugriff analysiert werden, was die Qualität des Vergleichs in der abschliessenden gemeinsamen Synthese erheblich gesteigert hat. Diesem umfassenden Typ der Regionalgeschichte entspricht auch Benedikt Bietenhards ländliche Biographie der Kirchgemeinde Langnau(136). Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass seit 1980 mehr als drei Dutzend Ortsgeschichten erschienen sind(137), weitere sind in Form von Lizentiatsarbeiten greifbar(138).
Die neueren Forschungsanstrengungen haben sich vorrangig mit
den Verhältnissen im 19. Jahrhundert befasst. Demgegenüber
sind unsere Kenntnisse des frühen 20. Jahrhunderts, insbesondere
der Periode des Ersten Weltkrieges und der Zwischenkriegszeit,
als dürftig zu bezeichnen.
1.5 Methoden und Ansätze
Im folgenden sollen die theorieförmigen Einsichten und die verschiedenen Ansätze dargelegt werden, die der Auswertung des Materials zugrundeliegen. Theorien sind einerseits «Konstruktionen, nach denen erzählt wird, sie sind Baupläne von Geschichten, Erzählgerüste»(139), die auf die immanente Logik eines Geschehens hinweisen(140). Andererseits liefern Theorien mittlerer Reichweite Ansätze zur Erklärung bestimmter historischer Forschungsgegenstände, wie zum Beispiel der Bevölkerung oder der Wirtschaft.
Die Geschichte einer Gesellschaft kann mit der Fahrt eines Schiffes auf einem Fluss verglichen werden. Zwei Kräfte wirken auf den Kurs des Schiffes ein: die Strömung, die durch den Lauf des Flusses, durch Engnisse, Windungen, Sandbänke oder Stromschnellen bedingt ist, und die Ruder- und Steuermanöver der Besatzung. Sieht diese die Schwierigkeiten rechtzeitig voraus und beherrscht der Steuermann sein Handwerk, können auch schwierige Passagen gemeistert werden. Dagegen kann eine unfähige Besatzung, vor allem wenn sie über den Kurs uneinig ist, das Schiff schon an relativ harmlosen Stellen zum Kentern bringen(141). Wer die Fahrt einer Gesellschaft durch die Vergangenheit verstehen will, darf somit sein Augenmerk - um im Bild zu bleiben - nicht nur auf die Manöver der Besatzung richten. Er hat auch die Wirbel, die Sandbänke und die Stromschnellen in den Blick zu nehmen. Auf die Aufgabe der Geschichtswissenschaft übertragen, besagt diese Metapher, dass sowohl das Handeln von Individuen als auch überindividuelle Bedingungskonstellationen der Entwicklung, die Strukturen, für den Verlauf der geschichtlichen Entwicklung von Bedeutung sind. Häufig handelt es sich um ein «Zusammenspiel von vorgegebenen «Umständen», die die Menschen prägen, und von Menschen, die auf die Umstände einwirken»(142). Nur wenn beides berücksichtigt wird, ist eine historisch angemessene Antwort auf Fragen nach dem Verhältnis von Ereignis und Struktur, Zufall und Notwendigkeit, Vermeidbarkeit und Unvermeidbarkeit und damit nach den Handlungsspielräumen der politischen Entscheidungsträger möglich.
Eine Verbindung der traditionellen historisch-hermeneutischen Verfahrensweise mit empirisch-analytischen Methoden bringt zwar den höchsten Erkenntnisgewinn; sie zwingt aber auch zur Auseinandersetzung mit den Schwierigkeiten auf beiden Gebieten. Wer Ereignisse ausführlich schildert, wird in der Regel auf verallgemeinernde Aussagen verzichten müssen. Wer aus gesellschaftswissenschaftlicher Perspektive argumentiert, bezahlt dies mit einem Verlust an Anschaulichkeit und Publikumsnähe. Hier nun stellt sich die Frage nach einer sinnvollen Ausbalancierung von Strukturgeschichte und Erfahrungsgeschichte, nach einer Arbeitsteilung zwischen einer historischen Sozialforschung, die ihren Blick auf regelhafte Beziehungen zwischen sozialen Grössen richtet, und einem neohistoristischen Ansatz, welcher die historische Einmaligkeit von Ereignissen und den Wandel der Verhältnisse im Zeitablauf stärker berücksichtigt(143). Christopher Lloyd hat angeregt, strukturgeschichtliche und erfahrungsgeschichtliche Zusammenhänge in zwei getrennten Arbeitsgängen zu untersuchen, weil sie methodisch unterschiedliche Vorgehensweisen verlangen(144). Damit müssen Prioritäten gesetzt werden.
Die vorliegende Arbeit geht von der Prämisse aus, dass die Handlungsweise von Personen und Gruppen oder der Verlauf von Ereignissen nur vor dem Hintergrund «objektiver» Strukturen umfassend verstanden werden kann. Diese sind - wie gezeigt werden wird - namentlich in der Berner Geschichte noch unzureichend aufgearbeitet worden. Folglich gilt das Augenmerk vorrangig den anonymen, strukturellen Rahmenbedingungen des Handelns, was methodisch durch die Auswertung und Verknüpfung von quantitativen Daten geschieht. Im Vordergrund steht die Systemintegration. Darunter sind die spezifischen Steuerungsleistungen selbstgeregelter Systeme zu verstehen, die unabhängig von den Absichten der Handelnden ablaufen. In unserem Falle stehen zwei dieser Systeme im Vordergrund: einerseits das sich entfaltende Marktsystem, andererseits das sich auflösende «homöostatische», d. h. sich selbst im Gleichgewicht haltende demographische System. Es ist Gewicht auf die Feststellung zu legen, dass die systemtheoretische Perspektive die Betrachtung von Prozessen als Ergebnis individueller Entscheidungen nicht hinfällig macht(145). Durch die Erarbeitung von Strukturen werden die Voraussetzungen geschaffen, um später zu einer umfassenderen Gesellschaftsgeschichte vorzustossen. Inhaltlich decken die drei gewählten thematischen Schwerpunkte dieser Arbeit - Bevölkerung, Wirtschaft und Umwelt - nur einen Teil der geschichtsmächtigen Strukturen ab, und die anspruchsvolle Forderung nach Darstellung der Wechselwirkung von individuellem Handeln und strukturellen Rahmenbedingungen bleibt vorderhand ein Wunsch. Für eine abgerundete Betrachtung von Herrschaft, Wirtschaft und Kultur als den drei grundlegenden Dimensionen von Gesellschaft, wie sie für die deutsche Geschichte Hans-Ulrich Wehler anstrebt(146), werden weitere Anstrengungen nötig sein.
Wesentlich ist zunächst die Feststellung, dass sich längerfristige, grossräumige und weitgehend anonyme Veränderungen von Strukturen weit seltener als individuelle Handlungen in den herkömmlichen erzählenden Quellen der Historiker niederschlagen. Ausserdem ist zu bedenken, dass solche Veränderungen durch individuelles Erleben, wie es sich in den erzählenden Quellen erhalten hat, nicht «objektiv» erfasst werden können. Dies aus zwei Gründen: Erstens kann ein Individuum nur einen verschwindend kleinen Ausschnitt aller Ereignisse und Prozesse wahrnehmen, die eine zeitlich und örtlich begrenzte Situation ausmachen. Zweitens wissen wir aus der Psychologie, dass Wahrnehmung ein selektiver Prozess ist. Es hängt zu einem wesentlichen Teil von persönlichen Erfahrungen und Emotionen sowie von kulturell vermittelten und sozial geprägten Filtern ab, welche Sachverhalte wahrgenommen und welche ausgeblendet werden(147). Anhand narrativer Quellen kann somit «nur» die Diskussion wahrgenommener Zustände thematisiert werden, aber es können keine verlässlichen Schlüsse auf die Tatsächlichkeit der dahinterstehenden Prozesse gezogen werden. Mit dieser Feststellung soll nicht der Aussagewert der erzählenden Quellen an sich herabgemindert werden - für den politischen Prozess ist die Wahrnehmung von Tatbeständen ausschlaggebender als ihre Tatsächlichkeit -, wohl aber soll auf ihre Kritikbedürftigkeit bei der Rekonstruktion von Strukturen hingewiesen werden.
Einen «objektiveren», d.h. von der Wahrnehmung einzelner Individuen unabhängigeren Zugang zur Rekonstruktion von Strukturen bieten quantitative oder quantifizierte (d. h. in Zahlen umgesetzte) Daten in Form serieller Quellen(148). Diese bieten den Vorteil, dass sie anhand von (umwelt- und) sozialwissenschaftlichen Theorien mittlerer Reichweite analysiert werden können. Damit lassen sich Einsichten in Teilbereiche der historischen Wirklichkeit gewinnen. Die numerischen Angaben sollen eine Tendenz dokumentieren und nicht den Anschein exakter Realität vortäuschen. Erstens ist die Realität nie nur in Zahlen zu begreifen, obschon die europäische Naturwissenschaft lange versucht hat, das Wesen der Dinge auf mathematische Gesetzmässigkeiten zu reduzieren. Zweitens erzeugen exakte Zahlen eine Illusion von Faktentreue und Genauigkeit, obschon sie nur auf Entwicklungslinien im historischen Prozess hinweisen.
Wechselwirkungen zwischen der Entwicklung von Bevölkerung, Wirtschaft und Umwelt lassen sich auf verschiedenen Abstraktionsebenen untersuchen. Von der Wahl der Ebene hängt es ab, welche Erscheinungen erklärt werden und welche Theorien und Methoden dazu herangezogen werden können. Methodiken sind in der Regel für bestimmte Grössenordnungen entwickelt worden und nur für diese allein aussagekräftig, da sie von Voraussetzungen ausgehen, die allein für diese Grössenordnung, diesen Massstab, gültig sind. Aus diesem Grunde gelten Verallgemeinerungen, die auf einer Bezugsebene gemacht werden, nicht ohne weiteres für eine andere(149). Auf der Makro-Ebene der Landes- und Kantonsgeschichte geht es im wesentlichen um grossräumige Bestandesaufnahmen und Mustererkennungen. Es ist dies die Ebene der wesentlichen Märkte und der höheren technischen Beziehungen. Auf der regionalen Ebene wird die Funktionsweise ökotypischer Bevölkerungs- und Wirtschaftsweisen untersucht. Die Ebene der (Kirch-)Gemeinde ist für mikrodemografische Untersuchungen, solche der Umwelt-, Nutzungs- und Besitzverhältnisse, von ökologischen und sozialen Konflikten, kollektiven Mentalitäten und von Institutionen wie dem Armenwesen geeignet. Auf der Mikro-Ebene des Haushalts oder des Betriebs sind die Prozesse der Produktion und Reproduktion angesiedelt. Hier lassen sich Erkenntnisse über das Verhalten von Individuen gewinnen.
Es gibt im wesentlichen zwei Ansätze, die die Erarbeitung von Erkenntnissen gestatten. Der eine betrachtet das zu untersuchende Objekt «von oben». Ausgangspunkt dieser Betrachtungsweise, die in der Literatur oft mit dem anschaulichen Begriff «top down» bezeichnet wird, sind Fragestellungen aus einem übergeordneten Wissenschaftszusammenhang, die anhand gesamtschweizerischer, gesamtkantonaler oder regionaler Durchschnittswerte untersucht werden. Der andere Ansatz blickt von unten nach oben («bottom up»(150)) und gewinnt Erkenntnisse über menschliches Verhalten aus der Untersuchung einzelner Gruppen, Individuen oder Ereignisse in einem überschaubaren sozialen Umfeld, die dann in einen übergeordneten Kontext einfliessen.
Gert Zang vergleicht die Perspektive der Strukturgeschichte, die «Sicht von oben», mit einem Vogel, der «über die historischen Landschaften fliegt und nur die markanten Punkte und Ereignisse wahrnehmen kann», die Perspektive der Regional- und Ortsgeschichte aber mit einer Schnecke, die sich «durch die Mikrowelten und Wirklichkeiten am Boden» bewegt(151). Diese Metapher ist nicht in herabminderndem Sinne zu verstehen. Vielmehr haben die historische Anthropologie, die Alltagsgeschichte und die historische Demographie in den letzten Jahrzehnten überzeugend dargelegt, dass die Mikro-Ebene wesentlich zum Verständnis von gesamthistorisch bedeutsamen Prozessen beitragen kann, deren Natur wir auf der Makro-Ebene nicht befriedigend erklären können. «Nur die Einsichten in den Mikrokosmos» erlauben es nach Ansicht Gert Zangs, «historische Vorgänge zu begreifen, respektive auf begreifbare Vorgänge zu reduzieren»(152). Die Mikromethode liefert somit Ergebnisse, auf denen zur Erklärung grösserer Zusammenhänge aufgebaut werden kann(153).
Es leuchtet ein, dass sich Ortsgeschichte, Regionalgeschichte und Landesgeschichte ergänzen und gegenseitig bedingen. Für sich allein genommen ist keiner dieser Ansätze geeignet, allgemeingültige Regionalgliederungen hervorzubringen, ebensowenig wie sie in der Lage sind, Zusammenhänge zwischen regionalisierten Merkmalen und den Einstellungen der Menschen zu ihren Regionen aufzuzeigen(154). Wir können das Globale nicht verstehen, wenn wir das Lokale vernachlässigen, und wenn wir das Lokale untersuchen, dürfen wir dabei das Globale nicht vergessen.
Diesen hohen Anspruch einer Integration von Mikro- und Makrostudien kann die vorliegende Arbeit nicht einlösen. Auf Grund der Fülle des Stoffes bewegt sie sich fast ausschliesslich auf der Ebene des Gesamtkantons und der Landschaften. Nur exemplarisch fällt Licht auf die Verhältnisse in einzelnen Bezirken und Gemeinden oder auf einzelne Individuen. Dafür wird mit der Datenbank BERNHIST eine Brücke bereitgestellt, die vom Globalen zum Lokalen führt. Sie erlaubt es, die auf der Makro-Ebene des Gesamtkantons geschilderten Zusammenhänge am Beispiel von regionalen oder lokalen Daten zu überprüfen, Abweichungen und Sonderfälle festzustellen und wenn nötig ohne grossen Aufwand eine Fülle von statistischen Eckdaten für weiterführende Untersuchungen zu beschaffen. Andererseits bietet die Datenbank auch die Voraussetzungen, um der Frage nach der Repräsentativität von Ergebnissen lokalgeschichtlicher Untersuchungen nachzugehen(153)a.
Bei der Konzeption der vorliegenden Arbeit wurde von der Überlegung ausgegangen, dass es vorrangig einen umrisshaften Überblick über die langlebigen Entwicklungsprozesse und überdauernden Strukturen zu gewinnen gilt, weil auf diese Weise am ehesten deutlich wird, welches die wesentlichen erklärungsbedürftigen Fragen und Prozesse sind. In einem ersten Schritt wurde versucht, das Material selber «sprechen» zu lassen, es zunächst aus sich selbst heraus zu beschreiben und zu analysieren. Damit wurde die herkömmliche Art des theorieorientierten Vorgehens sozusagen umgedreht. Am Anfang standen nicht Problemstellungen aus der Literatur, sondern Daten in Form von Zeitreihen, auf Grund derer erkenntnisleitende Fragen formuliert wurden. Es waren dann die Berge und Täler, Brüche und Verwerfungen, Trends und Wendepunkte in den ersten Überblickskurven, die nach Interpretation verlangten und - ausgehend von theoretischen Ansätzen der entsprechenden Teildisziplinen - zur vertieften Untersuchung herausforderten, sei es, dass sie zu den gängigen Erklärungsmustern der Literatur in Widerspruch standen, sei es, dass es sich um überraschende Phänomene handelte, die in der Literatur noch kaum angesprochen worden waren, wie beispielsweise das herausragende Geburtenmaximum der Helvetik (vgl. 3.2.2). Der Computer entwickelte sich dabei, wie es Arthur E. Imhof formuliert hat, «zunehmend zu einem Partner, der uns stets zu neuen Fragen anregte und der in manchen Fragen überhaupt erst unsere historische Phantasie weckte oder sie jedenfalls nicht erlahmen liess»(155). Zum Teil handelte es sich um Fragen, die den handelnden Zeitgenossen gar nie in dieser Form ins Bewusstsein getreten waren und deshalb in den narrativen Quellen wenig Niederschlag gefunden hatten, zum Teil handelte es sich um Problemfelder, deren Bedeutung erst anhand des Überblicks über das Datenmaterial erkannt wurde. Des öfteren bildeten solche computerproduzierte Forschungsfragen den Ausgangspunkt von weitergehenden Untersuchungen in Form von Aufsätzen, Seminararbeiten, Lizentiatsarbeiten und Dissertationen, die in die vorliegende Arbeit eingeflossen sind. Dabei kamen neben quantitativen Daten und analytischen Verfahren auch erzählende Quellen und die herkömmlichen hermeneutischen Methoden der Geschichtswissenschaft zum Zuge. Nur so wurde es möglich, die Erscheinungen aus sich heraus zu erklären, ohne dabei den Quellen von vornherein die Massstäbe der eigenen Weltsicht überzuordnen. Allerdings erwies sich diese Art des Vorgehens als sehr zeit- und arbeitsintensiv, weshalb die ursprünglichen Zielsetzungen nur teilweise erfüllt werden konnten.
Das Bemühen, geschichtliche Prozesse in sinnvolle, in sich abgeschlossene Einheiten zu gliedern, erfolgt mit der Absicht, die Fülle der Ereignisse begreifbar zu machen, und wird von der Überzeugung geleitet, die bestimmenden Kräfte und Vorgänge einer Epoche erfassen und das Verständnis geschichtlicher Entwicklungen sowie des eigenen Standortes fördern zu können(156).
Eine Perspektive zur langfristigen Strukturierung bieten Überlegungen, die von den Eigenschaften des Schlüsselenergieträgers ausgehen, auf dem eine Gesellschaft beruht(157). Jeremy Rifkin unterstellt, dass jedes Weltbild, mit dem eine Gesellschaft lebt, seinen Ursprung in der jeweiligen Energiebasis hat(158). In der Agrargesellschaft war dies der Boden, der Biomasse (Holz) zur Wärmegewinnung und Nahrung zur Aufrechterhaltung menschlicher und tierischer Arbeitskraft lieferte, in der Industriegesellschaft war es die Kohle, in der Konsumgesellschaft sind es Erdöl und Erdgas(159). Die Art des Energiesystems prägt nicht nur die Technologieverwendung, den wirtschaftlichen Wachstumspfad, Siedlung und Verkehrsnetz, sondern in einem gewissen, näher zu untersuchenden Masse auch die soziale Logik und die in einer Gesellschaft geltenden Denk- und Verhaltensweisen. In umweltgeschichtlicher Perspektive bildet der mit dem Eisenbahnbau einsetzende Übergang von der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft die bedeutendste Zäsur. In der Schweiz fällt er zeitlich nahezu mit der politischen Zäsur der Bundesstaatsgründung zusammen, hat aber nicht dieselbe Qualität. Während die Veränderungen im politisch-administrativen System das gesamte Territorium in gleicher Weise betrafen, wurden die neuen städtisch-industriellen Produktions- und Lebensformen mit dem Ausbau und der Verdichtung des Bahnnetzes nur allmählich, Schritt für Schritt, in die Tiefe des Raumes getragen, und die dazwischen im Verkehrsschatten liegenden Räume wurden davon erst viel später berührt.
Zur Unterscheidung kürzerer Variationen werden oft die langen Wellen der wirtschaftlichen Konjunktur herangezogen, die anhand von Wachstumsraten, Ausstossmengen, Preisen und Beschäftigung in den Industriestaaten ermittelt werden. Eine einflussreiche Theorielinie, die auf Joseph Schumpeter zurückgeht, erklärt die Konjunkturzyklen mit der Einführung von Innovationen: Neue Konsumgüter, neue Produktions- und Transportmethoden, neue Märkte, neue Formen der wirtschaftlichen Organisation leiten jeweilen einen Aufschwung ein, worauf nach einiger Zeit mit der Sättigung wieder eine Phase der Stagnation folgt(160). Allerdings liefert Schumpeters Erklärungsmodell keine befriedigende, für alle Epochen gültige Konjunkturtheorie. Volker Bornschier deutet die Veränderungen im weltumspannenden kapitalistischen System im Verlaufe der letzten 160 Jahre als wellenförmige Abfolge von drei verschiedenen «Gesellschaftsmodellen», von denen ein jedes eine typische «Karriere» in Form von Formierung, Entfaltung, Sättigung, Auflösung, Zersetzung und Zerfall kannte: Auf das liberale Gesellschaftsmodell der Gründerära (1835-1882), das in der «Grossen Depression» endete, folgte bis zur Weltwirtschaftskrise das klassenpolarisierte Modell der Nachgründerära (1883-1932). Daran schloss sich das neokorporatistische Modell des umverteilenden Wohlfahrtsstaates an, das in unserer Zeit zu Ende gegangen ist. Bornschier verknüpft diese sogenannten Kondratieff-Zyklen - hier liegt sein originärer Beitrag - mit Diskontinuitäten im sozialen und politischen Bereich. Jeder Neuordnung von Wirtschaft und Gesellschaft geht ein Wandel im Denken voraus. Ausgehend von normativen Theorien, wird ein neues Leitbild davon vermittelt, wie es künftig sein soll. Dieses wird dadurch konsensfähig, dass es einen neuen Kompromiss zwischen gesellschaftlichen Grundwerten (Freiheit, wirtschaftliche Effizienz, Gleichheit und Sicherheit) und neue Lösungsansätze für gesellschaftliche Probleme in Aussicht stellt. Jeder Programmwechsel in diesem Sinne zielt auf die willentliche Verknüpfung eines neuen «technologischen Stils» oder Wirtschaftsstils mit Umgestaltungen im politökonomischen Régime. Ein Wirtschaftsstil(161) bezeichnet einen Typus der Organisation von Produktion und Verwaltung. «Seine Einführung besteht in einer Kristallisation von aufeinander bezogenen Innovationen technischer und organisatorischer Art.Die Einzelkomponenten bestehen aus Schlüsselfaktoren (Rohstoffen im weiteren Sinne), Art der Mechanisierung und Automation, Art der organisierten Arbeitsteilung, Art der Konzernorganisation und einer typischen Güterpalette»(162). Das politökonomische Régime wird als ein Bündel von sozialen Einrichtungen definiert, die der Regulierung des sozialen Verhaltens, der Konsensbildung, der Kompromissbildung und der Konfliktaustragung dienen. Politökonomische Régimes existieren - in Form von internationalen Organisationen und multinationalen Unternehmungen - auch ausserhalb von bzw. zwischen Territorialstaaten(163). Bei der Entfaltung eines neuen Gesellschaftsmodells zeigen sich Widersprüche zwischen den genannten Prinzipien, und in der Phase der Auflösung und des Zerfalls entziehen Krisenphasen den gesellschaftlichen Institutionen ihre selbstverständliche Akzeptanz. Dadurch wird ein weiterer Programmwechsel fällig.
Um die Wirkungszusammenhänge zwischen den Konjunkturbewegungen
und den Prinzipien individuellen Handelns einleuchtender zu erklären,
geht Hans-Jörg Siegenthaler von einem dualistischen Lernmodell
aus. In den langen Perioden struktureller Stabilität bei
der Entfaltung eines neuen Gesellschaftsmodells orientieren sich
alle individuellen Akteure am selben Regelsystem und vertrauen
demselben Optimierungskalkül. Siegenthaler bezeichnet dies
als «regeltreues Lernen» . Dieses Regelvertrauen schwindet
infolge von Veränderungen, die sich auf Grund der hohen wirtschaftlichen
und gesellschaftlichen Dynamik ergeben: Relative Preise verändern
sich, Fähigkeitskapital wird entwertet, neue Verhaltensmuster
setzen sich durch. In ökonomischen Krisen geht das Regelvertrauen
verloren, Orientierungslosigkeit breitet sich aus, Kapitalbildung
und Investitionsneigung gehen zurück. In dieser Situation
ist «fundamentales Lernen» nötig, das auf den Erwerb
neuer kognitiver Regelsysteme und Orientierungsmuster ausgerichtet
ist. Hat sich ein neues Regelsystem durchgesetzt, sind die psychologischen
Voraussetzungen für einen neuen Aufschwung vorhanden(164).
1.6 Aufbau der Untersuchung
Der Aufbau der Arbeit orientiert sich an ihrer doppelten Funktion als Überblicksdarstellung und als Hilfe zur Interpretation von Datensätzen aus BERNHIST. Anschliessend an die Darlegung der leitenden Fragestellungen und des theoretisch-methodischen Instrumentariums im ersten Kapitel schildert das zweite Kapitel die institutionellen Bedingungen, unter denen das statistische Quellenmaterial entstanden ist, diskutiert die damit verbundenen Unschärfen und zeigt Möglichkeiten zur Datenverknüpfung und Modellbildung auf. Im dritten Kapitel wird die Bevölkerungsentwicklung thematisiert, deren Kenntnis die Interpretation von Veränderungen in der Wirtschaft voraussetzt und erleichtert. In besonderem Masse gilt dies für das Thema des vierten Kapitels, die Landwirtschaft. Sie bildete in Bern bis ins späte 19. Jahrhundert die Basis der Wirtschaft und war lange Zeit ihr Führungssektor. Im fünften Kapitel werden die mannigfaltigen Formen protoindustrieller, gewerblicher, touristischer und industrieller Aktivität dargestellt, ferner Art und Umfang der durch den Handel vermittelten binnenwirtschaftlichen und grenzüberschreitenden Warenströme. Schliesslich werden Fragen der Kapitalbildung und des Bankwesens angeschnitten. Im sechsten Kapitel wird ein Überblick über die sozialen Veränderungen vermittelt, die mit dem Modernisierungsprozess einhergingen. Freilich wird diese Thematik nicht entsprechend ihrer Bedeutung abgehandelt, dazu wäre eine eigenständige Monographie erforderlich. Im Zentrum des siebenten Kapitels «Umwelt» steht der Wald, der bis ins späte 19. Jahrhundert das gewichtigste ökologische Problemfeld darstellte. Im abschliessenden achten Kapitel werden die wesentlichen Ergebnisse der Untersuchung zusammengefasst.
Anmerkungen (sh. Quellen- und Fachliteratur):
01/97, © Historischer Verein des Kantons Bern
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