Geschichte des Kantons Bern seit 1798: Band III

Tradition und Aufbruch 1881 1995

Beat Junker


I. KAPITEL: DER STAAT BERN UND DER VERKEHR
   1. DER BAU DER LÖTSCHBERGBAHN
   2. DIE EINFÜHRUNG DER MITTELEUROPÄISCHEN ZEIT
   3. DER VERKEHR AUF DEN STRASSEN
   4. DIE FREMDENINDUSTRIE
   5. DER KANTON BERN UND DIE ELEKTRIZITÄT
II. KAPITEL: BERN UND DIE AUSLÄNDER
   1. STUDENTINNEN UND AUSLÄNDER AN DER UNIVERSITÄT
   2. BERN UND DIE DEUTSCHEN
   3. DIE FURCHT VOR EINER GERMANISIERUNG IM JURA
III. KAPITEL: DER APPELL AN HEIMISCHE WERTE
   1. HEIMATSCHUTZ
   2. DIE LANDESAUSSTELLUNG VON 1914
   3. BERN UND DIE WELSCHSCHWEIZER
   4. UMSTRITTENE LEHRERBILDUNG
Anmerkungen

ZWEITER TEIL
AUFBRUCH ZU NEUEM UM DIE JAHRHUNDERTWENDE

I. KAPITEL: DER STAAT BERN UND DER VERKEHR

1. DER BAU DER LÖTSCHBERGBAHN

Verglichen mit den übrigen Gebieten Europas erreichte die Eisenbahn die Schweiz spät und den Kanton Bern noch später. Erst gegen Ende der 50er Jahre und in den 60er Jahren des 19.Jahrhunderts war seine Hauptstadt mit den grösseren Städten der übrigen Schweiz verbunden worden, und in einem zweiten Schub entstanden während der 1870er Jahre auch Linien in die einzelnen Landesteile des Bernbiets und in den Jura. Nur in die Täler des Oberlands, wo eigentliche Wirtschaftszentren fehlten, drang die Bahn um 1880 noch nicht vor. An den internationalen Verkehr gegen Süden fand Bern den Anschluss nur über Luzern und die Gotthardbahn. Inzwischen hatten aber Linien wie jene am Brenner (1867), am Mont Cenis (1871), am Gotthard (1882) und am Arlberg (1884) bewiesen, dass sich die technischen Schwierigkeiten und die Finanzprobleme für Bahn- und Tunnelbauten im Gebirge überwinden liessen.

Aus der Fusion westschweizerischer Gesellschaften mit der Jura– Bern–Luzern-Bahn entstand 1890 die Jura–Simplon-Bahn, in welcher die Berner und besonders ihr "Eisenbahnbaron" Eduard Marti den Ton angaben. Im Umfeld der ersten eidgenössischen Volksabstimmung über die Verstaatlichung der schweizerischen Eisenbahnen gelang es dann einer welschen Bankiergruppe, genügend Aktien zu erwerben, um personelle Änderungen zu erzwingen und Marti 1892 als Direktor abzusetzen. Er wurde wenig später bernischer Regierungsrat. Besonders innerhalb des Freisinns blieb darauf zwischen Waadtländern und Bernern tiefe Verstimmung zurück. Dennoch gediehen die Pläne für einen Simplondurchstich, und man durfte am Jahrhundertende mit ihrer Verwirklichung in naher Zukunft rechnen.

Das gab Ideen für eine Verbindung durch die Berner Alpen zur Simplonlinie nach Italien neuen Auftrieb, um so mehr, als sich die Kantonsfinanzen seit der Staatskrise von 1877/78 erholt hatten und auch die damaligen Eisenbahnlasten erträglich geworden waren. Entwürfe für einen Grimseldurchstich waren seinerzeit schon dem Gotthardprojekt entgegengestellt worden, dabei aber unterlegen, und 1889 hatte der Neuenburger Ingenieur James Ladame einen Gemmi-Tunnel vorgeschlagen.

Entscheidende Anstösse kamen nun von einem Einzelgänger und Aussenseiter, dem gebürtigen Oberländer Wilhelm Teuscher. 1870 in die Kantonsexekutive gewählt, gehörte er als Polizei-, Justiz- und Kirchendirektor zu den Hauptstreitern des Kulturkampfs. 1878 trat er im Gefolge der Staatskrise zusammen mit den übrigen Regierungsräten zurück und sass fortan im Obergericht, dem er bis zu seinem Tod angehörte. Neben seiner Berufstätigkeit erarbeitete er in ausgedehnten Studien und Berggängen für eine Alpenbahn von Kandersteg ins Wallis Pläne, die er 1889, 1893 und 1898 in drei Schriften an die Öffentlichkeit trug. Zwar dachte er zuerst noch an ein Tunnel-Nordportal im Gasterntal und an einen Anschluss an die Walliser Tallinie bei Visp (statt in Brig wie heute), im wesentlichen aber sah er die Bahn durch den Lötschberg so vor sich, wie sie später gebaut wurde. Das war eine erstaunliche Leistung für einen Mann ohne Fachausbildung im Eisenbahnwesen oder in einem technischen Beruf. Ihm kamen nun seine Ortskenntnisse und die Anfangssemester zugute, die er der Mathematik und den Naturwissenschaften gewidmet hatte, bevor er zur Jurisprudenz hinüberwechselte.

Teuschers Saat ging bald auf, und bereits im Dezember 1890 erhielt der Bundesrat ein Konzessionsgesuch für eine Normalspurbahn durch den Lötschberg, hinter dem namentlich der Dominator der Lokalpolitik im östlichen Oberland stand, Fürsprecher und Nationalrat Arnold Gottlieb Bühler in Frutigen. Während der Berner Regierungsrat das Vorhaben begrüsste, blieb der Walliser Staatsrat misstrauisch. Er hielt das bereits bewilligte (aber später nie ausgeführte) Projekt für eine Schmalspurverbindung von Lauterbrunnen nach Visp unter dem Breithorn hindurch für genügend und fürchtete von der Lötschberglinie Konkurrenz für die Bahnen, welche im Rhonetal bereits verkehrten. Dennoch erteilten die eidgenössischen Räte 1891 die Konzession. 1899 ging sie von dem privaten Komitee gegen eine Entschädigung an den Kanton Bern über40.

Im Jahr 1891 hatte der Berner Grosse Rat Eisenbahn-Subventionen vorgesehen für Projekte, die dann zum Teil doch nicht gebaut wurden. Deshalb wurde dieser Beschluss 1897 revidiert. Er durfte mit breiter Zustimmung rechnen, da er in allen Landesteilen insgesamt 17 Linien unterstützen wollte. Jene zwischen Frutigen und Brig war zwar nur eine davon, aber nach Ulrich Dürrenmatt doch "mehr oder weniger die Seele der ganzen Vorlage". Dabei spielte der Wunsch mit, alte Scharten aus der Zeit des Streits um die Führung der Jura–Simplon-Bahn auszuwetzen. Selbst ein nüchterner Politiker wie Regierungsrat Scheurer rief dazu auf, "die Bedeutung des Kantons Bern in eisenbahn-politischen Angelegenheiten [...] wiederherzustellen" und zu sehen, "ob der alte Traum, das alte bernische Ideal, durch den Kanton Bern und die Berneralpen hindurch eine Bahn ersten Ranges von internationaler Bedeutung und Wichtigkeit zu erstellen, sich nicht verwirklichen lasse". Dabei hatte er diesmal sogar Ulrich Dürrenmatt auf seiner Seite. Ihn freute "von Herzen, dass der Kanton Bern aus eigener Kraft, aus eigenem Willen und Vermögen" und ohne Bundeshilfe das Nötige aufbringe. Er empfahl Eintreten "mit dem alten, schönen und stolzen Wort: ‘nous sommes de Berne!'" In Aufbruchstimmung nahm der Rat am 28.Januar 1897 die Vorlage mit 121 Ja gegen 4 Nein an, genau einen Monat später auch das Volk mit 51000 Ja gegen 16000 Nein. Von allen Amtsbezirken verwarf einzig Laufen.

Kurz darauf gab der Regierungsrat Gutachten in Auftrag über Linienführung, Kosten und geologische Verhältnisse, und zwar nicht nur für die Route durch den Lötschberg, sondern auch für jene durch den Wildstrubel, die damals vom Wallis her ins Spiel gebracht wurde. Das Breithornprojekt hingegen fand keine Verfechter mehr und verschwand aus der Diskussion.

Auch im weiteren Umfeld waren Änderungen eingetreten: Das Schweizervolk hatte 1898 im zweiten Anlauf dem Rückkauf mehrerer grosser Eisenbahnlinien durch den Bund zugestimmt, und Staatsverträge mit Italien sicherten nun den Simplondurchstich. Damit rückte der Bau einer Bahn durch die Berneralpen in die Nähe. Doch dafür brauchte Bern wirtschaftlich starke Partner, und die gewann es nur, wenn es selber Zeichen setzte für ein kräftiges finanzielles Engagement des Kantons. Deshalb wurde der "Beschluss betreffend die Beteiligung des Staates am Bau neuer Eisenbahnlinien" von 1897 schon 1902 wieder revidiert. Das neue Gesetz sah nun als Hauptposten eine Subvention für den Lötschberg von 17½ Millionen Franken vor, ermöglichte aber Beiträge auch an gut zwanzig weitere Linien in den verschiedensten Gegenden des Kantons. Bei der Vorbereitung der Vorlage hatte man die politische Opposition mit einbezogen, so dass sie im Grossen Rat kaum Widerstand fand. Jurassier, Sozialdemokraten und Ulrich Dürrenmatt versprachen ihr Unterstützung. Sie wünschten allerdings – ohne Bedingungen zu stellen –, die Behörden möchten künftig im sozialen oder im konfessionellen Bereich gleiche Grosszügigkeit zeigen wie hier bei den Eisenbahnen.

Am 4.Mai 1902 stimmte das Volk mit 44000 Ja gegen 18000 Nein zu, während es am gleichen Tag ein Gesetz für eine Erbschafts- und Schenkungssteuer knapp verwarf. Damit hatten die Bürger erneut den Lötschberg unterstützt, freilich – wie 1897 – in einer Sammelvorlage, bei der manches Ja wohl ebensosehr Projekten anderer Landesteile galt wie der Alpenbahn41.

Bei den nächsten Schritten zur Vorarbeit waren nicht mehr kantonale Behörden federführend, sondern ein 80köpfiges Initiativkomitee und sein 16köpfiger leitender Ausschuss. Die Regierung versprach sich davon mehr Beweglichkeit im Vorgehen. Zudem war dafür gesorgt, dass die bisherige Linie beibehalten wurde. Denn ins Komitee selber hatte man wohl Oppositionelle aus den Reihen der Volkspartei, der jurassischen Konservativen und der Sozialdemokraten aufgenommen. Im leitenden Ausschuss aber, der rund vier Jahre lang die Geschäfte praktisch allein führte, blieb, abgesehen vom sozialdemokratischen Grossrat Gustav Müller aus der Stadt Bern, die freisinnige Prominenz des Kantons fast unter sich. Initiativkomitee und Ausschuss hatten bereits die Propaganda für die Volksabstimmung von 1902 geleitet und verlangten nachher bei drei Fachleuten aus Italien, Belgien und Frankreich eine Oberexpertise, welche die Projekte für Lötschberg und Wildstrubel in technischer und finanzieller Hinsicht vergleichen sollte. Ihr überraschender Befund war, der Wildstrubel verdiene den Vorzug, hauptsächlich weil diese Linie kürzer sei und mit weniger Steigung auskomme. Dafür hätte eine Wildstrubelbahn den touristischen Hauptregionen Interlaken und Thun weniger gut gedient, und diese besassen unter den bernischen Politikern Fürsprecher mit mehr Einfluss. Zudem hatte das Berner Volk die bisher zugesagten Subventionen ausdrücklich für eine Lötschbergbahn bewilligt. Wäre es bereit, diese Zuwendungen ohne weiteres auf den Wildstrubel zu übertragen?

Der leitende Ausschuss des Initiativkomitees gab jedenfalls den Lötschberg nicht auf, sondern suchte das Projekt zu verbessern, besonders indem es fortan einen elektrischen Betrieb vorsah, was erlaubte, steilere Rampen zu befahren als mit Dampf. So entstand am Lötschberg die erste schweizerische Normalspurlinie, die als Teil einer internationalen Transitstrecke nicht vom Dampf auf Elektrizität umgestellt, sondern von Anfang an für elektrische Traktion geplant wurde.

Klar war, dass das Lötschbergprojekt die finanzielle Kraft von Kanton, Gemeinden, Bund und Bahngesellschaften überstieg. Deshalb nahm der Stadtberner Nationalrat Johann Hirter als Ausschusspräsident des Initiativkomitees im Sommer 1904 mit einem französischen Bankkonsortium Kontakt auf. Daraus ergaben sich Verbindungen auch zu französischen Bauunternehmen, die nun für die Erstellung einer Berner Alpenbahn Offerten und Pläne einreichten und dabei auch auf immer neue Wünsche und Varianten eingingen. So zögerte sich ein endgültiger Entscheid über ihre Eingaben hinaus bis in den Frühsommer 1906. Erst am 26.Mai 1906 schlossen der leitende Ausschuss und das französische Unternehmersyndikat einen Vorvertrag betreffend den Bau einer Lötschbergbahn von Frutigen nach Brig. Ihn und die entsprechenden Finanzvereinbarungen legte der Regierungsrat Mitte Juni 1906 dem Grossen Rat vor. Da das Konsortium angesichts der langwierigen Vorarbeiten einen Entscheid bis Ende Juli 1906 forderte, blieb kaum Zeit für ein gründliches Studium der Vorlage, zu der die Volksvertreter praktisch nur im Ganzen ja oder nein sagen, aber keine Änderungen mehr anbringen konnten.

Eine Verschiebung der Debatte um zwei bis drei Wochen, wie Ulrich Dürrenmatt sie vorschlug, lehnte der Rat ab. "Im grossen und ganzen sind wir alle in der Sache doch nur Laien und auf das Urteil der Sachverständigen angewiesen", meinte der Kommissionspräsident. So kam es vom 25. bis zum 27.Juni 1906 praktisch bloss über die Eintretensfrage zur Diskussion, in welcher Gustav Müller nochmals einen Tunnel durch den Wildstrubel empfahl und Dürrenmatt beanstandete, dass Bern sich auf ausländisches Kapital verlasse. Finanzdirektor Kunz antwortete: "Sowenig grosse Bauwerke ohne italienische Arbeiter ausgeführt werden können, ebensowenig können Sie grosse finanzielle Werke ohne Inanspruchnahme der französischen Finanz zur Ausführung bringen", und der Rat bekundete ihm mit 174 Stimmen das Vertrauen. Gegen Eintreten wandten sich 14 Grossräte – Konservative, Sozialdemokraten sowie einzelne Saaner und Obersimmentaler. Die Detailberatung geschah im Schnellverfahren, und da Änderungsanträge fehlten, kam es nicht einmal zu einer eigentlichen Schlussabstimmung. Dürrenmatts Vorschlag, die Vorlage der Volksabstimmung zu unterstellen, drang nicht durch, da der Beschluss die Kompetenzen nicht überschreite, welche das Eisenbahnsubventionsgesetz von 1902 dem Grossen Rat gegeben habe. Das Bernervolk hat deshalb nie an der Urne über ein Projekt entschieden, das allein den Bau der Lötschbergbahn betraf.

Vorgesehen war zwischen Frutigen und Brig ein Trassee mit höchstens 27 Promille Steigung und mit Doppelspur im Haupttunnel für eine Bahn mit elektrischem Betrieb. Die Kosten dafür sollten 83 Millionen nicht übersteigen, und das nötige Kapital war ungefähr je zur Hälfte durch Aktien und durch Hypotheken zu beschaffen. Von den Aktien übernahm der Kanton Bern vorweg jene 17½ Millionen Franken, die das Eisenbahnsubventionsgesetz von 1902 vorsah. So dominierte er nach der Meinung des Regierungsrates die Aktionärsversammlung nicht ganz, gab aber doch bei wichtigen Beschlüssen den Ausschlag. Weitere Aktien zeichneten einzelne Gemeinden und Bahngesellschaften aus dem Bernbiet, und für die Beschaffung des übrigen Kapitals sorgten zur Hauptsache zwei französische Bankgruppen sowie die Basler Bank Sarasin und die Berner Kantonalbank.

Damit war der Weg frei zur Gründung der Aktiengesellschaft Lötschbergbahn im Juli 1906. An ihrer Spitze stand ein Verwaltungsrat mit 27 und ein Direktionsausschuss mit sieben Mitgliedern. In beiden Gremien dominierten freisinnige Politiker aus dem Kanton Bern. Daneben belegten Vertreter von Bahnen und Banken aus Frankreich und Italien je rund einen Drittel der Sitze. An die Kosten der Doppelspur im Lötschbergtunnel leistete die Eidgenossenschaft 1907 einen Beitrag von sieben Millionen Franken, verlangte aber dafür die Erfüllung weiterer Ausbauwünsche. So war immerhin dokumentiert, dass die Lötschbergbahn von gesamtschweizerischer Bedeutung sei, während die SBB und einzelne Politiker aus anderen Kantonen in ihr eher einen unerwünschten Konkurrenten für die Bundesbahnen gesehen hatten42.

Nun konnten die Bauarbeiten beginnen. Ihre Ausführung wurde in einem Vertrag von Mitte August 1906 geregelt, in welchem die Lötschbergbahngesellschaft die Generalunternehmung "Entreprise Générale du chemin de fer des Alpes Bernoises" im wesentlichen nur auf das Projekt als Ganzes festlegte, ihr aber im Rahmen einiger Vorgaben viele Einzelheiten überliess. Komplikationen ergaben sich fast von selbst, sobald Unerwartetes wie Naturereignisse oder Geländeschwierigkeiten die Pläne durchkreuzten.

Die Arbeiten am Tunnel begannen im Herbst 1906. Sie erlitten schwere Rückschläge durch ein Lawinenunglück in Goppenstein Ende Februar 1908 mit zwölf Toten und vor allem dann im Juli 1908, als auf der Nordseite nach einem Vortrieb von rund 2,7 Kilometern Geröll und Geschiebe in den Stollen einbrachen und ihn mit Material auffüllten. Fünfundzwanzig Arbeiter – lauter Italiener – verloren ihr Leben und konnten mit einer Ausnahme auch nicht tot geborgen werden. Entgegen den Vermutungen eines geologischen Gutachtens von 1900 war man statt in Felsen in Schwemmaterial unter dem Boden des Gasterntals eingedrungen. Ein halbes Jahr lang ruhten nun die Tunnelarbeiten auf der Nordseite. Dann folgten sie einer neuen Achse, welche der Gefahrenzone des Gasterntales auswich und den Tunnel um gut 800 Meter auf 14,6 Kilometer verlängerte. Zum Durchschlag kam es am 31.März 1911.

Behörden und Volk hatten 1902 und 1906 Beschlüsse gefasst über die Beschaffung der Mittel für den Bau der Lötschbergbahn. Nun erwiesen sich die damaligen Annahmen als zu optimistisch, und eine Nachfinanzierung wurde nötig. Ihr Kernpunkt war, dass der Kanton Bern für Anleihen von 42 Millionen Franken eine staatliche Zinsgarantie gewähre. Diese Gelder waren zum Teil erst noch zu beschaffen und dienten teilweise dazu, die Mehrkosten von 19 Millionen Franken zu decken, die sich gegenüber den früheren Prognosen ergeben hatten. Verweigern liess sich diese Hilfe kaum, wollte man nicht ein schon weit fortgeschrittenes Werk im Stich lassen. Deshalb genehmigte der Grosse Rat im Frühjahr 1912 eine Revision des "Gesetzes betreffend Beteiligung des Staates an Bau und Betrieb von Eisenbahnen" von 1902 mit 167 gegen bloss zwei Stimmen. Dabei lehnte er es ausdrücklich ab, dem Volk die Bestimmungen über den Lötschberg in einer separaten Vorlage zu präsentieren. Denn ein Projekt hatte natürlich eher Aussicht auf Annahme, wenn es noch rund zwanzig weiteren Bahnen im Kanton Subventionen in Aussicht stellte. Am 7.Juli 1912 hiessen die Stimmbürger in allen Bezirken das Gesetz mit insgesamt 29000 gegen 10000 Stimmen gut.

Noch zog sich der Abschluss der Bauarbeiten hin bis zur Eröffnungsfeier im Juni 1913. Regelmässige Züge verkehrten von Mitte Juli 1913 an nach einem reduzierten Fahrplan und seit Mitte September 1913 im Vollbetrieb43.

Bau und Führung der Lötschbergbahn erfolgten durch eine Aktiengesellschaft, doch war Berns Anteil daran so gross, dass man besser von einem gemischtwirtschaftlichen Unternehmen spricht. Bern hatte jetzt – lange nach Jakob Stämpflis Tod – einen Teil von dessen eisenbahnpolitischen Ideen verwirklicht und überdies die "Schmach" getilgt, die dem Kanton in der Jura-Simplon-Angelegenheit widerfahren war. Prestige und Selbstbewusstsein Berns schienen wieder intakt, um so mehr, als im wesentlichen auch die politische Opposition von links und rechts und der jurassische Landesteil die Berner Alpenbahn mittrugen.

Nach dem Auffüllen einiger Lücken lief nun eine wichtige Verbindung durch den ganzen Kanton in der Richtung Nord-SFCd, die ihn seit 1815 geographisch prägte. Was im Bernbiet vorher an Eisenbahnen gebaut worden war, hätte meist besser zum Alten Bern vor 1798 mit seiner West-Ost-Ausdehnung gepasst. So konnte die neue Linie die Landesteile näher aneinanderrücken und Einheit und Zusammengehörigkeit im Kanton heben. Zudem führte sie Bern direkter als bisher an das internationale Bahnnetz heran. Dass sie finanziell weniger abwarf als erhofft, lag zum Teil am Ersten Weltkrieg, der ein Jahr nach ihrer Eröffnung ausbrach und den Verkehr schrumpfen liess. Zudem fielen bisherige Vorteile weg. Frankreich hatte 1871 das Elsass an Deutschland verloren und seither seinen Verkehr möglichst nicht mehr durch diesen Raum gelenkt, was den Lötschberg und seine Zubringer begünstigte. Nun kehrte das Elsass 1918 zu Frankreich zurück, und dieses konnte fortan die Züge aus seinem Osten ohne politische Bedenken wieder über Strassburg nach Basel und durch den Gotthard gegen Süden führen.

In der Zeit um die Jahrhundertwende entstand im Bernbiet nicht nur die Lötschbergbahn, sondern auch eine Reihe von Linien mit regionaler Bedeutung. Ulrich Dürrenmatt gebrauchte dafür 1897 im Grossen Rat den Vergleich, es sei " [...] an der Zeit, dass das Blut, der neue Saft, der durch das Verkehrsmittel der Eisenbahnen unser volkswirtschaftliches Leben speisen soll, nicht nur in die grossen Adern, sondern auch in die äussersten Haargefässe hinaus geleitet werde". Ein Tunnel von Moutier her durch den Grenchenberg und nach Biel (und nicht durch den Weissenstein nach Solothurn, wie es manche Oberaargauer gewünscht hätten) verkürzte die Distanz von der Nordwestschweiz nach Bern. Von Bern nach Neuenburg gelangte man über eine direkte Linie durch das Grosse Moos, und im Mittelland erschloss die Bahn das Gürbetal. 1907 erreichte sie auch Schwarzenburg, begeistert begrüsst von einem Gedicht des Guggisbergers Ulrich Dürrenmatt:

"Der Choli chunnt, der Choli chunnt, Er het is nascht du funne; Lang sy mer nebenusse gsy, Jitz sy mer a der Sunne."

Von der Stadt Bern aus führten gleich zwei Regionalbahnen nach Worb (die eine durch das Worblental, die andere über Muri und Gümligen) und eine weitere nach Zollikofen, von wo sich die Fahrt nach Solothurn fortsetzen liess.

Im Emmental schloss man die Lücken bei den Bahnstücken zwischen Burgdorf und Thun, und im Oberland enthob seit 1893 die Thunerseebahn (die später in der Lötschbergbahn aufging) die Reisenden der Mühe, zwischen Scherzligen und Därligen auf das Schiff umzusteigen. Dem Tourismus dienten zu einem guten Teil die Bahnen durch das Simmental und ganz besonders die anschliessende Strecke über Saanen nach Montreux. Etwas weniger ausgeprägt galt das auch für die Brünigbahn, die von der Innerschweiz her vorerst nur bis Brienz reichte und erst während des Ersten Weltkrieges dem See entlang bis nach Interlaken verlängert wurde. Man mochte sich fragen, ob alle diese Bahnen auf die Länge bestehen konnten, tauchten doch bereits neue Verkehrsmittel auf, die ihnen bald ihren Rang streitig machen konnten44.

2. DIE EINFÜHRUNG DER MITTELEUROPÄISCHEN ZEIT

Die Eisenbahnen veränderten Alltag und Lebensgefühl des Bürgers. Seine Mobilität stieg und führte ihn aus einer bisher eher statischen Welt in eine Dynamik, die dem beständig-behäbigen Wesen widersprach, das man dem Berner zuschreibt. Schon die Fabriken hatten von Personal und Publikum Disziplin im Gebrauch der Zeit gefordert, und nun erleichterte der moderne Verkehr Kontakte über weite Räume hinweg und deckte damit Unzulänglichkeiten auf, an denen man sich bisher kaum gestossen hatte.

So besass bis zur Mitte des 19.Jahrhunderts jeder Ort seine eigene Lokalzeit, die sich nach Sonnenauf- und Sonnenuntergang richtete. Zwar passten sich umliegende Dörfer oft grösseren Städten an. Dennoch entstanden Schwierigkeiten für die Fahrpläne. Ein erster Schritt zu ihrer Überwindung geschah kurz nach der Gründung des Bundesstaates durch die Vereinheitlichung der Ortszeiten innerhalb der Schweiz, und zwar setzte sich die Berner Ortszeit im übrigen Lande durch. Ausser in Genf gab es nämlich vorerst nur in Bern eine Sternwarte, die präzise Berechnungen erlaubte. Von 1859 an wurde dann allerdings die genaue Zeit nicht mehr hier ermittelt, sondern im neugegründeten Observatorium von Neuenburg, das sie per Telegraf nach Bern weitermeldete. Da aber weiterhin die Berner Zeit Standardzeit blieb, spürte der Berner diese Änderungen nicht.

Bis zur Angleichung der Zeit auch im übrigen Europa und in anderen Erdteilen dauerte es noch fast bis zum Jahrhundertende. Nach internationalen Konferenzen über das System der sogenannten Stundenzonen entschied sich der Bundesrat, in der ganzen Schweiz für alle Verkehrsanstalten die mitteleuropäische Zeit einzuführen, die von der Berner Zeit um ziemlich genau dreissig Minuten abwich. In der Folge erliess der Berner Regierungsrat am 18.Mai 1894 ein Kreisschreiben an die Regierungsstatthalter: Es müsse "zur Vermeidung einer verwirrenden Zweispaltigkeit der Zeitbestimmung [...] diese mitteleuropäische Zeit auch für das bürgerliche und amtliche Leben eingeführt werden", und es sollten "sämtliche öffentlichen Uhren (Kirchenuhren und andere) auf den 1.Juni nächsthin um 30 Minuten vorgerückt werden".

Damit hatte sich Bern der übrigen Eidgenossenschaft und Europa angepasst. Mit leichter Wehmut und einem Seitenblick auf den neuen Spitzhelm des Berner Münsters dichtete Ulrich Dürrenmatt dazu:

Abschied von der Zeit

Der Zeiger rückt auf Mitternacht, Der Wächter macht die Runde: Wisst, dass die neue Zeit erwacht In einer halben Stunde!

Die neue Zeit nach Menschenwitz, Der Geographen Wonne, Befohlen aus dem Bundessitz Zum Trotz der lieben Sonne.

Nicht wann sie auf und unter geht Bestimmt mehr unser Wandern; Dem Einen kommt sie viel zu spät Und viel zu früh dem Andern.

D'rum hüllt sie täglich ihr Gesicht Und will uns nicht mehr segnen; Die Tiefgekränkte kümmert's nicht, Mag's schneien oder regnen.

Ihr folgt ja nimmer ihrer Spur, Nur den Meridianen; Ihr lebt ja nicht nach der Natur, Nur nach den Eisenbahnen.

Dem Berner war die Berner Zeit Zu spät nicht, noch zu frühe, Er molk dabei mit Pünktlichkeit Zur rechten Zeit die Kühe.

Ei, welch' ein Stolz, dass wir nun heut' Den Berner Münster haben, Und dass wir zu der gleichen Zeit Die Berner Zeit begraben!45

3. DER VERKEHR AUF DEN STRASSEN

Der Staat Bern baute um die Jahrhundertwende für den Verkehr nicht nur Eisenbahnen, sondern er knüpfte auch das Strassennetz dichter, namentlich für Gebiete, die keinen Anschluss an die Schienenwege gefunden hatten. Besonders im Oberland belebte er dabei weniger den Verkehr im engeren Sinne als den Tourismus. Es entstand die Grimselstrasse, der eine Fortsetzung nach Italien fehlte. Die Strasse zur Grossen Scheidegg reichte vom Haslital nur bis zur Passhöhe und diente den Hotels auf der Schwarzwaldalp und bei Rosenlaui. Die Zufahrt von Meiringen zum Hasliberg und die neue, sonnseitige Strasse von Frutigen nach Adelboden führten gleichfalls zu Stationen des Fremdenverkehrs. Erst recht Grossartiges versprach sich die Baudirektion von der rechtsufrigen Thunerseestrasse zwischen Merligen und Neuhaus, "hoch über dem See, fast überall auf dem äussersten Rande der jäh abstürzenden Felswände". "Diese wildromantische Strecke [...] wird gleich den kühnsten Alpenstrassen einen ganz bedeutenden Anziehungspunkt für Touristen bilden."

Im Mittelland erleichterte seit 1882 die Schwarzwasserbrücke den Verkehr nach der früheren Herrschaft Grasburg. Eine Strasse von Bern über die Wohleibrücke nach Wohlen und Frieswil sowie seit 1913 die Halenbrücke erschlossen "eine grosse, bei ihrer verhältnismässigen Nähe zur Kantonshauptstadt isoliert gebliebene Gegend" zwischen Aare und Frienisberg. Im Emmental erhielt der Schallenberg eine Fahrstrasse, und auch in den übrigen Landesteilen füllten Ergänzungsbauten Lücken im bisherigen Strassennetz. Das beanspruchte zwar die Staatsfinanzen, bot aber auch Beschäftigung, wie der Baudirektor festhielt: "Niemand wird bestreiten, dass es zweckmässiger und auch humaner ist, einige hunderttausend Franken mehr für Strassenbauten auszugeben, als eine grosse Zahl nothleidender Arbeiterfamilien dem Hunger und Elend preiszugeben, um schliesslich viele davon im Zuchthaus erhalten zu müssen. Je mehr wir für öffentliche Arbeiten ausgeben, desto weniger kosten uns die Strafanstalten und die Armenhäuser"46.

Was Bern an Strassen baute, diente fast ganz dem Verkehr mit Pferdefuhrwerken. Automobile gab es 1904 nach offiziellen Angaben erst 64. Davon zählten zwei Drittel als Sportgeräte und nicht als Verkehrsmittel im engeren Sinne des Wortes. Auf der Strasse boten sie Probleme: mit ihrem Erscheinen erschreckten sie Mensch und Tier, wirbelten auf den noch ungeteerten Strassen gewaltige Staubwolken auf und führten zu Unfällen, die im Sommer 1905 in der Schweiz immerhin zwölf Todesopfer forderten.

Für Vorschriften zum Strassenverkehr musste sich der Kanton Bern immer noch auf das Strassenpolizeigesetz von 1834 und sogar auf die "Verordnung über die Polizei des Fahrens" von 1811 stützen. Darin fand sich natürlich kaum eine rechtliche Grundlage für die "Verordnung über den Verkehr mit Motorwagen (Automobiles)", die der Regierungsrat am 10.Februar 1900 erliess. Ihre Rechtsgültigkeit wurde denn auch von verschiedenen Gerichten, Behörden und Juristen angezweifelt. Deshalb behalf man sich mit dem Beitritt zum Konkordat über den Motorwagen- und Fahrrad-Verkehr in der Schweiz von 1902, dem sich bereits die meisten Kantone angeschlossen hatten. Es schrieb für Automobile eine Fahrbewilligung vor und begrenzte ihre Höchstgeschwindigkeit ausserorts auf 30 Stundenkilometer, innerorts sogar auf 10, "also die Geschwindigkeit eines Pferdes im Trab". Das liess sich schwer kontrollieren, da den Fahrzeugen ein Geschwindigkeitsmesser fehlte, im Gegensatz etwa zu den damaligen Eisenbahnlokomotiven. Eine Haftpflichtversicherung für den Halter des Automobils war nicht vorgeschrieben.

Längerfristig geregelt wurde die Materie im Kanton Bern erst 1906 durch die Revision des Strassenpolizeigesetzes von 1834. Sie nahm den Inhalt des Konkordats indirekt in die Vorlage auf, so dass die deutliche Zustimmung durch Grossen Rat und Volk auch diesen Vorschriften galt. Bei der Diskussion in Legislative und Öffentlichkeit standen sie freilich im Schatten von Baufragen, etwa des Gebäudeabstands vom Strassenrand. Noch galt das Auto vornehmlich als Mittel, mit dem reiche Protzen, namentlich aus dem Ausland, aus dem Gewohnten ausbrechen und Aufsehen erregen wollten. Immerhin diente es auch bereits öffentlichen Zwecken. So verkehrten in der Umgebung von Pruntrut seit 1902 Automobilkurse anstelle der Post47.

Ähnliches galt für das Fahrrad, das schon am Ende des 19.Jahrhunderts Eingang in die Armee gefunden hatte, aber noch viel Ärgernis und nach der Meinung des Regierungsrates "oft ganz bedeutende Belästigung des Publikums" verursachte. Zwar stellten private Velofahrer-Vereine Verhaltensregeln auf, doch blieben sie unverbindlich und wirkten wenig. Am 1.April 1892 erliess dann der Regierungsrat eine "Verordnung über das Fahren mit Velocipedes", die verlangte, dass jedes Velo ausgerüstet sei "mit einer guten Spannvorrichtung und mit einem genügenden Allarmapparat, sowie Nachts mit einer gut leuchtenden Laterne". Anderseits suchte sie den Volkszorn zu zügeln durch das Verbot, "den Velofahrern Hunde anzuhetzen, Gegenstände in die Speichen des Vehikels zu werfen oder andere gefahrdrohende Hindernisse in den Weg zu legen". Darüber hinaus verlangte dann das Konkordat von 1902 noch ein Kontrollschild für das Fahrzeug und einen Ausweis für den Fahrer48.

Mit mehr Gewicht als das Fahrrad kündete das Automobil auf weite Sicht einen Wandel im Verkehr an. In ihm erwuchs der Bahn, die einst selber den Transport von Personen und Waren revolutioniert hatte, ein Konkurrent, dessen Bedeutung und Entwicklungsmöglichkeiten damals noch kaum voll erkannt wurden.

4. DIE FREMDENINDUSTRIE

Der Fremdenverkehr berührte das Bernbiet schon vor dem Aufkommen der Eisenbahnen. Seine grosse Zeit in der Schweiz brach an, als im späten 18.Jahrhundert unter dem Eindruck der Schriften Hallers, Rousseaus und der Romantiker Touristen in die Bergwelt strömten und sich für sie und für ihre Bewohner begeisterten. Das Berner Oberland bot den Besuchern die gewünschte wilde Landschaft mit Gletschern, Felsen, Abgründen, Bergwäldern und Wasserfällen verhältnismässig leicht zugänglich dar, und bald gehörte zu den meisten Schweizer Reisen ein "Oberlandchehr", der gewöhnlich von Thun aus in die Lütschinentäler, das Oberhasli und den Raum von Thuner- und Brienzersee führte, zu einer Zeit, wo weder St.Moritz und Zermatt noch andere Orte in Graubünden und im Wallis schon grosse Fremdenstationen geworden waren. Die Reisenden stammten in der Regel aus einer Schicht von Vermöglichen und Gebildeten und fanden ihrer Zahl nach leicht Unterkunft in Pfarrhäusern, Privatwohnungen und einzelnen älteren Gasthäusern. Neue kleinere Hotels und Pensionen entstanden erst gegen die Mitte des 19.Jahrhunderts, vorwiegend auf dem Bödeli.

Bekannt wurden die Alpen im 19.Jahrhundert zudem durch eine Reihe von Erstbesteigungen. Bereits 1787 hatte der Genfer Horace-Bénédict de Saussure den Gipfel des Montblanc erklommen. Im Berner Oberland folgten dann 1811 die Jungfrau, 1812 das Finsteraarhorn, 1834 das Balmhorn und 1850 die Diablerets. Hinter diesen Unternehmungen standen einzelne Pioniere, welche die Natur erforschen wollten. Diese wenigen beschäftigten immerhin Führer und Träger und zogen ein weiteres Publikum an. Dieses blieb freilich meist in den Tälern oder begnügte sich mit Ausflügen auf die Grosse und die Kleine Scheidegg oder auf das Faulhorn. Hier entstand 1832 das erste Gipfelgasthaus im Oberland.

Von der Jahrhundertmitte an dominierten dann im Alpinismus Engländer, welche das Bergsteigen als Höchstleistungssport betrieben und den spektakulären Erfolg suchten. Im Berner Oberland erreichten sie als erste unter anderem den Mönch (1857), den Eiger (1858), die Blümlisalp (1860) und das Schreckhorn (1861). Auch sie waren nur wenige. Aber als vermögliche Adlige und Grossbürger nahmen sie nun jeden Sommer wochen- oder gar monatelang Standquartier in einer Gegend und verpflichteten Führer für eine ganze Saison. Ihre Taten und ihr gesellschaftlicher Rang zogen Gäste aus gehobenen Kreisen bis hin zu Fürsten und Königen an. Deshalb wuchsen ungefähr seit 1870 auch in den Bergdörfern selber Grosshotels aus dem Boden, die oft schlecht in die Landschaft passten. In dieser Zeit verlor das Berner Oberland seinen Vorrang im internationalen Tourismus. Fortan musste es stärker als bisher seine Kundschaft teilen mit dem Wallis und mit Graubünden, aber auch mit den Alpengebieten Frankreichs und Österreichs.

In Interlaken suchte ein Pionier wie Eduard Ruchti seine Stellung zu behaupten durch Umbauten nach dem Geschmack der Zeit und aufgeschlossen für technische Neuerungen wie die elektrische Beleuchtung. In bescheidenen Verhältnissen 1834 geboren, verwandelte er sein "Victoria" in das erste Grandhotel im Berner Oberland und setzte sich, wie schon sein Gönner und Hotelierkollege Friedrich Seiler, als Grossrat und Nationalrat unermüdlich ein für den Fremdenverkehr in seiner engeren Heimat, wenn auch eher als Hinterbänkler unter den radikalen Parlamentariern.

Auf lange Sicht war wohl eine andere Tat für die touristische Zukunft des Bödelis bedeutsamer: anfangs 1864, als der Begriff Raumplanung noch nicht geläufig war, hatten 46 Anstösser dem Staate Bern die Höhenmatte in Interlaken abgekauft und sich verpflichtet, dieses Grundstück nie zu überbauen. Damit blieb der für die Gäste so eindrückliche Blick auf die Jungfrau frei und dem Ort ein wichtiges Argument touristischer Werbung bis heute erhalten49.

Ungefähr im letzten Drittel des 19.Jahrhunderts erfasste der Fremdenverkehr breitere Kreise als zuvor, und es besuchten nun Massen die Feriengebiete, seit diese mit der Eisenbahn einfacher und bequemer zu erreichen waren als früher. Zudem führten jetzt eigentliche Bergbahnen zu Gipfeln und anderen Aussichtspunkten, in der Schweiz zuerst am Vierwaldstättersee, dann aber gleich auch im Berner Oberland, vor allem am Thuner- und Brienzersee und in den Lütschinentälern. Eine erste Standseilbahn wurde hier 1879 bei den Giessbachfällen eröffnet, und in den nächsten rund dreissig Jahren folgten weitere auf den Beatenberg, nach Mürren, auf den Harder und auf den Niesen. Dampfbahnen erschlossen das Brienzer Rothorn und die Schynige Platte, und von 1890 an drang die elektrische Bahn zuerst nach Grindelwald und Lauterbrunnen vor, dann schrittweise auf die Wengernalp, die Kleine Scheidegg und schliesslich 1912 sogar bis zum Jungfraujoch. Dazu fuhr am Wetterhorn von 1908 bis 1914 die erste Personen-Luftseilbahn der Schweiz.

Etwa zur selben Zeit wurden Standseilbahnen auch im Jura gebaut, von Biel nach Magglingen und nach Leubringen, von St-Imier auf den Mont Soleil und von Ligerz auf den Tessenberg. Sie dienten aber nicht dem Fremdenverkehr internationalen Zuschnitts, sondern lokalem Tourismus, ebenso die Bahnen auf den Gurten und ins Marzili auf dem Gebiet der Stadt Bern.

Der Fremdenverkehr, wie er bisher beschrieben worden ist, spielte sich bis über die Jahrhundertmitte hinaus während einer kurzen Sommersaison von rund drei Monaten ab. Erst später tauchten Wintergäste auf, zuerst im Engadin. Das Berner Oberland musste die Infrastruktur für sie von Grund auf aufbauen, während Orte wie Davos und Arosa, Montana und Leysin auf Einrichtungen greifen konnten, die sie als Höhenkurorte von internationalem Rang zur Heilung der Tuberkulose entwickelt hatten, und die nun nach dem Rückgang dieser Krankheit nicht mehr benötigt wurden. Grindelwald etwa warb für sich mit dem Argument, hier seien die Gesunden unter sich und würden nicht durch das Husten Rekonvaleszenter gestört oder gar gefährdet. Unterhaltung suchten die Wintergäste beim Schlitteln, Eislaufen oder Curling, während Langläufer auf Skis nur vereinzelt auftauchten und das alpine Skifahren sich überhaupt erst im 20.Jahrhundert verbreitete.

Wieviel Bedeutung dem Tourismus zukam, betonte das "Statistische Jahrbuch für den Kanton Bern" bereits 1872: "Schliesslich müssen wir noch den Gasthofbetrieb des Oberlandes, die sog. Fremdenindustrie, erwähnen. Was unter diesem ziemlich unzarten, aber nicht wohl übersetzbaren und die Praxis sehr getreu ausdrückenden Wort verstanden ist, weiss Jeder, der einmal das Oberland bereist hat. Für das bern. Oberland ist diese ‘Industrie' ein Erwerbszweig von erster Wichtigkeit und alle Interessen sind eng mit einer guten ‘Saison' verbunden." Allerdings sammelte weder eine Amtsstelle noch eine Branchenorganisation genau und umfassend Angaben etwa über die Zahl der Logiernächte oder der Beschäftigten. Der Chef des kantonalen statistischen Büros schätzte kurz nach 1900 die Zahl der eigentlichen Fremdenetablissements (ohne blosse Gastwirtschaften) auf etwa 300 mit über 20000 Fremdenbetten und einem Gesamtwert von rund 117 Millionen Franken sowie mit Bruttoeinnahmen von 25 Millionen Franken im Jahr und schätzungsweise 5000 Angestellten.

Der Staat griff in die Belange des Fremdenverkehrs wenig ein, suchte aber immerhin durch Reglemente für die Bergführer Ungeeignete von diesem Beruf fernzuhalten und mit Vorschriften für die Kutscher Gäste vor übersetzten Forderungen zu schützen.

Doch bot der Fremdenverkehr nicht nur wirtschaftliche Probleme. Ihm wurde etwa vorgeworfen, er "übe einen demoralisierenden Einfluss auf die heimische Bevölkerung aus, indem diese ihren ursprünglich einfachen und guten Sitten entfremdet werde und angesichts des von den Fremden entfalteten Luxus und Wohllebens zu eben solchen, wenn nicht noch schlimmeren Gepflogenheiten hinneige". So dachte allerdings eine Minderheit, die sich erst allmählich zu gemeinsamem Widerstand zusammenfand, während viele andere die genannten Nachteile in Kauf nahmen als Begleiterscheinungen, die beim raschen Fortschreiten von Kultur und Zivilisation unvermeidbar seien50.

5. DER KANTON BERN UND DIE ELEKTRIZITÄT

In der Frühzeit ihres Aufschwungs bezog die Industrie die nötige Energie von der Wasserkraft und von der Dampfmaschine. Im späteren 19.Jahrhundert war dann die Elektrizität zwar bekannt, doch diente sie vorerst bloss zum Betrieb von Telegraf und Telefon und zur Beleuchtung. An der Landesausstellung in Zürich 1883 hatten Anlagen bereits Möglichkeiten für Erzeugung, Übertragung und Nutzung der Elektrizität demonstriert, und wenig später entstanden im Jura und im Oberland – ohne Plan oder System in der Landschaft verstreut – kleinere Kraftwerke, die aber nur ihrer nächsten Umgebung dienten.

Grössere Anlagen, die ganze Gegenden mit Energie versorgten, wurden erst gebaut, als der elektrische Strom sich über weite Strecken transportieren liess. Davon zeugte schon in den 1880er Jahren eine Leitung zwischen Bözingen und Biel. Gar über weit mehr als hundert Kilometer führte 1891 eine Ausstellung in Frankfurt am Main die Elektrizität und überzeugte damit ein breites Publikum von neuen Möglichkeiten. Industriewerke konnten nun die Energie von Flüssen auch weit von deren Läufen entfernt nutzen und waren freier als zuvor in der Wahl ihrer Standorte.

Wer ein Gewässer auf einer bestimmten Strecke nutzen wollte, brauchte dafür eine Konzession des Kantons, die anfänglich kaum an einschränkende Bedingungen geknüpft war. So bewarben sich viele um eine derartige Bewilligung, teils Private, teils Finanzgesellschaften oder Gemeinden, oft gar nicht mit der Absicht, selber ein Werk zu bauen, sondern um mit der Konzession Handel zu treiben und Gewinn zu erzielen.

Schon um die Mitte des 19.Jahrhunderts wiesen bei der Juragewässerkorrektion einzelne Planer darauf hin, dass die Ableitung der Aare in den Bielersee gewaltige Möglichkeiten zur Energieerzeugung öffne. Sie dachten dabei an die Nutzung der mechanischen Wasserkraft. Doch beim Abschluss des Kanalbaus versprach die Umwandlung in Elektrizität noch weit mehr Leistung und Ertrag. Eine Reihe seeländischer Gemeinden bewarben sich im Frühjahr 1891 um die Konzession für den Bau eines Kraftwerks bei Hagneck und erhielten sie bald zugesprochen. Doch dann hemmten Schwierigkeiten das Vorhaben. Zwar hatten sich die Kanalufer stabilisiert, was erst die Ausführung erlaubte. Aber nun brachten die beteiligten Gemeinden das nötige Geld nicht auf. So mussten sie als zusätzliche Teilhaber Private und namentlich die Motor A.G. gewinnen, eine Tochtergesellschaft der Firma Brown, Boveri & Cie in Baden. Eine Beteiligung des Staates Bern dagegen lehnte der Regierungsrat ausdrücklich ab, unter Hinweis auf andere Aufgaben und Lasten, vorrangig im Verkehrswesen. Trotzdem gelang es, die "Aktiengesellschaft Elektrizitätswerk Hagneck" im Dezember 1898 zu gründen und das Werk zu bauen, das als reines Laufwerk, also ohne Stausee, den Betrieb im Sommer 1900 aufnahm. Aus der Hagneck-Gesellschaft ging später die "Bernische Kraftwerke A.G." (BKW) hervor, die deshalb 1898 als ihr Gründungsjahr betrachtet.

Treibende Kraft bei dieser Entwicklung war der 1854 in bescheidenen Verhältnissen geborene Seeländer Eduard Will. Er besuchte nur die Primarschule, durchlief dann eine Lehre als Uhrengraveur und eröffnete später ein Geschäft für Eisenwaren in Biel. 1886 wurde er als Freisinniger in den Grossen Rat, 1896 auch in den Nationalrat gewählt. Im Grossen Rat zog er 1899 in die Staatswirtschaftskommission ein, welche die Geschäfte der Legislative vorberiet, und wurde 1902 ihr Präsident. Dazu stieg er in der Armee auf bis zum Rang eines Oberstkorpskommandanten. Das ergab ein Geflecht von Beziehungen und Einflussmöglichkeiten, das Will bei seinen Kraftwerkplänen zugute kam. Auch wenn es ihm nicht immer gelang, Gemeinden und Kantonsbehörden zu überzeugen, verfocht Will doch unentwegt die Auffassung, die Versorgung mit elektrischer Energie sei eine Aufgabe der Öffentlichkeit und nicht von Privaten. In dieser Hinsicht war er dem um gut eine Generation älteren Jakob Stämpfli verwandt, der analoge Anschauungen über Bau und Betrieb der Eisenbahnen vertreten hatte.

Es verstand sich fast von selbst, dass Will den Posten eines Direktors der Hagneck-Gesellschaft mit Sitz in Biel übernahm. Für diese Aufgabe war er nicht durch eine besondere Ausbildung vorbereitet. Dafür brachte er Tatkraft und Beharrlichkeit mit und ein Fachwissen, das er noch in späten Jahren als Autodidakt und Selfmademan erworben hatte51.

Das Verteilnetz des Werkes Hagneck war für damalige Begriffe gross, umfasste aber doch nur das Seeland und benachbarte Gebiete. Deshalb rückten bald mehrere Werke zusammen, und Hagneck vereinigte sich mit dem Kander-Kraftwerk, das die Motor A.G. von 1896 bis 1899 in Spiez gebaut hatte. Es diente namentlich der Versorgung des Oberlands und von Teilen des Emmentals sowie der Stadt Bern, doch verzichtete diese darauf, die Anlage zu erwerben, und errichtete lieber ein eigenes Werk in der Felsenau bei Bern. So entstand 1903 als neue Gesellschaft die "Vereinigten Kander- und Hagneckwerke A.G." (VKHB) mit Sitz in Bern, wiederum mit Eduard Will als Direktor. Die Berner Kantonalbank, in deren Bankrat Will ebenfalls sass, übernahm das Aktienkapital zuerst zu zwei Dritteln und wenig später ganz. Damit schieden die Vertreter der Motor A.G. und ihrer Mutterfirma Brown/Boveri aus dem Verwaltungsrat aus. 1909 benannte sich dann die VKHB um in "Bernische Kraftwerke A.G.". Die Übernahme der Aktien durch die Kantonalbank statt durch den Staat Bern selber erlaubte es, eine Volksabstimmung über das Geschäft zu umgehen, die sonst des obligatorischen Finanzreferendums wegen nötig gewesen wäre.

Damit besass der Staat Bern "indirekt ein Kraftwerk", wie Finanzdirektor Kunz 1905 vor dem Grossen Rat erläuterte. Vollzog der Kanton damit eine Wende gegenüber den Anfängen, in denen er die Beteiligung des Staates an Kosten und Risiken des Baus und Betriebs von Kraftwerken noch abgelehnt hatte? Finanzdirektor Kunz fasste das jetzige Credo des Regierungsrates zusammen: "Wir halten dafür, dass der Staat sich nicht dafür eigne, grosse Industrien selber zu betreiben, sondern dass es besser ist, wenn es der Privatinitiative überlassen wird, derartige Unternehmen zu gründen und zu entwickeln. Dagegen ist die Aufgabe des Staates, da wo sich mit diesen Unternehmungen grosse wirtschaftliche Interessen verknüpfen, dafür zu sorgen, dass er seinen Einfluss in einer Weise geltend machen kann, wie das Wohl der Öffentlichkeit es erfordert." Für die Gründung einer Aktiengesellschaft eigne der Staat sich nicht. Er solle sich aber den Unternehmungen der Wirtschaft auch nicht einfach ausliefern. Das gelinge am besten, wenn man ein Werk nicht eigentlich verstaatliche, es also nicht in die staatliche Verwaltung eingliedere und es nicht direkt den politischen Behörden unterstelle. Vielmehr solle der Kanton seinen Einfluss ausüben, indem er sich die Aktienmehrheit sichere und den Verwaltungsrat entsprechend bestelle.

Solche Aktiengesellschaften mit namhafter, meist mehrheitlicher Staatsbeteiligung bezeichnete man als "gemischtwirtschaftliche Unternehmungen", an denen sich verschiedenartige Rechtssubjekte beteiligen konnten wie der Kanton, Gemeinden – zum Beispiel Städte – und Private. Sie waren nach Meinung der Regierung beweglicher und anpassungsfähiger als reine Staatsbetriebe.

Mit der "Bernischen Kraftwerke A.G." entstand das erste gemischtwirtschaftliche Unternehmen im Kanton und in der ganzen Schweiz. Bern hat, anders als andere Kantone, im Elektrizitätsbereich diese Unternehmungsform immer wieder vorgezogen und sie später auch für die Bern–Lötschberg–Simplon-Bahn gewählt. Damit übertrug der Staat allerdings einen wichtigen Teil seines Einflusses in der Energiepolitik auf Instanzen, die nicht seinem Weisungsrecht unterstanden. Zudem konnte er sich in Interessenkonflikte verstricken, etwa wenn er über Gesuche für Kraftwerkkonzessionen entschied, welche die BKW eingereicht hatten und damit im Grunde er selber.

Dass dem Staat Bern Energiefragen nicht besonders nahelagen, zeigt sich auch darin, dass er sich erst 1907 ein "Gesetz über die Nutzbarmachung der Wasserkräfte" gab. Vorher hatte er abgewartet, ob nicht der Bund für diesen Bereich Vorschriften erlasse. Das Gesetz wurde vor dem Grossen Rat durch den Finanzdirektor vertreten und wies den Entscheid über Konzessionsgesuche dem Regierungsrat zu. Die Abgaben der Kraftwerke flossen in erster Linie dem Kanton zu und nicht den Gemeinden. Die Vorlage fand im Grossen Rat kaum Widerstand und wurde am 26.Mai 1907 auch vom Volk bei einer Beteiligung von bloss 22% mit 21900 Ja gegen 7200 Nein angenommen. Immerhin verwarfen die Bezirke Moutier und Pruntrut sowie das Oberhasli, also Regionen, wo die Wasserkraft bereits öfters genutzt wurde oder wo man ahnte, welchen Reichtum die Natur für die engere Heimat noch barg52.

Weitere Werke erstellten die BKW in Kandersteg/Kandergrund zwischen 1907 und 1910 und in Kallnach im Seeland zwischen 1910 und 1913. Zum Teil geschah das im Hinblick auf den künftigen Strombedarf der entstehenden Lötschbergbahn, zum Teil aber auch, um Konkurrenzunternehmen zuvorzukommen und um das Personal für Projektierung und Bau der Anlagen ohne grössere zeitliche Lücken zu beschäftigen. Vom Absatz her hätte sich ein derart schneller Ausbau nicht aufgedrängt. Der Verbrauch der Elektrizität blieb anfänglich eher bescheiden und schöpfte die Produktion nicht immer aus. Die Wende brachte dann der Erste Weltkrieg mit dem Mangel an Kohle. Für sie blieb man von Einfuhren aus dem Ausland abhängig, während die Wasserkraft in der Schweiz selber genutzt werden konnte.

Zwar waren die BKW die bedeutendsten Stromproduzenten im Kanton, aber der Staat Bern als ihr faktischer Besitzer verfügte nicht etwa über ein Monopol. Denn es existierten auch grössere Werke, die in den Händen Privater oder einer Gruppe von Gemeinden lagen.

Das im ganzen Kanton erste Überlandwerk entstand in La Goule am Doubs auf eine Initiative von Jurassiern hin. Es gab seit 1895 Strom ab, zum guten Teil an das benachbarte Frankreich, und gehörte einer Finanzgesellschaft, an der die Maschinenfabrik Oerlikon beteiligt war.

Werke, die nicht den BKW unterstanden, fanden sich auch im Oberaargau. Für eine Anlage bei Wynau hatte 1891 Jakob Robert Müller-Landsmann<$I>Müller-Landsmann, Jakob Robert: eine Konzession erhalten. Er kaufte und verkaufte solche Bewilligungen, was damals nichts Ungewöhnliches war. Müller-Landsmann war ungefähr gleich alt wie Eduard Will und stammte ebenfalls aus bescheidenen Verhältnissen. Er liess sich am Seminar in Münchenbuchsee zum Lehrer ausbilden, hielt aber nicht lange Schule, sondern betrieb eine kleine Fabrik und Handel mit Textilien und Lebensmitteln. Müller-Landsmann veräusserte seine Konzession an die Berliner Firma Siemens & Halske, die das Werk von 1894 bis 1896 erstellte. Es ging vorerst an eine Gesellschaft mit finanziellem Schwergewicht in Basel und Berlin. 1903 wurde es dann durch 27 Gemeinden des Oberaargaus gemeinsam erworben. Von da an war das Werk Wynau also ebenfalls in öffentlicher Hand, aber unabhängig von den BKW. Der Staat Bern und die Kantonalbank beteiligten sich nicht daran, obwohl Gelegenheit dazu bestanden hätte.

Für ein Kraftwerk in der Gegend von Wangen an der Aare bestanden mehrere Projekte. Die Konzession erhielten nach allerlei Wirren sieben Oberaargauer Gemeinden. Sie gaben die Bewilligung an eine deutsche Gesellschaft weiter, die von 1899 bis 1904 ein Kraftwerk bei Bannwil erstellte. Die verhältnismässig lange Bauzeit zeugt von mancherlei technischen Schwierigkeiten und Zwischenfällen, die auch hohe Baukosten verursachten. Der finanzielle Ertrag war fürs erste eher gering, so dass das Werk schliesslich 1916 von den BKW übernommen wurde und fortan nicht mehr von der Region Oberaargau aus geleitet wurde.

Auch die Stadt Bern führte zwei eigene Werke. Jenes in der Matte nahm den Betrieb just auf die Jubiläumsfeierlichkeiten von 1891 hin auf, jenes in der Felsenau 1910. Beide entstanden an Orten, wo die Aare schon vorher zum Gewinn mechanischer Wasserkraft für Industrieanlagen genutzt worden war.

Wie beim Eisenbahnbau gab es im Kanton Bern auch in der Frühphase der Elektrizitätswirtschaft allerhand Wildwuchs, ungehemmten Konkurrenzkampf und starken Einfluss von ausländischem Kapital, der zu gefährlicher Abhängigkeit führen konnte. Noch war am Vorabend des Ersten Weltkrieges nicht klar, ob der Staat Bern auf dem Weg über die BKW, ob Gemeinden oder Private auf die Länge den Ton angeben würden. Auch die wichtigsten Entwicklungsschritte – etwa bei Mühleberg und im Oberhasli – standen erst noch bevor53.

In den Anfängen des 20.Jahrhunderts wurden in der Schweiz mehr Elektrizitätswerke gebaut, als es dem Bedarf entsprach, und die Ersteller-Gesellschaften kämpften untereinander um den Absatz der Produktion. Die Nachfrage stieg dann aber während des Ersten Weltkrieges, der die Zufuhr anderer Energien behinderte. Deshalb wurden nun bisher zurückgestellte oder erst skizzierte Projekte ernsthafter angepackt. Fast von selber kamen sich dabei verschiedene Vorhaben in die Quere und führten zu Streitigkeiten vor Konzessionsbehörden und Gerichten.

Das galt besonders für die Nutzung des Aarelaufes zwischen der Neubrücke und Mühleberg in der Nähe der Stadt Bern. Diese hatte für einen Teil der Strecke seinerzeit eine Bewilligung erhalten, sie aber nicht ausgenützt und auf ein Verlängerungsgesuch vom Regierungsrat noch keine Antwort erhalten. Gleichzeitig planten jedoch auch die BKW eine Anlage etwas weiter flussabwärts, oberhalb der Saanemündung.

Eine erste Runde im Streit zwischen der Stadt und den BKW wurde – ohne dass das Stichwort "Mühleberg" fiel – vor dem Grossen Rat ausgetragen, wo der Sozialdemokrat Gustav Müller, Gemeinderat der Stadt Bern, 1915 in einer Motion die Verstaatlichung der BKW verlangte, damit aber nicht durchdrang.

Schliesslich erhielten die BKW die umstrittene Konzession mit der Begründung, ihr Projekt sei technisch ausgereifter und verspreche den grösseren Ertrag an Energie. Es sah nicht mehr ein reines Laufwerk vor wie in Hagneck oder Kallnach, sondern ein Wehr bei Mühleberg, das bis zurück zur Neubrücke einen See aufstaute, der Wasserreserven bot und es erlaubte, die Produktion besser auf die Spitzenzeiten des Bedarfs auszurichten. Eigentliche grosse Speicherwerke entstanden allerdings erst später im Oberhasli, doch arbeiteten die BKW bereits damals an frühen Plänen dafür.

In Mühleberg begannen die Arbeiten 1917. Sie bescherten den BKW viel Ungemach. Unstimmigkeiten mit den Gewerkschaften führten zu Streiks, die Teuerung bei Baumaterial und Löhnen hob die Baukosten schliesslich auf mehr als das Doppelte des Vorgesehenen. Bis das Werk 1921 seinen Betrieb voll aufnehmen konnte, war auch die kriegsbedingte Nachfrage nach Strom zurückgegangen, und die Hoffnung auf Lieferungen für Bahnen, welche auf elektrischen Betrieb umgestellt würden, erfüllte sich nicht. So gerieten die Finanzen der BKW in einen Engpass, der sich beheben liess, indem der Staat einen Teil der Aktien übernahm. Das war bei der damaligen Geldknappheit des Kantons nur möglich durch die Aufnahme von Staatsanleihen, die das Volk 1919 und 1921 in Abstimmungen guthiess, das erste Mal mit 53000 gegen 20000, das zweite Mal mit 25000 gegen 16000 Stimmen. Widerstand regte sich 1919 bloss im Nordjura, 1921 in Teilen des Nordjuras und in Randregionen wie den Amtsbezirken Signau, Trachselwald und Thun. An sich betraf die Zustimmung nur die Aufnahme der Anleihen, doch legte der Regierungsrat sie fortan aus als Billigung der Kantonsbeteiligung an den BKW durch die Stimmbürgerschaft.

Volksentscheide waren für die BKW und die Kantonsexekutive, die hinter ihnen stand, kaum mehr zu gewinnen gegen den Widerstand der Stadt Bern und der Sozialdemokraten, besonders seit der Freisinn am Kriegsende seine dominierende Rolle im Kanton an die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei verloren hatte. Sie war Kapital- und Industrieeinflüssen gegenüber kritischer eingestellt als die alte Führungsschicht, zu der auch Eduard Will gehörte, welcher gleichsam als Verkörperung der BKW galt. Diese fanden sich zu Zugeständnissen bereit und gewährten den Sozialdemokraten im Verwaltungsrat vorerst einen einzelnen Sitz und später eine grössere Vertretung, wie es ihrer politischen Stärke im Kanton entsprach. Umgekehrt begnügten sich die Sozialdemokraten vorderhand mit diesem Erfolg, da es aussichtslos schien, die ursprünglich geforderte eigentliche Verstaatlichung durchzusetzen. Robert Grimm, der im Gemeinderat auf den verstorbenen Gustav Müller gefolgt war und dort die Energieversorgung der Stadt Bern lenkte, zog so in den Verwaltungsrat der BKW ein und gewann damit neue Möglichkeiten, um Einfluss auszuüben. Dabei spannten in der Elektrizitätspolitik bürgerliche und sozialdemokratische Berner Gemeinderäte gewöhnlich zusammen, wenn es galt, gemeinsam die Interessen der Stadt Bern gegen jene der BKW zu verteidigen54.

Schon während den Debatten um die Nachfinanzierung von Mühleberg planten die BKW ein weit grösseres Unterfangen, nämlich die Nutzung der Wasserkraft im Quellgebiet der Aare an der Grimsel. Sie besassen hier eine alte Konzession von 1906, aus einer Zeit also, als die Gesellschaft noch "Vereinigte Kander- und Hagneck-Werke" geheissen hatte. Projekte auf dieser Grundlage bedurften mehrfacher Überarbeitung. In ihrer letzten Form gingen die Pläne auf Oberingenieur Arnold Kaech zurück. Ihre Verwirklichung im Alleingang hätte die Kräfte der BKW überstiegen. So kam es zur Gründung einer Tochtergesellschaft, der "Kraftwerke Oberhasli AG" (KWO), von deren Kapital der Kanton Aktien im Nominalwert von 12 Millionen Franken übernahm. Auch diesmal stimmte das Volk den nötigen Staatsanleihen deutlich zu.

Für die KWO suchten die BKW die Beteiligung weiterer Partner und fanden nach längeren Verhandlungen Gehör bei der Stadt Basel und etwas später auch bei der Stadt Bern. So ruhten Last und Risiko der Finanzierung auf einer breiteren Grundlage und war zudem der Absatz des gewonnenen Stroms besser gesichert. Aber die neuen Teilhaber genossen ein Mitspracherecht und schränkten damit die Herrschaft über die bernische Strompolitik ein, welche die BKW bisher fast allein ausgeübt hatten. Erweiterungen der Kontrolle durch staatliche Instanzen wiesen in die gleiche Richtung und betonten etwas stärker als bisher die "gemeinwirtschaftliche" statt die "privatunternehmerische" Seite der BKW. Damit war im Bereich der Energiewirtschaft eine Annäherung von Sozialdemokraten und Bürgerlichen angebahnt, wie sie für andere Belange im Kanton Bern erst während den späteren 1930er Jahren augenfällig wurde.

Es mochte zeichenhaft wirken, dass Eduard Will den Bau der Werke im Oberhasli noch selber an die Hand nahm. Aber seines autoritären und gelegentlich eigensinnigen Wesens wegen rückten auch Kreise von ihm ab, die ihm in Politik und Wirtschaft nahegestanden hatten. So musste er 1926 die Leitung der BKW abgeben, und er starb im Jahr darauf im Alter von 73 Jahren bei einer Baustellenbegehung.

Als erstes wurde 1925 bis 1932 das Kraftwerk Handeck I gebaut, welches mit einer Produktion von über 300 Millionen Kilowattstunden im Jahr und Baukosten von rund 80 Millionen Franken die bisherigen Anlagen der BKW in den Schatten stellte und von den neuen Dimensionen zeugte, in denen namentlich während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg weitere Werke entstanden, die das Bild der Hasli-Landschaft und die Stromversorgung des Kantons Bern prägten55.

II. KAPITEL: BERN UND DIE AUSLÄNDER

1. STUDENTINNEN UND AUSLÄNDER AN DER UNIVERSITÄT

Zum "internationalen Bern", wie es bereits beschrieben worden ist, gehörten in der zweiten Jahrhunderthälfte auch Teile der Studentenschaft der Universität. Zwar stellten die Ausländer nach der Hochschulgründung von 1834 bloss 2–3 Prozent der 150 bis 250 Studierenden, und speziell aus Deutschland blieb der Zustrom geringer als erwartet und geringer als an anderen schweizerischen Hochschulen. Dafür kamen nun etwa von 1865 an vor allem aus Russland viele Studierende, denen ihre Regierung eine akademische Ausbildung fast ganz versagte, besonders wenn sie weiblichen Geschlechtes oder jüdischer Herkunft waren. Sie wandten sich den schweizerischen Universitäten zu, weil diese ihre Tore grosszügiger öffneten als etwa die deutschen, und sie wählten vor allem die medizinische Fakultät, da sie hofften, so später am besten für ihr Volk wirken zu können.

Kurz nach 1900 machten die gut 800 Ausländer einige Jahre lang mehr als die Hälfte der Studentenschaft aus, obwohl diese jetzt auch mehr Schweizer umfasste als früher. Die Russinnen blieben bei ihrer grossen Zahl meist unter sich und fielen wenig auf. Gewöhnlich lebten sie eher ärmlich und studierten mit unheimlichem Fleiss und Wissensdurst. Die Einheimischen brachten ihnen im allgemeinen wenig Sympathie entgegen, wobei Abneigung gegen die Slawen mit antisemitischen und antifeministischen Strömungen zusammenfloss. Männliche Studenten sahen in den Russinnen zudem Konkurrentinnen, die ihnen Plätze in Laboratorien und Kliniken wegnähmen. Daran änderte sich auch nach dem 50-Jahr-Jubiläum der Hochschule wenig, für das der Staatsverwaltungsbericht von 1884 meldete: "Die in Bern studierenden russischen Damen überreichten ein Ehrengeschenk von 500 Franken als Beitrag zur Gründung einer Universitätsbibliothek." Allen Anfeindungen zum Trotz hielt aber der freisinnige Unterrichtsdirektor Regierungsrat Albert Gobat seine schützende Hand über die Russinnen. Er sah in den wachsenden Studentenzahlen ein Zeugnis für die Qualität der Hochschule und für ihr Ansehen im Ausland. Zudem entsprach es seiner politischen Überzeugung, dass die Russinnen später im despotisch gelenkten Zarenreich freiheitliche und demokratische Ideen des Westens verbreiten würden56.

Seit der Hochschulgründung von 1834 hatten stets einzelne Frauen Vorlesungen besucht, doch taten sie das als blosse Hörerinnen, die keinen akademischen Abschluss erstrebten, so dass sich die Frage ihrer Immatrikulation nicht stellte. Die einzigen Frauen, die länger an der Universität weilten, waren deshalb Frau Löhrer, die von 1858 bis 1869 die Stelle des Abwarts zur allgemeinen Zufriedenheit versah, und Frau Lips, die ihr bis 1895 nachfolgte.

Eigentliche Studentinnen tauchten in Bern kurz nach 1870 auf, also später als in Frankreich (1863) oder in Zürich (1867), ungefähr gleichzeitig wie in Genf (1872), aber früher als an den übrigen Universitäten der Schweiz und an denen Deutschlands. Die vor allem betroffenen Fakultäten erhoben keinen Einspruch, und das Reglement über die Zulassung von Studierenden stellte im wesentlichen für Frauen keine anderen Bedingungen als für Männer. Schon 1873 widmete der Rektor der Universität, der deutsche Ökonom und Kathedersozialist Hans von Scheel, seine Rede am Dies academicus dem Thema "Frauenfrage und Frauenstudium". Er begrüsste die Neuerung und stellte für die fernere Zukunft eine weitere Konsequenz in Aussicht: "die Ertheilung des politischen Stimmrechts und des activen wie passiven Wahlrechts, nicht nur der studierten Frauen, sondern Aller, welche eine gleiche geistige Bildung und einen gleichen Arbeitskreis mit den Männern haben".

Um 1875 waren an der Universität Bern 30 Frauen – lauter Ausländerinnen – eingeschrieben, was nicht ganz 10 Prozent der Gesamtstudentenschaft entsprach. Die ersten Schweizerinnen stiessen 1877 hinzu. Ihre Zahl blieb meist unter zehn, und sie wählten vor allem die damals noch ungeteilte philosophische Fakultät, namentlich deren sprachlich-historische Abteilung.

1903 machten die beinahe 500 Frauen mehr als einen Drittel der Gesamtstudentenschaft aus, doch sank ihr Anteil, wie auch die Zahl der Studierenden überhaupt, deutlich, als Albert Gobat 1905 die Unterrichtsdirektion vorübergehend abtreten musste und die Zulassungsbedingungen verschärft wurden. Erst recht zogen sich mit dem Ausbruch des Weltkrieges von 1914 Ausländerinnen und Ausländer von der Berner Universität zurück, und auch bei den weiblichen Studierenden überwogen fortan der Zahl nach die Schweizerinnen. Sie hatten sich im Schatten der Russinnen allmählich ihren Platz an der Hochschule gesichert57.

2. BERN UND DIE DEUTSCHEN

Ausländerprobleme waren keine bernische Besonderheit. Um 1910 lebten im Kanton gut 35000 Fremde, also 5,4% der Einwohnerschaft. In der gesamten Schweiz machten sie 14,7% aus, und nur in Appenzell Innerrhoden, Obwalden und Freiburg lag ihr Anteil tiefer als im Kanton Bern, denn die Ausländer liessen sich eher in Städten und in grenznahen Räumen nieder als in agrarisch geprägten Regionen, zu denen auch Bern zum guten Teil noch gehörte. Zudem blieben ihnen ja viele Staatsstellen verschlossen, was sich in einem Verwaltungszentrum wie Bern auswirkte.

Den weitaus grössten Teil der Ausländer stellten die Deutschen. Im Kanton Bern waren 1910 ihrer rund 12000, namentlich solche aus dem Süden des Reiches, im Kanton Zürich fast 62000. Deutsche hatte es in der Schweiz während des ganzen 19.Jahrhunderts gegeben, anfangs vor allem Handwerksgesellen und politische Flüchtlinge. Besonders seit dem Aufkommen der Eisenbahn nahm die Zahl der Einwanderer stark zu, und sie verteilten sich nun auf die verschiedensten Berufe. In der Stadt Bern gehörten sie eher zu den vermöglicheren Schichten. An der Universität und an manchen Mittelschulen gaben sie als Dozenten den Ton an, aber auch im Zeitungswesen, im künstlerischen Bereich und in der Wirtschaft zählten sie oft zu den besonders initiativen und erfolgreichen Persönlichkeiten, etwa die Rheinhessen Georg und Karl Albert Wander (Vater und Sohn), die als Hersteller von Malzextrakt und "Ovomaltine" ihrer Firma Weltruhm verschafften.

Manche dieser Deutschen waren bereits in der Schweiz aufgewachsen, und auch von den übrigen assimilierten sich viele bald. Trotzdem begegneten ihnen die Einheimischen teilweise mit Misstrauen und Abneigung. Solche Gefühle steigerten sich noch, als mit dem Königreich Italien und dem Deutschen Reich Nationalstaaten und Grossmächte entstanden, welche der Schweiz nun auch von Norden und Süden her zeigten, um wieviel kleiner sie war als ihre Nachbarn. Im Hochgefühl des politischen und wirtschaftlichen Aufstiegs ihrer Heimat trugen Deutsche zuweilen ein Selbstbewusstsein und ein Imponiergehaben zur Schau, das Schweizer abstiess – oder aber zur Nachahmung verleitete.

Dabei fühlten sich die Deutschschweizer zwar als Bürger eines eigenen, unabhängigen Staates, doch gleichzeitig auch als Glieder der grossen deutschen Sprach- und Kulturgemeinschaft. Zu diesen zwei Seelen in ihrer Brust bekannten sich selbst Schriftkundige gelegentlich in Formulierungen, die Missverständnisse hervorriefen und in der Öffentlichkeit Aufsehen und Ärgernis auslösten.

Das erfuhr der Schaffhauser Ferdinand Vetter, der als Professor für ältere deutsche Literatur an der Berner Hochschule lehrte. Er sprach im Juni 1902 als Vertreter des Berner Historischen Museums und der Berner Universität am Jubiläum zum fünfzigjährigen Bestehen des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg und betonte dabei mit festfrohem Überschwang: "Eine deutsche Provinz in geistiger Beziehung also wollen wir in der deutschen Schweiz sein und bleiben, aber allerdings mit sehr bestimmten Reservatrechten! [...] Wir freuen uns unter Deutschen am Feste dieser deutschen Anstalt, dass wir als deutsche Schweizer zugleich dem Geiste nach Deutsche sind und es zu bleiben hoffen!" Die Presse berichtete über die Rede zum Teil in einer verkürzten Fassung, die noch taktloser klang und namentlich die Romands brüskierte. Aber auch der Senat der Universität rückte von Vetter ab, und Studenten brachten ihm sogar eine Katzenmusik vor seiner Wohnung dar. Dabei griff die städtische Polizei brutal ein und misshandelte bei dieser "Schlacht am Aargauerstalden", wie sie bald hiess, auch Unbeteiligte, darunter Korrespondenten westschweizerischer Zeitungen, was erst recht Öl ins Feuer goss.

An sich war der Vorfall nicht bedeutend, und Nachspiele mit je einer ausgesprochenen und wieder zurückgenommenen Demission Vetters und des Feuilleton-Redaktors am "Bund", Josef Viktor Widmanns, zeigten, dass auch menschliche Schwächen und Eitelkeiten mitspielten.

Vetter stand gerne im Mittelpunkt öffentlichen Aufsehens, doch wandte sich dieses bald stärker der Polizei und ihren Missgriffen zu. Ein Pangermanist war er nicht, hatte er doch schon 1891 versucht, eine dreisprachige Zeitschrift "Schweizerische Rundschau" herauszugeben. Sie ging aber bald ein, weil ihr gerade in der welschen Schweiz die Abonnenten fehlten. Auch hatte er als einer der ersten die Einführung eines schweizerischen Nationalfeiertages angeregt.

Zudem stand er mit seinen Anschauungen nicht allein. Dreissig Jahre zuvor hatte Gottfried Keller bei einem Bankett ähnliche Worte gesprochen wie Vetter, doch blieb damals die Erregung geringer. Seither waren die Sprachgruppen im In- und Ausland empfindlicher und kampffreudiger zugleich geworden. Deutlicher als 1872 stellte sich zudem für die Schweiz jetzt die Frage, ob sie eine eigene Nationalkultur besitze oder geistig zu Deutschland, Frankreich und Italien gehöre. Darob brach ja dann 1914 in der Schweiz der "Graben" zwischen Deutsch- und Welschschweizern auf. Aufmerksame Beobachter sahen Vorzeichen bereits vor dem Ersten Weltkrieg. So zeigten Vetters Rede und die Reaktion der Berner, dass diese sich zwar zur deutschen Sprachgruppe zählten, aber dennoch an betontem Deutschtum wenig Geschmack fanden58.

Seit dem Anfang des 20.Jahrhunderts war aus Kreisen des Berliner Hofes mehrmals bei der Schweiz angeregt worden, sie möge Kaiser Wilhelm II. zu einem offiziellen Besuch der Eidgenossenschaft einladen, für deren Armee er sich besonders interessierte. Der Anlass kam schliesslich im Herbst 1912 zustande und konnte als eine Art von Ausgleich für die Visite des französischen Staatspräsidenten de Fallière 1910 gelten. Zur Enttäuschung mancher Berner verbrachte der Monarch aber von den fünf Tagen seines Aufenthaltes in der Schweiz nur einen halben in der Bundesstadt und übernachtete auch nie hier, sondern stets in Zürich.

Ursprünglich hatte man die Akzente etwas anders gesetzt. Wilhelm II. befürchtete zuerst, er könnte in Zürich durch die über 40000 Deutschen in dieser Stadt allzusehr mit Beschlag belegt werden, und er wünschte auch einen "Ausflug ins Gebirge". So sollte die eben erst fertiggestellte Bahn ihn aufs Jungfraujoch führen und Interlaken ihn für zwei Nächte beherbergen. Wegen einer Erkältung des Kaisers legten aber seine Ärzte im letzten Augenblick gegen diesen Teil des Programms ihr Veto ein, so dass neben dem Besuch der Stadt Zürich und der militärischen Manöver in der Ostschweiz für die Bundesstadt am 6.September 1912 nur eine Begrüssung des Kaisers durch die eidgenössischen Behörden, eine Fahrt durch die geschmückten Strassen, ein Empfang in der deutschen Gesandtschaft am Bierhübeli – in erster Linie für die Vereine der Deutschen in Bern – und ein Diner übrigblieben, bevor der deutsche Kaiser noch am gleichen Abend über Schaffhausen nach Konstanz in seine Heimat zurückfuhr.

Wie es sich gehörte, hielten die Berner zwar trotz dem unfreundlichen Wetter beim Beifall für den Gast und beim Aufwand für Dekorationen Schritt mit den Zürchern. Aber es waren eher die hier niedergelassenen Deutschen, die sich in den Vordergrund drängten, als die angestammten Einwohner "der ehrwürdigen Stadt Bern, die im Angesicht der Bergriesen Jungfrau, Mönch und Eiger ihr stolzes Haupt erhebt", wie sich der Kaiser ausdrückte. Daneben sprach er Gedanken aus, die an jene Ferdinand Vetters von 1902 gemahnen konnten, doch waren sie weit vorsichtiger formuliert, so dass sie kaum Befremden erregten59.

Die Deutschen in der Schweiz suchten in einer Vielzahl von Vereinen den Zusammenhang untereinander und gegenseitige Anregung. Dabei entstanden Gemeinschaftswerke, deren eines im Kanton Bern lag. In Pieterlen, am Jurafuss, hatte der Bieler Patrizier Sigmund Heinrich Wildermett, ehemaliger Rittmeister der preussischen Kavallerie, im 19.Jahrhundert seinen Landsitz zu einem Schlösschen mit mittelalterlichem Aussehen umgebaut. Nun sammelten von 1906 an Deutsche in der Schweiz von Bern aus Geld, um das Gebäude für ein "Deutsches Altersheim in der Schweiz" zu erwerben. 1912 konnte das Initiativkomitee den Kauf vollziehen, und am 8.Juni 1913 versammelte sich fast die ganze Prominenz der Auslanddeutschen in der Schweiz zur Einweihung, pflanzte zur Ehre des Kaisers eine Eiche und hisste auf der Turmzinne eine deutsche Fahne. Allerdings wurde Pieterlen für die Deutschen eher ein Prestigeobjekt als ein Werk, das echte soziale Hilfe bot. Neben einem Hausvater beherbergte es anfänglich bloss sieben Insassen, und nach dem Ersten Weltkrieg verlor es ohnehin seine Bedeutung60.

3. DIE FURCHT VOR EINER GERMANISIERUNG IM JURA

Während der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts nahm in ganz Europa der Nationalismus stark zu, ebenso die Empfindlichkeit, aber auch das Sendungsbewusstsein von Sprachgruppen und Kulturgemeinschaften. In der Schweiz und besonders in zweisprachigen Kantonen wie Bern musste das zu Spannungen führen, um so mehr als die Eisenbahn Aus- und Einwanderung auch im Binnenbereich erleichterte und mehrte und damit die Furcht vor einer Überfremdung steigerte. Zum Beispiel trug Bern – ohne Absicht – mit der Erstellung der Lötschbergbahn zur Rettung des Deutschen im Oberwallis bei, das sich vorher stetig zurückziehen musste. Mit dem Bau der Wildstrubel-Variante hätte es sich vielleicht sogar im Mittelwallis halten können. Zudem belegten seit 1860 die eidgenössischen Volkszählungen Zuwachs und Verlust bei der Stärke der Sprachgruppen und lieferten damit Munition für publizistische Fehden zwischen ihnen.

Im Bernbiet blieb die Sprachgrenze im allgemeinen stabil. Die Bieler allerdings hatten ursprünglich weit überwiegend deutsch gesprochen. Ungefähr seit der Jahrhundertmitte strömten dann Uhrenarbeiter, namentlich aus dem Neuenburger und aus dem Berner Jura, herbei, so dass bis 1910 die Einwohnerzahl auf rund 24000 und der Anteil der Welschen auf fast 35% anwuchs und die Stadt in Schule, Verwaltung, Gottesdienst und für das öffentliche Leben überhaupt zweisprachig wurde. Ähnlich verlief die Entwicklung in Biels Nachbargemeinde Madretsch.

Im Berner Jura, welcher ohnehin noch nicht voll mit dem alten Kantonsteil zusammengewachsen war, zeigten sich die Furcht vor einer Germanisierung und der Widerstand dagegen im Süden eher stärker als im Norden, der dafür in Konfessionsfragen empfindlicher war. Die Fronten liefen nicht den Grenzen der politischen Parteien entlang, und oft kämpften freisinnige Jurassier besonders eifrig gegen die Sprach- und Schulpolitik der in ihrer Mehrheit ebenfalls freisinnigen bernischen Kantonsregierung.

Eine gewisse Gewähr bot dem Jura Albert Gobat, der 30 Jahre lang im Regierungsrat sass und meist die Unterrichtsdirektion führte. Dort konnte er sich für die französische Kultur einsetzen, doch tat er es nicht in jedem Fall. Im Grossen Rat sprach er deutsch, damit er besser verstanden werde, und eine Schule französischer Sprache in der Stadt Bern lehnte er ab, obwohl seit 1848 immer mehr Bundesbeamte aus der Westschweiz hier Wohnsitz nahmen.

Im Norden des Berner Juras hatten sich um 1900 da und dort noch Reste des alten Patois erhalten, im Süden war es verschwunden. Die Deutschsprachigen, die im 19.Jahrhundert in den Jura strömten – meist Altberner –, liessen sich vor allem in den industrialisierten Amtsbezirken Courtelary, Moutier und Delsberg nieder. Ihre Zahl genügte, um regelmässige Gottesdienste in deutscher Sprache in Neuenstadt, St-Imier, Corgémont, Moutier, Delsberg und Pruntrut durchzuführen, und in Delsberg erschien von 1901 an halbwöchentlich die Zeitung "Berner Jura" in deutscher Sprache. Aber nicht alle Deutschsprachigen zogen sich in den Kreis der Ihren zurück; unten in den Tälern assimilierten sie sich oft rasch, fanden guten Kontakt mit den Einheimischen und machten häufig Karriere in Wirtschaft und Politik der neuen Umgebung61.

Wenn nun in der Öffentlichkeit mehr als zuvor über die Sprachenfrage diskutiert und gestritten wurde, hing das auch damit zusammen, dass im Ausland wie in der Eidgenossenschaft Vereinigungen entstanden, die den Kampf für die eigene Sprache und Kultur auf ihre Fahne schrieben. So gründeten zwölf Männer 1904 in Burgdorf den "Deutschschweizerischen Sprachverein". Seine treibende Kraft wurde bald Pfarrer Eduard Blocher, der Grossvater des heutigen Nationalrates. Er besass zwar das Bürgerrecht von Schattenhalb bei Meiringen, wirkte aber vor allem in Zürich. Als prominente Berner gehörten dem Verein neben anderen Otto von Greyerz und Ferdinand Vetter an, und im Gegensatz zur gesamtschweizerischen Gesellschaft förderte die Berner Sektion auch die heimische Mundart.

Der Sprachverein ebenso wie entsprechende Gesellschaften in der Romandie wachten zum Beispiel gestreng darüber, wie Post, Eisenbahngesellschaften und Behörden etwa in Fahrplänen oder auf Anschriften und Stempeln Ortschaften bezeichneten, insbesondere solche nahe der Sprachgrenze oder mit sprachlich gemischter Einwohnerschaft. So stach der Berner Regierungsrat in ein Wespennest, als er 1913 beschloss, die fast rein deutschsprachigen, aber im französischsprachigen Amtsbezirk Moutier gelegenen Gemeinden La Scheulte und Elay auf den topografischen Karten in Schelten und Seehof umbenennen zu lassen. Er suchte dann einen Kompromiss, indem er schliesslich "Schelten (La Scheulte)" und "Seehof (Elay)" zur offiziellen Schreibweise erklärte.

Die höchsten Wellen warfen um die Jahrhundertwende im Jura Schulprobleme, die oft mit der Sprachenfrage und mit der Furcht vor Überfremdung und Gemanisierung zusammenhingen. Seit Jahrhunderten hatten sich im Jura Täufer niedergelassen, die in ihrer alten Heimat ihres Bekenntnisses wegen verfolgt worden waren. Sie suchten die unwirtlichen Höhen auf, und ihre Nachkommen wollten hier in der Abgeschiedenheit ihren Glauben, ihre angestammte bäuerliche Lebensweise, aber auch ihre Sprache und Mundart bewahren. So gründeten sie eine Reihe eigener, privater Schulen, die deutsch geführt wurden. Diese gerieten nun in den Strudel publizistischer Gefechte um Sprach- und Kulturfragen, und im Sommer 1906 fasste die "Société pédagogique jurassienne" an ihrer Generalversammlung in St-Imier eine Resolution, die im provokativen Satz gipfelte: "Dans le Jura bernois romand, les écoles allemandes n'ont pas leur raison d'être." Der Konservative Fritz Burren, Chefredaktor des "Berner Tagblatts", wehrte sich 1906 im Grossen Rat bei der Behandlung des Staatsverwaltungsberichtes für die Täuferschulen, deren Unterdrückung "im alten Kanton nicht gutes Blut machen" würde, doch gelang es Regierungsrat Gobat, die Bedenken zu zerstreuen. Er sah hinter den Sprachkämpfen im Jura pangermanistische Drahtzieher, die ausserhalb des Kantons Bern wohnten.

Solche waren tatsächlich für den nächsten Schulstreit im Jura verantwortlich. Emil Garraux stammte zwar aus einer Familie mit französischem Namen und mit Bürgerrecht im jurassischen Malleray, aber er fühlte sich ganz als Verfechter des Deutschen und liess von seinem Wohnort Basel aus deutschsprachigen Schulen im Jura Gelder zugehen, die zum kleineren Teil von Glaubensgenossen der Täufer, nämlich von Mennonitengemeinden in Deutschland, stammten, zur Hauptsache aber vom "Verein für das Deutschtum im Ausland" im Deutschen Reich. Erst allmählich traten Ablauf und Hintergründe der Aktion zutage, die im Jura Empörung und den Verdacht auslöste, die Behörden des Kantons hätten die Zahlungen bewusst oder mindestens fahrlässig geduldet. Eine Motion von Eduard Choulat zu dieser Angelegenheit wurde von drei Vierteln der jurassischen Deputation im Grossen Rat mit unterzeichnet. In ihrer Antwort gestanden Regierungspräsident Karl Scheurer und Erziehungsdirektor Emil Lohner am 17.März 1914 begangene Fehler ein. Sie wie die Jurassier suchten Verständigung, so dass eine gemeinsame Erklärung fürs erste den Frieden zu retten vermochte: "Le Grand Conseil, prenant acte des déclarations du gouvernement desquelles il ressort que l'autorité exécutive fera ses efforts pour empêcher tous conflits de langues et de races dans le Jura et s'opposera à tous actes des autorités et des fonctionnaires qui porteraient atteinte à la garantie constitutionelle de la langue française, comptant sur le gouvernement pour prendre s'il y a lieu les mesures nécessaires, passe à l'ordre du jour sur la motion Choulat et consorts."

Als wenig später der Erste Weltkrieg ausbrach, traten zwar solche Einzelereignisse etwas in den Hintergrund. Im ganzen wuchs aber die Spannung zwischen den Sprachgruppen auch im Jura eher, als der "Graben" zwischen Deutsch- und Welschschweiz aufklaffte. Jedenfalls unterblieben 1915 die ursprünglich geplanten Hundertjahrfeiern für die Zugehörigkeit des Juras zum Kanton Bern62.

III. KAPITEL: DER APPELL AN HEIMISCHE WERTE

1. HEIMATSCHUTZ

Industrie und Fremdenverkehr veränderten im späteren 19.Jahrhundert das Bild der Landschaft und das Denken und Fühlen der Bevölkerung in der Schweiz. Wer dabei materiell profitierte, lobte das als Fortschritt. Aber es sammelten sich Gegenkräfte, für welche sich die Bezeichnung "Heimatschutz" eingebürgert hat. Bei den einzelnen Gruppen und Individuen stand jeweilen die Gefährdung und Zerstörung der Natur, der Tier- und Pflanzenwelt, der überlieferten Bauweise, der dörflichen Lebensart, des einheimischen Brauch- und Schrifttums im Vordergrund. Ähnliche Strömungen zeigten sich auch in anderen Teilen Europas, dort oft verbunden mit einem Hang zur Dämonisierung der Grossstadt, die es im internationalen Sinne des Wortes in der Schweiz gar nicht gab. Traditionelle Werte hatten an Überzeugungskraft verloren, und im Gefühl des Umbruchs und der Unsicherheit suchte man nach neuem Halt bei Bewährtem, aber dennoch Entwicklungsfähigem. Den Vorstreit führten Künstler, Architekten, Lehrer aller Stufen, Journalisten und Juristen, und Auftrieb gaben ihnen Ereignisse wie die Zerstörung von Teilen der alten Stadtmauern in Solothurn oder Pläne für den Bau einer Bahn auf das Matterhorn, während rund siebzig Jahre zuvor der Schleifung der Schanzen Berns kaum Widerstand erwachsen war. Jetzt aber erregten der Abbruch des alten Torturms in Büren an der Aare, Projekte für eine Ableitung des Fallbachs bei Blumenstein oder für eine Rosenlaui-Bahn von Meiringen auf die Grosse Scheidegg die Gemüter.

Erste Vorstösse für einen Zusammenschluss kamen aus der Westschweiz, doch dann war es die Berner Gesellschaft der Maler und Bildhauer, die Vorbesprechungen einleitete, so dass am 1.Juli 1905 in der Aula der Berner Universität die schweizerische Vereinigung für Heimatschutz gegründet werden konnte. Ungefähr zur selben Zeit bildete sich eine Berner Sektion, die Ende 1906 fast 600 und ein Jahr später beinahe 900 Mitglieder zählte.

Im Vordergrund stand für den schweizerischen Heimatschutz die Bewahrung von Landschaft, Natur und erhaltenswerten Bauten, wie es die französischen und italienischen Bezeichnungen zeigen: "Ligue pour la beauté", "Ligue pour la conservation de la suisse pittoresque" und "Associazione ticinese per la conservazione delle bellezze naturali ed artistiche". Bei den Bernern gewann früh der Bereich der Trachten, des Volksliedes und namentlich der Sprachpflege und der Mundartdichtung besondere Bedeutung. Persönlichkeiten wie Otto von Greyerz, Simon Gfeller, Carl Albert Loosli und Rudolf von Tavel spielten bei ihnen eine wichtige Rolle, und die Berner setzten zum Beispiel durch, dass dem Schweizer Heimatschutz nicht ein Präsident vorstand, sondern ein Obmann, und sie hielten nicht eine Jahresversammlung ab, sondern ein Jahresbott.

Der bernische Heimatschutz war in der Politik gut verankert und zählte zu seinen Mitgliedern Prominente der verschiedensten Couleur: Freisinnige, wie die Nationalräte Fritz Bühlmann, Grosshöchstetten, Johann Jakob Schär, Langnau, und Johann Hirter, Bern, sowie Bundesrat Ludwig Forrer, ferner Regierungsrat Friedrich Burren von der Volkspartei, den konservativen Nationalrat Ernst Wyss und den sozialdemokratischen alt Nationalrat Brüstlein, aber auch Koryphäen des Geisteslebens wie Ferdinand Hodler oder den Nobelpreisträger Theodor Kocher. Waren rund vierzig Jahre früher die Kämpfer für die Erhaltung des Christoffelturms von den damals dominierenden Radikalen noch als verzopfte, ewiggestrige Konservative verspottet worden, so fand nun das Alte Verteidiger in allen Kreisen der Gesellschaft.

Einzelne Erfolge stellten sich schon früh ein. So erhielt der Kanton Bern bereits 1902 ein "Gesetz über die Erhaltung der Kunstaltertümer und Urkunden", das freilich im Einzelfall oft noch wenig bewirkte, und 1907 wurde in das kantonale Wasserrechtsgesetz die Bestimmung aufgenommen: "Bei der Konzessionserteilung ist dafür Sorge zu tragen, dass bei Ausführung der projektierten Anlagen Naturschönheiten tunlichst geschont und gewahrt werden." Dem Grossrat, der diese Ergänzung verlangt hatte, ging es dabei allerdings weniger um die Natur als um den Schutz der Sehenswürdigkeiten für den Fremdenverkehr. Das Einführungsgesetz des Kantons Bern zum schweizerischen Zivilgesetzbuch legte zudem 1911 in seinem Artikel 83 fest: "Der Regierungsrat ist berechtigt, auf dem Verordnungswege zum Schutz und zur Erhaltung von Altertümern, Naturdenkmälern, Alpenpflanzen und anderen seltenen Pflanzen, zur Sicherung der Landschaften, Ortschaftsbilder und Aussichtspunkte vor Verunstaltung und zum Schutze von Heilquellen die nötigen Verfügungen zu treffen." Geistiger Vater dieser Verfügung wie des ganzen Einführungsgesetzes war Nationalrat Fritz Bühlmann, der mit seiner Familie als einer der ersten auf den Hügeln des Emmentals Ski fuhr und auf eidgenössischer Ebene Entscheidendes beitrug zur Schaffung des Nationalparks im Unterengadin.

Zwar gab es auch Abweisende, nach denen "Heimatschützler, Abstinenzler und Stündeler alle zur nämlichen Sorte von Leuten" gehörten. Ihnen gegenüber betonte der Heimatschutz, "dass wir den gewaltigen Errungenschaften der neuzeitlichen Technik und den modernen Verkehrsverhältnissen nicht gleichgültig oder gar feindlich gegenüberstehen, sondern sie als Ausdruck eines stolzen Kraftbewusstseins willkommen heissen, sofern sie nur, neben den materiellen, auch die ideellen Werte unserer Kultur hochachten und berücksichtigen" Bei geplanten Kraftwerken im Oberhasli müssten allerdings einzelne Seelein und Wasserfälle geopfert werden. Dafür entstünden vielleicht neue Schönheiten. Der Heimatschutz, "der ja durchaus modern sein will", könne "bei solchen grossen, neuzeitlichen Aufgaben [...] durch freudiges Mitarbeiten zeigen, dass wir mit unserer Zeit zu marschieren verstehen und dadurch manches Vorurteil gegen uns zerstreuen". Der Berner Heimatschutz lehnte es auch "grundsätzlich ab, gegen Bergbahnprojekte einzuschreiten, die von einer vernünftigen Verkehrspolitik gefordert werden und der Würde und Schönheit des Berner Landes keinen Eintrag tun. Eine mit Rücksicht auf das Landschaftsbild angelegte Bahnlinie kann dessen Reiz geradezu erhöhen, wie die Albulabahn zeigt. Und eine praktische Aussichtsgipfelbahn, wie die glücklich geführte Niesenbahn, welche undankbare lange Wegstrecken erspart und demokratische Preise hat, dürfen wir guten Gewissens willkommen heissen. Unser Kampf gilt nur der rücksichtslosen Privatspekulation auf diesem Gebiet, die künstliche Bedürfnisse schafft, bloss dem Luxus dienen will und – neben ökonomischer Schädigung der bereits vorhandenen, auf lange Zeit ausreichenden Aussichtsbahnen – eine Reihe von andern unwürdigen Nebenerscheinungen zeitigt, wie den Bodenschacher, den Brotneid der Talschaften, den Massenbetrieb und die Störung ruhiger edler Landschaften durch oberflächliches Reisevolk. In jedem Einzelfall muss eben genau geprüft werden, bevor wir mit unpraktischen Wortprotesten eingreifen; der gesunde Idealismus kommt sicher nicht zu kurz, wenn er in reifer Weise mit der Wirklichkeit rechnet." Auch gegen geplante Arbeiterwohnungen im Berner Matte-Quartier – am Fusse der Plattform – schritt er nicht ein, "da wir grundsätzlich auf dem modernen Standpunkt stehen, dass alte ungesunde Wohnungen, selbst wenn sie malerisch sind, neuen zweckmässigen Forderungen weichen müssen".

Am entschlossensten kämpfte der Heimatschutz gegen schreiende Reklametafeln, welche Ortsbilder und Landschaften verunstalteten. In den meisten Fällen konnte er Minderwertiges nur hinterher anprangern, nur reagieren statt zuvorkommen. Immerhin versuchte er besonders beim Bauen erzieherisch zu wirken, indem er in seinen Publikationen schlechten Beispielen immer wieder gute im Bilde gegenüberstellte, etwa Werke von Architekt Karl Indermühle, dem zweiten Obmann des Berner Heimatschutzes nach Otto von Greyerz. Indermühle schuf auch das "Dörfli" für die Landesausstellung von 1914, das in einheitlichem Stil bewusst Anregungen für die Gestaltung einer Schweizer Ortschaft gab, während an der Genfer Landesausstellung von 1896 das "village suisse" noch in buntem Gewirr Gebäude aus den verschiedensten Gegenden der Schweiz nebeneinandergestellt hatte.

Otto von Greyerz erschloss durch seine mehrbändige Sammlung "Im Röseligarte" viele Volkslieder wieder für Kreise, die bisher fast nur den Fest- und Männerchorgesang gekannt hatten. Dazu schuf er in grosser Zahl Mundartstücke, die vor allem das "Berner Heimatschutztheater" als Laienbühne aufführte und womit es an der Landesausstellung viel Beifall gewann.

Die Heimatschutzbewegung zeugte von einem Aufbruch, wie er sich ähnlich kundtat in der Gründung der schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde oder etwas später in der schweizerischen Trachtenvereinigung. Ausbruch aus dem Altgewohnten suchten aber ungefähr gleichzeitig auch die Anhänger der Alkohol-Abstinenz, einer natürlichen Bekleidung, moderner Sportarten wie des Fussballs oder des Wanderns in neuen Formen wie die sogenannten Wandervögel. Diese Strömungen erlebten ihre grosse Zeit zum Teil erst nach dem Ersten Weltkrieg. Doch manches, was damals blühte, keimte bereits vor 1914, ja sogar vor der Jahrhundertwende.

Wenig Beziehungen ergaben sich dagegen vom Heimatschutz zu einem anderen Aufbruch von damals, nämlich zur Frauenbewegung. Wohl hatte im Welschland die Malerin Marguerite Burnat-Provins als erste und besonders engagiert zum Einsatz für die Landschaft aufgerufen. Der Berner Heimatschutz aber zählte in seiner Frühzeit eher wenige weibliche Mitglieder und keine in führenden Rollen.

Der Heimatschutz pries in einer Gesellschaft in voller industrieller Entwicklung die intakte Natur, das Landleben früherer Zeiten und überhaupt das Überlieferte als Vorbild. Manche Lebensformen des Bürgertums an der Jahrhundertwende empfand er als materialistisch und eng, und doch war auch ihm das Nationale Richtschnur und lehnte er Kosmopolitismus oder andere Einflüsse aus dem Ausland ab. Damit nahm er manches Fühlen und Sehnen der Schweizer um 1900 auf, verwickelte sich aber auch in inneren Widerspruch63.

2. DIE LANDESAUSSTELLUNG VON 1914

Das 19.Jahrhundert war, wie in aller Welt, auch in der Schweiz eine Zeit der Ausstellungen. Ursprünglich boten sie vor allem dem Gewerbe und später der Industrie Gelegenheit, Kunden für ihre Erzeugnisse anzulocken und mit neuen Produkten und Verfahren Interesse und Initiative der Berufsgenossen anzuregen. Sie dienten also der Wirtschaft und nicht dem Patriotismus, der damals in erster Linie an Festen aller Art gepflegt wurde.

Auch Bern beherbergte öfters derartige Veranstaltungen, so 1857 die "Schweizerische Industrieausstellung", der auch Abteilungen über schweizerische Literatur und Kunst sowie eine Schau zur Landwirtschaft angegliedert waren. Raum fand sie in bereits bestehenden Gebäuden, hauptsächlich in der Kavalleriekaserne am Bollwerk, und sie kam aus ohne eigens für sie erstellte Hallen oder Zelte. Sie kann als Vorläuferin der späteren Landesausstellungen gelten, deren Reihe 1883 in Zürich begann und 1896 in Genf fortgesetzt wurde. Schon vorher, nämlich 1891, hatten bernische Wirtschaftsvereinigungen erwogen, sich ebenfalls um einen derartigen Anlass zu bewerben. Der Gemeinderat der Stadt Bern leitete ihr Gesuch an den Bundesrat weiter, doch dann ruhte die Angelegenheit, wenn auch die Gespräche darüber nie ganz abrissen.

Ein entscheidender Tag wurde der 21.Februar 1907, auf den Regierungsrat Kunz interessierte Behörden und Vereine zusammenrief. Die ungefähr achtzig Anwesenden empfahlen für eine Landesausstellung "Bern als gegebenen Ort, und als geeignetsten Zeitpunkt denjenigen der Eröffnung der Berner Alpenbahn" und wählten eine "vorberatende Kommission". Sie besorgte – besonders in vielen Unterausschüssen – die Vorarbeiten, so dass der Regierungsrat im Dezember 1908 die eigentliche Bewerbung beim Bundesrat einreichen konnte. Dieser hiess sie gut, um so mehr, als keine Anträge von anderen Gegenden vorlagen. Eine "Grosse Ausstellungskommission" aus rund 150 Männern – Frauen waren keine dabei – übernahm die Oberleitung. Die Hauptlast aber trug ein Zentralkomitee von gut vierzig Mann und namentlich sein dreiköpfiges Direktionskomitee unter der Leitung von Regierungsrat Carl Moser.

Am 18.November 1909 bewilligte der Grosse Rat ohne Diskussion 500000 Franken als Subvention, und weitere Beiträge flossen von Bund, Einwohner- und Burgergemeinde Bern her. Aber auch die meisten übrigen Gemeinden des Kantons steuerten das Ihre bei, von den 2000 Franken von Biel und den 1800 von Köniz hinab bis zu den je zehn Franken kleiner Orte im Oberland und im Jura. Weitere Einnahmen sollten die Eintritte in die Ausstellung und eine Lotterie liefern.

Ursprünglich war die Ausstellung für 1913 geplant, zur Eröffnung der Berner Alpenbahn, ähnlich wie die Zürcher Landesausstellung 1883 in den Umkreis der Feiern für die neue Gotthardlinie gehörte. Weil aber Teile der Ostschweiz im Lötschbergdurchstich eine unerwünschte Konkurrenz für ihre Projekte am Splügen erblickten und deshalb grollten, entschloss man sich zur Verschiebung der Landesausstellung auf 1914, um so mehr als die Vorbereitungszeit ohnehin knapp geworden war64.

Als Standorte in Bern fielen das Murifeld und Holligen früh aus der Wahl. Für Wankdorf- und Beundenfeld waren anfänglich Sportveranstaltungen und landwirtschaftliche Darbietungen vorgesehen und für das Kirchenfeld eine Kunstausstellung in der Kunsthalle, welche am Helvetiaplatz geplant war. Trotz einem gewaltigen fünftägigen Künstlerbazar vom Sommer 1911 in der Reithalle kam aber das Geld für diesen Bau nicht rechtzeitig zusammen, so dass schliesslich die ganze Ausstellung auf dem Neufeld und dem Viererfeld stattfand. Anders als 1883 in Zürich und 1896 in Genf entfaltete sie sich in Bern ausserhalb der eigentlichen Stadt, ohne dass bereits vorhandene Bauten sie einengten oder sogar eine Aufteilung auf mehrere auseinanderliegende Plätze bedingten. Besondere Trümpfe waren die herrliche Aussicht auf Altstadt und Alpenkette sowie als Kulisse der Bremgartenwald, den man im übrigen wenig in die Anlage einbezog. Vom Bahnhof liess sich das Gelände bequem erreichen dank zwei Tramlinien und verbreiterten, geteerten Strassen, die zugleich das Länggass- und das Brückfeldquartier besser erschlossen als bisher.

Hatte bisher das Publikum die Vorbereitungsarbeiten noch wenig beachtet, so erregte von 1911 an der Wettbewerb für ein Ausstellungsplakat Aufsehen. Von über hundert Entwürfen krönte die Jury den "Reiter" von Emil Cardinaux, einen Bauernjüngling mit einer gelben Fahne auf einem stämmigen Ackergaul. Entrüstung und Spott löste vor allem die grüne Farbe des Pferdes aus, die Stoff für Karikaturen und Fastnachtsproduktionen bot. Cardinaux lebte in der Nähe Berns, war aber ein Romand. Doch gerade die Westschweizer kritisierten ihn am heftigsten. Da man ihn dem Umkreis Ferdinand Hodlers zurechnete, war er ohnehin mit diesem zusammen umstritten und Schmähungen ausgesetzt. Für die Ausstellung jedoch bedeutete die Empörung beste Propaganda, denn fortan war der Anlass in aller Leute Mund.

Verschiedenheiten im Stilempfinden zwischen Deutsch und Welsch zeigten sich auch bei der Architektur. Den ersten Ideenwettbewerb für die Gesamtgestaltung hatte zwar ein Büro aus Montreux gewonnen, das nach französischen Vorbildern historisierende Formen bevorzugte. Sein Projekt wurde aber von anderen Stellen mehrmals überarbeitet, und die Ausführung geschah fast ganz durch Berner Architekten. Deshalb zeugte die Ausstellung nach der Meinung welscher Kritiker von germanischer Architektur und einem "style de Munich". Tatsächlich wirkten die Bauten in ihrer Mehrzahl eher sachlich und nüchtern. Einzelne, namentlich im "Dörfli", waren geprägt vom Heimatschutzgedanken. Die Gebäude sollten die Ausstellung nicht überdauern und verschwanden nach ihrem Ende alle, so dass auf ihren Grundflächen schon 1915 wieder reichlich Gras geerntet wurde. Deshalb bestanden die Bauten meist aus Holz oder aus Eisen und Stahl, während Beton kaum angewendet wurde, obwohl das Verfahren bekannt war. Trotz langen Regenperioden und zerstörerischen Stürmen während der Bauzeit, wurde die Ausstellung pünktlich auf den vorgesehenen Eröffnungstag am 15.Mai 1914 fertig65.

Die Berner Landesausstellung übertraf ihre Vorgängerinnen in Genf und Zürich an Fläche und Besucherzustrom. Nur die Zahl der Aussteller hatte leicht abgenommen, weil manche sich für eine kollektive Darbietung ihrer Produkte zusammenschlossen. Immer noch ging es vorab um eine Leistungsschau von Industrie, Gewerbe und Wissenschaft, die zugleich die Tradition pries, aber auch das Selbstvertrauen und den Fortschritts- und Zukunftsglauben der Nation stärken wollte. Kaum eines der Themen der früheren Ausstellungen fehlte ganz. Aber einzelne waren stark ausgeweitet worden oder sogar neu hinzugekommen, etwa Elektrizität, Automobil, Luftschiffahrt, Binnenschiffahrt, ebenso Banken, Kirchen und internationale Büros. Abteilungen über alte Kunst, Friedensbestrebungen und über Auslandschweizer waren vorgesehen, wurden jedoch nicht ausgeführt. Neu war der Sportplatz, der neben modernen Sportarten wie dem Fussball auch herkömmlichen wie dem Schwingen und Turnen diente, aber gleichfalls den Landwirten für die Vorführung prämierter Tiere.

Verzichtet hatte man 1914 auf einen Rummelplatz, eine Budenstadt, da "sich die Würde und die Vornehmheit der geplanten Ausstellung [...] nicht vertrage mit der marktschreierischen Aufmachung einer solchen Einrichtung". Immerhin wurde getanzt, und zwar ebensogut Tango wie die hergebrachte Polka. Dazu fuhr die umstrittene "Szeneriebahn", eine Berg- und Talbahn mit Kulissen von Alpenlandschaften, die dem Heimatschutz heftig missfiel. Sein Heimatschutztheater im eher kleinen Saal des "Dörflis" war meist ausverkauft, während beim offiziellen Festspiel "Die Bundesburg" des Baslers Karl Albrecht Bernoulli der Besuch zu wünschen übrig liess. Auch Dokumentar- und ähnliche Filme fanden wenig Zuschauer, weil "die grosse Masse durch Vorführungen von grotesken Humoresken, Detektivromanen etc. verdorben ist und für weniger nervenkitzelnde Bilder kein Interesse verspürt".

Alles in allem war die Landesausstellung von 1914 aus der Tradition erwachsen und in der Gegenwart verwurzelt. Aber deutlicher als ihre Vorläuferinnen suchte sie auch in die Zukunft zu weisen und Impulse für die künftige Entwicklung zu geben. Nach den Worten von Regierungsrat Carl Moser sollte sie "das Schweizervolk von seiner wirtschaftlichen Kraft überzeugen und damit das Gefühl der Selbständigkeit und Zusammengehörigkeit unseres gesamten Volkes und wahrhaft national schweizerisches Denken und Empfinden fördern und stärken". Eine nationale Weiheschau wie die von Zürich 1939 war es aber nicht, auch wenn der plötzliche Ausbruch des Ersten Weltkrieges während ihrer Dauer sie hinterher stärker in diesem Lichte erscheinen liess, als die Veranstalter es beabsichtigt hatten.

Die Ausstellung öffnete ihre Tore am 15.Mai 1914 und empfing im Mai und im Juni an Werktagen um die 20000, an Sonntagen über 50000 Personen. Bereits am 23.Juni war die erste Besuchermillion erreicht – früher als bei gleichzeitigen, ähnlichen Veranstaltungen im Ausland –, am 30.Juli die zweite und am 25.Oktober die dritte. Schon nach der halben Ausstellungszeit war die für die ganze Dauer veranschlagte Menge der Zuschauer und der Einnahmen übertroffen, ebenso am 6.September die Besucherzahl der Genfer Landesausstellung von 1896. Optimisten rechneten mit fünf Millionen Eintritten, obwohl der Zustrom im Juli leicht nachliess. Da knickten anfangs August Weltkrieg und Mobilmachung solche Hoffnungen. Zwar wurde die Ausstellung nicht geschlossen, sondern später sogar um fast drei Wochen verlängert bis zum 2.November 1914, und in diese zusätzliche Zeit fiel sogar der Tagesrekord der ganzen Ausstellung mit 61646 Besuchern am Sonntag, den 1.November. Sonst aber fanden sich von Anfang August an deutlich weniger Gäste ein, und vor allem gaben sie ihr Geld nicht mehr so leicht aus wie vorher. Im ganzen besuchten rund 3,2 Millionen Personen die Berner Landesausstellung. Finanziell schloss sie mit einem bescheidenen Einnahmenüberschuss von fast 35000 Franken ab, also – trotz der Beeinträchtigung durch den Krieg – besser als die Vorgängerin in Genf 1896 mit ihrem Defizit von 740000 Franken.

Zu diesem Erfolg trug auch die Propaganda bei, für die sich selbst Schriftsteller von hohem Rang gewinnen liessen. Rudolf von Tavel pries den Gästen in einem schmalen Band die Schönheiten der Stadt Bern, Hermann Hesse schrieb Beiträge für die Ausstellungszeitung und Carl Albert Loosli dachte sogar an die Kinder mit seiner Broschüre "Was der kleine Peterli an der Landesausstellung gesehen hat und wie er es zu Hause seinen Geschwistern erzählt". Hermann Hesse glaubte, hinter der Ausstellung stehe "vor allem der Wille zum Gemeinsinn, der Wunsch, sich einander zu zeigen und einander kennen zu lernen". Für den wirtschaftlichen Bereich erreichte sie dieses Ziel im Innern des Landes einigermassen, während für den Export und für den Fremdenverkehr aus dem Ausland eine Belebung des Krieges wegen ausfiel.

Nötig wurde das Kennenlernen und sich Näherrücken aber unverhofft zwischen Sprachgruppen und sozialen Schichten, zwischen denen bald nach dem Kriegsausbruch tiefe Gräben aufklafften, wo man bisher kleine Risse nur wenig beachtet hatte. Hinterher klang fast prophetisch und beschwörend, was Bundespräsident Arthur Hoffmann an der Eröffnungsfeier der Landesausstellung im Mai 1914 – also Monate vor dem Kriegsausbruch – ausgerufen hatte: "Zuviel noch der Missverständnisse, der Reibungen, der Kämpfe! [...] Geben wir uns Mühe, unbeschadet persönlicher Grundsatztreue, uns in die Denkungsart, die Meinungen und Beweggründe der Angehörigen der verschiedenen Parteien, Konfessionen und Sprachstämme hineinzudenken und, soweit das möglich ist, einen objektiven Massstab für deren Beurteilung zu gewinnen. Dann erst üben wir wahre Toleranz"66.

3. BERN UND DIE WELSCHSCHWEIZER

Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Sommer 1914 klaffte bald ein "Graben" zwischen Deutsch- und Welschschweizern, weil beide Gruppen ihre Sympathien für die Kriegführenden mit der je gleichen Sprache nicht verhehlten. Das musste einen zweisprachigen Kanton wie Bern besonders belasten.

Im Jura überlagerten sich diese Spannungen noch mit Überbleibseln aus der Zeit des Kulturkampfs und mit früheren Kontroversen über besondere Traditionen und Rechte des Landesteils und über seine Stellung im Kanton. Dazu wuchsen seit dem späten 19.Jahrhundert die Furcht vor einer Germanisierung sowie separatistische Strömungen, die aber auf einen eigenen Kanton in der Eidgenossenschaft zielten und nicht etwa auf einen Anschluss an Frankreich.

Der "Graben" war im Bernbiet jedoch nicht nur eine Angelegenheit der Jurassier, sondern ebensosehr der Romands im alten Kantonsteil. Ihre Zahl war gewachsen, namentlich in der Bundesverwaltung und in den internationalen Büros. So hatte in der Stadt Bern die Zahl der Französischsprechenden zwischen 1888 und 1910 von 1950 auf 4500 Einwohner oder von 4,2 auf 5,3% der Bevölkerung zugenommen. Etwa von 1890 an fanden sie sich häufiger zusammen in Vereinigungen wie der Association romande, dem Cercle romand oder der Romande de Berne. Sie widmeten sich in erster Linie der Geselligkeit und Freundschaft und veranstalteten kulturelle Anlässe. Politik, auch Sprachpolitik, lag ihnen fern. Ähnliche Organisationen verbanden nicht die Romands überhaupt, sondern die Genfer, die Waadtländer oder die Bürger eines anderen Kantons in der Bundesstadt.

Als im August 1914 Alliierte und Zentralmächte einander den Krieg erklärten und Deutschland das neutrale Belgien überfiel, erwarteten vor allem Welschschweizer, dass die schweizerische Öffentlichkeit den Gewaltakt gegen einen befreundeten Kleinstaat verurteile. Viele Deutschschweizer sympathisierten aber mit dem Reich Wilhelms II. und fanden sein Vorgehen gegen Belgien mindestens begreiflich.

Gefahr für den inneren Frieden sahen die Behörden eher von der welschen Seite her, und so verbot der Regierungsrat 1915 zum Ärger der Romands Vorträge, in denen ein Augenzeuge über die Zerstörung von Kulturgütern und über brutales Vorgehen deutscher Soldaten gegen Zivilisten in der belgischen Stadt Löwen berichten wollte. Die Regierung handelte – wie sie später in einem anderen Zusammenhang sagte – in der Sorge, dass der Kanton Bern "auf jedem Gebiet, wo es möglich ist, das Bindeglied, der trait d'union zwischen Ost und West, zwischen Deutsch und Welsch sein soll".

Der jurassische Redaktor Léon Froidevaux musste 1916 in Witzwil eine Strafe absitzen, die ihm ein Militärgericht aufgebrummt hatte, weil er in einem Zeitungsartikel die Armee beleidigt habe. Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass Froidevaux der Komponist einer Festkantate mit Text von Virgile Rossel war, welche die bernische Regierung zum Jubiläum der hundertjährigen Zugehörigkeit des Juras zu Bern in Auftrag gegeben hatte – für eine Feier, die dann 1915 infolge des Krieges, aber auch wegen des Widerstandes vieler Jurassier gar nicht stattfand.

Solchen Zwischenfällen standen demonstrative Bekenntnisse zu Toleranz und Verständnis zwischen den Sprachgruppen gegenüber. So fanden sich am 26.August 1914 im Berner Münster zahlreiche Teilnehmer ein zu einem gemeinsamen Gottesdienst deutscher und welscher Zunge und gemeinsamem Gesang der Lieder in beiden Sprachen.

Rund zwei Monate später wandte sich der Dichter Rudolf von Tavel als Redaktor des "Berner Tagblatts" in einem grossen Leitartikel "an unsere welschen Eidgenossen". Er sah Anlass zu Missverständnissen im Wesen und Grundverhalten des Deutschschweizers und namentlich des Berners begründet: "Haben wir Deutsch-Schweizer und speziell wir Berner nicht darin gefehlt, dass wir den welschen Eidgenossen zuviel Rätsel aufgaben durch unsere Zurückhaltung mit dem eigenen Urteil über die Ereignisse der Zeit? Wir haben in unseren Blättern vor allem berichtet und über alles geschwiegen. Wir haben keine Proteste erhoben, während unseren Brüdern am Genfer- und am Neuenburgersee das Herz durchgebrannt ist. Ist es nicht so, liebe welsche Eidgenossen? Euch hat es verdrossen, dass wir nicht in eure Entrüstung eingestimmt, sondern uns in Schweigen gehüllt haben, das als Zustimmung zu den traurigen Vorgängen jenseits der Landesgrenze aufgefasst werden konnte." Aber öffentliche Proteste brächten keinen Nutzen: "In dieser Erwägung erspart sich der Berner lieber die Aufregung, während der lebhafte Welsche schon darin eine Genugtuung findet, dass er seine Stimme zum Protest erhoben hat. Letzteres ist vielleicht idealer, schöner; aber auch die nüchterne Auffassung der Berner hat ihr gutes Recht." Gönnerhaft belehrte er die Welschen über die Vergangenheit: "Ihr habt noch nie Blut geschwitzt um das schweizerische Vaterland, nicht einmal um eure Zugehörigkeit zu ihm. Wir machen euch daraus keinen Vorwurf und leiten daraus auch keinen Grund ab, euch deshalb in irgend einer Beziehung als minderwertig zu betrachten."

Auch der Berner stehe den Kriegsereignissen nicht ungerührt gegenüber: "Welcher gebildete Schweizer zwischen Leman und Bodensee beklagt nicht aufs Tiefste den Untergang grosser Kunstdenkmäler? In dem allem sind wir einig. Nur im Ausdruck unserer Gefühle unterscheiden wir uns. Den Welschen verleitet sein lebhaftes Temperament zu voreiligem Reden, zu raschem Handeln. Er macht sich Luft in entrüsteten Zeitungsartikeln und dröhnenden Protesten. Der kaltblütige Berner hingegen und die hinter ihm in der Ostschweiz wohnen, hüllen sich in Schweigen. Aber das Schweigen ist nicht der Ausdruck der Gleichgültigkeit." Vielmehr warte der Deutschschweizer ab, bis hinter Propagandameldungen die Wahrheit an den Tag trete. Eine Trennung von der Romandie wünsche niemand: "Eine einheitlich deutsche Schweiz bliebe ein unheilbar verstümmelter Leib, ein Staatswesen, das als geistige Provinz eines mächtigeren Nachbarstaates weiter vegetieren, aber kaum noch Anspruch erheben könnte auf die Existenz als selbständiges Staatswesen." Zwar erfüllte es auch von Tavel mit Unbehagen, dass bei einem deutschen Sieg "Europa vollends in Militarismus versinken würde". Aber er verhehlte nicht, dass bei ihm die Sympathien für das deutsche Reich überwogen: "Wenn die meisten unter uns Deutschland siegreich aus dem Kampf möchten hervorgehen sehen, weil wir von einem Triumph des Slaventums nichts gutes zu erwarten haben, so wünscht doch niemand unter uns eine allzu tiefe Demütigung oder gar den Untergang Frankreichs."

Rudolf von Tavel stand also den Deutschen näher als den Franzosen und suchte mit den Welschen eher das Zusammenleben ohne öffentlichen Streit als eine Aussöhnung über die volle Tiefe der Gegensätze hinweg. Vor allem verzichtete er auf Mahnungen an seine eigenen Sprachgenossen.

Das unterschied ihn von Carl Spitteler, der ungefähr zwei Monate später in seiner kantigen Rede FCber den "Schweizer Standpunkt" auch den alemannischen Eidgenossen mehr Rücksicht und Taktgefühl empfahl. Spittelers Aufruf wurde von der bernischen Presse vorerst praktisch totgeschwiegen und nur in einer Agenturmeldung kurz erwähnt. Auch C.A. Loosli, der in Zeitungsartikeln Verständnis für die Welschen und ihre Unzufriedenheit zeigte, fand kaum Echo. Die Kämpfe am "Graben" wurden in Bern weniger leidenschaftlich ausgefochten als in der Ost- und in der Westschweiz, und deshalb fanden die intellektuellen Einzelkämpfer auch weniger Resonanz bei ihren Versuchen zu seiner Überwindung67.

4. UMSTRITTENE LEHRERBILDUNG

Nach den Wirren um die Mitte des 19.Jahrhunderts wurden im staatlichen Lehrerseminar die Auseinandersetzungen etwas seltener. Zwar hatte es im Evangelischen Seminar Muristalden einen Konkurrenten erhalten, aber die beiden Anstalten kamen sich nicht allzusehr in die Quere, da es beide brauchte, um den Bedarf an Lehrern zu decken.

Ein neues "Gesetz über die Lehrerbildungsanstalten" verlängerte 1875 die Ausbildungszeit auf 3 bis 4 Jahre, doch blieb es zum Teil auf dem Papier. Mehr geschah dann, als von 1882 an Albert Gobat die Erziehungsdirektion führte. Der Kanton kaufte – fast ohne Diskussion im Grossen Rat – 1884 das "Grosse Haus" und andere Teile des ehemaligen Fellenberg-Gutes in Hofwil und verlegte das Lehrerseminar von Münchenbuchsee dorthin.

Im Februar 1903 stellte dann der Regierungsrat, der in dieser Frage nicht einstimmig war, dem Grossen Rat den Antrag, es sei das Seminar zu vergrössern und gleichzeitig zu gliedern in ein Unterseminar in Hofwil für die beiden unteren und in ein Oberseminar in Bern für die beiden oberen Jahrgänge. Das Oberseminar fand seinen Standort in einem Neubau im Länggassquartier. Es sollte kein Internat mehr bilden, damit die künftigen Lehrer leichter Zugang fänden zu den kulturellen Einrichtungen und zur Lebensart der Stadt.

Gerade das stach Ulrich Dürrenmatt in die Nase. Er kämpfte zwar nicht gegen eine Erweiterung des Seminars, wollte sie aber in Hofwil oder sonstwo auf dem Lande vornehmen, damit die Zöglinge nicht "verstädterten". Grossrat Kästli aus Münchenbuchsee fügte ein weiteres Vorurteil gegen die Stadt bei: "Wir wünschen nicht, dass die angehenden Lehrer in Bern in die Arme der Sozialisten getrieben werden – wie man uns sagt, sind zwei Drittel der städtischen Lehrer Sozialisten – und nachher als Apostel aufs Land geschickt werden, um hier die sozialistischen Lehren zu verbreiten." Dennoch nahm der Rat die Vorlage, hinter der die Freisinnigen geschlossen standen, hoch an, und da sie im Rahmen seiner Finanzkompetenz blieb, schien der Weg frei für die Durchführung der Reorganisation.

Da sammelte Dürrenmatt mit einigen Helfern in kürzester Zeit 12950 Unterschriften für eine "Seminarinitiative", welche den Grossratsbeschluss rückg 4„ngig machen und Seminare nur in Amtsbezirken mit vorwiegend ländlicher Bevölkerung erlauben wollte. Sie sollten soweit wie möglich als Konvikte geführt werden. Das Begehren kam bereits im Dezember 1903 zur Volksabstimmung und wurde mit gut 39000 Nein gegen 25000 Ja abgelehnt. Zustimmung überwog in sieben Bezirken, vor allem im Mittelland, Verwerfung in den städtischen und stadtnahen Ämtern sowie den Bezirken des Juras, den die Vorlage nicht direkt berührte. In den Ämtern Erlach und Fraubrunnen fanden sich in den Urnen weniger Ja als seinerzeit Unterschriften für die Initiative. Damit traten die Seminarbeschlüsse des Grossen Rates vom Februar 1903 in Kraft. Sie blieben die Grundregeln der bernischen Lehrerbildung bis ins letzte Viertel des 20.Jahrhunderts hinein68.

Mit der neuen Ordnung für das Seminar hoffte man, interner Unruhe vorzubeugen. Doch sie rührte nicht immer von Problemen der Organisation her, sondern auch von Personen, und in dieser Hinsicht waren bereits vor der Seminarteilung neue Konflikte angelegt. 1898 wurde als sogenannter Konvikthalter, das heisst als Leiter des Internatsbetriebes, Jakob Stump gewählt, der vorher an der Sekundarschule Grindelwald unterrichtet hatte. Er war geprägt von der Friedensbewegung und von der Abstinenzidee und suchte durch Lektüre und auf grossen Wanderungen den Schülern Rätsel und Schönheiten der Natur zu erschliessen, ohne dass er sich von gesellschaftlichen und kirchlichen Traditionen bestimmen liess. Seine Begeisterung erfasste auch manche seiner Zöglinge und trug ihm den Vorwurf ein, er pflanze in die ihm Anvertrauten Fanatismus, Atheismus und Antimilitarismus, obwohl er sich in der Armee als Hauptmann bewährte. Namentlich beim Vorsteher des Unterseminars Hofwil fand Stump gar kein Verständnis, und die beiden trugen ihre Meinungsverschiedenheiten sogar öffentlich in der Presse aus. Seinen stärksten Rückhalt verlor Stump, als Albert Gobat 1906 die Erziehungsdirektion abtreten musste. Stump entschärfte den Konflikt, indem er vom Herbst 1906 an wohl noch als Seminarlehrer wirkte, aber auf die Leitung des Konvikts verzichtete und ausserhalb desselben wohnte.

Damals schwelte aber bereits ein weiterer Streit um Personen. Auf die Eröffnung des neuorganisierten Seminars im Herbst 1905 hin trat der bisherige Leiter der gesamten Anstalt, Emanuel Martig, aus Altersgründen zurück. Als Nachfolger und als Lehrer für Pädagogik wählte der Regierungsrat, sicher unter dem Einfluss Gobats, gegen den Vorschlag der Seminarkommission nicht einen freisinnigen Verfechter bernischer staatlicher Schultradition, sondern den erst 27jährigen Dr.Ernst Schneider aus Langenbruck im Baselbiet. Er hatte das private evangelische Lehrerseminar Muristalden besucht, an einer Gesamtschule in der Gemeinde Wohlen bei Bern unterrichtet, an den Universitäten von Bern und Jena studiert und beim angesehenen Historiker Professor Gustav Tobler mit einer Dissertation zur Geschichte der bernischen Volksschule abgeschlossen. Bernisches war ihm also nicht unvertraut. Doch bald gab es Spannungen mit den Schulinspektoren, der Seminarkommission und der Patentprüfungskommission, die untereinander mannigfach verflochten waren.

Schneider stiess, zum Teil ähnlich wie Stump, Ältere und Verfechter des Herkömmlichen vor den Kopf, indem er den Seminaristen viel Freiheit gewährte und Vertrauen schenkte und sie nach den Vorstellungen der sogenannten Arbeits- statt der Lernschule führte. Schneiders Eintreten für die Freigeld-Lehre von Silvio Gesell als Richtlinie für die Volkswirtschaft erregte eher Kopfschütteln. Empörung schlug ihm aber als Verfechter der Psychoanalyse Sigmund Freuds und ihrer Betonung des Sexuellen entgegen. So kam es, dass Schneider 1911 in seinem Amt vorerst nur provisorisch wiedergewählt, dann aber 1912 doch für eine weitere Amtsdauer von sechs Jahren bestätigt wurde. Zum Verhängnis geriet ihm schliesslich der Weltkrieg, der viele Lehrer an die Grenze rief. Als Stellvertreter für sie wirkten oft Seminaristen der obersten Klassen, die zuweilen Unausgegorenes weitergaben und ihren Auftrag mit jugendlicher Unbekümmertheit versahen. Das lastete namentlich der nunmehrige Erziehungsdirektor, Regierungsrat Emil Lohner, der Lehrtätigkeit Dr.Schneiders an und veranlasste ihn 1916, "freiwillig" von seinem Amt zurückzutreten.

Der Streit um Dr.Schneider hatte die Öffentlichkeit und besonders die Lehrerschaft Berns aufgewühlt. Die Erregung machte sich Luft in Versammlungen, Eingaben, Zeitungsartikeln und Broschüren, wobei auffällt, dass Persönlichkeiten aus dem Umkreis der Berndeutsch- und Heimatschutzbewegung wie Otto von Greyerz und Simon Gfeller für Schneider eintraten. Gemessen am äusseren Erfolg war ihr Einsatz umsonst. Direktor des Staatsseminars wurde Dr.Johannes Zürcher, bisher Rektor des Realgymnasiums in Bern. Schneider wirkte nach kurzen Zwischenspielen von 1920 an als Professor für Pädagogik an der Universität Riga in Lettland.

Von der Saat, die er und Stump in Bern und Hofwil gestreut hatten, keimte dennoch etwas. Aus den von ihnen betreuten Jahrgängen wuchsen Individualitäten heran, unter denen manche auf ganz verschiedenen Gebieten neue Wege gingen und neue Richtungen wiesen. Für Bern und seine Schule aber stellte sich die Frage, ob neben den Kräften des Beharrens auch Ungewohntes erwünscht sei und ob es sich durchzusetzen vermöge, wenn Auswärtige dafür fochten69.

Warf die Ausbildung der Lehrer hohe Wellen in der Öffentlichkeit, so vollzog sich jene der Lehrerinnen im Bernbiet jahrzehntelang eher in der Stille. Seit 1838 bestand für sie eine Normalanstalt als Anhängsel zum Pfarrhaus in Hindelbank. Doch wurden mehr als drei Viertel aller Lehrerinnen nicht hier auf ihren Beruf vorbereitet, sondern an der von der Einwohnergemeinde Bern getragenen Fortbildungsabteilung der städtischen Mädchenschule und an der privaten evangelischen Neuen Mädchenschule in Bern. An Vorschlägen und Plänen für Ausbau und Reformen in Hindelbank fehlte es nicht, doch mFCndeten sie noch im frühen 20.Jahrhundert immer wieder in Improvisationen und Provisorien.

Gegen Ende des Ersten Weltkrieges führten dann personelle Schwierigkeiten bei der Besetzung des Direktorpostens zu einer Lösung auf längere Sicht. Aus einer Vielzahl geprüfter Varianten siegte schliesslich die Idee, das Seminar ohne Konvikt und mit mehr Schülerinnen als bisher in Thun statt in Hindelbank zu führen, ohne dass deshalb das stadtbernische Seminar, das im Monbijouquartier seine Stätte gefunden hatte, oder die Neue Mädchenschule ihre Klassenzahl verkleinert hätten. Zwar empfahlen sich Bern, Biel und Burgdorf als Standorte ebenfalls, doch bestanden dort bereits andere höhere Mittelschulen und staatliche Betriebe. Zudem war der Erziehungsdirektor, Regierungsrat Lohner, ein Thuner und bot Thun gratis ein ausgezeichnetes Grundstück und Geldbeiträge. So blieb der Bau innerhalb der Finanzkompetenz der Legislative und brauchte keinen Volksentscheid, den man nach dem Streit um das Oberseminar und seinen Direktor fürchtete.

Am 19.März 1918 stimmte die Mehrheit des Grossen Rates der Vorlage zu, im Januar 1922 begannen die Bauarbeiten und am 26.Oktober 1923 fand das Fest zur Eröffnung des Seminars statt.

Warum gelang bei den Lehrerinnen die Erneuerung der Ausbildung mit weit weniger öffentlichem Zank als bei den Lehrern? Der Zeitpunkt war eigentlich nicht günstiger, stand es doch bei Kriegsende besonders schlecht um die Kantonsfinanzen und herrschte Lehrerinnenüberfluss.

Aber das grosse Geschehen in der Welt und der Eidgenossenschaft hatte die Bedeutung gewisser Streitigkeiten und Schlagwörter zurechtgerückt. Zwar gab es auch jetzt Widerstand gegen die Verlegung eines Seminars vom Lande in eine Stadt, doch es fehlte dieser Opposition ein energischer und wortgewaltiger Streiter wie Ulrich Dürrenmatt, der 1908 gestorben war. Ihn hatten Erinnerungen und Ressentiments aus der eigenen Seminarzeit mitgeprägt, während aus Hindelbank keine "Ehemaligen" im Grossen Rat sitzen konnten. Vor allem hatte sich Hindelbank abseits der kantonalen Politik entwickelt. Das Lehrerseminar in Münchenbuchsee und Hofwil aber war eine Hochburg des Freisinns, wo man den Streit mit den Konservativen nicht scheute. Dazu forderten kantige Persönlichkeiten wie Jakob Stump oder Ernst Schneider, aber auch wie Albert Gobat eher Widerspruch heraus als der vorsichtige Taktiker Emil Lohner, der Hindernissen für das Thuner Seminar möglichst aus dem Wege ging. Und schliesslich war man schon in eine Zeit eingetreten, in der Erscheinungen wie Abstinenz und Psychoanalyse nicht mehr überall als Bürgerschreck wirkten70.

Anmerkungen:
40 Volmar 1938, 17, 94, 96ff. – von Waldkirch. – Volmar 1911, 238.
41 Volmar 1938, 105ff., 107ff. – TBlGR 1891, 151ff., Beilagen 19 und 20; 1897, 18ff., 21, 30f., 46, 73, 162; 1902, 69ff., 81f., 288, Beilagen 5 und 6.
42 Volmar 1938, 116ff., 124ff., 130ff., 134ff., 140, 145, 338ff. – Andreae 13ff. – TBlGR 1906, 283ff., 299ff., 309, 343, 349ff., 351f., Beilage 12.
43 Andreae 1ff., 35, 59, 65, 81ff., 85ff., 280ff., 288. – Volmar 1938, 276ff. – TBlGR 1909, 146ff.; 1912, 213ff., 239, 335ff., 381, 405, Beilage 6.
44 Meyer Hans R. 130. – Dürrenmatt Titelgedichte 1905–1907, 280f. – TBlGR 1897, 30.
45 Balthasar 113ff. – Messerli 75ff., 86ff. – Dürrenmatt Titelgedichte 1894/95, 46f. – GDuV 1894, 43f.
46 StVB 1882, 47; 1883, 80; 1911, 256.
47 TBlGR 1904, 36, 59ff., 280, Beilage 2; 1905, 178ff.; 1906, 122. – GDuV 1900, 8ff.
48 GDuV 1892, 146ff., 199ff. – TBlGR 1891, 521; 1904, Beilage 2.
49 Pfister 282. – Planungsatlas 204ff. – Studer passim. – SBB 5, 500ff. – Urfer. – TBlGR 1864, 6ff.
50 Planungsatlas 209ff., 212f. – Neuhaus. – Rubi 54. – Statist. Jb. BE 1872, 184. – Mühlemann 162ff., 164. – GDuV 1874, 111ff.
51 Will 1924, 5ff., 9. – Bourquin23, 25. – Böschenstein.
52 Will 1924, 13ff. – Müller Ueli 28, 49f. – TBlGR 1905, 188ff.; 1906, 688f., Beilage 26; 1907, 47ff., 541, Beilage 2.
53 Will 1924, 25ff., 29ff. – Müller Ueli 58ff. – Moll Wangen. – Stettler.
54 Müller Ueli 69ff., 72ff., 75, 91. – Moll 1945.
55 Müller Ueli 93ff., 125ff.
56 Hochschulgeschichte 70, 81, 424. – StVB 1884, 199.
57 Hochschulgeschichte 500ff. – Feller Uni 196, 221, 383. – Hans von Scheel, Frauenfrage und Frauenstudium, Jena, 1873, 16. – StVB 1875.
58 Urner 67f., 578. – Schlaepfer Anhang II. – Feller Uni, 455. – Bovet Georges 39ff. – Vetter.
59 Dipl. Dok. 5, XLII, 521, 615, 645, 659, 673, 705. – Urner 558. – Berner Tagblatt 1912, Nrn.415–417.
60 Urner 527ff.
61 Müller Hans-Peter 2, 7, 9, 17ff., 67f., 69, 71, 74, 84f., 174.
62 Müller Hans-Peter 23ff., 27f., 32, 77ff., 79ff., 86ff., 140. – TBlGR 1906, 443f., 447ff.,; 1913, 448; 1914, 88ff., 110.
63 Le Dinh 42 – Heimatschutz Jahresbericht 1907/08, 3, 11; 1910/11, 3, 8f.; 1911/12, 11; 1912/13, 8; 1914/15, 26ff.; 1915/16, 26ff. – Heimatschutz, 1.Jg., 1906, 2. – GDuV 1902, 59ff.; 1907, 97ff. (Art.4); 1911, 63. – TBlGR 1906, 697. – Schwarz 56. – Bühlmann 131.
64 Martig 164f. – Adm.Ber. LA 2ff., 22ff., 27f., 391ff. – TBlGR 1909, 607ff.
65 Martig 165f., 168. – Hensel 15, 93. – Büchler 128ff. – NBTB 1912, 220, 241. – Rückblick LA 7. – Adm.Ber. LA 18.
66 Martig 168. – Büchler 20f., 22f., 116f., 128ff. – NBTB 1915, 279, 281, 284, 286. – Adm.Ber. LA 183ff., 186, 244ff., 259, 260, 263. – Rückblick LA 6, 342, 349. – Pol. Jb. 1914, 721.
67 TBlGR 1915, 15, 82ff.; 1918, 283. – NBTB 1915, 282. – Berner Tagblatt 1914, Nr.489. – NHJ 257f. – Fell-Doriot 119. – Wegelin 4, 105ff.
68 TBlGR 1884, 142ff.; 1903, 29ff., 36ff., 43, 51, 65, 493, Beilage4.
69 TBlGR 1906, 328ff., 453; 1911, 479ff.; 1916, 9, 49ff. – Schneider. – Jaggi.
70 TBlGR 1918, 88ff., 230, Beilagen 2 und 13. – Schraner.


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