Geschichte des Kantons Bern seit 1798: Band III
Beat Junker
I. KAPITEL: ARBEITERSCHAFT UND LANDESSTREIK
1. DIE BERNER SOZIALDEMOKRATEN
2. LENIN IN BERN UND DIE KONFERENZEN VON ZIMMERWALD UND KIENTAL
3. DER LANDESSTREIK
4. DIE GRIPPEWELLE
II. KAPITEL: UMSTURZ DER HERKÖMMLICHEN PARTEIENORDNUNG
1. EINGEMEINDUNGEN
2. DIE GRÜNDUNG DER BAUERN-, GEWERBE- UND BÜRGERPARTEI (BGB)
3. DER GROSSRATS-PROPORZ
4. WAHLEN DER ZWISCHENKRIEGSZEIT
III. KAPITEL: ERNEUERUNG UND BEHARREN
1. DIE JUNGBAUERN
2. DIE SCHWEIZER HEIMATWEHR UND ANDERE BEWEGUNGEN
3. BERN WÄHREND DES ZWEITEN WELTKRIEGES
IV. KAPITEL: DER LANGE WEG ZUM FRAUENSTIMMRECHT
Anmerkungen
Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges vertrugen sich die politischen Parteien in der Schweiz untereinander in einem "Burgfrieden", das heisst, sie verzichteten bis auf weiteres auf Kämpfe und begnügten sich bei Wahlen, ihre bisherigen Sitze zu halten. Doch bald zeigten sich neben dem "Graben" zwischen Deutsch und Welsch auch Gegensätze zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum. In der Schweiz wie im übrigen Europa hatte im Sommer 1914 kaum jemand mit einem jahrelangen Krieg fast auf dem ganzen Erdteil gerechnet. Deshalb gab es keine Vorräte an Lebensmitteln und Rohstoffen für die Zeit gestörter Zufuhren, und für knappe Güter war keine Rationierung vorbereitet, denn man hielt sie in einer liberalen Wirtschaftsordnung für undurchführbar.
So stiegen die Preise für den täglichen Bedarf gewaltig. Hatte man in der Stadt Bern im Juli 1914 für ein Kilo Brot noch 35 Rappen bezahlt, so waren es im August 1917 70 Rappen, für ein Kilo Teigwaren 1 Franken 87 statt 60 Rappen, für ein Kilo Schweinefleisch 4 Franken 87 statt 2 Franken 40, für ein Ei 28 Rappen statt 9, für ein Kilo Zucker 1 Franken 40 statt 54 Rappen. Etwas weniger stark hoben sich in der gleichen Zeit die Preise für Milch (von 24 auf 33 Rappen für den Liter) und für Emmentalerkäse (von 2 Franken 40 auf 3 Franken 50 für das Kilo). Für den Bedarf an Nahrung und Brennmaterial hatte eine fünfköpfige Familie in der Stadt Bern nun Auslagen von 2019 Franken im Jahr statt von 1054, das heisst, diese Kosten verdoppelten sich in rund 3 Jahren. Dabei kam Bern eher besser weg als andere Gebiete, namentlich als Zürich sowie die West- und die Innerschweiz. Hingegen bestand kein wesentlicher Unterschied zwischen Stadt und Land.
Zwar erliess der bernische Regierungsrat schon kurz nach Kriegsausbruch eine Verordnung gegen das Hamstern von Lebensmitteln und anderen Waren, und er ermächtigte die Gemeinderäte, für ihr Gebiet Höchstpreise festzusetzen. Doch tat er nichts, um die Einhaltung dieser Vorschriften zu kontrollieren.
Ein Zeichen guten Willens war es, dass der Grosse Rat 1916 einhellig beschloss, den Staatsbeamten nach dem Vorbild des Bundes und mancher Gemeinden eine bescheidene Teuerungszulage auszurichten, doch glich sie den Anstieg der Preise nur zu einem kleinen Teil aus. So wuchs die Not, und in den Städten kam es zu gelegentlichen Marktkrawallen, etwa in Biel im Sommer 1918.
Missmut erregte zudem, dass verschiedene Branchen und Firmen von der Nachfrage des Auslandes profitierten und mit der Lieferung kriegswichtiger Ware enorme Gewinne erzielten, ebenso einzelne oft Ausländer , welche Lücken der Vorschriften für Geschäfte in Grauzonen ausnützten und den so erworbenen Reichtum ungehemmt zur Schau stellten. Der Schweizer Soldat aber stand an der Grenze und erhielt einen Sold von bloss symbolischem Wert. Gerieten er und seine Familie in Not, so blieben sie auf die Armenfürsorge angewiesen, der häufig ein Almosengeruch anhaftete. Eine Verdienstersatzordnung wie im Zweiten Weltkrieg existierte noch nicht71.
Unter dieser Entwicklung litten besonders Arbeitnehmer und Konsumenten. Als ihre Vertreter in der Politik galten in erster Linie die Sozialdemokraten. Aber auch der linke Flügel des Freisinns setzte sich für die Käuferschaft ein. Die Sozialdemokraten hatten schon seit dem Ende des 19.Jahrhunderts an Stärke gewonnen, am deutlichsten in den Städten und ihrer Umgebung. In der Stadt Bern fiel ihr Aufstieg 1895 auf, als man für die Stadtratswahlen zum Proporz überging. Fortan stellten die Sozialdemokraten gut einen Drittel der Gewählten, 1906 sogar 45% trotz parteiinternen Querelen um die Person Karl Moors.
Ebenfalls 1895 zogen die Sozialdemokraten in den neunköpfigen Gemeinderat der Stadt Bern ein, bis 1899 mit einem Vertreter, von 1899 an mit zweien und seit 1911 mit dreien. Die Partei galt also als regierungsfähig und übernahm auch Direktionen, die in Zeiten innerer Spannungen besondere Bedeutung erhielten. So trug beim Generalstreik von 1918 der Sozialdemokrat und Gewerkschafter Oskar Schneeberger die Verantwortung für die Stadtberner Polizei. Zur gleichen Zeit sanken die Konservativen, die jahrzehntelang die Gemeinde Bern gelenkt hatten, zur schwächsten Partei im Stadtrat ab, während die Sozialdemokraten 1917 hier vorübergehend sogar die absolute Mehrheit gewannen und 1918 mit Gustav Müller für zwei Jahre den Stadtpräsidenten stellten.
In der Stadt Biel erreichten die Sozialdemokraten den Durchbruch in der Gemeindepolitik ebenfalls mit dem Übergang zum Proporzwahlrecht 1892. Von den 60 Sitzen im Stadtrat eroberten sie 26, von den sechs nebenamtlichen Sitzen im Gemeinderat (neben drei vollamtlichen) deren drei. Doch gelang es ihnen bis nach dem Weltkrieg nicht, diesen Erfolg auszuweiten und in einem der beiden Gremien die Mehrheit zu gewinnen. Schon 1907 war Arbeitersekretär Gottfried Reimann in einem Majorzwahlkampf zum Stadtpräsidenten gewählt worden, als erster Sozialdemokrat in der ganzen Schweiz. Aber als er schon zwei Jahre darauf, erst 47jährig, an Lungentuberkulose starb, fiel das Amt an einen Freisinnigen zurück.
Um Biel herum hatte sich ein "roter Gürtel" gelegt, der bis Lyss und Büren reichte. In Gemeinden wie Mett, Nidau, Port und Lengnau besassen die Sozialdemokraten die Mehrheit, in anderen wie Bözingen, Madretsch, Pieterlen und Brügg mindestens eine Position der Stärke. Weit vorgedrungen waren die Sozialdemokraten im Südjura, im Oberaargau und rund um Ortschaften wie Thun oder Interlaken, während sie in den Tälern des Oberlandes, im Nordjura und im Emmental erst an vereinzelten Stellen Fuss gefasst hatten.
Im Grossen Rat waren die Sozialdemokraten seit 1894 vertreten, wenn auch des Majorzwahlverfahrens wegen nicht entsprechend ihrer wirklichen Stärke. Immerhin wären bei den Gesamterneuerungswahlen von 1910 die Freisinnigen bereit gewesen, den Sozialdemokraten einen der neun Regierungsratssitze zu überlassen, wenn sie einen den Bürgerlichen genehmen Kandidaten anböten. Das hätte wohl für Gustav Müller zugetroffen, nicht aber für Karl Zgraggen, den die Sozialdemokraten portierten. So wählte das Volk am 8.Mai 1910 neben acht Bisherigen den freisinnigen Fürsprecher Karl Scheurer aus Gampelen, den Sohn des früheren Finanzdirektors, und bis zum Einzug der Sozialdemokraten in die kantonale Exekutive verstrichen noch fast dreissig Jahre. Auch bei der Arbeiterpartei selber lehnten viele die Mitarbeit eines einzelnen Vertreters als Alibifigur in einer bürgerlich dominierten Regierung ab72.
Als Führer der Stadtberner Sozialdemokraten stachen zuerst Persönlichkeiten hervor, die nach Elternhaus und Beruf nicht aus der Arbeiterschaft hervorgegangen waren und ihre Sporen in der Politik oft beim Linksfreisinn abverdient hatten, etwa die Juristen Karl Zgraggen, Gustav Müller und der aus Basel gebürtige Alfred Brüstlein. Auch Karl Moor und Nikolaus Wassilieff sind in einzelnen Zügen diesem Politikertypus verwandt. Eigentliche Arbeiter gelangten zum guten Teil erst später, durch Tätigkeit in Ämtern von Partei und Gewerkschaften und ihrer Presse, in vordere Ränge, aus der Metallbranche zum Beispiel Oskar Schneeberger und Konrad Ilg, der Eisenbahner Emil Düby, vor allem aber Robert Grimm.
Robert Grimm war 1881 in Wald im Zürcher Oberland als Sohn eines Arbeiterehepaares geboren worden. Nach einer Druckerlehre durchwanderte er auf der Walz Mitteleuropa und wirkte dabei auch in Pruntrut, wo seine politischen und gewerkschaftlichen Aktivitäten freilich bald zum Streit mit dem Arbeitgeber führten. So kam er für ein Zwischenspiel nach Bern, bis ihn 1906 der Arbeiterbund Basel zum Leiter seines Sekretariates berief. Im Frühjahr 1909 zog er dann wieder nach Bern und blieb hier bis zum Ende seines Lebens. Er leitete als Redaktor die "Berner Tagwacht", wurde 1909 Stadtrat, 1910 Grossrat und 1911 Nationalrat, dies allerdings nicht als Vertreter Berns, sondern eines Zürcher Wahlkreises. Mit seiner angriffigen, oft auch polemischen Schreibweise steigerte Grimm die Auflage der "Tagwacht" bis 1913 auf 7800 Stück, nachdem sie noch zehn Jahre zuvor wenig mehr als die Hälfte erreicht hatte. Auch war sie nun weit über die Stadt Bern hinaus im ganzen Kanton verbreitet.
Grimm suchte in Bern und in der Schweiz die Arbeiterbewegung zu reorganisieren und zu zentralisieren und namentlich das Nebeneinander von Partei und Grütliverein zu beseitigen, was ihm aber vorderhand nicht gelang. Er selber trat für eine Linie ein, die nicht schrittweise Reformen mit vorübergehenden Konzessionen an den Gegner anstrebte, sondern den grundsätzlichen Kampf gegen die Klasse der Bourgeoisie betonte, welche das Proletariat auszubeuten suche. Es erleichterte Grimm den Aufstieg, dass vor dem Ersten Weltkrieg bei der Berner Linken Persönlichkeiten gleichen Formates und gleicher Durchschlagskraft fehlten.
Grimm wollte die schweizerische Sozialdemokratie stärker in die gesamte Arbeiterbewegung einbinden und besuchte häufig internationale Tagungen. Aber auch Bern selber bot Gelegenheit zu Kontakten mit ausländischen Sozialisten, die aus politischen Gründen ihre Heimat hatten verlassen müssen. Der bedeutendste dieser Emigranten war Lenin, obwohl bei Beginn des Ersten Weltkrieges seine wichtigsten Taten erst bevorstanden und er noch keineswegs allgemein als Führer der oppositionellen Linken Russlands anerkannt war73.
Wladimir Iljitsch Uljanow, wie Lenin mit seinem bürgerlichen Namen hiess, traf anfangs September 1914 als 44jähriger mit seiner Frau und seiner Schwiegermutter von Österreich her in Bern ein. Es war nicht sein erster Kontakt mit der Stadt, hatte sich doch seine Frau bereits 1913 einer Kropfoperation durch den Berner Nobelpreisträger Professor Theodor Kocher unterzogen.
Lenins Familie blieb rund anderthalb Jahre in Bern und wohnte während dieser Zeit, zum Teil in Untermiete, an vier Orten. Sie lagen alle im Länggassquartier, meist nahe beim Bremgartenwald, in dem Lenin gerne spazierte. Bescheidene Einkünfte boten ihm und den Seinen das kleine Erbteil der Schwiegermutter sowie Honorare für Vorträge oder publizistische Arbeiten. Im ganzen lebte die Familie sehr bescheiden und zurückgezogen, und Lenin verbrachte den grössten Teil seiner Zeit mit Lektüre. Er pflegte Kontakt vor allem mit anderen Russen und schrieb Flugblätter für den Widerstand gegen den Zarismus, die in Bümpliz gedruckt und dann nach Russland geschmuggelt wurden. Mit Schweizer Sozialdemokraten verkehrte er seltener, und schon ein Gespräch mit Robert Grimm kurz nach Lenins Ankunft zeigte, wie weit die Ansichten der beiden über die politischen Verhältnisse in der Schweiz auseinandergingen und wie unrealistisch Lenin die Aussichten auf einen Umsturz in der Eidgenossenschaft beurteilte. Ein spürbarer Einfluss Lenins auf Grimm ist in der Berner Zeit nicht nachzuweisen, noch weniger auf andere Schweizer Sozialisten, die von ihm wenig Kenntnis nahmen.
Den Sommer 1915 verbrachte Lenin mit seiner Frau in Sörenberg, wo sie sich von einem Rückfall ihrer Basedowkrankheit erholte. Im Herbst kehrte er nach Bern zurück, verlegte aber seinen Wohnsitz bald nach Zürich. Das hing zum Teil mit Zufälligem zusammen, zum Teil spürte Lenin wohl in Bern auch das Übergewicht der Persönlichkeit Grimms, das hier den Einfluss anderer bei den Sozialdemokraten begrenzte. Weiteres, was ihm missfiel, war nicht bezeichnend für Bern, sondern für die ganze Schweiz oder mindestens für ihren alemannischen Teil, etwa der Zuschnitt des Alltags, von dem Lenins Frau berichtete: "Bern hat vor allem den Charakter eines Verwaltungs- und Studienzentrums. Es besitzt zahlreiche gute Bibliotheken, viele Gelehrte, aber das Leben ist ganz und gar von kleinbürgerlichem Geist durchdrungen. Bern ist eine ausserordentlich demokratische' Stadt die Frau des höchsten Beamten der Republik klopft höchst eigenhändig Tag für Tag auf dem Balkon ihre Teppiche aus; aber die Teppiche, diese häusliche Gemütlichkeit', füllen die Berner Frauen restlos aus."
Als 1914 in Europa der Krieg ausbrach, stellten sich auch die sozialistischen Parteien hinter ihre Regierungen, und ihre Angehörigen befolgten die Marschbefehle. Daneben gab es aber Gruppen, die am Klassenkampf festhalten und gegen die Kriegspolitik auftreten wollten. Sie suchten den internationalen Kontakt untereinander, worauf Robert Grimm im Herbst 1915 eine Konferenz einberief. Am 5.September versammelte er rund 40 Teilnehmer aus elf Ländern im Berner Volkshaus und führte sie dann auf Pferdefuhrwerken ins nahegelegene Bauerndorf Zimmerwald auf dem Längenberg. Der prominenteste Anwesende aus heutiger Sicht war Lenin. Er setzte sich aber nicht durch mit seiner These, der Kampf gegen den Krieg müsse in eine proletarische Weltrevolution münden und die kapitalistische Gesellschaftsordnung stürzen. Ihm war das "Manifest von Zimmerwald", das deutlich angenommen wurde, zu zahm, erinnerte es doch nur an die Pflicht zum Klassenkampf und an den Willen, einen Frieden auf der Basis des Selbstbestimmungsrechtes der Völker ohne Annexionen herbeizuführen. Lenin und seine wenigen Anhänger stimmten dem Text zwar zu, fügten aber die eigene, radikale Auffassung als Zusatzprotokoll bei.
Diese Gruppe, die "Zimmerwalder Linke", wie sie sich nannte, trug den Namen des Berner Dorfes in die internationale Arbeiterbewegung und in die Geschichtsschreibung. Dabei war die Wirkung der Zimmerwalder Konferenz im Augenblick bescheiden. Zwar machte sie Lenin über den Kreis der russischen Emigranten hinaus bei den revolutionären Minderheitssozialisten der europäischen Parteien bekannt und bildete den Anfang eines dauernden internationalen Zusammenschlusses dieser Kreise. Auf die Berner und Schweizer Geschichte hatte sie höchstens insofern Einfluss, als sie in der Folge beitrug zur deutlichen Abgrenzung der Fronten zwischen den verschiedenen Gruppen in der Sozialdemokratie.
Im übrigen vollzog sich der Anlass unbemerkt von der einheimischen Öffentlichkeit. Auch im Rückblick erwähnt die Chronik des "Neuen Berner Taschenbuches" für 1915 die Zusammenkunft überhaupt nicht, und den Behörden von Bund und Kanton entging sie völlig. Der Wirt des Hotels "Beau Séjour", in welchem die Konferenz stattfand, konnte mangels Unterlagen keine Auskunft über Zahl und Identität der Teilnehmer geben. Zwar wurde er wegen mangelhafter Führung der Fremdenkontrolle um zehn Franken gebüsst, doch fand der kantonale Polizeikommandant Adolf Jost, es sei "der Angelegenheit keine grosse Bedeutung" beizumessen, womit er die allgemeine Meinung aussprach.
Weil die Differenzen zwischen den Teilnehmern der Zusammenkunft von Zimmerwald weiter schwelten, wurde im Frühjahr 1916 eine neue Konferenz nötig. Grimm berief die Teilnehmer auf Ostermontag, den 24.April 1916, im Bahnhof Bern zusammen und führte sie wieder an einen geheim gehaltenen Ort, nämlich ins Hotel "Bären" in Kiental im Berner Oberland. Hier lieferten sich die 45 Delegierten bis am 30.April oft bis weit in die Morgenstunden hitzige Debatten, und die Gegensätze unter ihnen brachen noch schärfer auf als im Jahr zuvor. Die von Grimm entworfene Schlussresolution kam Lenin etwas weiter entgegen als in Zimmerwald, aber sie vermied auch jetzt jede Forderung nach einem bewaffneten Aufstand und wollte vor allem das Klassenbewusstsein der Arbeiterschaft stärken. Wieder war der Anlass getarnt als touristische Veranstaltung und entging der Aufmerksamkeit der Behörden. Einheimische Jodler verschönerten ihn sogar mit ihren Darbietungen74.
Im Laufe des Jahres 1918 stieg die Spannung zwischen den sozialen Gruppen immer mehr, und die Lage spitzte sich zu. Der Umsturz in Russland, der im Frühling 1917 das Zarenregime beseitigt und im Herbst des gleichen Jahres die Bolschewisten an die Macht gebracht hatte, weckte bei Teilen der politischen Linken die Hoffnung, nun werde die proletarische Weltrevolution auch Mitteleuropa erfassen und die kapitalistische Gesellschaftsordnung stürzen. Die militärischen Fronten waren stärker in Bewegung geraten als zuvor, und ein Ende des Krieges begann sich abzuzeichnen. Im Inneren der Eidgenossenschaft traten hinzu eine sprunghafte Teuerung und ein verschärfter Mangel an Gütern des Grundbedarfs, einzelne Zeichen von Dienstverdrossenheit bei den Truppen im Grenzdienst und Erfolge der Sozialdemokraten bei Wahlen in Kantonen und Gemeinden, vorwiegend in Industriestädten.
Im Februar 1918 bildete sich in Olten aus Persönlichkeiten der Geschäftsleitung der sozialdemokratischen Partei der Schweiz und des schweizerischen Gewerkschaftsbundes ein "Aktionsausschuss", der ursprünglich einem Entwurf des Bundesrates zur Einführung der Arbeitsdienstpflicht für Zivilisten entgegentreten sollte. Treibende Kraft dabei war Robert Grimm, der hoffte, durch diese Vereinigung von politischer und gewerkschaftlicher Bewegung lasse sich der Klassenkampf geschlossener führen als bisher. Bald begann das "Oltener Aktionskomitee" das allerdings häufiger in Bern tagte als in Olten auch grundsätzliche Fragen der Kampfführung zu besprechen, etwa die Möglichkeit und Opportunität eines Generalstreiks, das heisst der Arbeitsniederlegung über den Rahmen einer einzelnen Branche oder einer einzelnen kleineren Ortschaft hinaus. Zudem wandte es sich gelegentlich ohne Auftrag der Partei- und Gewerkschaftsleitung mit Begehren an Öffentlichkeit und Behörden, was Kritik und eigentliche Zerreissproben in der politischen Linken auslöste. Nicht bestätigt haben sich Gerüchte, wonach wesentliche Anstösse und Gelder für das Oltener Komitee aus dem Ausland gekommen seien. Zwar war seit dem Mai 1918 eine Gesandtschaft des bolschewistischen Russland in der Schweiz tätig unter der Leitung des Letten Jean Berzine, der seinerzeit Lenin an die Zimmerwalder Konferenz begleitet hatte. Aber er war kränklich und hielt sich deshalb ebenso häufig im milden Sigriswil ob dem Thunersee auf wie in Bern. Weder die Untersuchung der Bundesanwaltschaft noch der Prozess nach dem Landesstreik haben Hinweise dafür geliefert, dass Initiative oder finanzielle Unterstützung für den Generalstreik von 1918 aus Russland oder aus einem anderen fremden Staat in die Schweiz geflossen wären.
In der Stadt Zürich kam es Ende September 1918 zu einem zweitägigen Generalstreik, weil die Arbeitgeber sich weigerten, mit dem Verband des Bankpersonals über Lohnbegehren zu verhandeln, doch gelang es dem Zürcher Regierungsrat schliesslich, sie zum Einlenken zu bewegen. Zudem befürchtete die Kantonsexekutive Ausschreitungen bei den Feiern zum ersten Jahrestag der bolschewistischen Revolution in Russland. Deshalb bat sie, ohne die Stadtregierung zu begrüssen, den Bundesrat um zusätzliche Truppen zum Schutz der Stadt. Auf einen verstärkten Einsatz von Militär hatte auch die Armeeleitung seit langem gedrängt. Am 5. und 6.November 1918 bot der Bundesrat vier Kavalleriebrigaden und vier Infanterieregimenter auf, und der General ernannte zum Kommandanten der Truppen in Zürich den draufgängerischen Oberstdivisionär Emil Sonderegger. Das Oltener Komitee empfand diese Truppenaufgebote als Provokation, und es rief für Samstag, den 9.November, zu einem eintägigen Proteststreik in 19 grösseren Industrieorten auf. Die Parole wurde unterschiedlich befolgt, und grössere Ruhestörungen blieben aus.
Der 9.November 1918 war auch der Tag, an dem im deutschen Reich Kaiser Wilhelm II. abdankte und mancherorts Arbeiter- und Soldatenräte die Macht zu ergreifen suchten. Das wirkte besonders auf den äussersten Flügel der Zürcher Linken. Unter seinem Einfluss beschloss die Zürcher Arbeiterunion, den Streik entgegen den Absichten des Oltener Komitees über die vorgesehenen 24 Stunden hinaus weiterzuführen. Platzkommandant Sonderegger goss noch Öl ins Feuer, indem er von der Zürcher Kantonsregierung ein Verbot für die Feier der russischen Revolution erwirkte und den dafür vorgesehenen Platz durch Truppen mit Schüssen in die Luft räumen liess, als trotzdem Arbeiter dort auftauchten. So gewannen die Vorgänge in Zürich eine Eigendynamik, welche das Oltener Aktionskomitee, aber auch den Bundesrat, mitrissen.
An einer Sitzung in Bern, die am 10.November nach 19 Uhr begann und bis weit in den folgenden Morgen hinein dauerte, beschloss das Oltener Komitee, zum landesweiten Generalstreik aufzurufen. Er sollte nach dem 11.November 1918 um Mitternacht beginnen, doch fand die Parole ungleichen Anklang. Es folgten ihr vor allem die Industrieregionen der Deutschschweiz, weit weniger die ländlichen Gebiete und nur schwach die Romandie und das Tessin. In der Westschweiz herrschte, auch bei Arbeitern, noch vielerorts "Graben"-Stimmung. Das Oltener Komitee galt hier als deutschfreundlich, hatte doch Grimm im Sommer 1917 mitgewirkt bei den Bemühungen von Bundesrat Arthur Hoffmann für einen Separatfrieden zwischen den Zentralmächten und Russland. Wäre diese Vermittlung geglückt, so hätte sie einseitig die Entente benachteiligt. Deshalb sprach der "Jura bernois" wohl manchem Welschen aus der Seele: "Le Soviet d'Olten travaille pour les Boches"75.
Auch die christlich-sozialen Gewerkschaften beteiligten sich nicht am Generalstreik, obwohl sie ebenfalls soziale Verbesserungen forderten. Nach Schätzungen von Historikern blieben rund 250000 Personen der Arbeit fern, ein Teil allerdings nicht freiwillig, sondern weil viele Verkehrsmittel stillstanden.
Es war für die Behörden wie für das Oltener Komitee schwierig, eine Übersicht zu gewinnen, liess sich doch das Publikum landesweit nur durch die Presse erfassen, denn das Radio oder andere Massenmedien existierten noch nicht. Viele bürgerliche Zeitungen konnten vorübergehend nicht mehr erscheinen. Dieses Durcheinander bremste da und dort die Ausbreitung des Streiks, verleitete aber umgekehrt auch Arbeiterführer dazu, auf Grund erster Erfolgsmeldungen ihre Stärke zu überschätzen. Namentlich kam es nicht zu Dienstverweigerungen von Armee-Einheiten, und bei der Bauernsame fanden die Streikenden gar kein Verständnis. Der Bundesrat blieb unnachgiebig. Ob er im Gespräch soziale Reformen auf verfassungsmässiger Grundlage statt unter Streikdruck in Aussicht gestellt habe, ist unklar. Auch die Bundesversammlung stärkte in einer ausserordentlichen Session dem Bundesrat den Rücken, und mancherorts bildeten sich bewaffnete Bürgerwehren. So schwand für die Streikleitung die Aussicht auf Erfolg, und in den frühen Morgenstunden des 14.November fügte sie sich einem Ultimatum des Bundesrates und empfahl, die Arbeit wieder aufzunehmen zur Überraschung und zornigen Enttäuschung vieler Arbeiter, die noch an einen möglichen Durchbruch geglaubt hatten.
In Bern war die Atmosphäre weit ruhiger als in Zürich. Dennoch wurde ohne dass der bernische Regierungsrat oder die Stadtbehörden um einen zusätzlichen Schutz gebeten hätten am 8.November 1918 zwei Infanterieregimenter und zwei Kavalleriebrigaden in den Raum der Bundesstadt verlegt. Hier tagte ja die Landesregierung, sass im Hotel "Bellevue" die Armeeleitung und versammelte sich häufig das Oltener Aktionskomitee. Als Platzkommandanten hätte sich General Wille den forschen Oberstdivisionär Fritz Gertsch gewünscht, der vielleicht in Bern ähnlich vorgegangen wäre wie Sonderegger in Zürich. Der Bundesrat zog aber den behutsameren Oberstkorpskommandanten Eduard Wildbolz vor, der Wille gegenüber schon in Ausbildungsfragen einen eigenen Standpunkt behauptet hatte. Wildbolz stammte aus der Stadt Bern, hatte eine Instruktorenkarriere durchlaufen und stand christlich geprägten Kreisen nahe. Er suchte seine Aufgabe möglichst unauffällig zu lösen und brachte den Grossteil der Truppen nicht in Bern selber unter, sondern in den umliegenden Dörfern und suchte ausdrücklich Provokationen zu vermeiden. Er blieb stets in Verbindung mit dem Polizeidirektor der Stadt Bern, dem Sozialdemokraten Oskar Schneeberger, der zwar als Präsident des schweizerischen Gewerkschaftsbundes dem Oltener Aktionskomitee angehörte, aber vom Generalstreik als Waffe beim politischen Kampf in der Eidgenossenschaft nicht allzuviel hielt, weil die Volksrechte wirksamere Mittel böten. Schneeberger versicherte, die städtische Polizei werde selber für Ordnung sorgen und Gewalttätigkeiten verhindern. Tatsächlich kam es in Bern nur zu einzelnen Aufläufen von Jungsozialisten ohne Tumulte oder Eigentumsbeschädigungen. Hingegen klagten Bürgerliche, sie hätten unter dem Druck von Demonstranten ihre Geschäfte schliessen müssen. Der mehrheitlich sozialdemokratische Gemeinderat forderte die städtischen Beamten und Angestellten auf, ihre Arbeit zu leisten, was im allgemeinen auch geschah. Die Strassenbahnen allerdings verkehrten nicht.
Gegen eine Arbeiterversammlung am 9.November also noch vor dem eigentlichen Landesstreik auf dem Waisenhausplatz und damit direkt vor dem Hauptquartier des Platzkommandos im städtischen Gymnasium, schritten die Behörden nicht ein, aus der Überlegung, "dass man solange wie irgend möglich einen Zusammenstoss von Truppen und Demonstranten vermeiden wolle, der zu Blutvergiessen und anderen schweren Folgen führen könnte".
Später wurde die Stimmung aufgeregter, doch betonte Wildbolz in seinem Schlussbericht an die Armeeleitung stolz, in Bern habe die Truppe während des ganzen Landesstreikeinsatzes nie von der Waffe Gebrauch machen müssen. Seine Proklamation an die Bevölkerung hob hervor: "Jedermann soll wissen, dass niemals meine Massnahmen gegen die Arbeiterschaft und gegen eine politische Partei sich richten." Gegen übermütige anarchistische Burschen sei aber eine "mutige Selbsthilfe des Bürgers am Platze". Wie der Regierungsrat, so unterschätzte auch Wildbolz zuerst die Gefahr, welche die Bildung eigenmächtiger Bürgerwehren in sich barg, und hinterher mahnte er zu "weisen Massnahmen" gegen Übereifer, der da und dort vorgekommen sei. Zudem betonte er: "Soziale Reformen auf der ganzen Linie sind nötig. Diesen Forderungen darf sich auch der militärische Führer nicht verschliessen, und an seiner Stelle muss er mitwirken am Ausbau sozialer Gesetzgebung." Fingerspitzengefühl bewies Wildbolz zudem, als er nach dem Streikende in Bern keine militärische "Siegesparade" durchführte, wie General Wille sie in Zürich abhielt und auch für die Bundesstadt gewünscht hätte76.
Es ist schwer abzuschätzen, wie stark ausserhalb der Stadt Bern die Arbeit niedergelegt wurde; denn darüber finden sich nur verstreute und oft auch verschwommene oder verfärbte Hinweise.
In Biel war die Menge zwar erregt, und Gruppen von Zivilisten hielten Züge auf, die trotz der Streikparole fahren wollten. Es gelang dem Militär aber, Zerstörungen zu verhindern, ohne dass es unter den Arbeitern Verletzte gegeben hätte oder gar Tote wie im nahen Grenchen.
Im Jura streikten die Arbeiter vor allem im Raume Biel, in Tramelan und im oberen St.-Immertal. Je weiter nach Norden man sich von diesen Gegenden entfernte, desto ruhiger blieb es im allgemeinen, und in der Ajoie war der Streik kaum mehr zu spüren. Das entsprach im grossen und ganzen der Zugehörigkeit zu Gewerkschaften und zu Parteien der Linken in den betreffenden Räumen, und zudem fiel es bei den gestörten Bahn- und Nachrichtenverbindungen im nördlichen Jura schwerer, die Übersicht über die Vorgänge in der übrigen Schweiz zu behalten.
Zum Proteststreik vom Samstag, den 9.November 1918, waren im ganzen Lande 19 Ortschaften aufgerufen worden, von denen keine im bernischen Jura lag. Hier empfanden viele den Streik ohnehin eher als Hemmnis der Freudenkundgebungen zum Waffenstillstand. Wo es trotzdem zu Manifestationen kam, störten sie die Arbeit wenig, da man eben zur Fünftagewoche und damit zum freien Samstag überging.
In Delsberg streikten fast alle Eisenbahner meist Deutschschweizer. Auch anderswo beteiligten sich Alteingesessene und später Zugezogene ungleich. Im ganzen gab es im Berner Jura keine Zwischenfälle von Bedeutung, da die Streikenden Disziplin hielten und die Behörden Provokationen unterliessen.
So trafen die Berner Regierungsräte einen verhältnismässig ruhigen Kanton an, als sie am 13.November 1918 einzeln in die verschiedenen Landesteile fuhren, um im Gespräch mit Lokalbehörden und Bevölkerung Eindrücke von der herrschenden Stimmung zu gewinnen.
Ein Nachspiel zum Generalstreik fand in Bern statt, doch gehört es in die Schweizer und nicht in die Berner Geschichte. Zwar waren Streiks auch damals abgesehen vom Sonderfall der Beamten nicht verboten; hingegen konnte man einzelne Sätze der Streikproklamationen als Aufruf zur Meuterei und zur Widerhandlung gegen bundesrätliche Verordnungen deuten. So wurde gegen die Unterzeichner dieser Aufrufe Anklage erhoben, und nach einem Seilziehen um Zuständigkeitsfragen begann der Prozess Mitte März 1919 in Bern vor dem Gericht der 3.Division unter dem Vorsitz von Grossrichter Oberstleutnant Heinrich Türler, im Zivilberuf Bundesarchivar und daneben Präsident des Historischen Vereins des Kantons Bern. Am 10.April 1919 verkündete es sein Urteil. Es befand vier Angeklagte schuldig, darunter Robert Grimm und den in Zürich als Redaktor lebenden Berner Ernst Nobs. Alle übrigen sprach es frei. Das Strafmass blieb an der unteren Grenze: Nobs erhielt vier Wochen Gefängnis, Grimm sechs Monate, die er vom 8.Juli 1919 an im Bezirksgefängnis des Schlosses Blankenburg im Obersimmental verbüsste. Er nutzte diese Zeit, um seine "Geschichte der Schweiz in ihren Klassenkämpfen" zu schreiben. Der Prozess machte die Angeklagten in den Augen der Arbeiterschaft nicht geradezu zu Märtyrern, gewann ihnen aber viel Ansehen und Popularität zurück, die sie durch den raschen Streikabbruch bei einem Teil ihrer Anhänger verloren hatten.
Das Urteil des Divisionsgerichtes entschied für den Augenblick, nicht aber für die Nachwelt über die Frage, ob die Streikführer und namentlich Robert Grimm Umsturz und Revolution gesucht hätten, wie es Bürgerliche ihnen vorwarfen. Grimm bekannte sich öffentlich zur Vision einer "Sozialisierung der Gesellschaft und der Beseitigung der privatkapitalistischen Wirtschaftsweise". Aber er wollte dieses Ziel nicht durch eine Revolution "im Heugabelsinne" erreichen, wie er selber sagte. Bei anderer Gelegenheit präzisierte er: "Wir bekennen uns zur Revolution, sind aber keine Anarchisten und Putschisten. Wir wollen die politische Macht erobern, aber auf unblutige Weise." Es mag offen bleiben, ob Grimm dabei eher an einen Sieg an der Urne dachte oder an eine Kapitulation des Bürgertums unter dem Eindruck der Stärke und Geschlossenheit der Arbeiterschaft im Streik77.
In die gleiche Zeit wie der Generalstreik fiel die Spätphase der Grippewelle, die 1918 über die Schweiz und Europa hinwegzog und auch in fast allen übrigen Erdteilen wütete. Die Krankheit war vermutlich von China her nach Nordamerika und von dort nach Europa verschleppt worden. Von Anfang Juni an trat sie auch in der Schweiz auf, vorerst in ihrer westlichen Hälfte, wobei die Grenze ungefähr zwischen Bern und Thun verlief, also mitten durch den Kanton Bern. Gegen Ende August 1918 klang der Seuchenzug ab, brach aber schon im September wieder auf und erfasste nun bis in den Dezember hinein vor allem den Osten des Landes. Ein letzter kleinerer Schub im Februar und März 1919 verschonte die Schweiz.
Überall in der Welt lag 1918/19 die Zahl der Erkrankungen und der Todesfälle höher als bei früheren Epidemien, doch schwankte sie von Gegend zu Gegend. Das war nichts Neues. Schon für die letzte vorangegangene weit mildere Grippewelle von 1889 bis 1895 hatte der Leiter des eidgenössischen Gesundheitsamtes überrascht festgestellt, dass die Grippesterblichkeit im Amtsbezirk Saanen landesweit am höchsten stieg, während sie bei fast gleichen äusseren Voraussetzungen im benachbarten Pays d'Enhaut praktisch bei Null blieb. Antibiotika und Chemotherapeutika zur Bekämpfung der Grippe waren noch nicht bekannt. Für den einzelnen Befallenen dauerte die Krankheit unterschiedlich lang, und auch wenn er wieder genas, war er nicht immun geworden, sondern blieb gefährlichen Rückfällen ausgesetzt.
Anders als früher traf die Grippe 1918 in der Schweiz die jungen Erwachsenen, also die Zwanzig- bis Vierzigjährigen beider Geschlechter, weit stärker als Kinder und Alte, Männer stärker als Frauen und im Verhältnis zur Bevölkerungszahl die ländlichen Gegenden stärker als die Städte. Am höchsten war die Grippesterblichkeit in Obwalden und Uri, Bern lag an zehnter Stelle und damit ungefähr in der Mitte der Kantone. Genau lässt sich die Zahl der Grippeopfer nicht festlegen, da die Krankheit oft verbunden mit Lungenentzündung auftrat, häufig kein Arzt aufgesucht wurde oder die Meldung an Amtsstellen unterblieb. Für den Kanton Bern nannte die Sanitätsdirektion gut 100000 Erkrankungen und rund 4400 Tote. Danach wären im Durchschnitt 14,5% der Bevölkerung von der Grippe erfasst worden, am meisten im Seeland mit 19,5%, am wenigsten im Jura mit 9,5%. Für die Stadt Bern meldete die Statistik für 1918 rund 20000 Erkrankungen und gut 600 Todesfälle. In einem "Normaljahr" forderte die Grippe in der Schweiz insgesamt ungefähr 750 Tote.
Für die Ausbreitung der Grippe in der Zivilbevölkerung wie in der Armee war nicht der Ordnungsdienst beim Generalstreik verantwortlich, wie etwa behauptet wird. Bei der Truppe tauchte die Krankheit schon früh im Sommer 1918 auf, als sie auch die Westschweiz erfasste. Sie überrumpelte den Militärsanitätsdienst, bei dem sich schwere Mängel zeigten. Obwohl die Zahl der Soldaten im Grenzdienst während des Sommers 1918 stetig zurückging, gab es 1918/19 in der Armee rund 1800 Grippetote. Gut die Hälfte davon, etwa 920, starben während des Ordnungsdienstes. Von den insgesamt rund 24000 Grippetoten in der Schweiz war das ein verhältnismässig kleiner Teil. Dabei stammten die meisten der im November 1918 Aufgebotenen vom Lande, wo die Grippe auch die Zivilbevölkerung stärker packte als in den Städten.
Zur Bekämpfung der Grippe suchten die bernischen Behörden vor allem die Ansteckungsgefahr zu vermindern. Ein Versammlungsverbot vom 23.Juli wurde am 30.August wieder aufgehoben und am 25.Oktober von neuem eingeführt. Untersagt waren zum Beispiel Tanzanlässe, grössere Feste, Chorübungen und -konzerte, ja sogar der Gemeindegesang im Gottesdienst und öffentliche Leichenfeiern. Wieviel solche Vorkehren nützten, ist schwer abzuschätzen. Im ganzen zeigen sie aber, wie hilflos bei allem Einsatz von Ärzten und Pflegenden der Mensch einem Seuchenzug von solcher Wucht immer noch ausgesetzt war78.
Bis in die zweite Hälfte des 19.Jahrhunderts war ein Grossteil der Berner in der Landwirtschaft oder in kleineren Gewerben tätig und wohnte gewöhnlich am Arbeitsort. Mit der Ausweitung der Industrie, dem Wachstum der Städte und der Erleichterung des Verkehrs durch Bahnen und Trams zeigten sich nun Probleme, wie sie auch die übrige Schweiz und andere Länder kannten. Immer häufiger sprengten Städte den Raum ihrer ursprünglichen Gemeinde und beschäftigten Leute, die in Vororten wohnten. Diese Verflechtung führte zu Schwierigkeiten, welche die Stadt Zürich 1893 zu beheben hoffte, indem sie auf einen Schlag elf Aussengemeinden in sich aufnahm. Auch St.Gallen und Genf planten kurz nach der Jahrhundertwende Eingemeindungen.
In Bern komplizierten veraltete Vorschriften die Verhältnisse noch. So gebot das Steuergesetz von 1865, dessen Revision trotz mehreren Anläufen nicht gelungen war, dass ein Arbeitnehmer seinen Lohn nicht am Wohn-, sondern am Arbeitsort versteuerte. Nun hatten sich um Bern herum oft Arbeiter, kleinere Beamte und Angestellte von Militärbetrieben wie der Pferdeanstalten oder der Zeughäuser im damals noch selbständigen Bümpliz oder in Ostermundigen niedergelassen. Sie profitierten hier von niedrigeren Mietzinsen, fanden leichter Pflanzland und in den nahen Wäldern Brennholz und erreichten dabei ihren Arbeitsplatz trotzdem ohne Mühe. Ihre Steuern bezahlten sie nach den verhältnismässig niedrigen Ansätzen der Stadt Bern. Für ihre Kinder mussten aber die Wohngemeinden Schulhäuser bauen, Lehrer besolden und oft auch Soziallasten tragen. Ihnen blieb kein anderer Ausweg, als den Steuerfuss kräftig zu heben. In Bümpliz zum Beispiel stieg er auf 7½% der Staatssteuer, während er im Kantonsdurchschnitt mit 3 bis 3½% weniger als die Hälfte davon ausmachte. Deshalb zogen kaum neue Unternehmen in derartige Gemeinden, und deren Verschuldung stieg höher und höher, ohne dass dabei dringende Aufgaben wie Wasserversorgung, Kanalisation oder Ortsbeleuchtung gelöst worden wären. Ihr Stimmrecht in Gemeindeangelegenheiten übten die auswärts Arbeitenden am Wohnort aus, und sie konnten bei ihrer grossen Zahl Neuerungen mit Kostenfolgen wie die Unentgeltlichkeit von Lehrmitteln und Schulmaterial durchsetzen, was neue Ausgaben verursachte.
Auch in Bern suchte man solchen Schwierigkeiten durch Eingemeindungen abzuhelfen. Dabei galt es Verhandlungen mit vielen Partnern von widersprüchlichen Interessen zu führen, denn einige der Vorortsgemeinden waren aufgeteilt in Unterabteilungen wie Viertelsgemeinden, Schulgemeinden und Dorfschaften. Zudem umfassten sie oft noch fast rein ländliche Gemeindeteile, welche sich gegen ein Aufgehen in die Stadt sträubten.
Erste Sondierungen für Eingemeindungen gingen im Raum Bern aus von der Gemeinde Bümpliz im Westen und von Ostermundigen, einer Viertelsgemeinde der Einwohnergemeinde Bolligen, im Nordosten der Stadt. Treibende Kraft in Ostermundigen war Gemeindeschreiber Friedrich Volmar, der später vom Freisinn zur Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei übertrat und bis in den Regierungsrat aufstieg.
Die Stadt Bern war Eingemeindungen nicht abgeneigt, hätte aber lieber gleich alle umliegenden Ortschaften aufgenommen, also auch Bolligen, Köniz und vor allem Muri, das finanziell gut dastand. Muri lehnte jedoch strikte eine Verschmelzung mit der Stadt ab, ebenso die stadtferneren Teile der Gemeinde Bolligen. Unter diesen Umständen sprach sich der Gemeinderat der Stadt Bern im März 1915 vorderhand gegen eine Eingemeindung von Bümpliz und Ostermundigen allein aus. Immerhin fand er sich bereit, so lange die eigene Finanzlage es erlaube, Bümpliz jährlich 8000 Franken freiwillig zurückzuerstatten aus Steuern, welche Bern von Bümplizern bezogen hatte, die in der Stadt arbeiteten.
Während des Weltkrieges spitzten sich dann die Finanzprobleme namentlich in der Schulgemeinde Bümpliz zu, und 1916 war sie nicht mehr imstande, ihren Lehrern die Löhne zu bezahlen. Da die Bürger die Aufnahme weiterer Anleihen ablehnten, musste der Kanton die Gemeinde vorübergehend unter eine Art von Vormundschaft stellen. Ein neues Steuergesetz, das im Sommer 1918 die Einkommenssteuerpflicht vom Arbeits- zum Wohnort verschob, kam für Bümpliz zu spät. Aus den Verhandlungen zwischen Bümpliz und der Stadt Bern ging schliesslich ein Eingemeindungsvertrag hervor, dem die Bürger der Stadt Bern am 29.September 1918 mit 7500 Ja gegen 2900 Nein, diejenigen von Bümpliz am 6.Oktober mit 631 Ja gegen bloss 17 Nein zustimmten. Auf den 1.Januar 1919 hörte Bümpliz auf, eine eigene Gemeinde zu sein, und verwandelte sich in den Stadtteil Bern-Bümpliz. Die Stadt Bern musste in der Folge ihren Steuersatz um 2 erhöhen, gewann aber grosse Landreserven und über 5000 neue Einwohner. Die Schwelle der 100000 nach schweizerischem statistischem Brauch das Merkmal der Grossstadt hatte sie aber schon kurz zuvor, im Oktober 1917, überschritten. Selbständig und unabhängig von den Kirchgemeinden der Stadt Bern blieb weiterhin die Kirchgemeinde Bümpliz. Im Roman "Es starb ein Dorf" hat der Schriftsteller C.A. Loosli den Übergang seines Wohnortes Bümpliz vom Dorf zum Stadtteil packend geschildert.
Entgegen der allgemeinen Erwartung folgten keine weiteren Eingemeindungen in die Stadt Bern mehr. Bolligen verteilte allmählich die Aufgaben innerhalb seiner Einwohnergemeinde neu und entlastete so Ostermundigen etwas, und später bevorzugte man statt der Eingemeindung andere Formen der Zusammenarbeit zwischen Stadt- und Vorortsgemeinden, etwa Zweckverbände.
Eingemeindungen gab es nicht nur in die Stadt Bern, sondern, zum Teil sogar schon etwas früher, von Goldiwil (1912) und von Strättligen (1919) in Thun sowie von Bözingen (1916) und von Mett und Madretsch (1919) in Biel. Einem Zusammenschluss von Biel und Nidau, der zwischen den beiden Gemeinden vereinbart worden war, verweigerte der Grosse Rat am 2.März 1921 gegen den Antrag des Regierungsrates seine Genehmigung, weil die bürgerliche Mehrheit eine Stärkung der Sozialdemokratie befürchtete und die Frage des Amtssitzes für den Bezirk Nidau diesen Fall komplizierte.
Bei den genannten Beispielen gingen kleinere Gemeinden in einer benachbarten Stadt auf. Daneben kam es aber auch zu Zusammenschlüssen von ländlichen Gemeinden ungefähr gleicher Grösse. So entstand 1932 aus den beiden Einwohnergemeinden Stalden und Gysenstein die Einwohnergemeinde Konolfingen, während auf dem Bödeli zwischen Thuner- und Brienzersee lange Diskussionen schliesslich an Grenzen und Aufgabenteilung der Gemeinden nichts änderten.
Im Kanton Bern blieb es also bei einer einzigen Eingemeindungswelle kurz vor und nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, während Genf und Zürich in den 1930er Jahren ihre Stadtgrenzen nochmals weiter ins Umland hinausschoben79.
Die politischen Parteien des Kantons Bern veränderten sich im späten 19. und im frühen 20.Jahrhundert allmählich und vorerst ohne auffallende Einzelereignisse, zum Teil in Anlehnung an Vorgänge in der übrigen Eidgenossenschaft oder sogar im Ausland.
Themen wie der Gegensatz zwischen Hauptstadt und Landschaft hatten ihre Zugkraft verloren, ebenso der Appell an die Abneigung gegen Jesuiten und Ultramontanismus. Selbst der Disput um Zentralismus oder Föderalismus im Bundesstaat bewegte den Bürger weniger als der Kampf um seine wirtschaftlichen Anliegen und um seine soziale Sicherheit. Nicht mehr die Weltanschauung bestimmte die Fronten im politischen Kampf, sondern die materiellen Interessen, und damit geriet das überlieferte Parteiengefüge ins Wanken.
Die Konservativen hatten in den 1880er Jahren ihr Übergewicht in der Stadt Bern an die Freisinnigen verloren, ohne Aussicht auf eine Rückkehr an die Macht. Im Nationalrat blieben ihnen noch zwei Mandate im Wahlkreis Mittelland und eines im Nordjura. Den Sitz in ihrer Hochburg Oberaargau verloren sie dagegen 1908 nach dem Tode Ulrich Dürrenmatts an den Arzt und Sozialdemokraten August Rikli aus Langenthal. Im Grossen Rat führte fortan Hugo Dürrenmatt als Jurist das zusammengeschmolzene Häuflein der Volkspartei mit weniger Beredsamkeit, aber auch weniger starr und weniger geprägt durch Feindbilder als sein Vater Ulrich. Im Regierungsrat behielten die Konservativen ihre beiden Sitze, doch bestimmten die sieben Freisinnigen den Kurs in dieser Behörde. Eine Schwäche der Konservativen war es, dass ihre Vertreter aus der Stadt Bern, aus dem katholischen Jura und aus der Volkspartei wohl gelegentlich gemeinsam Abstimmungskämpfe führten, sich aber nie auf die Länge in einer einzigen Organisation zusammenfanden. Auch versteiften sie sich zu sehr auf ein Festhalten an traditionellen Lebensformen und Denkmustern, als dass sie damit Lösungen für die Probleme der modernen Wirtschaft und Gesellschaft hätten bieten und Wege in die Zukunft weisen können.
Standen die Konservativen politisch rechts, so gehörten nach dem Sprachgebrauch um die Jahrhundertwende zur Linken neben den Sozialdemokraten immer noch auch die Freisinnigen. Die Zusammenarbeit zwischen Grütliverein und Radikalen hatte in Bern Tradition. Freisinnige setzten sich bei Abstimmungen ein für Vorlagen mit sozialen Zielen und unterstützten in der Stadt Bern bei Wahlen öfters Kandidaten der Arbeiterpartei. Allerdings wuchs die Distanz zwischen den beiden Gruppen, seit die Sozialdemokraten häufiger für Streikende eintraten und offener waren für Einflüsse der internationalen Arbeiterbewegung und für antimilitaristische Ideen. Zudem bildete der Freisinn keine Einheit, weder seinem Gedankengut noch seiner gesellschaftlichen Schichtung nach. Zwar erhob er immer noch den Anspruch, er sei eine "Volkspartei", welche nicht nur eine einzelne Gruppe vertrete, sondern die Anliegen von Industrie, Handel, Gewerbe, Bauernsame, Angestellten, Beamten und Arbeitern gleichermassen verfechte. Es bereitete aber mehr und mehr Mühe, diese Fiktion aufrechtzuerhalten, etwa bei der Aufstellung ausgewogener Listen für Wahlen oder bei der Parolenausgabe für Abstimmungen über Vorlagen, die zwischen den Wirtschaftsgruppen umstritten waren.
Wie in anderen Kantonen bildeten sich auch in Bern, namentlich in den Städten, Gruppen von "Jungfreisinnigen", die sich 1911 in einem Kantonalverband vereinigten. Sie verstanden sich als linker Flügel der Partei, kritisierten deren enge Verflechtung mit der Wirtschaft und forderten ein stärkeres sozialpolitisches Engagement, um die Abwanderung von Beamten, Angestellten und Lehrern zu den Sozialdemokraten zu verhindern. Tatsächlich blieben die Standesorganisationen dieser Berufsgruppen, die sich ungefähr von der Jahrhundertwende an formierten, dem Freisinn nahe. Den Ton in der Partei gaben aber immer noch die "Alten" an, die mannigfach mit Bahn-, Elektro- und anderen Unternehmen verflochten waren wie Fritz Bühlmann von Grosshöchstetten, Arnold Bühler in Frutigen, der Seeländer Eduard Will oder der Stadtberner Kohle-Grosskaufmann Johann Hirter.
Änderungen im Parteiwesen kündigten sich also an, doch vorerst festigte sich das Bestehende eher, als der Weltkrieg zu einem "Burgfrieden" bei Wahlen führte. Aber spätestens 1917 nahm das Bewegende überhand. Der Kanton Zürich führte für die Wahl des Kantonsrates Ende 1916 den Proporz ein. Die ländlichen Bezirke hatten sich dagegen gewehrt. Nachdem die Neuerung gegen ihren Willen angenommen worden war, wollten sie diese jedoch auch ausnützen und verwandelten den landwirtschaftlichen Verein des Kantons in eine Bauernpartei, die sogleich unerwartete Erfolge gewann. Dieser Funke konnte anderswo ebenfalls zünden, um so mehr als unzufriedene Landwirte glaubten, ihre bisherigen Organisationen und Führer hätten zuwenig für sie herausgeholt. Das zielte zum Teil auf Berner, wie den Präsidenten des schweizerischen Bauernverbandes Johann Jenny aus Worblaufen oder Jakob Freiburghaus aus Spengelried im Forst. Beide waren um die Mitte des 19.Jahrhunderts geboren und sassen als Freisinnige seit Jahrzehnten im Nationalrat.
Von ganz anderem Schlag war der rund eine Generation jüngere Rudolf Minger aus Schüpfen. Er hatte nur die Primar- und die Sekundar-, aber keine Landwirtschaftsschule durchlaufen und war in der Politik bisher nicht hervorgetreten, wohl aber in der Führung des bernischen Verbandes landwirtschaftlicher Genossenschaften. In Reden bei verschiedenen Anlässen dieser Organisation rief er zu mehr Solidarität unter den Bauern auf. Aber erst Ende November 1917 kurz nach der bolschewistischen Revolution in Russland liess er im Berner Restaurant "Bierhübeli" eine Bombe platzen. Im Gegensatz zur bisherigen Haltung der führenden Berner Bauernpolitiker rief er auf zur Gründung einer selbständigen Bauernpartei und zur Unterstützung des Proporzes für die Nationalratswahlen, über den das Schweizervolk im Herbst 1918 in einem neuen Anlauf abstimmen musste. Bald gewann er weitere, mit ihm ungefähr gleichaltrige, vermögliche Bauernpolitiker einer jüngeren Generation für seine Pläne, wie Gottfried Gnägi aus Schwadernau oder Fritz Siegenthaler aus Trub. Überhaupt fand der Vorschlag offene Ohren. Eine Kommission unter dem Vorsitz von Nationalrat Freiburghaus und nachher eine sogenannte Vertrauensmännerversammlung aus Vertretern der grossen landwirtschaftlichen Organisationen des Kantons arbeiteten fast ein Jahr lang an Texten für Statuten und Geschäftsreglement, worauf am 28.September 1918 die erste Delegiertenversammlung zur formellen Gründung der "bernischen Bauern- und Bürgerpartei" schritt.
Ihr Programm unterschied sich wenig von dem anderer bürgerlicher Parteien, und sie verdankte ihre Stosskraft nicht neuem Gedankengut, sondern dem Postulat, der Bauernstand müsse an Einfluss auf die Politik gewinnen, hauptsächlich durch eine personelle Erneuerung der Behörden. Seien erst einmal junge, unverbrauchte Leute am Ruder so glaubte man , ergebe sich manches Weitere fast von selbst. In diesem Sinne vollzog die Partei nach Mingers Meinung "eine Art politischer Revolution, die sich aber auf ganz natürlichem Wege durchsetzte", also ohne Umsturz, wie ihn etwa der Kommunismus anstrebe. Die Partei verstand sich auch als Kämpferin gegen den Grosskapitalismus, den die Bauern schon in früheren Auseinandersetzungen um Milch- und Fleischpreise als ihren Gegner empfunden hatten. Seit dem Landesstreik von 1918 verschrieb sich die Partei jedoch immer stärker der Erhaltung des Überlieferten und gewann eines ihrer wirksamsten Propagandaargumente aus der Behauptung, sie allein vermöge den Staat vor der Gefahr zu schützen, die ihm von der Linken drohe.
Die Trennung vom Freisinn zog sich über längere Zeit hinweg und erfolgte in kleinen Schritten. Anfänglich hatten die Bauern mit einer sogenannten mittelbaren Struktur für ihre Partei geliebäugelt, bei der Verbände und nicht Individuen zu Mitgliedern geworden wären. Das hätte dem einzelnen ein Weiterwirken in anderen Parteien erlaubt, was altgedienten, im Freisinn aufgestiegenen Bauernführern wie Jenny und Freiburghaus entgegengekommen wäre. Schliesslich forderte man aber doch klare Entscheide durch Eintrag in Mitgliederlisten und die Bezahlung individueller Beiträge.
Damit nahm man eine Isolierung des Freisinns in Kauf in der Voraussicht, die gemeinsame Abneigung gegen die Sozialdemokraten erweise sich bald als stärker und zwinge die Bürgerlichen zu Kompromissen und zu gegenseitiger Annäherung. In der Arbeiterpartei sahen die Bauern den Hauptvertreter der Konsumentenschaft und damit ihren Gegner. Immerhin wollten Minger und andere Bauernführer auch "gesunden Fortschritt" oder "sozialen Ausgleich" fördern und akzeptierten Monopole, wenn sie "durch gebieterische Staatsnotwendigkeit bedingt" sind. Das führte später in der Agrarpolitik des Bundes gelegentlich zu überraschenden Allianzen von Bauern und Sozialdemokraten.
Die Umstände begünstigten die Ausbreitung der Bauernpartei. Landleute, welche der wirtschaftlichen Entwicklung nach Kriegsende besorgt entgegensahen, waren bereit, neuen Führern zu folgen, die kräftigen Einsatz für Agrarinteressen versprachen. Und wer sich angesichts wachsender Klassengegensätze nach einem kräftigen Widerpart auf der Rechten gegen die Sozialdemokratie sehnte, setzte seine Hoffnungen nun oft auf die Bauern. Der Landesstreik von 1918 löste die Gründung der Bauernpartei nicht aus, spielte er sich doch erst rund ein Jahr nach Mingers Auftritt im "Bierhübeli" ab. Aber er verschaffte ihr einen Zustrom von Bürgern, welche in ihr das einzige standfeste Bollwerk für den Staat in seiner traditionellen Ordnung sahen.
So gewann die Partei nach eigenen Angaben bis Ende 1919 ungefähr 40000 Mitglieder, am meisten im Emmental, Oberaargau, Mittelland und Seeland, wo schon bisher die Dichte der landwirtschaftlichen Organisationen am höchsten gewesen war. Erst später öffnete sich das Oberland der neuen Bewegung, und im Jura fasste sie vorderhand überhaupt nicht Fuss gleich wie in anderen Regionen der Eidgenossenschaft, in denen die Kampfstimmung zwischen Radikalen und katholischen Konservativen immer noch intakt war.
Dem raschen Wachstum entsprach der Erfolg bei den Nationalratswahlen im Herbst 1919, den ersten, die nach dem Proporzverfahren durchgeführt wurden. Sie brachte der Bauern- und Bürgerpartei, die nun zum ersten Mal Kandidaten portierte, gleich 16 von den 32 Sitzen, die dem Kanton Bern zustanden. Unter den Gewählten fanden sich sechs ehemalige Freisinnige, die angesichts der Stärkeverhältnisse das Lager gewechselt hatten, nämlich Jenny, Freiburghaus, die Regierungsräte Tschumi und Moser, Gewerbesekretär Joss und der politische Dominator des Frutiglandes, Bühler. Dieser liess sich zwar 1919 auf der Bauern- und Bürgerliste wählen, blieb dann aber im Parlament wie zuvor in der Fraktion der Radikalen. Der Sieg der Bauern- und Bürgerpartei ging vor allem auf Kosten des Freisinns, der 14 seiner bisher 19 Mandate verlor, und zu einem kleinen Teil auf Kosten der Grütlianer und der Katholisch-Konservativen.
Spätestens dieser Erfolg öffnete der Bauern- und Bürgerpartei die Aussicht, im Kanton die Mehrheit zu gewinnen und ohne Wartezeit in der Opposition die Zügel an sich zu reissen. Das war nur möglich, wenn es gelang, über die Bauernsame hinaus Wähler zu gewinnen, was am ehesten beim Gewerbe möglich war. Zwar widersprachen sich die Interessen von Bauern und Gewerbetreibenden im Einzelfall öfters, aber es verband sie im grossen und ganzen eine ähnliche Grundhaltung des Fühlens und Denkens und meistens auch die Furcht vor einem übermässigen politischen Einfluss der Konsumenten sowie von Handel und Industrie, wie sie ihn beim Freisinn je länger desto mehr wahrzunehmen glaubten. Auch beim Gewerbe riefen einzelne Stimmen nach einer Lösung von den historischen Parteien. Aber hier verhallte der Ruf vorerst ohne Wirkung, denn es fehlte eine vorwärtsdrängende "junge Garde" mit einem impulsiven Führer wie Minger. Übrig blieb als Kompromiss schliesslich eine gemeinsame Liste der Bauern- und Bürgerpartei mit dem Gewerbeverband für die Nationalratswahlen von 1919, wobei beide Partner im übrigen ihre Unabhängigkeit behielten. Von den Gewählten waren drei Gewerbetreibende, nämlich der amtierende Regierungsrat Tschumi, sein künftiger Nachfolger Joss sowie Ingenieur Rothpletz, einer der Erbauer der Lötschbergbahn. Auch die Wähler vom Lande hatten ihnen loyal ihre Stimme gegeben, wie die Ergebnisse bäuerlicher Gegenden zeigen.
Damit war die politische Fusion des Gewerbes mit der Bauern- und Bürgerpartei nur noch eine Frage der Zeit. Sie wurde im Frühjahr 1921 vollzogen durch eine Revision der Parteistatuten, die Aufnahme von Gewerbevertretern in die leitenden Gremien und durch die Änderung des offiziellen Namens in "Bernische Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei" (BGB). Freilich ging nicht das ganze Gewerbe zu der neuen Partei über. Eine namhafte Minderheit blieb beim Freisinn. Fortan mussten also im Kanton Bern zwei Parteien auf einen Gewerbeflügel und seine Begehren Rücksicht nehmen, während die Bauern praktisch vollständig aus dem Freisinn ausschieden.
Als Minger und seine Mitstreiter eine "Bauern- und Bürgerpartei" gründeten, dachten sie beim zweiten Teil des Namens an Tierärzte, Landwirtschaftslehrer und andere der Bauernsame nahestehende Personen aus ländlichem Milieu. Einen neuen, viel weiteren Sinn gewann die Bezeichnung "Bürger", als die Partei in den früheren 1920er Jahren die Reste der bernischen Volkspartei und der "Vereinigten Konservativen der Stadt Bern" aufsog. Diese Gruppen hatten bis 1917 mit einer Ausnahme alle ihre Nationalratsmandate verloren und stellten für die Wahlen von 1919 gar keine eigenen Listen mehr auf. Ihr letzter Bisheriger, Regierungsrat Friedrich Burren, fand auf der Bauern- und Bürgerliste Unterschlupf und wurde hier mit der höchsten Stimmenzahl gewählt, eine Auszeichnung, die er eher seiner Persönlichkeit als seiner politischen Herkunft verdankte. Die Fusion der Konservativen und der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei fand recht formlos statt und ohne dass darüber genauere Berichte vorliegen. Es ging ja anders als beim Gewerbe bei dieser Vereinigung nicht um einen wohlorganisierten, finanzkräftigen Verband mit handfesten wirtschaftlichen Interessen, sondern um eine lose Verbindung einzelner Bürger mit ähnlicher Weltanschauung. Gemeinsam war beiden Partnern die Frontstellung gegen Sozialdemokraten und Linksfreisinn.
Die Volkspartei ging also unter, zuletzt als Opfer des Proporzes, für dessen Einführung sie jahrzehntelang gekämpft hatte. Immerhin gewann das zweite B in der Abkürzung BGB-Partei an Relief, auch wenn die "Bürger" nie die gleiche Bedeutung erreichten wie die beiden anderen Blöcke. Aber sie erschlossen der Partei doch stärker als in anderen Kantonen Kreise, die ihr bisher meist ferngeblieben waren, wie Städter mit akademischer Bildung oder betont christliche Gruppen etwa aus dem Umfeld der Evangelischen Gesellschaft oder der evangelischen Lehrerseminare und des Freien Gymnasiums. Sie waren mit dem Verschwinden der Stadtkonservativen und der Volkspartei politisch heimatlos geworden und schlossen sich nun den Bauern und dem Gewerbestand an, obschon ihnen deren ökonomische Postulate nicht besonders nahe lagen. Aber in der mächtigen Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei wuchs das konservative Element an Bedeutung, weil ihm für Bereiche ausserhalb der Wirtschaft auch manche Bauern und Gewerbetreibende zuneigten. So gewann es für die bernische Politik mehr Gewicht als in den Jahrzehnten zuvor, obwohl damals noch Parteien bestanden hatten, welche die Bezeichnung "konservativ" in ihrem Namen führten. Das erlaubte der Partei, den Vorwurf von sich zu weisen, sie vertrete nur Wirtschafts- und Gruppeninteressen und nur die Anliegen recht schmaler Schichten. Bald zeigte es sich, dass sie zwar nicht mehr im gleichen gigantischen Tempo wie zur Zeit ihrer Gründung weiterwuchs, aber sie war auch keine Eintagsfliege, wie es manche Freisinnige wohl im stillen gehofft hatten.
Vielmehr hatte sich im Kanton das Verhältnis der politischen Parteien zueinander von Grund auf und auf die Dauer geändert. Der Freisinn, der bisher fast nach Belieben hatte schalten und walten können, verlor seine übermächtige Stellung und blieb für immer Minderheitspartei. Stärkste Partei wurde die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei, doch erreichte sie im Grossen Rat das absolute Mehr nicht ganz und blieb auf einen Partner angewiesen. Diese Rolle spielten meist die Freisinnigen, so dass die politische Front fortan zwischen Bürgertum und Arbeiterpartei verlief. Nur bei Auseinandersetzungen um Schul- und Kirchenthemen hielt die alte Linke Freisinn und Sozialdemokratie noch öfters zusammen.
Im Jura fasste die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei nie Fuss, und so blieb die Parteisituation hier anders als in Altbern. Das lockerte bisherige Verbindungen und liess in diesem Landesteil das Gefühl der Entfremdung und des Unverstandenseins wachsen. In der Eidgenossenschaft verlor Bern den Rang fast ganz, den es bisher in der freisinnigen Fraktion und damit in der Führung der Bundespolitik eingenommen hatte. Die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei war gesamteidgenössisch zu schwach, um ihrerseits Berns Gewicht in die Waagschale zu werfen. Denn Bauern- und Gewerbeparteien von Bedeutung bildeten sich fast nur in überwiegend reformierten Kantonen des Mittellandes, nicht aber in den Berggebieten, im Welschland und in Gegenden mit einem starken Anteil an katholischer Bevölkerung80.
Die Gewinne der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei an Mitgliedern und an Mandaten gingen vorwiegend zu Lasten der Freisinnigen. Diese verfielen darob für kurze Zeit so sehr der Nervosität und Verwirrung, dass sie ihren bisherigen Namen aufgaben und sich umbenannten in "Fortschrittspartei". Damit suchten sie die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei als rückschrittlich und als Gruppe abzustempeln, die egoistisch bloss die wirtschaftlichen Interessen des eigenen Anhangs vertrete. Gleichzeitig warfen sie mit der neuen Bezeichnung aber auch Ballast ab, den sie bisher aus der Zeit des "alten" Freisinns im 19.Jahrhundert mitgeschleppt hatten. Treibende Kraft bei diesem Wechsel des Aushängeschildes waren die Jungfreisinnigen, die nun für mehr als ein Jahrzehnt auf eine eigene Organisation innerhalb der Partei verzichteten. Der Freisinn blieb aber angewiesen auf eine Zusammenarbeit mit der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei, etwa bei Listenverbindungen für die Nationalratswahlen. Schon 1923 gab die "Fortschrittspartei" diesen Titel wieder auf und kehrte zum angestammten "Freisinn" zurück.
Beim Zusammenwirken mit der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei war der Freisinn im Kanton Bern der schwächere Partner, obschon seine Führerschaft die andere intellektuell wohl übertraf. Beamte, Angestellte und Lehrer soweit sie nicht zu den Sozialdemokraten abgewandert waren gewannen in der Partei mehr Gewicht als früher. Hauptstützen aber waren Handel, Industrie und Selbständigerwerbende, und im ganzen rutschte die Partei deutlich nach rechts.
Die Aufbruchstimmung am Kriegsende und die Einführung des Nationalratsproporzes brachten Bewegung in die schweizerischen Parteien. Neben den bereits geschilderten grossen Änderungen gab es kleinere, die für Bern weniger ins Gewicht fielen.
Wer bisher als reformierter Konservativer Politik betrieben hatte, fand in Bern anfangs der 1920er Jahre meist Unterschlupf bei der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei. Doch schon vorher war, zuerst in Zürich, eine Evangelische Volkspartei entstanden, die bewusst das Wort "konservativ" nicht mehr in ihrem Namen führte, sich für soziale Belange einsetzte und nicht nur höhere gesellschaftliche Schichten ansprach. Sie fand ihre Anhänger bei der sogenannten positiven Richtung der Landeskirchen, aber namentlich auch bei Freikirchen, bei der reformierten Gewerkschaftsbewegung und bei christlichen Abstinenten, also bei Kreisen um das "Blaue Kreuz". Die Evangelische Volkspartei blieb an Zahl stets klein und lange auf städtische Gebiete beschränkt. Das gilt besonders für Bern. Zwar stellten die Berner mit Arnold Muggli für kurze Zeit den ersten Zentralpräsidenten der gesamtschweizerischen Evangelischen Volkspartei und beteiligten sich 1919 an den Nationalratswahlen, doch für ein Mandat reichte ihre Stimmenzahl bei weitem nicht, und auch bei den Grossratswahlen von 1922 gingen sie leer aus. Einzig für den Berner Stadtrat gewannen sie 1920 einen Sitz. Trotz dieser Misserfolge genoss die Evangelische Volkspartei ein gewisses Ansehen, weil sie auf keinen der beiden politischen Blöcke Bürgertum und Sozialdemokratie festgelegt war und ihre Unabhängigkeit im Urteil bewahrte81.
Bei der Revision der Kantonsverfassung von 1893 hatte der Grosse Rat einige Anliegen ausgeklammert, die zwar in der Luft lagen, denen aber eine Mehrheit im Volk noch nicht sicher war und die deshalb die Gesamtvorlage hätten gefährden können. Sie sollten späteren Partialrevisionen vorbehalten bleiben. Dazu gehörte das Proporzverfahren für die Wahl der Legislative, wie es um die Jahrhundertwende in anderen Kantonen und in der Stadt Bern bereits eingeführt war und wie es Volksinitiativen nun auch für den Kanton Bern und für die Eidgenossenschaft forderten.
Die erste davon war im Kanton Bern von der Volkspartei und von Sozialdemokraten ausgegangen. Sie wurde am 3.Mai 1896 von der Stimmbürgerschaft knapp abgelehnt mit 29000 Ja gegen 32000 Nein. Angenommen hatten die Ämter Aarwangen, Wangen und Schwarzenburg, Bern, Biel, Büren und Nidau sowie die Freiberge, Delsberg, Pruntrut und Laufen. Schon 1897 doppelten die gleichen Kreise mit einer neuen Initiative nach, für die sich vor allem Redaktor Carl Heinrich Mann von der Volkspartei einsetzte. Der Grosse Rat befasste sich nur kurz mit ihr, und am 11.Juli 1897 verwarf das Volk sie mit 23500 Nein gegen 19500 Ja. Wieder überwog die Zustimmung im Oberaargau, im Nordjura sowie in den Städten Bern und Biel und ihrer Umgebung.
Der sozialdemokratische Grossrat Karl Moor blieb hartnäckig und reichte bereits am 2.Mai 1900 für den Grossratsproporz eine Motion ein, die auch von Ulrich Dürrenmatt und anderen Konservativen unterzeichnet war. Der Rat verschleppte die Behandlung zuerst, stimmte dann aber am 3.September dem Begehren zu, allerdings in einer abschwächenden Interpretation, die vom Regierungsrat nicht eine Gesetzesvorlage fFCr das neue Wahlverfahren verlangte, sondern bloss einen Bericht darüber. Zwar sassen in der Exekutive fast gleich viele Proporzfreunde wie -gegner. Als jedoch am 4.November 1900 die Stimmbürger in der Eidgenossenschaft und auch im Kanton Bern die erste Initiative für die Proporzwahl des Nationalrates hoch verwarfen, betrachtete der Regierungsrat weitere Bemühungen zur Zeit als aussichtslos und liess die Motion Moor als "für dermalen" erledigt vom Grossen Rat abschreiben.
Tatsächlich hatten die Berner in der Bundesabstimmung mit 40000 Nein gegen bloss 19000 Ja den Proporz weit wuchtiger von sich gewiesen als bei den kantonalen Urnengängen von 1896 und 1897, und zwar auch in den Hochburgen der Sozialdemokraten und der Volkspartei. Nur gerade in den vier nordjurassischen Bezirken überwogen die Ja-Stimmen. Anscheinend beurteilte der Berner die eidgenössische Vorlage anders als die kantonalen Projekte. Sie wollte nämlich jeden Kanton zu einem einzigen Wahlkreis erklären, während bisher für Bern in sechs Kreisen gewählt worden war, die den Landesteilen entsprachen. Dieses überlieferte Verfahren bot den politischen Minderheiten kaum Chancen, sicherte aber eine gute geographische Verteilung der Mandate. Dieser Vorteil wog in den Augen der Mehrheit schwerer als die Ungerechtigkeiten des Majorzsystems.
Auch eine zweite Initiative im Bund scheiterte am 23.Oktober 1910, aber weniger massiv als zehn Jahre zuvor. Der Kanton Bern verwarf mit 43000 Nein gegen 29000 Ja, wobei diesmal nicht nur der Nordjura, sondern auch wieder die Städte Biel und Bern und ihre Umgebung zustimmten. Da das Ergebnis für die Proporzfreunde günstiger ausgefallen war als beim ersten Anlauf, reichten sie bald wieder eine eidgenössische Initiative ein. Sie wurde jedoch dem Volk jahrelang nicht zum Entscheid vorgelegt, weil der Erste Weltkrieg Wahlfragen in den Hintergrund drängte und weil der Freisinn an seiner Machtstellung nicht rütteln lassen wollte.
So fand die eidgenössische Volksabstimmung erst am 13.Oktober 1918 statt. Sie brachte dem Proporz und damit den politischen Minderheiten endlich einen deutlichen Sieg, doch kam er zu spät, um die Spannungen zwischen den Klassen abzubauen, die sich genau einen Monat danach im Landesstreik entluden. Auch der Kanton Bern nahm an mit 49000 Ja gegen 16000 Nein. Von den Ämtern verwarfen nur gerade Oberhasli und Saanen. Diese Umkehr der Ergebnisse von 1900 und 1910 spiegelte die neuen Stärkeverhältnisse im Kanton. Der Freisinn hatte einen grossen Teil der Arbeitnehmer an die Sozialdemokraten und das Landvolk an die Bauern- und Bürgerpartei verloren, die beide für den Proporz kämpften82.
Nun war der Majorz auch für die Grossratswahlen im Kanton Bern nicht mehr zu halten. Am 15.Dezember 1918, also kurz nach dem Landesstreik, erklärte der Grosse Rat stillschweigend eine sozialdemokratische Motion erheblich, die vom Regierungsrat verlangte, dass er die Einführung des Proporzes für die Wahlen in die kantonale Legislative prüfe. Der Bericht der Exekutive darüber lag bereits Ende Februar 1919 vor, und der Grosse Rat stimmte im März 1919 grundsätzlich zu, doch die nötigen Anpassungen am "Gesetz über Wahlen und Abstimmungen" zogen sich in die Länge, so dass die erste Lesung darüber erst im Januar 1920, die zweite sogar erst im November 1920 zu Ende ging. Kommissionspräsident Hadorn erklärte unverblümt, das Geschäft eile nicht. Er wollte verhindern, dass die Vorlage so früh vor dem ordentlichen Wahltermin vom Mai 1922 fertig werde, dass sie Begehren für vorgezogene Neuwahlen nach neuem Verfahren auslöse und so die Sitze der noch amtierenden Grossräte gefährde.
Am 30.Januar 1921 stimmte das Berner Volk mit 64000 Ja gegen 22000 Nein zu. Von den Amtsbezirken verwarfen einzig Oberhasli, Signau und Pruntrut. Der Grosse Rat wurde also fortan nach dem gleichen Verfahren gewählt wie der Nationalrat. Statt 62 wie bisher gab es nun nur noch 32 Wahlkreise. Sie entsprachen den Amtsbezirken, ausser in Bern, das man in Bern-Stadt und Bern-Land teilte. Eine Reihe dieser Amtsbezirk-Wahlkreise war so klein, dass sie nur je zwei Grossräte stellten. Das widersprach im Grunde genommen der Proporz-Idee, denn es liess kleinere Gruppen nicht zum Zuge kommen. Davon profitierte als stärkste Partei nun nicht mehr der Freisinn, sondern die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei.
So fand eine Entwicklung ihr Ende, die sich über mehr als drei Jahrzehnte hingezogen hatte. Als der Freisinn noch bloss den Konservativen gegenüberstand, hielt er seine Stellung für unerschütterlich und lehnte Konzessionen ab. Später war er zu kleineren Zugeständnissen bereit, namentlich zu einem "freiwilligen Proporz". Dabei überliess er der Minderheit einzelne Sitze unter der Bedingung, dass sie dafür Kandidaten nominierte, die der Mehrheit genehm waren. Ulrich Dürrenmatt nannte das den Gnadenproporz.
Als sich der echte Proporz dann in anderen Kantonen und für die Stadtratswahlen in Bern und Biel durchsetzte, verlor er den Ruf des Unbekannten und angeblich Undurchführbaren. Vor allem während des Weltkrieges gewannen darauf die Sozialdemokraten so sehr an Stärke, dass Bürgerliche den Proporz begrüssten, "um eine Waffe gegen sie zu haben, wenn die Zeiten da sind, wo wir uns gegen ihre Übermacht zur Wehre setzen müssen".
Seinen Sieg im Kanton Bern verdankte der Proporz dem Aufkommen starker Minderheitsgruppen und damit der Abkehr vom Zweiparteiensystem. Vor allem aber unterstützte die neugegründete Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei von Anfang an den Proporz unter dem Eindruck, er werde sich ohne Zweifel durchsetzen. Ihre Ja-Parole gab im Bernbiet dem Majorz den Todesstoss, doch hätte er sich wohl ohnehin nicht mehr viel länger behauptet. Auch das Beispiel Berns antwortet also nicht eindeutig auf die alte Streitfrage, ob der Proporz die Aufsplitterung der historischen Parteien verursacht habe oder ob er vielmehr habe kommen müssen, weil ihre Auflösung bereits in vollem Gange war83.
Von den 32 Nationalratssitzen des Kantons Bern hatten vor den Wahlen von 1919 die Freisinnigen mehr als die Hälfte besetzt, nämlich 19, die Sozialdemokraten 7, die Grütlianer 2, die katholischen Konservativen aus dem Jura 3 und die protestantischen Konservativen aus dem alten Bernbiet einen. Von den Bisherigen des Freisinns verzichteten 1919 ihrer elf auf eine Wiederwahl. Weitere vier kandidierten wohl neu, aber nicht mehr bei der freisinnigen Fortschrittspartei, sondern bei der erst kurz zuvor gegründeten Bauern- und Bürgerpartei.
Von den eingereichten Listen waren jene der Bauern- und Bürgerpartei, der freisinnigen Fortschrittspartei und der katholischen Volkspartei untereinander verbunden, während die Sozialdemokraten, die Grütlianer, die Evangelische Volkspartei und die jurassischen Freisinnigen unabhängig voneinander kämpften. Die protestantischen Konservativen standen vor der Auflösung und verzichteten auf eine eigene Liste. Der Bisherige Burren fand bei der Bauern- und Bürgerpartei Unterschlupf und wurde mit einem Spitzenresultat wiedergewählt.
Damals und noch längere Zeit danach war es üblich, dass die grossen Parteien ihre Prominenten auf der vorgedruckten Liste kumulierten und ihnen dadurch einen Vorsprung vor den übrigen Mitbewerbern sicherten. Die Zahl dieser Kumulationen deutete an, wieviele Sitzgewinne die einzelnen Parteien ungefähr erwarteten.
Am 25./26.Oktober 1919 beteiligten sich im Kanton rund 83% der Stimmberechtigten an den Wahlen und gaben für die Bauern- und Bürgerpartei 2101034 Parteistimmen ab, für die sozialdemokratische Partei 1255791 und für die Fortschrittspartei des Freisinns 410008. Das brachte im alten Bernbiet der Bauern- und Bürgerpartei 16 Sitze, den Sozialdemokraten 9 und den Freisinnigen 3. Dazu kamen noch je ein Mandat für die Grütlianer und für die katholische Volkspartei des Juras und zwei für die jurassischen Freisinnigen. Leer ausgegangen war die Evangelische Volkspartei, die sich fortan für lange Zeit nicht mehr an Nationalratswahlen beteiligte und sich auf die lokale Politik konzentrierte. Verhältnismässig gut hatte sie im Südjura abgeschnitten, wo sie vermutlich dank Stimmen aus Täuferkreisen im Amt Courtelary sogar die Bauern- und Bürgerpartei übertraf.
Die Bauern- und Bürgerpartei gewann ohne Ausnahme in allen Gemeinden des alten Kantonsteils Stimmen, in vier kleineren Rohrbachgraben, Rumendingen, Ballmoos und Epsach sogar sämtliche abgegebenen. Eher bescheiden blieb im Kanton Bern der Sitzgewinn der Sozialdemokraten, doch hatte diese Partei schon 1917 bei den letzten Majorzwahlen und bei Nachwahlen seither zusätzliche Mandate erobert.
Überraschungen gab es bei den Personen der Gewählten oder Unterlegenen. So wurde der prominenteste Freisinnige, Grosskaufmann Johann Hirter aus der Stadt Bern, nur sechster Ersatzmann, und auch Robert Grimm lag bei den Sozialdemokraten hinter dem letzten Gewählten zurück, allerdings bloss um 162 Stimmen. Als erster Ersatz konnte er schon 1920 in den Rat nachrücken. Bei der Bauern- und Bürgerpartei wurde Rudolf Minger zwar gewählt, aber ohne Glanz erst im zehnten Rang.
Ihrer Herkunft nach verteilten sich die Gewählten recht gleichmässig über das Gebiet des Kantons, was sich beim Proporz nicht von selbst versteht. Fürs erste war also die Befürchtung widerlegt, das Verhältniswahlverfahren werde ganze Landesteile ihrer Vertretung berauben.
Bis 1931 fanden Nationalratswahlen alle drei (und nicht wie heute alle vier) Jahre statt. 1922 hatte Bern dabei 34 Sitze zu vergeben, 1931 wegen Änderungen der Wahlgrundlagen in der ganzen Eidgenossenschaft nur noch 31 (von insgesamt 187). Ihre Verteilung änderte nicht stark. 1931 hielt die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei noch 15 Sitze, die sozialdemokratische Partei 10, die freisinnig-demokratische Partei 4 im alten Kantonsteil und einen im Jura sowie die katholische Volkspartei einen. Verschwunden waren die Grütlianer. Aus ihrem Kreis wurde nun Sekundarlehrer Hans Roth aus Interlaken auf der Liste der Sozialdemokraten regelmässig gewählt. Ohne jede Aussicht auf einen Sitz beteiligten sich die Kommunisten Mal für Mal an den Wahlen, während die Freiland-Freigeld-Bewegung um den originellen Lehrer und Redaktor Fritz Schwarz aus dem Emmental nach zwei Misserfolgen 1922 und 1925 fortan verzichtete, obwohl sie immerhin weit besser abgeschnitten hatte als die Kommunisten.
In der bernischen Nationalrats-Delegation verliefen die Fronten Anfang der 1930er Jahre also klar und verhältnismässig einfach. Den Bürgerlichen mit rund zwei Dritteln der Sitze standen die Sozialdemokraten mit gut einem Drittel gegenüber. Parteien dazwischen gab es nicht, höchstens Individuen, die in ihren eigenen Gruppen weiter links oder rechts standen als der Durchschnitt.
Der Grosse Rat wurde bis 1922 nach dem Majorzverfahren gewählt. Dabei schwangen häufig Kandidaten obenaus, weil sie in ihrem näheren Umkreis bekannt und beliebt waren, und nicht, weil sie einer bestimmten Partei zugehörten. Da sie oft von einem Ad-hoc-Komitee portiert worden waren, fiel es zuweilen schwer, sie einer bestimmten Fraktion zuzuordnen. Hugo Dürrenmatt überliefert dazu folgende Anekdote: "Kam einer als Neuling vom Land her in den Rat, so galt er gewissermassen ex officio als freisinnig', auch wenn bei seiner Wahl in seinem Wahlkreis die Parteizugehörigkeit gar keine Rolle gespielt hatte. [...] Der Grossratsweibel nahm ihn einfach auf die freisinnige Fraktionsliste und zog ihm bei der ersten Taggeldauszahlung ohne viel zu fragen den Fraktionsbeitrag ab, und damit war er wohlbestalltes Fraktionsmitglied"84.
Noch unübersichtlicher wurde die Lage nach den Wahlen vom Frühjahr 1918. Damals besass die entstehende Bauern- und Bürgerpartei noch keine kantonale Organisation, wohl aber eine Reihe von Ortssektionen. Von den Gewählten spalteten sich schon während der Amtsdauer bis 1922 rund 70 Räte als Bauern-, Gewerbe- und Bürgerfraktion von der freisinnigen ab, der noch gut 40 Mitglieder blieben. Nach der Einführung des Proporzes 1922 wusste man dann wenigstens, auf welcher Liste ein Kandidat portiert worden war und wohin er demnach im Rat gehörte.
Immer noch entfiel auf 3000 Seelen ein Grossrat. Eine Initiative der Bauern- und Bürgerpartei, welche diese Ziffer auf 3200 heben und dabei nur noch die Schweizerbürger berücksichtigen wollte, war am 1.Februar 1925 vom Volk verworfen worden. So blieb es bei 224 Sitzen, die zum weitaus grössten Teil den drei grossen Parteien zufielen. 1922 gewann die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei 103, der Freisinn 31 und die Sozialdemokratische Partei 63. Das zeigt, dass auch der Proporz nicht die volle Wahlgerechtigkeit brachte, wurde doch 1930 die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei für ihren Stimmenanteil von 39,4% mit 98 Sitzen honoriert, die Sozialdemokraten aber für 32,0% nur mit 69.
Kleinere Parteien wie die Kommunisten oder die Freiland-Freigeld-Bewegung, die an den Nationalratswahlen regelmässig oder doch wenigstens gelegentlich teilnahmen, beteiligten sich an den Grossratswahlen nur ausnahmsweise oder überhaupt nicht. Die katholische Volkspartei kandidierte ausser im Nordjura nur gerade in Bern-Stadt. Von den grossen Parteien stellten 1930 die Sozialdemokraten keine Liste in Neuenstadt und in den Freibergen, die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei in Laufen und die Freisinnigen in Erlach, Laupen, Oberhasli, Seftigen und im Nieder-Simmental.
Ihre grösste Stärke erreichte die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei 1930 in den Ämtern Laupen (81,4% aller Stimmen), Seftigen (78,8%), Signau (74,3%), Erlach (72,7%), Trachselwald (72,2%) und Schwarzenburg (70,0%), die freisinnige Partei in Neuenstadt (47,6%), Courtelary (41,7%), Laufen (37,6%) und Interlaken (33,7%) und die Sozialdemokratische Partei in Biel (54,2%), Bern-Stadt (52,8%) und Büren (47,3%). Der beruflichen Herkunft nach stellten 1930 die Landwirte mit 58 sowie die Fürsprecher/Notare und die Lehrer mit je 20 Vertretern die grössten Gruppen85.
Im Regierungsrat sassen am Kriegsende als Freisinnige die Jurassier Simonin und Stauffer, aus dem alten Kantonsteil die Juristen Leo Merz, Emil Lohner und Karl Scheurer, der Gewerbevertreter Hans Tschumi und der Vertrauensmann der Landwirtschaft, Carl Moser, dazu die beiden Konservativen Friedrich Burren und Rudolf von Erlach. Obwohl sich an dieser Zusammensetzung nichts änderte, kam es nun zu einem markanten Wandel: Burren, von Erlach, Tschumi und Moser schlossen sich der neugegründeten Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei an, nicht aber Scheurer, obwohl auch er aus einer agrarischen Gegend stammte, nämlich aus Gampelen im Seeland.
Das Verhältnis von 5 freisinnigen zu 4 aus der Bauern- und Bürgerpartei stammenden Regierungsräten entsprach nicht der Stärke der beiden Parteien im Kanton. Eine Korrektur wurde möglich, als Ende 1919 Karl Scheurer als Nachfolger des verstorbenen Eduard Müller in den Bundesrat gewählt wurde. Scheurers Sitz im Regierungsrat fiel jetzt an Friedrich Volmar, einen Juristen, der vom Freisinn zur Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei übergetreten war. Bei 5 Vertretern der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei und 4 Freisinnigen blieb es nun fast zwei Jahrzehnte lang. Zwar ging es angesichts ihrer Stärke nicht an, die Sozialdemokraten auf die Länge von der Kantonsregierung fernzuhalten, doch wirkte vorderhand auf beiden Seiten noch zu viel Landesstreik-Stimmung nach, als dass eine Zusammenarbeit in der Exekutive möglich schien, obwohl sie sich in anderen Kantonen und in bernischen Städten bereits bewährte.
Schon in den 1920er Jahren stieg bei den Bürgerlichen die Einsicht, sie dürften die Linke nicht länger aus der Exekutive des Kantons ausschliessen, doch gefielen ihnen jeweilen die aufgestellten Kandidaten nicht oder es fehlte ihr Bekenntnis zur militärischen Landesverteidigung. Eine sozialdemokratische Initiative für den Proporz bei den Regierungsratswahlen wurde im Spätjahr 1932 vom Volk deutlich abgelehnt. Namentlich die Volksabstimmung über die Kriseninitiative zeigte aber dann, dass Sozialdemokraten und Jungbauern durchaus zusammen eine Mehrheit im Kanton gewinnen und bei vereintem Vorgehen vom Majorzverfahren für die Bestellung der Exekutive profitieren konnten. Deshalb fanden sich Freisinnige und Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei 1938 bereit, ihre Regierungsräte Alfred Stauffer und Walter Bösiger zu einem mehr oder weniger freiwilligen Rücktritt zu bewegen.
Die Sozialdemokraten glaubten, sie dürften eigentlich drei Sitze im Regierungsrat beanspruchen, doch liessen sie es nicht auf eine Kampfwahl ankommen, sondern begnügten sich mit den Kandidaturen des Jurassiers Georges Moeckli und von Robert Grimm. Dieser war im Jahr zuvor beim Kampf um das Berner Stadtpräsidium unterlegen und sah nun seine wohl letzte Chance, ein höheres Regierungsamt zu gewinnen. Auch in seiner eigenen Partei vermochte er Samuel Brawand aus Grindelwald nur knapp zu schlagen. Am 22.Mai 1938 setzten sich die beiden Sozialdemokraten im zweiten Wahlgang durch und erhielten die Fürsorgedirektion (Moeckli) und die Baudirektion (Grimm) zugewiesen.
Weil sich die Zusammenarbeit während des "Burgfriedens" zur Zeit des Aktivdienstes bewährte, mussten die Freisinnigen 1946 angesichts der Stärke der drei Parteien beim Rücktritt ihres Regierungsrates Alfred Rudolf seinen Sitz dem Sozialdemokraten Fritz Giovanoli überlassen. Genau vierzig Jahre lang setzte sich die Exekutive nun zusammen aus 4 Vertretern der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei, 3 Sozialdemokraten und 2 Freisinnigen86.
Für die Behörden der Stadt Bern bildeten sich nach Revisionen der Gemeindeordnung von 1899 und 1920 im wesentlichen die noch heute gültigen Regeln heraus: Die Exekutive, der Gemeinderat, besteht aus 7 vollamtlichen Mitgliedern, gewählt nach dem Proporzverfahren, und der Stadtrat mit 80 Mitgliedern wird nach dem gleichen Verfahren alle vier Jahre als Ganzes neu bestellt statt in Teilerneuerungen wie bis 1931. In beiden Gremien hielten sich in der Zwischenkriegszeit die beiden Blöcke der Sozialdemokraten und der Bürgerlichen (Freisinnige und Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei) fast die Waage, oft bei einem Unterschied von bloss zwei Stimmen im Stadtrat. Die Bürgerlichen gewannen 1920 das Stadtpräsidium zurück und verteidigten es auch, als die Arbeiterpartei es 1938 mit einer Kandidatur von Robert Grimm zurückerobern wollte. Im Gemeinderat hielten die Bürgerlichen vier, die Sozialdemokraten drei Sitze87.
Hatten das Kriegsende und die Jahre danach das bernische Parteiwesen gründlich umgestaltet, so verliefen die Wahlen der zwanziger Jahre verhältnismässig ruhig. Das konnte den Eindruck von Stagnation und von Tatenlosigkeit der Politiker erwecken, und bald erklang der Ruf nach Erneuerung, als die Krise von 1929 die Strukturen von Wirtschaft und Gesellschaft in der Schweiz wie in der übrigen Welt erschütterte. Neue politische Gruppen entstanden, die zum Teil innerhalb der bisherigen Parteien blieben, zum Teil aber diesen Rahmen sprengten; die meisten davon waren kurzlebig, rüttelten aber in der knappen Zeit ihres Bestehens an Altgewohntem und störten mit ihrem Drängen die Ruhe der Etablierten.
Für den Kanton Bern galt das vor allem von der Bauernheimatbewegung der sogenannten Jungbauern. Sie forderte die Leiter der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei heraus, welche seinerzeit selber als damals jüngere Generation die alten Bauernführer aus den Reihen des Freisinns in den Hintergrund gedrängt hatten.
Die zentrale Persönlichkeit der Neuerer war Hans Müller, geboren 1891 in Gomerkinden am Rande des Emmentals (zwischen Biglen und Hasle bei Burgdorf). Er besuchte das Lehrerseminar Hofwil und Bern, als es unter der Leitung von Ernst Schneider stand, und erwarb später zum Teil in berufsbegleitenden Studien noch die Patente für den Unterricht auf der Sekundar- und der Gymnasialstufe und den Doktortitel naturwissenschaftlicher Richtung. Seit 1915 wirkte er an der Sekundarschule Grosshöchstetten.
Früh verschrieb sich Müller der Anti-Alkoholbewegung. Als Sekretär des 1923 gegründeten "Vereins abstinenter Schweizerbauern" gab er für die Mitglieder die Zeitschrift "Vorspann" heraus, die eine Auflage von 12500 Stück erreichte. Darin äusserte er sich auch zur Frage der Weinimporte und näherte sich damit der Politik im engeren Sinne des Wortes, ebenso mit seinen "Bauernheimatwochen" und den "Jungbauernlandsgemeinden", mit denen er die Landwirte innerlich kräftigen und den Gemeinschaftssinn unter ihnen stärken wollte. Diese Erwachsenenbildung für das Landvolk fand von 1932 an ihr Zentrum auf dem Möschberg bei Grosshöchstetten.
1927 trat Müller vom Schuldienst zurück und widmete sich fortan ganz seinen sozialen Aufgaben. Dazu gehörte auch die Jugendbildungsarbeit in der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei, die man ihm bald darauf übertrug. So wurde er bei den Wählern bekannt, und im Herbst 1928 gelang ihm der Sprung in den Nationalrat, obwohl sein Kampf gegen den Alkohol längst nicht allen Bauern gefiel. Müller wandte sich überhaupt gegen Genusssucht und Sittenverwilderung, die er in der Stadt und in der Industrie verkörpert sah. Ihnen setzte er die Grundwerte "Glaube, Freundschaft, Heimat" entgegen. Das schloss das Einstehen für schwächere Mitmenschen ebenso ein wie für eine Gemeinschaft, die von ihren Gliedern Gefolgschaftstreue zur Führung erwartete.
Zu ersten Misstönen zwischen Müllers Anhang und der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei kam es bei den Grossratswahlen vom Frühjahr 1934. Zwar gelang es, die Sitzzahl zu behaupten, doch prominente Bisherige verloren ihr Mandat an jüngere Konkurrenten. Diese hatten unter der Hand das Streichen anderer Kandidaten der Partei und das Kumulieren von Bewerbern aus ihrem eigenen Kreis empfohlen. So gewann im Amt Aarwangen Ernst Anliker von Gondiswil 1100 Stimmen mehr als der nächste auf der Bauern-, Gewerbe- und Bürger-Liste, während von den Bisherigen ein Notar und zwei Landwirte ihre Sitze verloren. Im Amt Thun rutschte der Bisherige Ernst Bürki, Metzgermeister und Nationalrat, sogar auf den Rang des fünften Ersatzmanns ab. Das gab böses Blut, doch gelang es der Leitung der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei vorerst noch, durch Gespräche diese ersten Risse in ihrem Gefüge notdürftig zu kitten.
Die Gegensätze brachen aber bald wieder auf, namentlich als die Jungbauern die Kriseninitiative der Gewerkschaften und anderer Organisationen unterstützten. Sie wollte die Probleme der schweizerischen Wirtschaft durch Massnahmen und Eingriffe des Staates lösen, die der Führung der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei wie eine Annäherung an den Marxismus vorkamen. Nach einem scharfen Abstimmungskampf zwischen der Rechten und der Linken verwarf das Volk am 2.Juni 1935 die Kriseninitiative in der Eidgenossenschaft. Der Kanton Bern aber stimmte zu mit 90634 Ja gegen 78443 Nein. Etwas mehr als die Hälfte der Amtsbezirke nahmen an, vor allem im Oberaargau, im Mittelland und im westlichen Oberland, während der Jura deutlich ablehnte und andere Landesteile gespalten waren. Dieses Ergebnis befriedigte weder die Leitung der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei noch die Jungbauern und führte zu Spannungen, die schon vorher in der BGB-Fraktion der Bundesversammlung aufschienen, wo Müller sich besonders mit den Ostschweizern schlecht vertrug und im März 1935 aus diesem Gremium ausgeschlossen wurde.
Nun bangte er um seine Bestätigung als Nationalrat und stellte deshalb für die Wahlen vom Herbst 1935 einen eigenen Wahlvorschlag auf, ohne dafür die Zustimmung der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei einzuholen. Diese fand sich lustlos mit dem Fait accompli ab und verband die Liste mit ihrer eigenen, um die voraussehbaren Verluste in Grenzen zu halten. Trotzdem spielte sich der Wahlkampf als "Ödipuskonflikt", wie ein Zeitgenosse schrieb fast ganz zwischen der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei und dem Anhang Hans Müllers ab.
Das Resultat enttäuschte beide Partner. Zwar gewannen die Jungbauern einen Stimmenanteil von 10% und drei Mandate für Hans Müller, Ernst Anliker aus Gondiswil und Fritz Bigler aus Vielbringen bei Worb. Doch war das weit weniger als erhofft, und zudem verlor die Mutterpartei bei einem Stimmenanteil von 30% vier von ihren bisher 15 Sitzen. Weil Jungbauern und Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei getrennt marschierten, gewann im Kanton Bern die sozialdemokratische Partei mit 34% den höchsten Stimmenanteil. Auch in den übrigen Kantonen, in denen Jungbauern kandidierten, erfüllten sich ihre Erwartungen nicht.
Nun war die Spaltung kaum mehr zu vermeiden, und am 9.November 1935 beschloss eine Delegiertenversammlung der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei die Trennung von den Jungbauern. Diese bildeten fortan im Grossen Rat eine eigene "Fraktion der Schweizerischen Bauernheimatbewegung" mit Fritz Bigler als Präsident und insgesamt 17 Mitgliedern, mit Ausnahme zweier Lehrer lauter Landwirte, fast alle erst 1934 gewählt, zum grossen Teil weniger als 40 Jahre alt und aus allen Landesteilen ausser dem Seeland und dem Jura.
Die Jungbauern erregten bei den beiden grossen bürgerlichen Parteien Anstoss nicht nur wegen ihrer eigenen Ideen und Unternehmungen, sondern auch wegen der Partner, denen sie sich näherten. So fanden sich die Kämpfer für die Kriseninitiative Gewerkschaften, Sozialdemokraten und kleinere Parteien aus einzelnen Kantonen zusammen in der "Richtlinienbewegung für den wirtschaftlichen Wiederaufbau und die Sicherung der Demokratie". Damit bahnte sich ein Zusammenrücken von Jungbauern und Sozialdemokraten an, und die Front zwischen der politischen Rechten und der Linken verlor etwas von ihrer Starrheit. Es schien möglich, eine Mehrheit "links von der Mitte" zu sammeln und Bauern und Arbeiter miteinander auszusöhnen. Gerade im Kanton Bern hatten die Abstimmung über die Kriseninitiative und die Nationalratswahlen von 1935 gezeigt, dass sich Sachvorlagen gegen die Sozialdemokraten und die Jungbauern kaum mehr durchbringen liessen und dass diesen beiden Gruppen nur mehr wenig fehlte, um bei Wahlen die grossen bürgerlichen Parteien in die Minderheit zu versetzen. Das brachte BGB und Freisinn zur Einsicht, den Sozialdemokraten zwei Sitze im Regierungsrat freiwillig zu überlassen, wie es bereits dargestellt worden ist. Für Hans Müller war das ein Abweichen der Sozialdemokraten von der konsequent oppositionellen Haltung. Enttäuscht entfremdete er sich ihnen allmählich, um so mehr als zwischen ihm und Robert Grimm persönliche Unverträglichkeiten mitspielten.
Bei den Grossratswahlen vom Mai 1938 wurde ein Sitz nur mehr auf 4000 statt wie bisher auf 3000 Einwohner vergeben. Damit sank die Zahl der Mandate von 228 auf 184. Davon gewannen die Jungbauern 22, also mehr, als ihre Fraktion bisher Mitglieder gezählt hatte. Trotz diesem Erfolg gerieten sie wegen der Annäherung der grossen Parteien aneinander allmählich in eine gewisse Isolation. Dazu kamen interne Streitigkeiten. Hans Müller fühlte sich als Führer der Bewegung von Fritz Bigler zu wenig anerkannt, so dass sich verschiedene Gefolgschaften bildeten. Bei den Grossratswahlen von 1946 erreichten die Jungbauern gerade noch 2,1% der Gesamtstimmenzahl und 4 von insgesamt 194 Sitzen. 1947 verzichteten sie von sich aus auf eine Beteiligung an den Nationalratswahlen, und die Bewegung löste sich nach und nach auf. Hans Müller zog sich auf die Gemüseproduktion und -verwertung zurück und wirkte bis ins hohe Alter als Pionier des biologischen Landbaus. Die vier letzten Jungbauern-Grossräte fanden wieder bei der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei Anschluss. Die Stimmkraft, welche die Jungbauern für einige Zeit auf sich gezogen hatten, fiel aber nicht an die BGB zurück, sondern verteilte sich fortan teils auf die Sozialdemokraten, teils auf verschiedene kleinere Gruppen.
Wer in der eidgenössischen Politik der dreissiger Jahre kämpfte, teilte derbe Hiebe aus und musste auch solche einstecken. Welche Vorwürfe zu Recht erhoben wurden, kann der Historiker zum Teil heute noch nicht oder nicht mehr eindeutig beurteilen. Man hat Hans Müller Verwandtschaft mit den Fronten und ihrem nationalsozialistischen Gedankengut vorgeworfen. Tatsächlich war diesen Gruppen und den Jungbauern der Ruf nach Erneuerung und nach einem Abtreten der alten politischen Führer gemeinsam. Hans Müller erhob ihn selbst zu Zeiten, in denen sich Missdeutungen fast zwangsläufig ergaben, etwa im Sommer 1940, als Bundesrat Pilet-Golaz sich mit vergleichbaren Worten an das Schweizervolk wandte. Für die Politik im Inneren der Schweiz forderten die Jungbauern eine autoritäre Führung, wie sie Hans Müller auch innerhalb seiner Bewegung zu verwirklichen suchte. Die Rassenlehre der Fronten oder gar die Idee eines Anschlusses der Schweiz an Deutschland aber waren ihm fremd.
Hans Müllers Persönlichkeit und sein politischer Stil erregten Anstoss und boten Blössen für Angriffe der Gegner. Zudem erfasste er nur die ländliche Bevölkerung und konnte so keine ausreichende Basis gewinnen für eine starke Kraft der politischen Mitte, die zwischen den Blöcken der Linken und der Rechten gestanden und den Gegensatz zwischen Arbeitern und Bauern überbrückt hätte88.
Von den sogenannten nationalen Erneuerungsbewegungen, die in der Schweiz während der 1930er Jahre entstanden, wurde für den Kanton Bern neben den Jungbauern die Schweizer Heimatwehr am bedeutsamsten. Sie fasste in Teilen des Emmentals und vor allem des Oberlands Fuss und gab den Kleinbauern, die dort ganz besonders unter der Wirtschaftskrise litten, eine Stimme in der Öffentlichkeit.
Die Schweizer Heimatwehr war 1925 in Zürich gegründet worden als Vereinigung, die das Vaterländische betonte und überall Einfluss von Juden und Freimaurern witterte. Von 1930 an treffen wir sie auch im Bernbiet, namentlich im Amt Thun, im Frutigland und im Simmental, während sie im Schwarzenburgerland zwar Anlässe veranstaltete, sich aber neben den übrigen Parteien nicht zu behaupten vermochte.
Anfangs September 1933 vereinigte eine Volksversammlung der Heimatwehr bei der Tellenburg in Frutigen ungefähr 600 Personen, denen der 26jährige Landwirt Ludwig Lengacher von Mülenen bei Reichenbach aus dem Herzen sprach, als er Verständnis und Hilfe für die Sorgen und Nöte der Bergbauern verlangte.
Aufsehen erregte die Heimatwehr dann anderthalb Monate später, als Mitte Oktober 1933 eine Anzahl ihrer Mitglieder zusammen mit der "Vereinigung der Schweizer Fascisten" unter dem Waadtländer Obersten Arthur Fonjallaz nach Rom reisten, dort von Benito Mussolini empfangen wurden, ihn in Ansprachen priesen und ihm einen aus Holz geschnitzten Bären überreichten. Schon die Zeitgenossen berichteten ziemlich ratlos über den Vorfall, und auch für die Nachwelt ist es nicht leicht, darüber zu urteilen. Die Berner in der Delegation waren anscheinend eher Mitläufer, die Fonjallaz nicht durchschauten und sich zum Teil einfach die Gelegenheit nicht entgehen lassen wollten, zu günstigen Bedingungen nach Italien zu fahren.
Ihre eigenen Führer besassen zwar zum Teil die Gabe, als Redner ihre Zuhörer zu packen und mitzureissen. Aber es fehlte ihnen das Format und die Weite, um gewiegteren Politikern die Stange zu halten, eigene Programme zu entwickeln und über die engere Heimat hinaus zu wirken. So blieb die Zahl der Mitglieder bescheiden und überstieg das Tausend wohl nie wesentlich. Bei den Grossratswahlen von 1934 bewarb sich die Heimatwehr mit Listen für die Bezirke Frutigen, Obersimmental, Niedersimmental, Thun, Seftigen, Konolfingen und Signau, und sie gewann drei Sitze. Alle ihre Gewählten waren Landwirte. Im Amt Frutigen erreichte die Heimatwehr einen Anteil von gut 40 Prozent aller Stimmen, in den Gemeinden Kandergrund und Krattigen sogar mehr als 50 Prozent. Aber bereits vier Jahre später kandidierte die Bewegung nur noch in den Ämtern Frutigen und Thun und vermochte bloss das Mandat von Ludwig Lengacher zu retten, das sie 1942 in stiller Wahl behielt. Kurz darauf starb Lengacher, erst 35jährig, an einer Lungenentzündung. Sein Nachfolger schloss sich der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerfraktion an, womit die Heimatwehr aus der bernischen Politik verschwand.
Teile des Oberlandes waren für eine Oppositionsbewegung wie die Heimatwehr unter anderem deshalb empfänglicher als andere Gegenden, weil sie die wirtschaftlichen Schwierigkeiten nach dem Ersten Weltkrieg und in der Krise von 1929 besonders deutlich spürten. Simmental und Frutigland trieben ganz einseitig Viehwirtschaft, die vor allem vom Absatz der Zuchttiere ins Ausland abhing. Er ging seit den Währungskrisen in verschiedenen Staaten massiv zurück, und entsprechend sank der Erlös, während die Zinsen auf ihrer alten Höhe blieben. Das führte zu einer massiven Verschuldung. Zwischen 1921 und 1931 stieg bei den Landwirten im Kanton Bern die Zahl der Betreibungen pro Jahr um 65 Prozent. Dazu kam ein kaum überschaubares Gewirr von gegenseitigen Bürgschaften auf engem Raum, so dass einzelne Fälle von Geldschwierigkeiten leicht ganze Gegenden ins Verderben rissen.
Wohl stellten Bund und Kanton lindernde Massnahmen in Aussicht, aber ihre Mühlen mahlten langsam, und verbittert verglichen die Schuldenbauern dieses gemächliche Tempo mit dem raschen und in ihren Augen grosszügigen Eingreifen der Behörden beim drohenden Zusammenbruch der Volksbank Ende 1933. Auch bei der Hilfe für die Landwirtschaft selber glaubte mancher Oberländer, sie komme weniger den Berg- und Kleinbauern zugute als den Grossbauern des Unterlandes, welche in der Leitung der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei dominierten.
Auf das Ganze des Kantons oder gar der Eidgenossenschaft gesehen spielte die Heimatwehr keine bedeutende politische Rolle. Immerhin nahmen andere Gruppen sie ernst und suchten die Zusammenarbeit mit ihr. So stellten Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei und Heimatwehr bei den Gemeindewahlen in Frutigen im November 1933 eine gemeinsame Liste auf und gewannen damit 13 der 15 Sitze. Ähnlich wie die Heimatwehr standen auch die Jungbauern für die Klein- und Bergbauern ein, und schon bei den Grossratswahlen von 1938 erbten sie zum Teil beispielsweise im Simmental Stimmen, die früher der Heimatwehr zugefallen waren, wie die Statistik zeigt. Scharf unterschieden sich diese beiden Gruppen jedoch voneinander beim Kampf um die Kriseninitiative. Während die Jungbauern sich dafür einsetzten und also mit der politischen Linken zusammenarbeiteten, stritt die Heimatwehr im Verein mit bürgerlichen Parteien und Fronten dagegen.
Einfluss und Unruhe ging von der Heimatwehr auch aus durch das Protestpotential, das ihr innewohnte, besonders als sie an "Landsgemeinden" in Spiez und Steffisburg und mit einer Unterschriftensammlung das Gespenst einer Zahlungsverweigerung für Hypothekarzinsen und Steuern heraufbeschwor, schliesslich ihre Drohung aber doch nicht wahrmachte.
Schwierig ist es, das Verhältnis zwischen der Heimatwehr und dem Faschismus zu charakterisieren. Sympathien für Mussolini waren bei ihr vorhanden, ebenso antisemitische Züge, die weniger auf einer Rassenlehre ruhten als auf schlechten Erfahrungen von Bauern und Krämern mit jüdischen Vieh- und Liegenschaftshändlern und Warenhausbesitzern. Hingegen fehlt eine hierarchische, auf einen "Führer" ausgerichtete Organisation und erst recht eine Parteiuniform oder gar eine "Privatarmee". Mit ihrer Ausrichtung auf Probleme der nächsten Nähe fiel die Heimatwehr als politische Kraft im Ganzen der schweizerischen Erneuerungsbewegung kaum ins Gewicht89.
Die Erneuerungsbewegung in der Schweiz der dreissiger Jahre bestand aus einer Vielzahl einzelner Gruppen, die sich selten zu längerem gemeinsamem Handeln und nie zu einer einheitlichen Organisation zusammenfanden. Verglichen mit gewissen Teilen der Landschaft fanden ihre Anliegen in den Städten des Kantons bescheidenen Widerhall, und für keine der vielen Fronten und ähnlichen Vereinigungen stammten die dominierenden Figuren aus Bern. Als Referenten liess man hier Auswärtige auftreten, wie Oberstdivisionär Emil Sonderegger, den Kommandanten der Ordnungstruppen in der Stadt Zürich während des Landesstreiks und späteren Generalstabschef. Heinrich Wechlin war weniger als leitendes Mitglied der "Eidgenössischen Front" bedeutend, sondern weil er als Chefredaktor des konservativen "Berner Tagblatts" seine Ideen verhältnismässig leicht an weitere Kreise herantragen konnte.
Doch auch Widerstand regte sich. Militante Arbeiter unterwanderten Frontisten-Kundgebungen und beendeten sie in Biel mit dem Absingen der "Internationalen" und in Bützberg bei Langenthal mit handgreiflichen Auftritten. Bei Wahlen, die über eine einzelne Gemeinde hinausreichten, traten die Fronten sieht man ab von der Heimatwehr im Kanton nur gerade 1934 für die Bestellung des Grossen Rates und 1935 des Nationalrates an. Bei den Grossratswahlen stellten sie einzig im Wahlkreis Bern-Stadt eine Liste mit sechs Kandidaten, nämlich drei Bielern und drei Personen aus der Stadt Bern und ihrer Umgebung. Sie kamen alle auf je zwischen 820 und 880 Stimmen und damit 1,6 Prozent der Gesamtstimmenzahl im Wahlkreis. Das war etwa ein Drittel dessen, was eine andere Zwergpartei erreichte, nämlich der Schweizer Freiwirtschaftsbund.
Nicht grösser war der Erfolg der Liste "Nationale Erneuerung" bei den Nationalratswahlen vom Herbst 1935. Sie vereinigte Kandidaten der Heimatwehr und der Nationalen Front, blieb aber auch diesmal deutlich hinter allen übrigen Parteien zurück und gewann keinen Sitz90.
Auf ganz andere Weise stand Bern 1935 im Mittelpunkt von Diskussionen um nationalsozialistische und antisemitische Lehren. Diese beriefen sich immer wieder auf die sogenannten "Protokolle der Weisen von Zion", ein Pamphlet, erschienen kurz nach dem Ersten Weltkrieg, das sich gab als Aufzeichnung von geheimen Sitzungen jüdischer Verschwörer, die eine Herrschaft über die ganze Welt anstrebten. In Wirklichkeit war der Text weitgehend aus einer rund fünfzig Jahre älteren Broschüre abgeschrieben.
Nun klagte die Israelitische Kultusgemeinde Bern, um die Protokolle gerichtlich als Fälschung feststellen zu lassen. In Bern tat sie das, weil hier das kantonale Gesetz über das Lichtspieltheater und die Massnahmen gegen die Schundliteratur bessere juristische Grundlagen für eine Verurteilung zu bieten schien als anderswo.
In einem Prozess, der auch im Ausland Beachtung fand, wertete ein Berner Einzelrichter auf ein Gutachten von C.A. Loosli hin die "Protokolle" als Fälschung und verbot der Nationalen Front am 14.Mai 1935, diese Schrift weiter anzupreisen und zu verkaufen. In einem Berufungsverfahren urteilte dann jedoch das bernische Obergericht im Herbst 1937, die "Protokolle" seien unecht, fielen aber nicht unter das Schundliteraturgesetz. Deshalb sprach es die frontistischen Angeklagten frei, allerdings ohne Entschädigung. Formaljuristisch unterlagen also die jüdischen Ankläger, moralisch aber erreichten sie ihr Ziel, die antisemitische Propaganda und ihre Methoden zu demaskieren, immerhin ein Stück weit91.
Zwischen 1939 und 1945 gehörte die Schweiz nicht zu den direkt Beteiligten des Zweiten Weltkrieges. Dennoch spürte sie seinen Einfluss mannigfach, militärisch, wirtschaftlich und in ihrem sozialen Gefüge, doch betraf das Bern kaum anders als die übrigen Kantone.
Immerhin ergaben sich einige Besonderheiten aus der geographischen Lage: Gegenden im Jura erlebten im Frühsommer 1940 beim Angriff der Deutschen und dann 1944 bei der Rückkehr der Alliierten Gefechte im benachbarten Frankreich aus nächster Nähe. Luftkämpfe erfassten auch Schweizer Flugzeuge, und Ortschaften wie Moutier, Delsberg oder Le Noirmont wurden durch fremde Apparate aus Versehen beschossen. Aber auch weitab von der Front fielen Bomben, so im Sommer 1943 bei Riggisberg und am Männlichen. Allerdings blieben die Schäden hier geringer als bei den irrtümlichen Bombardierungen von Schaffhausen, Stein am Rhein oder Teilen der Stadt Basel. In der Spätphase des Krieges landeten dann wie in anderen Teilen der Schweiz beschädigte Flugzeuge der Kriegführenden auf der Berner Allmend oder bei Utzenstorf, als ob sie die Eignung dieses Geländes für einen Grossflugplatz erproben wollten, für dessen Erstellung in der Nachkriegszeit ein Komitee bereits von Ende 1943 an warb. Doch erwuchs dem Vorhaben so viel Widerstand, dass der Flughafen nicht hier gebaut wurde, sondern in Kloten bei Zürich.
Das Oberland gehörte von 1940 an zum sogenannten Reduit und wurde entsprechend befestigt und mit Magazinen ausgestattet. In einem derartigen Lager explodierten dann im Dezember 1947 über 7000 Tonnen Munition, töteten acht Menschen und zerstörten die Ortschaft Mitholz beim Blausee zu einem grossen Teil.
Der Kanton Bern beherbergte während der ganzen Kriegszeit das Armeekommando und den General mit seinem persönlichen Stab, zuerst in Spiez, darauf in Gümligen und anderen Ortschaften zwischen Worb und Langnau, sodann für längere Zeit in Interlaken und schliesslich in Jegenstorf. Interlaken, Saignelégier und die Burgergemeinde Thun verliehen Henri Guisan das Ehrenbürgerrecht, Interlaken überdies auch dem Generalstabschef, Oberstkorpskommandant Jakob Huber. Auf dem Bundesplatz in Bern spielte sich am 20.August 1945 die Fahnenehrung ab, durch welche der General mit seinem Sinn für einprägsame Anlässe ein eindrückliches Bild zum Abschluss des Aktivdienstes bot.
Von den siebzehn Landesverrätern, die während des Zweiten Weltkrieges in der Schweiz zum Tode verurteilt wurden, waren drei Berner. Ein Teil der Erschiessungen fand statt im Tannboden bei Krauchthal, in der Nähe der Strafanstalt Thorberg. Neben den Landesverrätern weckten im Volk auch Ausländer Unwillen, namentlich solche, die ihre Sympathien für die Achsenmächte und ihre politischen Systeme öffentlich zur Schau getragen hatten. Schon 1935 entliess der Regierungsrat Professor Walter Porzig als Universitätsdozent, weil er nicht auf die Leitung der Ortsgruppe Bern der nationalsozialistischen Partei Deutschlands verzichten und sich auch nicht von seinem Treueid auf Adolf Hitler entbinden lassen wollte. Nach Kriegsende kam es zu "Säuberungen" gegen Ausländer. Sie zogen sich der zahlreichen Rekursmöglichkeiten wegen lange dahin und waren auch sonst von Pannen geprägt, die unter anderem davon herrührten, dass sich in diesem Bereich die Befugnisse von Gemeinde-, Kantons- und Bundesbehörden mannigfach überschnitten.
Die Schweiz verlassen musste neben anderen auch Dr. Georg Trump, Presseattaché der deutschen Gesandtschaft in Bern. Er hatte 1940 versucht, durch Druck auf den Verlag Dr. Ernst Schürch von seinem Posten als Chefredaktor der Zeitung "Bund" zu entfernen, weil er wie andere Redaktoren in Basel und Zürich zu deutlich gegen Deutschland und den Nationalsozialismus schreibe. Trumps Intervention blieb vorerst ohne Erfolg, ja, als sie bekannt wurde, stärkte sie Schürchs Position eher, so dass er nach seinem 65.Geburtstag noch mehr als ein Jahr lang bis zum Herbst 1941 in seiner Stellung ausharren konnte.
Während der Kriegszeit jährte sich 1939 der Tag der Schlacht bei Laupen zum 600.Mal, 1941 jener der Stadtgründung Berns zum 750. und jener des Bundes von 1291 zwischen den Waldstätten zum 650.Mal. In Anbetracht der schweren Zeit blieben die Gedenkanlässe für diese Ereignisse im Aufwand bescheidener als entsprechende frühere Veranstaltungen, und sie riefen stärker nach Bereitschaft zur Abwehr gegen Gefahren und zu Opfern und Verzicht als zu festfrohem Zukunftsglauben.
Doch auch während des Krieges gab man das Wirken für diese Zukunft nicht auf und förderte oder vollendete Bauten, die kommender Entwicklung dienen und nebenbei wohl auch den Ruhm ihrer Ersteller zu späteren Generationen weitertragen sollten. Zum Teil waren die Grundsatzentscheide schon früher gefallen und die Arbeiten bei Kriegsausbruch bereits im Gang, etwa bei der Eisenbahnbrücke aus Beton, welche die Aare bei Bern in weitem Bogen überspannte und die eiserne, "rote" Brücke aus den Anfängen des Schienenverkehrs in Bern ersetzte, oder beim Bau der Sustenstrasse, der Ideen aus dem Beginn des Jahrhunderts wieder aufnahm und zu Ende führte. Ein Neubau verlegte das Staatsarchiv aus der Berner Altstadt und aus der Umgebung von Behörden und Verwaltung weg auf die Höhe der Grossen Schanze und in die Nachbarschaft der Universität.
Schliesslich wurde das Rathaus in Bern von altem Beiwerk befreit und in eine Form gebracht, welche die Mitte zwischen den Anforderungen der Tradition und der neuzeitlichen Errungenschaften hielt. Prägend für diesen Umbau war als Baudirektor Regierungsrat Robert Grimm mit seinem wachen Sinn für augenfällige Darstellung von Würde und Anspruch des Staates Bern92.
Der Kampf der Frauen um Gleichberechtigung mit den Männern in der Politik war eine Bewegung, die vom 19.Jahrhundert an ganz Europa und andere Erdteile mit weisser Bevölkerung erfasste und über lange Zeit andauerte. In Bern setzte man dabei mehr auf ruhige Beharrlichkeit und auf kleine Schritte als auf spektakuläres Vorprellen. Mehrere der ersten Kämpferinnen für die Frauensache in Bern stammten aus dem Patriziat, dem sonst eher eine konservative Haltung nachgesagt wurde, so Helene von Mülinen, die Tochter des Historikers Egbert Friedrich von Mülinen. Sie und ihre Freundin Emma Pieczynska wohnten im Landhaus Wegmühle bei Bolligen und wirkten in verschiedenen Frauenvereinigungen und durch den Betrieb des Frauenrestaurants "Daheim".
Ihre "Frauenkonferenz" schlug 1899 zusammen mit anderen Gruppen auch männlichen vor, es solle den Gemeinden künftig freistehen, Frauen in ihre Schulkommissionen zu wählen. Selbst ein Konservativer wie Ulrich Dürrenmatt trat warm für eine solche Gesetzesänderung ein, und der Grosse Rat nahm sie deutlich an. Aber in der kantonalen Volksabstimmung vom 4.November 1890 unterlag sie mit 42000 Nein gegen 17000 Ja. Als einziger Amtsbezirk hatten die Freiberge angenommen.
Die Neuerung setzte sich dann erst im Gemeindegesetz von 1917 durch. Es öffnete den Frauen den Weg auch in die Kommissionen für Armenwesen, Gesundheitswesen sowie für Kinder- und Jugendfürsorge, doch blieb das neue Recht in kleineren Ortschaften illusorisch, weil hier in der Regel die Aufgabe dieser Ausschüsse der Gemeinderat selber versah, der den Frauen weiterhin verschlossen blieb. Ein Stimmrecht der Frauen bei Gemeindeangelegenheiten wagte der Grosse Rat nicht zu beantragen, da er einer Gesetzesvorlage mit solchem Ballast keine Chance für die Volksabstimmung gab.
Das Recht, in Vormundschaftskommissionen gewählt zu werden, versagte der Grosse Rat den Frauen im Entwurf für das Gemeindegesetz von 1917 mit einem Mehr von drei Stimmen. So war 1931 ein besonderes "Gesetz über die Wahlfähigkeit der Schweizerbürgerinnen für die Vormundschaftskommissionen" mit bloss zwei Artikeln nötig, als man diese Neuerung doch noch einführen wollte. Der Vorschlag galt als Schritt zum allgemeinen Frauenstimmrecht hin, und deshalb siegte er in der kantonalen Volksabstimmung nur mit einem Mehr von 685 Stimmen. Es nahmen bloss die Amtsbezirke Bern, Biel, Büren, Courtelary, Moutier und Oberhasli an. Die übrigen 24 verwarfen, wenn auch zum Teil knapp93.
Unter dem frischen Eindruck der grossen Frauenausstellung SAFFA in Bern nahm der Grosse Rat 1928 eine Motion für das eigentliche Frauenstimmrecht in kantonalen und kommunalen Belangen an. Sie forderte allerdings nicht seine Einführung, sondern nur einen Bericht des Regierungsrates darüber. Er wurde nie erstattet, und noch während des Zweiten Weltkrieges lehnte die kantonale Legislative 1943 zwei Motionen für das Frauenstimmrecht mit 74 zu 64 Stimmen ab.
Steter, wenn auch langsam, kam das Stimmrecht der Frauen in kirchlichen Angelegenheiten vorwärts. Das Gemeindegesetz von 1917 hatte die Kirchgemeinden ermächtigt, den Frauen bei Wahlgeschäften das Stimmrecht zu erteilen, doch machten nur wenige Kirchgemeinden davon Gebrauch. Ein Sozialdemokrat nützte dann die Gelegenheit und brachte 1929 bei der Beratung eines neuen Gesetzes über Pfarrwahlen den Zusatz durch, dass Kirchgemeinden die Frauen in allen kirchlichen Angelegenheiten für stimmberechtigt erklären konnten. Das Gesetz überstand die Volksabstimmung gut. Einzig die Amtsbezirke im französischsprachigen Nordjura wiesen es zurück94.
Bei Kriegsende im Mai 1945 gewährte dann der Grosse Rat in einem neuen Gesetz über die Organisation des Kirchenwesens das kirchliche Stimmrecht allen erwachsenen Schweizerinnen, das heisst, er ordnete die Einführung im ganzen Kanton an und stellte sie nicht mehr ins Ermessen der einzelnen Kirchgemeinden. Daran entzündete sich für die Volksabstimmung kaum mehr Widerstand.
Im Kampf um die politische Gleichberechtigung der Geschlechter wurde immer wieder vorgebracht, die Frauen wünschten gar keine zusätzlichen Rechte. Die bernischen Frauenvereine suchten diese Behauptung zu entkräften durch eine Petition vom Mai 1945, in der fast 40000 Frauen und 12000 Männer sich für das Stimmrecht der Frauen in Gemeindeangelegenheiten einsetzten. Darauf legte der Regierungsrat einen Gesetzesentwurf vor, doch beharrte er nicht darauf, als die Kommission des Grossen Rates Nichteintreten empfahl.
Da zwang 1953 das Volksbegehren eines eigens gegründeten Initiativkomitees mit über 33000 Unterschriften zum Handeln. Es verlangte für den ganzen Kanton das Frauenstimmrecht in Gemeindeangelegenheiten, wurde aber zurückgezogen zugunsten eines Gegenvorschlages, der es den Gemeinden überliess, ob sie die Neuerung einführen wollten oder nicht. Doch auch dieses gemässigte Begehren unterlag in der Volksabstimmung vom 4.März 1956 mit 63000 Nein gegen 53000 Ja. Zugestimmt hatten die Amtsbezirke Bern, Biel, Courtelary, Neuenstadt, Moutier und Delsberg eine Verbindung, die wir auch bei späteren Abstimmungen immer wieder antreffen: im Kanton Bern waren es städtische Agglomerationen und die Gegenden im Jura, die dem Frauenstimmrecht schon früh günstig gesinnt waren und ihm schliesslich den Durchbruch erstritten.
Der 1.Februar 1959 mit der ersten gesamteidgenössischen Volksabstimmung über das Frauenstimmrecht brachte allerdings einen massiven Rückschlag. Nicht nur die Schweiz als Ganzes lehnte ab, sondern auch der Kanton Bern mit 102000 Nein gegen 56000 Ja, also fast im Verhältnis von 2:1. Von den Bezirken stimmten nur gerade Biel, Delsberg und Pruntrut zu.
Ein in der Sache bescheidener, für die Stimmung und die weitere Entwicklung jedoch äusserst wichtiger Erfolg gelang den Frauen dann am 18.Februar 1968, als es die Berner mit 64102 Ja gegen 58844 Nein den Gemeinden des Kantons freistellten, ihren Frauen das Stimmrecht in kommunalen Angelegenheiten zu gewähren. Zwar nahmen im alten Bernbiet bloss die Amtsbezirke Bern, Biel und Nidau an; zusammen mit den Ja-Überschüssen in allen sieben jurassischen Bezirken reichte das aber aus, um eine Bresche in die Abwehrmauer der Frauenstimmrechtsgegner zu schlagen.
Damit war das Eis gebrochen, und im Rückblick erscheint der Februar 1968 für den Kanton Bern als Wendepunkt. Noch im selben Jahr gewannen in 130 Gemeinden mit mehr als einer halben Million Einwohnern die Frauen das Gemeindestimmrecht, und Ende 1970 waren es bereits 277 Gemeinden mit gut 800000 Einwohnern oder 79% der Kantonsbevölkerung. So entstand der Eindruck, das Frauenstimmrecht breite sich unwiderstehlich aus und sei kaum mehr aufzuhalten.
Jedenfalls gehörte Bern am 7.Februar 1971 beim zweiten gesamteidgenössischen Urnengang über das Frauenstimmrecht zu jenen Ständen, die wie die Schweiz als Ganzes anders entschieden als zwölf Jahre zuvor. Der Kanton nahm mit 95000 gegen 48000 Stimmen an, und nur noch wenige Randbezirke wie Oberhasli, Frutigen, das Obersimmental, Schwarzenburg und Trachselwald beharrten auf ihrem Widerstand. Es überraschte nicht, dass die Berner am 12.Dezember 1971 noch den letzten Schritt nachholten und mit grossem Mehr und mit der Zustimmung aller Amtsbezirke das Frauenstimmrecht auch in Kantonsangelegenheiten einführten und alle Gemeinden verpflichteten, ihren Frauen das Stimmrecht in kommunalen Angelegenheiten zu geben, wenn sie es nicht schon vorher getan hatten. Damit war für den Wortlaut der Vorschriften die politische Gleichberechtigung der Frau im Kanton Bern erreicht.
Die Zukunft sollte zeigen, dass das Verhalten der Frauen bei Wahlen und Abstimmungen von jenem der Männer weniger abwich als erhofft oder befürchtet und die Stärkeverhältnisse in der Politik sich seit 1971 weder in der Gesamteidgenossenschaft noch im Kanton Bern von Grund auf verändert haben95.
Anmerkungen:07/97, © Historischer Verein des Kantons Bern
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